Olivier Guez

 4.4 Sterne bei 42 Bewertungen

Lebenslauf von Olivier Guez

Ein Franzose erkundet die deutsche Geschichte: Olivier Guez ist ein französischer Journalist und Schriftsteller. Er wurde 1974 in Straßburg geboren und studierte dort zunächst Politische Wissenschaften. 1996 schloss er das Studium im Fach „Internationale Beziehungen“ an, ließ aber sofort verschiedene Aufbaustudien folgen, um 1998 seinen Master an der Universität Brügge abzulegen. Anschließend wurde er als Beobachter für die OSZE zu den Wahlen nach Bosnien-Herzegowina entsandt. Von Brüssel aus berichtete er sodann für die französische Tageszeitung Liberation über Europa, Lateinamerika und den Nahen Osten. Im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit erhielt Guez ein Aufenthaltsstipendium für Berlin. Dort recherchiert er zwischen 2005 und 2006. Für sein anschließend erschienenes Buch über die Rückkehr der Juden nach Deutschland erhielt er 2007 einen französischen Literaturpreis. 2011 wurde der Band auf Deutsch unter dem Titel „Heimkehr der Unerwünschten“ veröffentlicht. Zuvor war bereits sein Tatsachenroman über den Berliner Mauerfall unter dem Titel „Die Mauer fällt“ im Piper Verlag erschienen (2009). Inzwischen hat Olivier Guez auch einen zweiten Roman auf Deutsch veröffentlicht, der sich ebenfalls der deutschen Geschichte widmet: „Das Verschwinden des Josef Mengele“ wurde 2018 vom Aufbau Verlag herausgegeben.

Alle Bücher von Olivier Guez

Das Verschwinden des Josef Mengele

Das Verschwinden des Josef Mengele

 (38)
Erschienen am 10.08.2018
Das Verschwinden des Josef Mengele: Roman

Das Verschwinden des Josef Mengele: Roman

 (3)
Erschienen am 11.08.2018
Das Verschwinden des Josef Mengele

Das Verschwinden des Josef Mengele

 (0)
Erschienen am 31.08.2018

Neue Rezensionen zu Olivier Guez

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DieSeitenwanderins avatar

Rezension zu "Das Verschwinden des Josef Mengele" von Olivier Guez

Eigentlich bin ich ein sehr empathischer Mensch, aber bei solchen Personen hört das bei mir dann auf
DieSeitenwanderinvor 11 Tagen

Mich interessiert schon seit meiner Kindheit alles, was mit dem Nationalsozialismus zu tun hat. Nicht, weil ich es gutheiße, was dort geschah, ganz im Gegenteil, sondern weil das Grauen, dass dort verübt wurde, für mich unvorstellbar ist. Josef Mengele war zwar im großen Ganzen nur einer von vielen, aber mit dem, was er getan hat, spielt er noch einmal n einer ganz besonders scheußlichen Liga. Doch damit beschäftigt sich das Buch nicht, sondern mit seiner Flucht und seinem Aufenthalt bis zu seinem Tod in Argentinien.

Mir war vor der Lektüre nicht klar, wieviele Kriegsverbrecher nach Argentinien geflüchtet waren. Nicht nur die Deutschen, sondern auch Faschisten aus Ungarn, Kroatien, Serbien, Italien, Rumänien, Belgien. Péron hat sie dort alle mit offenen Armen ampfangen und sie amnestiert, um dort eine eigene Armee aufzubauen und das Land militärisch wachsen zu lassen. Mengele spielt in dem Roman mit seiner Flucht die Hauptrolle, denn er muss mehrmals die südamerikanischen Länder wechseln, weil man ihm auf die Spur kommt. Dabei geht es ihm (zum Glück) nicht immer gut und sein Ende ist nicht glanzvoll, sondern eher jämmerlich.

Das war mein Trost bei der Lektüre, denn ich musste sie einige Male unterbrechen. Manchmal konnte ich nicht weiterlesen, weil es natürlich einige Rückblicke gibt. Auch wenn seine Taten nicht im Detail geschildert werden, ist seine literarische Anwesenheit für mich nicht immer zu ertragen gewesen. Dass er am Ende sehr einsam war, hat mich darüber hinweg getröstet. Eigentlich bin ich ein sehr empathischer Mensch, aber bei solchen Personen hört das bei mir dann auf. Dazu trägt auch die Schreibweise von Olivier Guez bei, denn er erinnnert rechteitig an die kranke Persönlichkeit von Mengele ohne dabei hasserfüllt zu wirken. Das kam mir sehr entgegen und ich habe das Buch daher sehr gerne gelesen.

Fazit:
Jeder, der nichts dagegen unternimmt, dass rechte Gruppierungen erneut in den Bundestag eingezogen sind und ein Stückchen vom Kuchen, bzw. der Macht haben wollen, sollte dieses Buch gelesen haben.

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Rezension zu "Das Verschwinden des Josef Mengele" von Olivier Guez

Gelungene Mischung zwischen vordergründiger Fluchtgeschichte und hintergründiger Information
WinfriedStanzickvor 13 Tagen


 

"Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse."

 

Diesen mahnenden Satz schreibt der französische Autor und Journalist Olivier Guez am Ende seines Romans über den grausamen und unmenschlichen Lagerarzt des Konzentrationslagers Auschwitz. In Frankreich war dieses Buch ein Bestseller von der Kritik begeistert aufgenommen wurde. Frederic Beigbeder schrieb im Figaro: "Olivier Guez schuf mit diesem bekannten Verfahren eine phantastische neue Romanform.“

 

Es gibt zwei Perspektiven in diesem Tatsachenroman, der sich liest wie ein Politthriller und doch immer ein aus Distanz geschriebenes Charakterporträt eines hunderttausendfachen Mörders bleibt.

 

Im Vordergrund erzählt Olivier Guez nach wohl sehr ausführlichen Recherchen die Fluchtgeschichte des Josef Mengele, Lagerarzt aus Auschwitz, der wie so viele Nazitäter nach dem Kriegsende zunächst in Deutschland untertauchte. Im Jahr 1948 gelingt ihm dann, wie vielen anderen hohen Nazischergen die Flucht nach Argentinien. Seine Unternehmerfamilie in Günzburg, die schon im Dritten Reich hervorragenden Geschäfte mit den Nazis gemacht haben, und nun sehr schnell in der neuen Bundesrepublik wieder reüssieren, unterstützt den unter dem Namen Helmut Gregor mit neuen Papieren ausgestatteten Mengele bei dieser Flucht. Sie wird ihm über Mittelsmänner auch die nächsten Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1979 immer wieder mit nicht unerheblichen Geldsummen unter die Arme greifen.

 

In Buenos Aires taucht Mengele in ein dichtes Netzwerk aus Unterstützern ein, ehemalige Nazis und Anhänger des naziaffinen Diktators Peron. Stück für Stück baut er sich mit dieser Unterstützung ein neues Leben und eine neue Existenz auf. Doch diese angenehmen ersten Jahre haben keine Konstanz. Immer öfter muss er in der Folge nicht nur seinen Aufenthaltsort wechseln, sondern auch seine Identität. Immer wieder findet er Menschen bzw. wird mit ihnen in Kontakt gebracht durch seine Helfer, die ihn aufnehmen, weil sie seine Gesinnung teilen. Irgendwann trifft er auch Adolf Eichmann, doch der kennt ihn gar nicht, hat nie von dem Lagerarzt Mengele gehört. Das enttäuscht ihn tief.

Anfang der sechziger Jahre intensivieren der israelische Mossad, der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal (er wird von Olivier Guez als jemand geschildert, der es mit der Wahrheit seiner Informationen, die er der Welt über seine Tätigkeit gibt, nicht so genau nimmt) und auch der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer (er wird in den Auschwitzprozessen in Frankfurt viel Täter zur Verurteilung bringen) nehmen auch die Spur von Josef Mengele auf. Als Adolf Eichmann entführt und nach einem Prozess in Jerusalem hingerichtet wird, reagiert Mengele panisch, fühlt sich nicht mehr sicher und verliert dieses Gefühl auch nicht mehr, als der Mossad aus innenpolitischen Gründen von der Suche nach ihm ablässt. Bis zu seinem Tod 1979, als man seine Leiche an einem brasilianischen Strand findet, wird Mengele diese Panik vor seiner Entdeckung nicht mehr verlassen.

 

Im Hintergrund dieser Fluchtgeschichte erzählt Olivier Guez immer wieder von den Überzeugungen dieses eingefleischten Nazi, der bis in sein Alter den Führer verehrt und an seiner Ideologie festhält. Er beschreibt Mengeles unfassbare Verbrechen und medizinischen Versuche in Auschwitz. An keiner Stelle erfasst ihn auch nur der Hauch eines Bedauerns über seine Taten und er kann bis zu seinem Tod nicht verstehen, warum ein Mann wie er, der seinem Führer und seinem Vaterland so ergeben war, verfolgt wird, weil man auch ihm den Prozess machen will.

 

Die gelungene Mischung zwischen vordergründiger Fluchtgeschichte und hintergründiger Information über die Taten Mengeles und die Ideologie der Nazis führt dazu, dass man an keiner Stelle als Leser versucht ist, mit diesem Mensch und seinem Schicksal auch nur irgendeine Form von Mitgefühl zu entwickeln. Diese Struktur seines Erzählens klärt den vielleicht jungen Leser, der möglicherweise noch nie über die Grausamkeiten der Lager und der in ihnen wütenden Nazis etwas erfahren hat, besser auf, als so manches Sachbuch.

 

Eine weitere Stärke des Buches ist, dass Guez immer wieder beschreibt, wie im Nachkriegsdeutschland und auch bei seinen ausländischen Nachbarn die Nazivergangenheit bis Anfang der sechziger Jahre verdrängt wurde und wie schwer es Menschen wie etwa Fritz Bauer, der unter nach wie vor ungeklärten Umständen ums Leben kam, hatten, Licht in das Dunkel dieser Verdrängung zu bringen.

Hier darf erwähnt werden, dass Olivier Guez das mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnete Drehbuch von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ geschrieben hat, der 2015 in die Kinos kam und den man bei Netflix streamen kann.

 

Über die Verbrechen der Nazis auch die heutige Generation zu informieren und über den Kampf gegen ist gleich ob in einem Film oder in einem Roman nach wie vor wichtig. Denn:

"Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse."

 

Man kann das in Europa und in vielen anderen Teilen der Welt seit Jahren beobachten.

 

 

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Barbara62s avatar

Rezension zu "Das Verschwinden des Josef Mengele" von Olivier Guez

Tatsachenroman über einen Kriegsverbrecher auf der Flucht
Barbara62vor 14 Tagen

 

Bei der Schilderung von Mengeles Angstzuständen, seinem Verfolgungswahn und seinen immer armseligeren Lebensbedingungen stellte sich bei mir eine  Genugtuung ein, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass für die Überlebenden seiner Verbrechen und die Hinterbliebenen der Opfer ein Prozess mit einer Verurteilung elementar wichtig gewesen wären. Dass es nie dazu kam, ist sowohl einer Verkettung unglücklicher Umstände und einer Verschiebung von Prioritäten innerhalb des israelischen Geheimdienstes als auch dem unentschuldbaren Willen zur Reintegration von Führungskräften und Handlangern des Nationalsozialismus in der BRD geschuldet. Mengeles Mentoren Eugen Fischer und Otmar Freiherr von Verschuer verhalf das wie vielen anderen zu Ansehen.

Guez‘ Roman liest sich flüssig und präsentiert die Ergebnisse seiner Recherchearbeit, deren Umfang man anhand der langen Literaturliste erahnen kann, gekonnt. Lediglich eine deutlichere Kennzeichnung der fiktionalen Anteile dieses in Frankreich mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Tatsachenromans und Bestsellers hätte ich mir gewünscht.

Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Czesław Miłosz: "Ihr, die ihr Leid über den einfachen Mann brachtet, ihr, die ihr über sein Leid lachtet, fühlt euch nicht sicher. Der Dichter erinnert sich." Gut so!

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