Olaf Kraemer

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Interview mit Olaf Kraemer

Interview mit den Autoren der ABATON-Trilogie, September 2011

1. ABATON ist Euer erstes Buch für Jugendliche. Vorher wart Ihr ja in ganz anderen Bereichen tätig. Ist es ein großer Unterschied, für die jüngere Zielgruppe zu schreiben?

Olaf Kraemer: In der Jugendliteratur besteht eine ganz andere Offenheit und Bereitschaft im Umgang mit ungewöhnlichen Themen, weil Jugendliche generell nicht so festgefahren in ihrem Denken sind wie Erwachsene. Aber wie jedes gute Jugendbuch wendet ABATON sich auch an Erwachsene. Christian Jeltsch: Wir haben im gesamten Schreibprozess nie über die „Zielgruppe“ für ABATON diskutiert. Das Entscheidende für uns war immer, unsere Hauptfiguren ernst zu nehmen, sie glaubhaft und im besten Sinne „wahrhaftig“ zu erzählen. Unserer Überzeugung nach ist das der beste Weg, junge Leser zu gewinnen. Wenn sie spüren, dass wir ihnen mit unserer Geschichte etwas zutrauen und sie damit auch sie ernst nehmen.

2. Wie läuft der Schreibprozess bei zwei Autoren ab? Arbeitet Ihr parallel oder gemeinsam?

Olaf Kraemer: Wir treffen uns und erarbeiten die Handlung, besprechen die großen dramaturgischen Wendungen und die Entwicklungsschritte der Charaktere. Beim Schreiben ist jeder frei. Das Geheimnis besteht wohl darin, sich selbst gegenüber sehr kritisch und dem Text des anderen gegenüber möglichst wohlwollend zu sein ... Christian Jeltsch: Und die Bereitschaft, Sätze, Szenen, Sequenzen, die man selber für unfassbar grandios hält, der Kontrolle des anderen hinzugeben. Manchmal muss man dann verkraften, dass es eine noch bessere, oder noch grandiosere Lösung gibt.

3. Das Buch hat ungeheuer viel Tempo und ist sehr filmisch geschrieben. Habt Ihr Euch ganz bewusst für diesen Schreibstil entschieden?

Olaf Kraemer und Christian Jeltsch: Da wir beide auch Drehbücher für Spielfilme schreiben, passierte es fast automatisch, dass wir die verschiedenen Erzählstimmen und Ebenen durch eine Schnitttechnik verbunden bzw. getrennt haben. Dadurch wird es für den Leser anspruchsvoller aber auch spannender, intensiver und vielschichtiger.

4. Linus, Edda und Simon verbindet der Verlust ihrer Eltern. Und trotz gewisser Analogien zu berühmten Zauberschülern haben wir es hier mit allem anderen als Fantasy zu tun. Wie würdet Ihr das Genre beschreiben?

Olaf Kraemer: Niemand weiß, welche technische Erneuerung unser Leben, Denken und Handeln als nächstes radikal verändern wird. Wir wissen nur, dass es geschieht. Deshalb brauchen wir keine Vampire oder Zauberstäbe, um fantastische Geschichten zu erzählen. Wir haben uns an der Gegenwart orientiert und aufgegriffen, was von den meisten Medien systematisch verschwiegen wird, aber in der Mitte unserer Gesellschaft geschieht. Auf dieser Ebene ist ABATON ein Faction-Thriller. Auf einer anderen Ebene ist das Buch auch eine psychologisch sensible Entwicklungs- und Liebesgeschichte. Christian Jeltsch: Wenn Olaf den Begriff „Faction-Thriller“ kreiert, dann kann man vielleicht noch einen Begriff ergänzen: ABATON ist neben der Coming-of-age- und Liebesgeschichte ein „Science- Faction-Thriller“. Es geht in unserem Roman ja auch um moderne Forschung. Die Wissenschaft ist auf vielen Gebieten längst in Bereiche des Fantastischen vorgedrungen, auch wenn das der breiten Öffentlichkeit noch gar nicht bewusst ist. Fantasy ist also auf gewisse Weise längst real. Der Zauberstab ist Nostalgie.

5. Überwachung, Schein und Wirklichkeit, Urängste, Freundschaft, Verfolgung, Medien- Realität – das sind die Themen, um die ABATON kreist. Worum geht es Euch?

Olaf Kraemer: Uns hat die Frage fasziniert, ob die „digital-natives“ ihre intuitiven Fähigkeiten und Talente durch die neue Technologie verlieren oder sogar verfeinern können. Ob das Netz vielleicht eine unbewusste Replika des menschlichen Gehirns ist? Ob der Gebrauch der Technik einen evolutionären Schritt darstellt, der die Menschheit für immer verändert? Milliarden Menschen benutzen Computer, die sie nicht verstehen oder steuern können. Das schafft neue Eliten, neue Unterprivilegierte und gänzlich neue Anforderungen an das Leben. Unsere Helden gehören zur ersten Generation dieser Menschen. Christian Jeltsch: Es geht in ABATON aber auch im gleichen Maße um ganz emotionale Themen. Um Verantwortung, Freundschaft. Um Familie. Und natürlich um Angst. Und um die Erkenntnis, wie sehr Ängste unser Handeln bestimmen und uns damit unsere Freiheiten nehmen. Das beginnt in der Familie und führt bis in die Politik. Das Ende der Angst könnte also die größte Freiheit bedeuten. Wenn man gleichzeitig Verantwortung für sich und sein Tun übernimmt. Und da trauen wir Kindern und Jugendlichen so viel mehr an Entschlossenheit, Klarheit und Offenheit zu. Es lohnt sich, hinzuhören, wenn sie reden. Aber leider wird von so vielen „Berufenen“ so unendlich viel und vermeintlich klug über die „Kinder als unsere Zukunft“ nur geredet. Doch wer ist denn bereit, dieses Gerede auch in glaubhafte, langfristige Politik umzusetzen?

6. Wie habt Ihr für das Buch recherchiert? Habt Ihr die Handlungsorte persönlich in Augenschein genommen? Kanntet Ihr Euch vorher schon gut mit den Themen aus? Oder habt Ihr Euch das Fachwissen extra angeeignet?

Olaf Kraemer und Christian Jeltsch: Wir beschäftigen uns beide schon länger mit den Themen, aber dazu kam natürlich die spezielle Recherche für diese Geschichte. Was eigentlich meist der spannendste Teil des gesamten Schreibprozesses ist. Die detektivische Suche nach Geheimnissen, die teils konspirativen Gespräche. Das gute Gefühl, einer Wahrheit auf der Spur zu sein ... Leider kann man nicht immer alle Ergebnisse einer Recherche in den Geschichten unterbringen. Aber wir haben ja noch viel vor.

7. Das stimmt, ABATON ist ja als Trilogie angelegt. Was erwartet Linus, Edda und Simon in Teil 2, „ABATON. Die Verlockung des Bösen“?

Olaf Kraemer: Mit der Überwindung der Angst und der neuen Freiheit kommen nicht nur Vorteile, sondern auch Macht, Größenwahn und die Frage nach der wirklichen Bedeutung von Freundschaft ins Spiel. Leider werden die Herausforderungen für unsere Helden im Inneren wie im Äußeren immer komplexer und schwieriger. Christian Jeltsch: Und wenn man so will, entsteht eine neue, andere Form von „Familie“.