Olaf Trunschke

 4 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor von Die Kinetik der Lügen, Die Geometrie der Träume und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Olaf Trunschke

Die Kinetik der Lügen

Die Kinetik der Lügen

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Erschienen am 25.08.2016
Die Geometrie der Träume

Die Geometrie der Träume

 (1)
Erschienen am 27.02.2008
DER BRANDENBURGER TOR

DER BRANDENBURGER TOR

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Erschienen am 27.02.2007
Paperback Blues

Paperback Blues

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Erschienen am 01.01.2020
Das Menschen-Museum

Das Menschen-Museum

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Erschienen am 27.02.2008
SCHÖNE BESTIEN

SCHÖNE BESTIEN

 (0)
Erschienen am 01.01.2011
Stichwörter und Schlagzeilen

Stichwörter und Schlagzeilen

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Erschienen am 01.01.2020
Ereignishorizont

Ereignishorizont

 (0)
Erschienen am 01.01.2020

Neue Rezensionen zu Olaf Trunschke

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L

Rezension zu "Die Kinetik der Lügen" von Olaf Trunschke

Mary Shelley, die Brüder Grimm & ein Monster namens Frankenstein
Lesemanievor 8 Monaten

Im Sommer 1816 verbringt der berüchtigte Dichterfürst Lord Byron einige Wochen am Genfersee. Mit dabei: Mary Godwin (spätere Shelley) mit dem Dichter Percy Shelley und dem gemeinsamen Kind, Marys Stiefschwester Claire und der Arzt Dr. Polidori, den Byron eigens für die Reise engagiert hat. Byron selbst hat sich nach Genf aufgemacht um einer unschönen Scheidung, bösen Gerüchten über die Beziehung zu seiner Stiefschwester Augusta und einer Vielzahl an Gläubigern zu entkommen.

Es ist ein kalter, stürmischer Sommer. An gewittrigen Abenden sitzt die Gruppe in der von Byron angemieteten Villa am Kamin und diskutiert. Zu Beginn sind es hauptsächlich Byron und Shelley, die sich einen Schlagabtausch nach dem anderen leisten, während der Rest der Gruppe bewundernd lauscht. Dann kommt eines Abends die Idee auf, dass jeder Gruselgeschichten schreibt und diese den anderen vorstellt. Polidori wird eine Vampirgeschichte schaffen, die später das Genre des Vampirromans begründet (und die lange Zeit Byron zugeschrieben wird). Doch die Gruppe, insbesondere Byron, ist begeistert von Marys Idee: ein gewisser Dr. Frankenstein kreiert einen künstlichen Menschen… Mary Shelley hat später behauptet, die Idee zu der Geschichte sei ihr in einem Wachtraum gekommen. Trunschke deutet eine ganz andere Inspirationsquelle an: die Brüder Grimm, von denen ein Manuskript mit einer ähnlichen Geschichte Marys Stiefmutter vorliegt… Die Idee, Leben zu erschaffen ist gerade en vogue – 1780 hat Luigi Galvani nämlich demonstriert, dass Froschschenkel zum Zucken gebracht werden können, wenn man sie mit Drähten aus unterschiedlichen Metallen berührt (und so einen Stromkreis herstellt; allerdings wusste das der gute Mann nicht). Diese Erkenntnis begeisterte die Menschen im ausgehenden 18. Jahrhundert und bald wurden auch Menschenleichen mit dieser Methode zum Zucken gebracht…

200 Jahre später begibt sich ein Dokumentarfilmer auf Spurensuche. Dabei ist er eigentlich vor Ort um eine Dokumentation rund um das CERN und den Teilchenbeschleuniger zu drehen. Weil die Maschine defekt ist, wendet er sich der Geschichte rund um die Entstehung des Frankenstein zu. Seine Kontaktperson im CERN – die schöne und geheimnisvolle Maria – macht ihn mit einigen ihrer Freunde bekannt, die ihm von ihrem Verdacht berichten, dass Mary Shelley nicht wirklich die Mutter Frankensteins ist… In dieser Gruppe wird die selbe Frage aufgeworfen, die sich auch Byron und seine Freunde 200 Jahre früher gestellt haben: Wo sollten dem menschlichen Forschungsdrang Grenzen gesetzt werden?

Schleichend vermischt Trunschke beide Erzählstränge, verwischt zeitliche Grenzen und würfelt zum Schluss eine ganze Menge Zeitebenen und Charaktere bunt durcheinander. Und eigentlich ist das doch auch ganz schlüssig – wo sonst würde sich das Raumzeitkontinuum verschieben wenn nicht in unmittelbarer Nähe des Large Hadron Collider, des weltstärksten Teilchenbeschleunigers, von dem sich Forscher unter anderem Hinweise auf die Natur Dunkler Materie erhoffen?

Die Kinetik der Lügen ist eine sehr dicht gewebte Geschichte, die sich über Regeln von Raum und Zeit hinwegsetzt und gleichzeitig eine literarische Spurensuche und essentielle Ethik-Fragen der Menschheit ins Spiel bringt. Trotz seines fragmentarischen Erzählstils verliert Trunschke nie den Faden und bringt auch noch sprachliche Schönheiten hervor. Das können quasi unachtsam hingeworfene Sätze sein, die einen ansonsten ganz unauffälligen Absatz verzieren, oder komplette Passagen, die man vorlesen will um sie sich so auf der Zunge zergehen zu lassen:

"Welch ein Drama! – Byron stand auf dem Balkon, der Sturm zerrte an seinem Halstuch, fegte ihm wie ein grober Besen durch die Haare. Die Blitze kreuzten sich überm See, als bewürfen die Götter einander mit glühenden Speeren. Von den Felsen des Jura rollten die Donnerschläge heran, für Sekunden entrissen die Blitze dem Dunkel schroffe Felsen, riesige Kiefern: das Gerippe der Landschaft. Dann legte sich die Nacht wieder wie Ruß übers Land. Welche Finsternis: kein Mond. Die Sonne wohl für immer erloschen. Irgendwo, ziellos die Sterne. – Würde es jemals wieder Tag?"

Diese gelungene Kombination macht den Roman zu einem unterhaltsamen und beeindruckenden Erlebnis, dem man sich gerne auch ein zweites oder drittes Mal hingibt. Ich bin sicher, bei jedem erneuten Lesen lassen sich neue Dinge entdecken.

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Rezension zu "Die Geometrie der Träume" von Olaf Trunschke

Rezension zu "Die Geometrie der Träume" von Olaf Trunschke
amokwritervor 10 Jahren

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LESEPROBEN:
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The continent of Atlantis was an island,
which lay before the great flood
in the area, we now call the Atlantic Ocean.

DONOVAN

EINS

Jedesmal, wenn ich mittags in die Tonne kam, saß Diogenes schon in seiner Ecke, vor sich die leere Tasse, und wartete, daß ihm jemand den nächsten Kaffee bezahlen würde. Deshalb war an seinem Tisch auch immer ein Stuhl frei.
Kaum hatte er mich gesehen, winkte Diogenes dem Kellner, noch ein Glas zu bringen. Auf dem Tisch stand bereits eine halbleere Flasche. Offenbar war auch Krates gerade angekommen. Neben dem Tisch lehnte sein Ranzen: Ein schäbiger Lederbeutel, der alles enthielt, was Krates besaß.
Eigentlich waren wir damals alle arme Hunde. Diogenes rauchte ungenießbare Zigaretten – vermutlich, damit ihn niemand anschnorrte. Keiner besaß viel mehr als die Kleider, die er auf dem Leib trug. Da wir nichts zu verlieren hatten, brauchten wir uns aber auch um nichts zu sorgen. Und während die Athener arbeiteten, saßen wir in der Tonne und tranken Kaffee.
Krates, der gerade grinsend vom Klo kam, hatte sich das Haar lang wachsen lassen und trug es, zum Zopf gebunden, über die linke Schulter. Seit er seinen Beruf geschmissen hatte und zu Hause ausgezogen war, feierte er diesen Tag, an dem er sich aus Recht und Ordnung freigelassen hatte, jedes Jahr. Manchmal sah man Krates monatelang nicht. Die meiste Zeit reiste er umher und wohnte bei Freunden. Erst, seit er mit Hipparchia, die er seine „Katze“ nannte, zusammen war, kam er wieder öfter nach Athen. Auf jeden Fall aber traf man Krates an diesem Tag in der Tonne.
Diogenes, der die Theorie vertrat, was Freunde besäßen, sei Gemeingut, bestellte gleich noch eine Flasche.

UNTERWEGS. Mein Ranzen, hatte Krates gedichtet, ist eine Insel im Meer der Träume: Nichts dort bleibt auf Dauer. In keinem Katalog ist sie Reiseziel. Zwiebeln und Brot sind ihr einziger Reichtum: Dafür lohnt sich kein Krieg.

HUNDELEBEN. Wer halbwegs wie ein Mensch leben will, der muß schon bereit sein, zu leben wie ein Hund, meinte Diogenes. – Zumindest, solange man wie ein Hund arbeiten muß, um halbwegs wie ein Mensch zu leben.

MORAL. Nur, um die Dummen in Schach zu halten, meinte Aristipp, gäbe es so etwas Unmoralisches wie die Moral.

Weitere Leseproben: http://www.amokbooks.de/geo.traeume

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Rezension zu "Das Menschen-Museum" von Olaf Trunschke

Rezension zu "Das Menschen-Museum" von Olaf Trunschke
amokwritervor 10 Jahren

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LESEPROBEN:
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KURZE ASTROLOGIE.

Gestern stieg die Jungfrau vom Firmament, wo wir sie lange angehimmelt hatten, herunter zu mir in die Federn und verblasste erst gegen Morgen zu. Seither betrachte ich sie allabendlich, zwischen uns diese unbegreifliche Weite, wie sie da steht: klarer scheinbar denn je.

SPRACHVOLLZUG.

Mein vorlautes Schweigen war im Gewäsch ohrfällig geworden: Ich wurde zur Rede gestellt. Überzeugt vom Recht auf klare Töne, ließ ich mich hinreißen, den Anwesenden meine Meinung zu flüstern ...

Zu spät begriff ich die Stille im Saal: Plötzlich traten verschiedene Meinungen auf und verlangten Gehör. Zwischenrufe wurden laut, Gegenstimmen: Eine offene Debatte drohte!

Es mußten Schlagzeilen eingesetzt werden. Ich wurde überstimmt und zum Platz abgeführt. Störung von Rede und Antwort, lautete die Anklage; das Strafmaß: Wortentzug. Bei Widerrede - Mundtod.

FIRMA.

Zugegeben, unsere Zunft ist klein. Doch hat sie Zukunft: Meine Kundschaft umfaßt einfache Käufer gleichermaßen wie höchste Kreise. Ich mache Feinde.

Gleichgültig, ob es sich um einen Gegenspieler handelt, der Schuld am Scheitern ihrer Karriere trägt; oder wird ein Sündenbock benötigt, gegen den sich die verzankte Gemeinschaft verbünden kann; oder brauchen, um die Erhöhung der Ausgaben zu rechtfertigen, die Sicherheitsorgane für die öffentliche Vorführung einen Feind der Ordnung: Ich liefere das Passende für jeden Bedarf. Einige der erfolgreichsten Feindbilder stammen aus meinem Studio.

Der Entwurf eines Feindes verlangt viel Feingefühl und unterliegt der Mode. Bevorzugte man noch vor wenigen Jahren einen häßlichen Feind, so wählt ihn der heutige Geschmack wie aus dem Fernsehen: zwar von miesem Charakter, doch nicht ohne Charme.

Natürlich ist die Fertigung eines Feindes Berufsgeheimnis, aber selbst ein geschickt plaziertes Gerücht hat schon gute Feinde gemacht.

Besonders junge Menschen bieten bestes Material: Als Feind behandelt, wachsen sie fast von selbst in ihre Rolle.

So erfüllt unsere Zunft eine wichtige Aufgabe im öffentlichen Leben. Ein Nachteil des Gewerbes allerdings bereitet mir Kopfzerbrechen: Berufsbedingt weiß ich, und das verzeiht mir schließlich keiner, um die geheimsten Schwächen all meiner Käufer. Jeder zufriedene Kunde erblickt deshalb irgendwann in mir seinen Feind.

SANCHO.

Seit wir gegen Mühlen ziehn, die uns noch die Saat von den Äckern fressen, schimpfen uns närrisch deren Knechte und schlagen alles Mahnen in selbigen Wind, der die Flügel treibt; wetzen die Zungen zum Spott: Das Gelächter gellt durch die Jahrhunderte – vor denen wir dastehn: traurige Gestalten. Weil doch Riesen sind, was wir zuerst für Mühlen nur gehalten. Denn am Hebel sitzen, die da abscheffeln, und die sind: vom alten Schrot und Korn.

Weitere Leseproben: http://www.amokbooks.de/mensch.museum

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