Mit großer Entschlossenheit über die letzten Dinge reden
„Warum ist der Tod eines Menschen stets eine Art Skandal? Warum sind wir jedes Mal erstaunt, wenn ein Lebender dahingeht, als fände solch ein Ereignis zum ersten Mal statt“?
Mit diesem Zitat des Philosophen Jenkelevitch beginnt Matthias Gockel seine interessanten, durchaus den Leser immer wieder wirklich treffenden, Betrachtungen über jene „letzte Grenze“, die (noch) allen gilt und doch so unvorstellbar für den einzelnen ist.
Dass all die Wichtigkeiten des Lebens, die Höhen und Tiefen, dieses immer in Hoffnung sein, dass es nach vorne noch besser wird, das Leben oder sich zumindest auf einem ganz guten Stand lange noch hält, dass all das von jetzt auf gleich einfach vorbei sein kann. Ohne Rücksicht auf die vermeintliche Wichtigkeit der Person oder auf die vielfachen Pläne, die noch im Raum standen, ohne Rücksicht auf das Leid für die Zurückbleibenden oder deren plötzliche innere oder äußere Not, die sich dann einstellt.
Es ist eine Binsenweisheit, dass der Mensch in der Regel Angst vor dem Tod hat. Panische und tiefe Angst.
„An den Tod gewöhnt man sich nicht, der Tod ist immer jung“.
Wobei Matthias Gockel den ganzen Bereich des Sterbens und Tods nun nicht primär philosophisch in den Mittelpunkt rückt (auch wenn natürlich seine Gedanken breit auch auf eine in sich geschlossene gedankliche Grundlage zurückgehen), sondern als Palliativmediziner ganz handfest die Angst des Sterbenden und die Angst des Arztes vor dem „Nicht-mehr-helfen-können“ samt aller Ohnmacht, die auf allen Seiten in diesem Geschehen mitschwingt, intensiv vor die Augen des Lesers führt.
„Der Tod wird immer ein Skandal bleiben. Aber wir können lernen, ihm etwas weniger unvorbereitet zu begegnen“. Ein Ziel, dass Gockel für all jene Leser mit seinem Werk erreicht, die bereits sind, dem Tod mit offenen Augen zu begegnen.
Dass das Leben manchmal hart, ungerecht, brutal, grausam ist, dass Kinder und junge Menschen ebenso gefährdet sind durch den Tod wie die ganz Alten, das legt Gockel dabei offen, redet nicht drumherum, beschönigt nichts. Aber lässt eben auch die andere Seite leise die Stimme erheben.
„Du wirst gesehen in deinem Leid“. Mit einem beeindruckenden Plädoyer für Zuwendung, medizinische Hilfe zur Erleichterung des Leidens und der Schmerzen, mit einem offenen Blick des Arztes, der mit seiner gesamten Fachkompetenz und seinem menschlichen Sein sich zuwendet, statt nur die technischen Abläufe aus der inneren Distanz heraus kühl zu vollziehen.
„Hier bin ich sicher, hier darf ich gehen“ ist so ein Satz im Buch als Kapitelüberschrift, der das Gemeinte auf den Punkt bringt (in idealer Form, natürlich, erst einmal). Mitsamt dem einfach logischen Hinweis darauf, dass es auch an den Patienten liegt, sich dem zu öffnen, denn wenn der Palliativmediziner nicht gerufen wird, kann er auch nicht versuchen, zu helfen.
Das man dabei als Arzt, aber auch als Angehöriger, das Schweigen des Schocks ertragen lernen muss, dass der Kontrollverlust Programm ist beim Sterben, dass aber auch die spirituelle Seite und das „Lernen von den Sterbenden“ als Gewinn im Raum verbleiben kann, diese grundlegenden Themen finden sich genauso in der Betrachtung, wie die konkreten Fragen nach Sterbehilfe und dem „Zulassen des natürlichen Todes“.
Und wie das ist, wenn der Mensch „vor der Zeit“ sterben wird und merkt, dass er gesät hat, auch unter Opfern, aber die Ernte nicht mehr erleben wird.
Und das alles in einem klaren, sachlichen und dennoch nicht kühlen Ton, der gut zu lesen und schnell zu verstehen ist.
Eine wichtige Lektüre.