Olaf Schwarzbach

 4 Sterne bei 3 Bewertungen
Autor von Forelle Grau.

Alle Bücher von Olaf Schwarzbach

Forelle Grau

Forelle Grau

 (3)
Erschienen am 16.02.2015

Neue Rezensionen zu Olaf Schwarzbach

Neu
J

Rezension zu "Forelle Grau" von Olaf Schwarzbach

Saufen, bis der Kellner kotzt
jamal_tuschickvor 4 Jahren

„Forelle Grau“ erzählt die Geschichte eines
Mannes, der im Großraum Berlin zwei Wohnungen für insgesamt fünfzig Mark
Miete besaß und dann kam die Wende

„Andere Kinder hatten
liebevolle Großeltern. Ich hatte Pech.“ Man möchte hinzufügen: Auf der
ganzen Linie. Die Mutter nimmt sich elf Tage vor seinem dritten
Geburtstag das Leben. Das Kind kommt zu Leuten (Verwandten) und sagt
Mutti zu der Frau, die da ist. Sechzehn Jahre später greift die
Staatssicherheit den Fall auf und ordnet ihn unter „Forelle grau“ ein.
Grau wie Schwarz und Forelle wie Bach. Schwarzbach erzählt sein Leben
als OL. Der Cartoonist Olaf S. war „ein Mauerkind, großgeworden mit
Wachtürmen, Flutlichtern, Patrouillen, Signaldrähten, Hunden und
Elektrozäunen“. Nichts davon steht im Weg, als er kurz bevor die DDR
„wie eine überhitzte Leberwurst platzt“ mit Apfelsaft, doch „ohne
Mückenspray“ in Ungarn durch eines „der größten Sumpfgebiete Europas“
und den eisernen Vorhang nach Österreich gleitet.

Schwarzbach
schlägt in seinen Memoiren den lockeren „Bluesbruder“-Ton der
unangepassten DDR-Jugend an. Den Anfang macht das Ende der Geschichte,
der Künstler lebt gerade in Brighton, er beobachtet den Abflug der Stare
im Land der richtigen Musik.

Es scheint nichts Besonderes in Olaf
zu stecken, er ist faul, fernsehsüchtig, Fußball ist auch egal. Die
leibliche Tochter seiner Pflegeeltern haut ihm jahrelang die Hucke voll.
Die „Oma“ beklaut ihn und mokiert sich über „die Memme“, die indes
ungemein in die Höhe schießt. Olaf lässt sich vom „Neuen Deutschland“
zum Facharbeiter für Offsetdruck ausbilden. Der Meister sieht aus wie
Lemmy Kilmister: „Eines Tages fing ich ihn auf, als er im Treppenhaus
vom obersten Absatz herunter … stürzte. „Danke Jungs, weitermachen!“
lallte er.“

Ein Alltagstrott mit viel Alkohol bestimmt das
Texttempo, die Sache bleibt trotzdem interessant. Schwarzbach archiviert
die Schliche der Staatsferne. Er erinnert an idyllenmalerische
Subversion so wie an den „Paragraf zur Gefährdung der öffentlichen
Ordnung durch asoziales Verhalten“. Im Arbeiter- und Bauernstaat müssen
die Bluesbrüder  und –schwestern „eine geregelte Arbeit“ nachweisen. Sie
schustern sich gegenseitig Hausmeisterjobs und Toilettendienste zu. Sie
erzeugen eine beträchtliche Akademikerdichte in der Friedhofspflege.
Sie kontern die Selbstherrlichkeit der SED-Macht mit Fluxus-Methoden.
Nach der Tschernobyl-Katastrophe gibt es plötzlich jede Menge Obst und
Gemüse, das für den Westen bestimmt war, da aber keine Abnehmer findet.
Inzwischen ist Schwarzbach paradiesisch in Prenzlauer Berg zuhause, er
unterhält zwei Wohnungen für insgesamt fünfzig Mark Miete. Er weiß noch
nicht, dass jetzt die Party stattfindet, die viele in der Zukunft
vermuten. In der Greifenhagener Straße lernt er den Umgang mit einer
Handhebelpresse. Mit seiner Korona praktiziert er das Prinzip „Saufen,
bis der Kellner kotzt.“ So geht das immer lesenswert weiter. Ich
verstehe „Die Geschichte von OL“ als Dokument der Geschichtsaneignung,
als ein gelungener Versuch, die eigene Biografie nicht auf westlichen
Allgemeinplätzen verkommen zu lassen.


Kommentieren0
2
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 6 Bibliotheken

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks