Die Grundidee von „Factfulness“ finde ich nach wie vor großartig: ein faktenbasiertes, sachliches – und dadurch insgesamt auch positiveres – Bild unserer Welt zu zeichnen. Gerade durch Medienberichterstattung und viele kognitive Verzerrungen neigen wir Menschen dazu, die Welt schlechter wahrzunehmen, als sie in vielen Bereichen tatsächlich ist. Genau hier setzt Hans Rosling gemeinsam mit Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling an.
Besonders gelungen finde ich den Grundgedanken, dass Fortschritt oft unsichtbar bleibt, weil unser Gehirn stärker auf Gefahr, Negatives und Ausnahmen reagiert als auf langfristige positive Entwicklungen. Rosling bringt dafür zahlreiche Beispiele aus den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten – etwa zu Gesundheit, Armut, Bildung und Lebenserwartung. Genau diese Fülle an Beispielen wurde für mich allerdings irgendwann etwas ermüdend. Nach einer Weile wirkte es wie eine endlose Wiederholung ähnlicher Aussagen: Die Welt ist besser geworden, als wir denken. Inhaltlich nachvollziehbar, aber auf Dauer etwas redundant.
Ein Punkt, der mir zu kurz kommt: Ja, global betrachtet mag vieles besser geworden sein – und das ist wichtig. Aber für Regionen und Menschen, bei denen es sich jetzt gerade wieder verschlechtert, ist das wenig tröstlich. Gerade mit Blick auf Entwicklungen in Ländern wie Afghanistan oder Iran oder auch auf politische Tendenzen in den großen westlichen Demokratien bleibt das Buch für mein Empfinden etwas zu stark auf der langfristigen Metaebene. Gleichzeitig muss man fairerweise sagen: Das Buch ist inzwischen fast zehn Jahre alt, und die Welt hat sich seitdem deutlich weitergedreht. Gerade deshalb würde mich sehr interessieren, wie Rosling manche Themen heute einordnen würde.
Auch die „Lösung“, die das Buch anbietet, empfand ich nicht ganz als ausgereift. Natürlich ist es hilfreich zu verstehen, welche psychologischen Mechanismen – etwa Negativitätsbias oder Angstinstinkte – unser Denken beeinflussen. Aber dieses Wissen allein führt noch nicht automatisch dazu, dass wir ab morgen anders denken oder fühlen. Hier blieb mir der Transfer in konkrete Veränderungsschritte etwas zu vage.
Meiner Meinung nach müsste man viel stärker an der Berichterstattung selbst ansetzen: mehr Ausgewogenheit, also sowohl positive als auch negative Nachrichten, sowohl Naheliegendes als auch globale Perspektiven. Gerade dieser strukturelle Aspekt bleibt für mich etwas unterbelichtet.
Im Zusammenhang mit den psychologischen Mechanismen fand ich Bücher wie „Thinking, Fast and Slow“ zugänglicher und in ihrer Erklärungstiefe überzeugender.
Unterm Strich fand ich „Factfulness“ gedanklich sehr wertvoll, aber für mich persönlich bot es – gerade aufgrund meiner hohen Erwartungen und eigener Vorkenntnisse – wenig wirklich Neues.








