Octave Mirbeau 628-E8

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Inhaltsangabe zu „628-E8“ von Octave Mirbeau

628-E8 nimmt eine auffällige Sonderstellung in Mirbeaus Œuvre ein: Es ist sein umfangreichstes und undefinierbarstes, sein formal dekonstruktivstes und inhaltlich skandal-trächtigstes, sein heiterstes und zugleich boshaftestes und das letzte literarische Werk, das er selbst noch vollständig abgeschlossen hat. Die eigentliche Hauptfigur darin ist nicht mehr ein Mensch, sondern eine Maschine, wenn auch mit Merkmalen eines idealen Lebewesens, ein Automobil mit dem Nummernschild '628-E8'. Und das Buch ist nicht, wie bis dahin dem literarischen Kanon entsprechend, einem Gönner, Freund oder literarischen Kollegen oder einer verehrten Dame gewidmet, sondern überraschend einem Industriellen, dem Konstrukteur dieses Luxusvehikels: Fernand Charron. Mirbeaus Buch erzählt lustvoll unchronologisch und chaotisch in einem Patchwork von Erlebnissen, Träumen, Phantasien und abschweifenden Exkursen von seiner Autoreise im Mai 1905 durch Belgien, Holland und Deutschland. Er reist mit seinem eigenen Automobil (30 PS, 4 Zylinder, 4 Gänge) samt Chauffeur und wird begleitet von seiner Frau Alice und drei weiteren Freunden (die aber nie namentlich genannt werden und nie zu Wort kommen). 'Octave Mirbeau ist der größte französische Schriftsteller unserer Zeit und derjenige, der in Frankreich den Geist des Jahrhunderts am besten repräsentiert.' Leo Tolstoi

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  • Gespenster und Schönheiten der Straße oder: Eine Reise zu uns selbst

    628-E8
    HeikeG

    HeikeG

    02. August 2015 um 13:56

    "Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen." Diese wohl allseits bekannten Worte prägte Matthias Claudius (1740-1815), Schriftsteller und Herausgeber des "Wandsbecker Boten", dessen Gedichte von Franz Schubert bereits im 18. Jahrhundert vertont wurden. 1926 greift auch Kurt Tucholsky diese Zeilen auf. Im Jahre1905 kam zuweilen schon ein anderes Fortbewegungsmittel als Schusters Rappen in Frage. Was heutzutage gang und gäbe ist, galt allerdings damals noch als kleine Sensation. Mit dem nötigen Kleingeld fuhr man auf den eigenen vier Rädern durchs Ländle und über seine Grenzen hinaus. Der französische Schriftsteller Octave Mirbeau, durch den Erfolg einiger seiner Stücke vermögend geworden, konnte sich diesen Luxus leisten. Mit Fahrer und natürlich seinem Automobil macht er sich auf den Weg von Frankreich über Belgien und Holland bis nach Deutschland: mit einem dreißig Pferdestärken starken und soliden Charron, "diesem sagenhaften Einhorn (...), das mich ohne Erschütterung, mit freierem Kopf und schärferem Blick durch die Schönheiten der Natur, die Vielfalt des Lebens und die Konflikte der Menschheit führt." "Die Reise gleicht einem Spiel; / es ist immer Gewinn und Verlust dabei, / und meist von der unerwarteten Seite; / man empfängt mehr oder weniger, als man hofft. / Für Naturen wie die meine ist eine Reise unschätzbar: / sie belebt, berichtigt, belehrt und bildet." oder "Das ist das Angenehme auf Reisen / dass auch das Gewöhnliche / durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt.", wusste schon Johann Wolfgang von Goethe zu berichten. Man bekommt eine andere Perspektive - wie mit der Lupe auf den Alltag. Und diese Lupe weiß Mirbeau vortrefflich vor des Lesers Auge zu halten. Sein Reisebericht entpuppt sich allerdings als etwas völlig anderes, als die zur damaligen Zeit weit verbreitete Literaturgattung. Eher ähnelt er einem "beliebigen Lauf von Erinnerungen, die vielleicht nur Träume sind, und von Träumen, die vielleicht nur reale Impressionen sind". Und so kommt es zuweilen vor, dass Mirbeau den Leser von "Köln nach Rotterdam, von Rotterdam nach Hamburg, von Hamburg nach Antwerpen, von Antwerpen nach Delft, von Delft nach Den Helder, von Den Helder nach Bremen und Düsseldorf" führt und dass er, "um zu diesen verschiedenen Etappen zu gelangen, über Amerika, Russland, China, über die Seen Afrikas, die eisigen Gebirge der polaren Einsamkeiten" fährt. "Erwarten Sie von mir auf alle Fälle keine historischen, geografischen, politischen, ökonomischen, statistischen Auskünfte, keine parlamentarischen, administrativen, militärischen, universitären, juristischen Dokumente...", warnt der Autor. Aber diese Vorsichtsmaßnahme ist völlig unbegründet. Denn was Octave Mirbeau auf knapp 500 Seiten "vom Leder reißt" ist großartige Literatur vom Allerfeinsten. Detailversessene Beobachtungen, die jeden noch so kleinen, nennenswerten Augenblick aufsaugen und als unglaublich naturalistisches Bild neuerschaffen: eine reale Collage des Lebens mit einer "Neugier auf die ganze Welt". Zuweilen strömen Mirbeaus Zeilen eine derartige Intensität aus, dass man den Atem anhält, es einem die Kehle zuschnürt. So bei der Begegnung mit einem alten Juden im Hafen von Rotterdam oder seinen Schilderungen von den Kautschukplantagen in Afrika: Worte des Elends und des Unrechts. Ganz nach dem Motto, "dass eine schöne Unordnung ein Effekt der Kunst sei", sinniert, wettert, schimpft, ergötzt, beobachtet oder verehrt der französische Autor auf seiner "Tour de Europe" in "salopper Fabulierkunst und Lust am spontanen Einstreuen von Anekdoten, erotischen Abenteuern, gesellschaftlichem Klatsch und sonstigen Abschweifungen", wie es Wieland Grommers so treffend in seinem Nachwort bezeichnet. Zuweilen urkomisch, mit einer fast bernhardesken Form, zieht er wie sein österreichischer Kollege vor allem über seine eigenen Landsleute mächtig vom Leder, dicht gefolgt von den Belgiern mit ihrer "religiösen Malaria", die in seinem Text wohl als "die Deppen der Nation" herhalten müssen. Hingegen kommen Holländer und vor allem Deutsche erstaunlicherweise milde, letztere geradezu euphorisch eloquent weg. Obwohl auch hier der ein oder andere Seitenhieb, vor allem auf den Kaiser, gesetzt wird. Doch ein Leseabend mit Balzac lässt den reisenden Automobilisten wieder versöhnen: "... was ist der Verstand Goethes im Vergleich zu diesem schier unerschöpflichen Gespür, mit dem Balzac eine ganze Welt und die Welt an sich neu zu erschaffen vermag?" Da musste man über einhundert Jahre warten, bis uns dieser großartige Text, der bei seiner Veröffentlichung 1907 einen Skandal auslöste, auch hierzulande beschert wurde. Doch was der Weidle Verlag mit dieser wunderschönen Ausgabe (enthalten sind einige Detailfotos eines Charrons, ein ausführliches Nachwort sowie großzügiger Stellenkommentar) und vor allem Übersetzer Wieland Grommer mit Verve und großer Kongenialität dem deutschsprachigen Leser zur Verfügung stellt, entschädigt für alles. Fazit: "Es gibt Menschen von einer Art, dass ich nicht die Kraft habe, ihnen zu widerstehen, dass ich nicht einmal auf den Gedanken käme, ihnen zu widerstehen..." Es gibt aber auch solche Literatur. "628-E8" ist so ein Buch, ein "Schauspiel eines zugleich aktiven und sehr geruhsamen Lebens", eine Erzählung, der man ganz, ganz viele Leser wünscht. Octave Mirbeau - ein Autor, der in Frankreich zu den bekanntesten, literarisch kühnsten und politisch provokativsten Romanciers, Dramatikern und Feuilletonisten um 1900 zählte und der unbedingt wieder neu entdeckt werden sollte. "Und da ich die Naturgewalt, der Wind, der Sturm, der Blitz bin, müsste Ihnen begreiflich werden, mit welcher Verachtung ich von der Höhe meines Automobils herab die Menschheit ... was sage ich? ... das gesamte meiner Allmacht unterworfene Universum betrachte." (Octave Mirbeau, 628-E8)

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