Orlando Figes

 4,4 Sterne bei 34 Bewertungen
Autor von Die Tragödie eines Volkes, Die Flüsterer und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Orlando Figes

Orlando Figes, geboren 1959 in London, ist Professor für Geschichte am Birkbeck College und zählt zu den renommiertesten Historikern Großbritanniens. Bei Hanser Berlin erschien zuletzt Hundert Jahre Revolution. Russland und das 20. Jahrhundert (2015).

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Orlando Figes

Cover des Buches Die Tragödie eines Volkes (ISBN: 9783827008138)

Die Tragödie eines Volkes

 (8)
Erschienen am 09.08.2008
Cover des Buches Die Flüsterer (ISBN: 9783827009654)

Die Flüsterer

 (7)
Erschienen am 04.09.2010
Cover des Buches Nataschas Tanz (ISBN: 9783827010148)

Nataschas Tanz

 (5)
Erschienen am 05.04.2011
Cover des Buches Krimkrieg (ISBN: 9783827010285)

Krimkrieg

 (2)
Erschienen am 01.10.2011
Cover des Buches Russland. Die Tragödie eines Volkes (ISBN: 9783827012753)

Russland. Die Tragödie eines Volkes

 (1)
Erschienen am 10.11.2014
Cover des Buches Hundert Jahre Revolution (ISBN: 9783446247758)

Hundert Jahre Revolution

 (0)
Erschienen am 23.02.2015

Neue Rezensionen zu Orlando Figes

Cover des Buches Hundert Jahre Revolution (ISBN: 9783423349154)A

Rezension zu "Hundert Jahre Revolution" von Orlando Figes

Ein Jahrhundert russischer Geschichte
Andreas_Oberendervor 4 Monaten

Es vergeht kaum ein Jahr, in dem keine historischen Jubiläen anstehen. Es lässt sich darüber streiten, ob jedes dieser Jubiläen bedeutend genug ist, um neue wissenschaftliche Forschungen und Publikationen für einen breiten Leserkreis zu rechtfertigen. Nur wenige historische Ereignisse wirken bis in unsere Gegenwart fort und verdienen trotz größer werdenden zeitlichen Abstandes auch heute noch die Aufmerksamkeit der Fachwelt und des interessierten Publikums. In diese Kategorie fällt die russische Doppelrevolution des Jahres 1917, der Sturz des Zaren im Februar, die Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober. Schon jetzt kann man sicher sein, dass das hundertjährige Revolutionsjubiläum 2017 inner- und außerhalb Russlands eine Flut von Büchern hervorbringen wird. Die Ursachen, der Verlauf, die kurz- und langfristigen Folgen der Russischen Revolution, ihre Bedeutung für die Geschichte Russlands, aber auch für die Geschichte Europas und der Welt sind ein Thema, das wohl nie an Faszination verlieren wird. Die Russische Revolution von 1917 war eine historische Weichenstellung, deren Langzeitwirkung bis heute zu spüren ist. Wer das heutige Russland verstehen will, der muss sich mit dem Untergang des Zarenreiches, mit Entstehung, Aufstieg und Zerfall der Sowjetunion beschäftigen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion liegt inzwischen so weit zurück, dass man die Sowjetgeschichte als abgeschlossenes historisches Phänomen untersuchen und bewerten kann. Das ist die Grundannahme, von der Orlando Figes in seinem neuen Buch ausgeht.

Figes lässt es nicht damit bewenden, nur die eigentliche Revolution zu schildern. Er hat für sein Buch einen großzügigen chronologischen Rahmen gewählt. Zunächst arbeitet er die Vorgeschichte und die Ursachen der Revolution heraus. Seine Darstellung beginnt mit der Hungersnot von 1891. Die Inkompetenz der zarischen Regierung im Umgang mit der Krise schürte die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungskreise mit dem verkrusteten und reformunwilligen Herrschaftssystem. Den Untergang des Zarenreiches schreibt Figes nicht allein dem Ersten Weltkrieg zu. Schon vor dem Krieg war offensichtlich, dass die Autokratie ihren Fortbestand gefährdete, sei es durch halbherzige und missglückte Reformen, sei es durch gänzliche Reformverweigerung. Der Weltkrieg brachte ein System zum Einsturz, das sich in den Augen der gebildeten Stände, aber auch aus Sicht des einfachen Volkes hoffnungslos überlebt und diskreditiert hatte. Im Februar 1917 hatte die Monarchie keine nennenswerte Anhängerschaft mehr; ihr jähes Ende wurde im ganzen Reich mit Freude und Erleichterung begrüßt. Nachdem er die Wurzeln der Revolution untersucht hat, schildert Figes das revolutionäre Geschehen im Jahr 1917. Von dort aus spannt er einen Bogen bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991. Die ersten acht Kapitel sind genau genommen eine stark komprimierte Kurzfassung von Figes' bekanntem Buch "Die Tragödie eines Volkes", das mit Lenins Tod 1924 endet. Der weitgefasste chronologische Rahmen des neuen Buches ermöglicht es Figes, den "revolutionären Zyklus", der 1917 begann, über verschiedene Entwicklungsstadien zu verfolgen, bis hin zur Phase des Niedergangs und Verfalls in den 1970er und 80er Jahren.

Die Geschichte Sowjetrusslands bzw. der Sowjetunion zwischen 1917 und 1991 macht den Hauptteil des Buches aus. Figes behandelt alle wichtigen Etappen und Phasen, vom Bürgerkrieg über die Neue Ökonomische Politik und den Stalinismus bis hin zur Entstalinisierung, zur Zeit der bleiernen Stagnation unter Breschnew und den Reformversuchen Gorbatschows. Originelle oder überraschende Züge trägt diese Darstellung nicht. Figes hält sich an ein bewährtes Gliederungsschema, das man bereits aus vielen anderen Überblicksdarstellungen zur sowjetischen Geschichte kennt. Er geht auf die ideologischen Grundlagen und die repressiv-gewalttätige Natur der kommunistischen Herrschaft ein. Erst nach Stalins Tod verzichtete die Partei im Umgang mit der Bevölkerung auf Gewalt und Terror (aber nicht auf ihren exklusiven Führungsanspruch). Die Geschichte, die Figes erzählt, kreist um bekannte Leitmotive: Aufbau einer neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung; Modernisierung und Industrialisierung (zwei Vorhaben, die in den 1920er und 30er Jahren wesentlich zur Attraktivität des Systems für junge Menschen und soziale Aufsteiger beitrugen); Unterwerfung der Bauernschaft (Zwangskollektivierung); systematische Repression tatsächlicher und eingebildeter Feinde, gipfelnd im Großen Terror von 1937/38; aufopferungsvolle Verteidigung des Landes im Großen Vaterländischen Krieg. Figes beleuchtet auch soziale und kulturelle Entwicklungen sowie die außenpolitischen Aktivitäten der Sowjetunion. Die fast vier Jahrzehnte nach Stalins Tod kommen mit nur drei Kapiteln recht knapp weg. In dieser Zeit war das kommunistische System einer schleichenden Erosion ausgesetzt. Die wirtschaftliche Entwicklung stagnierte. Hinzu kam eine Sinnkrise: Je weiter die Oktoberrevolution in die Vergangenheit rückte, desto schwerer war es für das Regime, die nachwachsenden Generationen für die Fortführung des revolutionären "Projekts" zu begeistern. Lethargie, Desillusionierung und Gleichgültigkeit griffen um sich, und am Ende wurde die von Jelzin & Co. beschlossene Auflösung der Sowjetunion von der Bevölkerung schulterzuckend hingenommen, wie ein unabwendbarer Schicksalsschlag.

Kompetent, mit sicherer Hand und dem Blick für das Wesentliche führt Figes den Leser durch einhundert Jahre russisch-sowjetischer Geschichte. Mangelt es dem Buch insgesamt auch an Originalität, so gelingen Figes doch einige interessante Beobachtungen. Die russische Geschichte zwischen 1891 und 1991 ist für Figes eine Geschichte vertaner Chancen und verpasster Gelegenheiten. Reformen, sei es im späten Zarenreich, sei es unter Gorbatschow, und die Revolutionen vom Februar und Oktober 1917 führten nicht zu einer Demokratisierung von Staat und Gesellschaft. Nach dem Sturz des Zaren zeigte sich rasch, dass die Zukunftsentwürfe von Bürgertum, Arbeiterschaft und Bauern unvereinbar waren. Im Herbst 1917 fiel das Land schließlich einer linksradikalen Minderheit in die Hände, und nach der Auflösung der Sowjetunion blieben die alten Eliten an der Macht - nur ohne Parteibuch. Nie gelang der Durchbruch zu einer nachhaltigen Demokratisierung; nie nahm das Volk sein Schicksal dauerhaft in die eigenen Hände. Nach kurzen Phasen, in denen die Demokratie greifbar schien, wurden alte autoritäre Herrschaftsformen durch neue autoritäre Herrschaftsformen ersetzt. Sowohl im turbulenten Revolutionsjahr 1917 als auch in den krisenreichen Jahren vor und nach 1990 waren die für eine Demokratisierung nötigen Voraussetzungen einfach nicht gegeben. Russland scheint gefangen in einem Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt: Die Gesichter der Herrschenden wechseln, aber die Herrschaftsmethoden bleiben im Kern dieselben (mit einer Ausnahme, Stalins extremer Gewaltherrschaft, die als singulär zu gelten hat). Man kann Figes nicht widersprechen, wenn er am Ende seines Buches feststellt, dass die unzureichende Aufarbeitung der Sowjetgeschichte und die geschichtsklitternde Verklärung der Sowjetunion für das heutige Russland eine erhebliche Belastung sind. Ein wirklicher Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit hat bislang nicht stattgefunden. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Februar 2015 bei Amazon gepostet)

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Cover des Buches Nataschas Tanz (ISBN: 9783827010148)Pantoffeltiers avatar

Rezension zu "Nataschas Tanz" von Orlando Figes

fundierter Überblick
Pantoffeltiervor 3 Jahren


Orlando Figes ist einer der bedeutendsten europäischen Russlandexperten. Hier legt er in mehr als 600 Seiten eine umfassende Erzählung über die russische Kulturgeschichte (Literatur, Musik, Tanz, Kunst) vor. Dabei geht er auf die großen Gegensätze in der russischen Gesellschaft ein (z.B. arm-reich, Stadt-Land, Ost-West) und zeigt auch Verbindungen zur europäischen Entwicklung auf.


Meine Meinung:
Figes listet nicht bloß Ereignisse auf, sondern wählt historische oder literarische Anekdoten, um darum seine Erkenntnisse zu gruppieren. Das macht es gut lesbar, aber eventuell für komplette Neulinge verwirrend (wenn beispielsweise die Kenntnis der Handlung von „Krieg und Frieden“ vorausgesetzt wird).
Die Kapitel sind auch unabhängig voneinander verständlich, man kann also das lesen, was gerade interessant ist und auch mal springen ohne komplett den Faden zu verlieren. Einige der erwähnten Malereien sind als farbige Abbildungen enthalten, aber leider nicht alle.
Leider wird die Sowjetzeit recht kurz abgehandelt und die Entwicklung nach ihrer Auflösung fällt größtenteils unter den Tisch. Gut, da das Buch 2002 erschien, ist das tatsächlich sehr nahe Geschichte, deren Schwerpunkte sich noch erweisen müssen. Ein kleiner Ausblick hätte mich dennoch interessiert. Aber irgendwo muss sich jeder Autor mal beschränken und da das Buch tatsächlich gut unterhält und sehr lesbar ist ohne platt und verkürzend zu sein, gebe ich trotzdem volle Punktzahl. Ein kenntnisreich und kurzweilig erzählter Überblick über die russische Kulturgeschichte.

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Cover des Buches Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne (ISBN: 9783446240773)Betsys avatar

Rezension zu "Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne" von Orlando Figes

Die Macht des geschriebenen Wortes
Betsyvor 6 Jahren

Dieses Buch erzählt die Geschichte von Lew und Sweta anhand ihrer geschriebenen Briefe. Beide lernen sich an der Universität in Moskau kennen und lieben, doch der 2. Weltkrieg trennt die beiden und nach dessen Ende wird Lew wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen für 10 Jahre in ein Arbeitslager (Gulag) in Sibirien geschickt. Trotz der Gefahren gelingt es beiden ihre Beziehung durch Briefe aufrecht zu erhalten.

Der Einstieg fiel mir etwas schwer und ich habe mich kurz auf Wikipedia bezüglich den Revolutionen in Russland schlau gemacht (Februar&Oktoberrevolution), da dieses Hintergrundwissen zu Beginn des Buches nicht weiter vertieft wurde. Gewöhnungsbedürftig auch die vielen unterschiedlichen Namen und die manchmal nicht unbedingt chronologische Abfolge der Briefe zwecks passender Eingliederung. Dies stört nicht wirklich, wenn man sich einmal eingelesen hat, weil alles nachvollziehbar bleibt.
Der Autor schafft es gekonnt um die einzelnen Briefpassagen die gesamte Geschichte der Beiden zu erzählen und lockert die zeitweise doch etwas schleppend vorangehende Erzählung mit Originalfotos der Personen auf, sodass man von den wichtigsten Leuten auch ein Bild vor Augen hat.

Obwohl man einen Einblick in das Leben im Gulag erhält, wird in den Briefen und bei den Ergänzungen des Autors, eher sachlich über alltägliche Probleme und Abläufe dort geschrieben. Hauptsächlich geht es um das hoffen, warten, bangen und die Lasten des täglichen Alltags, aber auch die Leute aus dem Gulag und die Familie von Lew und Stewa werden immer wieder erwähnt. Besonders der Mut und die Hilfe einzelner Personen die die Briefe hinein- und hinausschmuggeln (zu der Zeit bestand eine Briefbeschränkung und Zensur) wird in Lews Briefen sehr deutlich. Ohne deren Hilfe hätte diese Liebe wohl keine Chance gehabt.

Es wird gleich zu Beginn klar, wie wichtig diese Briefe für beide sind, da sie sich damit gegenseitig aufbauen und die Hoffnung nicht verlieren, doch noch ein gemeinsames Leben führen zu können.

"Wenn ich meinen Namen auf dem Umschlag sehe und er Deine Handschrift trägt, überkommt mich immer die gleiche Empfindung: eine Mischung aus Unglauben, Erstaunen, Freude und schließlich Gewissheit, sowie ich begreife, dass er wirklich für mich ist und wirklich von Dir." (Lew an Sweta)

Für mich eine der schönsten Liebeserklärungen, die ich je gelesen habe und die mich wirklich zu Tränen gerührt hat:

"Der Sinn von alledem ist, dass ich dir bloß drei Worte sagen möchte. Zwei von ihnen sind Pronomen, und das dritte ist ein Verb (zu lesen in allen Zeitformen gleichzeitig: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). (Sweta an Lew)

Während Sweta sich ansonsten doch etwas schwerer tut ihre Gefühle auszudrücken, ist an Lew ein wahrer Poet verloren gegangen. Er weckt die Sehnsucht, selbst wieder von Hand geschriebene Liebesbriefe zu bekommen, denn er schreibt einem direkt ins Herz.

"Ich stimme Dir zu, dass die Welt, egal wer ihr angehört, ein guter und interessanter Ort ist, jedoch nur im allgemeinsten Sinne. Nichts davon ist nämlich wahr, sofern es Dich betrifft, Sweta. Swet, die Welt ist fraglos gut, aber sie ist so viel schöner, wenn sie von Dir erleuchtet wird, dass ich sie mir nicht und niemals ohne die Helligkeit ansehen möchte, die Du ihr verleihst."

Es gab so viele schöne Textstellen, dass ich gar nicht wusste, welche ich zitieren soll um einen kleinen Einblick in ihren Briefverkehr zu vermitteln, denn die außergewöhnliche Lebens-&Liebesgeschichte der Beiden ist einfach wirklich unglaublich und ein seltenes Beispiel dafür, dass wahre Liebe trotz körperlicher Trennung und widriger Umstände aufrecht erhalten werden kann.

Fazit: Eine wirklich zu Herzen gehende Liebesgeschichte, die besonders durch die Briefe der beiden zeitweise wirklich zu Tränen rührt. Leider mit einigen Längen, da nicht wirklich viel aufregendes im Verlauf der Geschichte passiert. Besondere Konzentration erfordern außerdem die vielen russischen Namen, die oftmals ein wenig anders sind, aufgrund von Abkürzungen oder Spitznamen. Trotzdem für jeden empfehlenswert, der auf außergewöhnliche und wahre Geschichten steht und sich ein wenig in die Probleme Russlands, vor, während und nach dem 2. Weltkrieg anhand zweier Menschen hineinversetzen lassen will, ohne durch zu intensive brutale Schilderungen des Gulags abgeschreckt zu werden.
Für die Geschichte von Lew und Sweta sollte man sich auf alle Fälle Zeit nehmen.

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