Olga Tokarczuk Ur und andere Zeiten

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Inhaltsangabe zu „Ur und andere Zeiten“ von Olga Tokarczuk

Mit ihrem dritten Roman "Ur und andere Zeiten" hat die junge polnische Autorin Olga Tokarczuk mehr als eine wunderbare Geschichte über ihr Land geschrieben, sie hat einen eigenen Kosmos erschaffen. Zentrum der Welt und Ort des Geschehens ist das fiktive ostpolnische Städtchen Ur, bewacht von den vier Erzengeln Raphael, Uriel, Gabriel und Michael und bewohnt von den merkwürdigsten Menschen: der jungen Genowefa, dem verarmten Baron, der sein Leben einem kabbalistischen Rätselspiel verschrieben hat, dem wilden Mann, der im Wald lebt, dem Säufer Pawel Göttlich ...§Die Erzählung setzt im Jahr 1914 ein und begleitet die historische Entwicklung Polens durch das 20. Jahrhundert. Doch sie könnte auch zu jeder beliebigen Zeit spielen, denn was Olga Tokarczuk in einer wunderbar sinnlichen Sprache beschwört, sind nicht in erster Linie die politischen Ereignisse zweier Weltkriege, es sind die ewigmenschlichen Geschichten von Liebe und Hass, Glück und Leid, Geburt und Tod. Das Personal dies er Geschichtenwelt ist das Personal der Märchen und Mythen, keiner Zeit unterworfen als dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Zum Leben erweckt werden all diese menschlichen Urtypen in einer Sprache, die diese junge Autorin perfekt beherrscht: der einfachen Zaubersprache der Märchen mit ihrer poetischen Leuchtkraft und ihrer drastischen Grausamkeit.

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  • Rezension zu "Ur und andere Zeiten" von Olga Tokarczuk

    Ur und andere Zeiten
    alma

    alma

    14. April 2007 um 16:18

    Jetzt kommts dicke! Danke Ilma Rakusa Olga Tokarczuk verzaubert mit ihrem Roman «Ur» So beginnen Märchen. «Ur ist ein Ort mitten im Weltall. Um Ur zügig von Norden nach Süden zu durchqueren, würde man eine Stunde brauchen. Von Osten nach Westen ebenso. Wenn man gemächlich um ganz Ur herumgehen und sich dabei alles genau und bedachtsam ansehen wollte, würde man einen ganzen Tag dafür brauchen. Vom Morgen bis zum Abend.» Ur wird in jeder Himmelsrichtung von einem Erzengel bewacht. In Ur vereinen sich die «Schwarze» und die «Weisse». Ur ist ein Flecken in Südpolen. Durch dieses Dorf zieht die Geschichte, vom Ersten Weltkrieg bis in die achtziger Jahre, mit Soldaten des Zaren und SS-Schergen, mit sowjetischen Iwans und kommunistischen Bürokratenhengsten. Ein Reigen von Kampf und Zerstörung, grausam und so schicksalhaft unabänderlich, wie Mythen es sind. Olga Tokarczuk, mit achtunddreissig Jahren eine der angesehensten polnischen Autorinnen, erzählt aus der Perspektive der Engel. Diese betrachten gelassen den Wechsel von Jahreszeiten und Generationen, das Stirb und Werde von Mensch und Natur. Sie richten nicht, sie erlösen aber auch nicht. Ihrem Blick entgeht kein Detail, und doch ist jede Einzelheit in ihrer höheren Teilnahmslosigkeit aufgehoben. Da sie sich um Sinn nicht scheren, erscheinen Psychologie und das ganze menschliche Gerangel um Kausalitäten ausser Kraft gesetzt. Mit biblischer Wucht ereignet sich, was sich ereignen muss. Mit andern Worten: Wo die zeitgenössische Literatur gemeinhin in triviales Plappern oder in (postmodernen) Reflexionsfuror verfällt, riskiert Tokarczuk den zeitlosen Märchenton. «Gott sieht. Die Zeit flieht. Der Tod jagt. Die Ewigkeit harrt.» Archetypisch wirkt auch das Personal des Romans. Da ist die Mühlenbesitzerin Genowefa, die – während ihr Mann Michal für die Russen kämpft – die Tochter Misia zur Welt bringt, sich im Warten verzehrt und den jüdischen Jungen Eli begehrt, der Jahre später von den Kugeln der SS niedergemäht wird. Da ist die barfüssige Waldfrau Ähre, Dorfhure und Zauberin, die mit einem Engelwurzstrauch Tochter Ruta zeugt. Da ist der böse Mann, der einem wilden Tier gleicht, und Freiherr Popielski, der sich dem Wahn eines kabbalistischen Spiels verschreibt. Da ist die verrückte Florentynka, die, umgeben von Hunde- und Katzenscharen, den Mond beschimpft, und der kränkliche Izydor, der von Ruta träumt. In kreisenden Bewegungen, vorangetrieben von der Vokabel «und», verfolgt der Roman die Schicksale dieser Personen, über Jahrzehnte hinweg. Denn nichts bleibt, wie es ist, es sei denn die Kaffeemühle – «Angelpunkt der Wirklichkeit» –, die Generationen überdauert. Misia wird Pawel Boski heiraten und mehrere Kinder bekommen; Ruta wird nach Brasilien auswandern; Genowefa verdämmert im Rollstuhl, nachdem sie Zeugin der Erschiessung ihres geliebten Eli wurde; Izydor endet im Altersheim. Durch Ur ziehen Deutsche und Russen, Häuser werden niedergebrannt und aufgebaut, in stillen Dachkammern grübelt der eine über Gott, der andere über Vierheiten, und der Wassermann Pluszcz hascht nach den Seelen der toten Soldaten. Olga Tokarczuk verbindet aufs Kühnste Naturmystizismus mit Ursprungsfragen, Engelslogik mit sinnlicher Beschreibung. In prägnanten parataktischen Sätzen entrollt sie Bilderbogen, die Einzel- und Kollektivschicksale erschreckend plastisch fassen. Mit gnadenloser Lakonie heisst es etwa: «Da Gott Kurts Gedanken lesen konnte wie eine Landkarte und sich daran gewöhnt hatte, ihm seine Wünsche zu erfüllen, erlaubte er ihm, für immer in Ur zu bleiben. Er bestimmte ihm eine dieser vereinzelten verirrten Kugeln, von denen es heisst, Gott habe ihren Lauf gelenkt. – Bevor die Bewohner von Ur den Mut aufbrachten, die Leichen zu begraben, die die Januaroffensive hinterlassen hatte, war es schon Frühling, und deshalb erkannte niemand in dem verwesenden Leichnam eines deutschen Soldaten Kurt. Er wurde in dem Erlenwäldchen gleich neben den Pfarrerswiesen begraben, und dort liegt er bis heute.» Sentimentalität hat in diesem Universum keinen Platz. Dennoch – oder gerade darum – gelingen Tokarczuk zutiefst anrührende Szenen: Momentaufnahmen aus dem Kriegsalltag, Abbreviaturen des Grauens «sub specie aeternitatis». Die erbarmungslosen Fakten erzählen von der Relativität allen Seins, aber sie haben ein unverwechselbares Gesicht; sie heissen Kurt, Eli oder Ivan Mukta. Der Russe Ivan zeigt dem Kind Izydor «alle wichtigen Dinge»: Zuerst zeigt er ihm «die Welt ohne Gott», dann «ging er mit ihm in den Wald, wo die Partisanen begraben waren, die die Deutschen erschossen hatten», dann macht er ihm vor, wie man es mit einer Ziege treibt. Wenig später ist er tot. Izydor wird ihn nie vergessen können. Wer ist hier Akteur, der Mensch oder das Fatum, das dumpfe Individuum oder die Geschichte? Wie im Traum bewegen sich Tokarczuks metaphysisch-animalische Gestalten durch die Fährnisse des Lebens, schuldig-unschuldig zugleich. Sie schuften und sinnieren, sie dulden und malträtieren. Auf den absurden Bahnen des Erdenkarussells folgen sie ihrer naturgegebenen Bestimmung. Da läuft selbstredend manches schief, und die Autorin spart nicht an Ironie, um das Mischwesen Mensch als zwiespältiges zu entlarven. Tiere haben es einfacher. Und am einfachsten hat es die stumme Welt der Pflanzen und Gewässer. Ihre Magie wird von Tokarczuk besonders eindringlich beschworen. Hier ist eine Kraft am Werk, die keiner Hinterfragung bedarf. Selbst der Schöpfergott bleibt aussen vor. Poetische Verdichtung gehört nicht zum geringsten Verdienst von Tokarczuks grandioser Parabel, die ein bisschen Dorfgeschichte, ein bisschen historisches Epos und vor allem ein märchenhafter Erzählreigen ist. Mitteleuropäisches Malaise liegt darin eingeschlossen wie das Insekt im Bernstein. Und in mythisch-urwüchsiger Form die gebündelte Vision des vergangenen Jahrhunderts. Ilma Rakusa

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