Oliver Jahn

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Cover des Buches Schwarze Spiegel (ISBN: 9783518188712)

Schwarze Spiegel

 (7)
Erschienen am 27.09.2006

Neue Rezensionen zu Oliver Jahn

Cover des Buches Schwarze Spiegel (ISBN: 9783518188712)M

Rezension zu "Schwarze Spiegel" von Arno Schmidt

Schwarze Spiegel
Mira123vor 10 Monaten

Okay, heute habe ich mal wieder ein Buch für euch, das ich für die Uni gelesen habe. Und nicht nur für die Uni: Es ist eines der Bücher, über die ich meine Bachelorarbeit geschrieben habe. Zum ersten Mal habe ich es vor über einem Jahr gelesen, bis jetzt habe ich aber nicht gewagt, es zu rezensieren. Ich weiß nicht, es hätte sich für mich so angefühlt, als würde ich damit die Göttin der schlechten Noten herausfordern. Aber jetzt, über ein Jahr und sicher ein Dutzend Re-Reads später, kommt endlich die Rezension.

In Arno Schmidts "Schwarze Spiegel" geht es um einen namenlosen Erzähler, der einen Atomkrieg überlebt hat. Ihr könnt euch alle vorstellen, wie das Leben nach einem Atomkrieg so aussieht: Der Erzähler hat seit fünf Jahren keinen anderen Menschen mehr gesehen! Alle sind tot. Nur er ist noch da. Also fährt er mit seinem Fahrrad durch die Welt, liest Bücher, schreibt zornige Briefe an Autoren, denen er nicht zustimmt und macht sich über die Welt der Vergangenheit lustig.

Mich hat dieses Buch überrascht. Der Erzähler ist unglaublich zynisch und verspottet alles und jeden. Dass er einsam ist und seine Situation nicht nur gut findet, merkt man nur an wenigen Stellen. Wenn er zum Beispiel stundenlang versucht, Radiosignale aufzufangen, um so andere Überlebende zu finden. 

Solltet ihr dieses Buch lesen wollen, dann empfehle ich euch, eine Ausgabe mit Kommentar zu lesen, wie die, die ich gelesen habe. Es gibt eigene Seminare, die sich nur damit beschäftigen, auf welche Ereignisse und Texte "Schwarze Spiegel" anspielt, es gibt unglaublich viele Verweise auf Personen, Kunst und Literatur. Es gibt Einschübe auf anderen Sprachen, der Erzähler verwendet Dialekt und manchmal verliert die Sprache einfach mal ihren Sinn, so wie das im Expressionismus halt passiert. Ohne den Kommentar im Anhang wäre der Text für mich wohl nicht lesbar gewesen. Erst durch den Kommentar und das Wissen, das ich dadurch gewinnen konnte, wurde das Buch für mich zu einem Highlight.

Mein Fazit? Unglaublich coole Lektüre - aber nur, wenn man eine Ausgabe mit Kommentar liest.

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Rezension zu "Schwarze Spiegel" von Arno Schmidt

Traut euch! Er beißt nicht.
Nikolaus_Klammervor 5 Jahren

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen (Dieses zweifelhafte Vergnügen haben demnächst William S. Burroughs und Elke Lasker-Schüler). Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht.

Aber zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt (1914 - 1979) muss ich eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und machmal auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein (1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen - auch das ist typisch deutsch - "Nestbeschmutzung" vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel "Nachkriegsliteratur der BRD" degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2) Und ich gebe es zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Monolith aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur. Er ist einzig, aber nicht artig. Sein - formulieren wir es mal euphemistisch - eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter synästhetischer, oft monologsicher Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Komma eine Anspielung an ein- bis zwei mitgedachte Literaturquellen und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine - der Generation, zu der er gehört, geschuldeten - sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung "Schwarze Spiegel" angeführt, eine erstaunlich klassische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen werden. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe "Haidnische Alterthümer". Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(4)

Obwohl es Arno Schmidt zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig neide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma (5) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

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(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitraniger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt- und Meisterwerk "Zettels Traum" eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ich lese gerade in der Übertragung von Schmidt mit wachsender Begeisterung "Was wird er damit machen" von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es - freilich in zeitgenössischen Übertragungen - einige weitere der Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(4) Es sei an dieser Stelle wärmstens sein brilliantes Buch "Im Keller" empfohlen, in dem er die Erfahrungen beschreibt, die er während und nach seiner Entführung machte.

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Rezension zu "Schwarze Spiegel" von Arno Schmidt

Rezension zu "Schwarze Spiegel" von Arno Schmidt
Kalifvor 11 Jahren

Schwarze Spiegel ist eine 1951 erschienene Erzählung über eine post-apokalyptische Welt. Schauplatz ist die Lüneburger Heide, wo, nach einem Atomschlag, der das Land entvölkert hat, ein einzelner Überlebender, der Ich-Erzähler, eine Bleibe einrichtet. Er zieht durch menschenleere, aber unzerstörte Ortschaften, philosophiert, und trifft schließlich und überraschend auf eine Überlebende namens Lisa, mit der er kurzzeitig zusammen wohnt, bevor sie ihn verlässt und weiterzieht - einem ungewissen Ziel entgegen.
Schwarze Spiegel interessierte mich vor allem als 50er Jahre Science-Fiction, die deutlich von den Erfahrungen des Autors Arno Schmidt während des Zweiten Weltkriegs geprägt ist. Der Plot ist uns heute als gängiges Motiv der modernen Science-Fiction gut vertraut (I am Legend und andere) - doch Schmidt konzentriert sich weniger auf Äußerlichkeiten (von Action ganz zu schweigen), sondern schafft einen Raum von Isolation einerseits und Freiheit andererseits, in der der Ich-Erzähler seine Sicht auf die Welt resümieren und berichten kann. Dies ist sicherlich nicht jedermanns Sache, doch sei die Erzählung ernsthaften Science-Fiction-Liebhabern wärmstens empfohlen, denn intellektuelle Science-Fiction-Literatur ist in der deutschen Literaturszene rar, wo einem höchstens so ein Quark wie Thomas Lehrs 42 angeboten wird.

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