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Reclam

vor 4 Jahren

Bewerbung/Ich möchte mitlesen

Rote Reihe Special!

Es lebe Latein!

In nova fert animus mutatas dicere formas / corpora …

Körper, in andre Gestalten verändert, will ich besingen …

Ovids Metamorphosen – mit Apoll und Daphne, Dädalus und Ikarus, Niobe und Arachne, Europa und Narcissus und unzähligen mehr ist das berühmte Epos ein Who’s Who der antiken Mythologie.
In 15 Büchern und rund 12000 Versen im Hexameter werden in feinster Erzählkunst 250 Verwandlungssagen geschildert. Wie kein anderes lateinisches Werk haben die Metamorphosen die Literatur, Kunst, ja selbst die Musik der folgenden zwei Jahrtausende inspiriert.

Ovid (Publius Ovidius Naso) reiht sich damit ein unter die großen Erzähler der Weltliteratur. 43 v. Chr.  im heutigen Sulmona geboren, offenbart sich schon früh das große Talent des Dichters: „Alles, was ich zu schreiben versuchte, wurde zum Vers“ (Tristia 4,10). Bekanntheit erlangte er durch seine frühen Werke mit Liebeselegien und erotischen Lehrgedichten (Amores, Heroides, Ars amatoria, Remedia amoris). Im Jahr 8 n. Chr. jedoch erfolgt eine Zäsur in seinem Leben: Er wird aus bis heute unbekannten Gründen aus Rom verbannt und verliert damit auch den heiteren Grundton in seinen Schriften. Vielmehr versucht er durch nach Rom versandte Verse, den Tristia (Klageelegien) und Epistulae ex Ponto (Kunstbriefe), Gnade zu erwirken – vergeblich. Er stirbt 17 oder 18 n. Chr. im Exil.

Obwohl Ovid mit seiner Verbannung das Manuskript der Metamorphosen vernichten wollte und es ins Feuer warf, blieb das bedeutende Epos durch bereits existierende Abschriften erhalten – zum Glück! Denn so haben wir nun die Gelegenheit, uns das Werk einmal im Original vorzunehmen. Wir laden euch ein mitzulesen: Eine Auswahl der Metamorphosen im lateinischen Original, unterstützt durch ausführliche Worterläuterungen auf jeder Seite.

Ihr möchtet mitlesen?
Dann schreibt uns, warum euch Latein allen Unkenrufen zum Trotz auch heute noch Spaß macht. Mit etwas Glück könnt ihr eines von 20 Leseexemplaren gewinnen!

Wir sind gespannt auf eure Meinung und wünschen viel Spaß!

P.S.: Geheimtipp: Wer sich die Lektüre auf Latein nicht vollends zutraut, kann auch mit der einsprachigen deutschen Ausgabe mitlesen oder immer wieder darin nachschlagen: http://www.reclam.de/detail/978-3-15-000356-5/Ovid/Metamorphosen :-)

Autor: Ovid
Buch: Metamorphoses

Reclam

vor 4 Jahren

Teil 1: Epilog (S. 119)

Lateiner sind ja meistens etwas eigen: Warum also diese Leserunde nicht mit dem Epilog beginnen?

„quaque patet domitis Romana potentia terris,
ore legar populi, perque omnia saecula fama,
siquid habent veri vatum praesagia, vivam.”
(V. 877–879)

So prophezeite Ovid selbstbewusst seinen ewigen Ruhm, und siehe da: Er behielt recht. Bis heute werden seine Metamorphosen gelesen und Ovid als einer der größten Dichter der Antike bezeichnet. Auch in der Abstimmung zu euren Favoriten für die Rote-Reihe-Leserunden erfreute sich Ovid erstaunlicher Beliebtheit – aber warum eigentlich? Was macht ihn für uns heute interessant?

Reclam

vor 4 Jahren

Teil 2: Pyramus und Thisbe (S. 47–53)

Unsere erste Geschichte ist die von Pyramus und Thisbe. Die beiden Liebenden versuchen alles, um einander nahe zu sein, am Ende überwindet die Liebe sogar den Tod. Wie ist eure Meinung: Kann Liebe alle Hindernisse überwinden?

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Leserin71

vor 4 Jahren

Teil 6: Orpheus und Eurydike (S. 98–103)

Kleine Ursache, große Wirkung!
Nach einem Schlagenbiss stirbt Eurydike und ist nun ein frischer Schatten in der Unterwelt. Orpheus gelingt es, die Unterweltbewohner zu überzeugen, dass er eine zweite Chance bekommt. Und dann stellen sie ihn auf die Probe, ob er es noch etwas länger ohne sie aushält. Er aber will sie in Sicherheit wissen und will sich vergewissern, ob es ihr gut geht. Wie tragisch! Eigentlich hat er nichts falsch gemacht, zumindest machte er nichts Falsches, aber er hat sich nicht an die von den Götter willkürlich gesetzten Vorgaben gehalten.
Orpheus muss auf der Erde weiterleben ohne Eurydike! Das ist für ihn Strafe genug.

Leserin71

vor 4 Jahren

Teil 7: Midas (S. 106–110)

Die Geschichte von Midas hat sicherlich Goldsucher in den Flüssen auf den Plan gebracht!
Midas kannte ich auch schon und finde die Geschichte nach wie vor sehr traurig, aber auch konsequent. Wenn sich jemand etwas so Unvernünftiges wünscht, hat das eben Folgen. Im Gegensatz zu manch anderen in den Metamorphoses bekommt er aber noch eine zweite Chance!

Leserin71

vor 4 Jahren

Eure Lieblingsgeschichte aus den Metamorphosen

Ich finde einige Geschichten, die mich ansprechen: Ceres, die ihre Tochter sucht, wird dicht gefolgt von Pyramus und Thisbe und Midas.

Leserin71

vor 4 Jahren

Rezensionen

Hier ist nun meine Rezension, die auch bei amazon steht. Danke für das Leseexemplar, das meine Kinder jetzt für ihre Lateinkarriere bekommen!
http://www.lovelybooks.de/autor/Ovid/Metamorphoses-404017560-w/rezension/1085430306/

Maurus

vor 4 Jahren

Teil 7: Midas (S. 106–110)
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BEGIER NACH GOLDE: MIDAS, DER KÖNIG VON MYGDONIEN (PHRYGIEN)

(„Metamorphoses“ XI, 85-145)

1. „Effice, quicquid
corpore contigero, fulvum vertatur in aurum.“
(„Mache, dass alles, was ich mit dem Körper berühre, in gelbes
Gold sich verwandle!“)

(„Metamorphoses“ XI, 102)


2. „Irritat avidum, non explet pecunia.“
(Das Geld reizt den Habgierigen, verschafft ihm aber keine Befriedigung)

(Pseudo-Seneca, „Liber de moribus“ 101)

3. Der Komödiendichter Menander sagte: „Nun ist ja der Mensch an sich schon ein hinreichender Grund zur Traurigkeit...“

4. Legen wir hier wie ein hellsichtiger Arzt den Finger in die Wunde: „Das Wesentliche ist, dass in der psychoanalytischen Auffassung Gier eine pathologische Erscheinung ist. Sie tritt dann auf, wenn ein Mensch seine aktiven, produktiven Fähigkeiten nicht entwickelt hat.“

(Erich Fromm)


❧❦❧

Midas, der Sohn der Kybele und des Gordios, der Sage nach, war König von Phrygien (historisches Reich; heute, Region der Türkei). Er hatte den trunkenen Silenos dem Dionysos zurückgebracht, und deshalb erfüllte ihm Dionysos den Wunsch, alles, was er berührte, in Gold zu verwandeln. Anfangs ist Midas ganz glücklich als er zum Beispiel merkt, dass bei Berührung eines Steins dieser zu Gold wird; aber...

„Gärtner fanden einst Silenos volltrunken in Midas’ Rosengarten, banden ihn und brachten ihn zum König, der ihn gastfreundlich aufnahm und nach seiner Ausnüchterung zu Dionysos führte. […] Erfreut gewährte der Gott dem Midas eine Bitte, und er wünschte sich sofort: »Mache, dass sich alles, was meinen Leib berührt, in Gold verwandelt.« […] Pflückte er eine Getreideähre, wurde die Ernte golden. Legte er die Finger an die Pfosten, Tische, Becher seines Hauses, erstrahlte alles in purem Gold. […] Müde von den Proben und heißhungrig ergriff er einen Apfel, der sich in seiner Hand verhärtete... Selbst das Wasser, das seine Bediensteten ihm einflößten, verwandelte sich, wenn es mit der Zunge in Berührung kam, augenblicklich in Gold.“

Der König will etwas von dem Essen und dem Wein kosten aber alles, was er berührt, wird sofort zum Edelmetall. Der törichte und goldsüchtige Midas erkennt seinen Fehler: der Goldwunsch hat den Wünschenden ins Unglück gestürzt („ ...e la miseria de l’avaro Mida, / che seguí a la sua dimanda gorda / per la qual sempre convien che si rida.“ | „Und auch das Unheil, das dem geizigen Midas / Entstanden ist aus seiner gierigen Bitte / Ob der die Welt wird ewig lachen müssen.“ – Dante, „Der Läuterungsberg“-Purgatorio XX, 106):

„Bestürzt erkannte Midas das Unheil, das er sich herbeigewünscht hatte. Reich und elend, verachtete er nun die Schätze, die weder seinen Hunger stillen noch seinen Durst löschen konnten.“ („Griechische Götter- und Heldensagen“ | RT 20174)

„Attonitus novitate mali divesque miserque / effugere optat opes et quae modo voverat, odit.“ („...den Schuldigen quält das Gold, das verhasste“ | MET. XI, 127)

„...et inviso meritus torquetur ab auro...“ Und er musste den Gott – Dionysos / Bacchus – um Befreiung von diesem zweifelhaften Geschenk bitten:

„»Da veniam, Lenaee pater! Peccavimus« inquit,
»sed miserere, precor, speciosoque eripe damno!«“

„Mite deum numen“ (mild ist göttliches Wesen): Dionysos’ Rat befolgend tauchte der König Midas in die Wasser des Paktolos und die vergoldende Kraft wich aus dem menschlichen Körper... Midas „hasste fortan alle Schätze und führte ein einfacheres Leben.“ (Reiner Tetzner)

Bleiben wir bei der Macht der ovidischen Worte:

„Ille perosus [überdrüssig] opes silvas et rura colebat
Panaque montanis habitantem semper in antris...“
(Doch er hasst nun die Schätze: er liebt jetzt Wälder und Felder;
Pan ist sein Gott; der haust ja stets in den Höhlen der Berge.“)

(Übersetzt von Hermann Breitenbach |
Ovid, „Metamorphosen“ XI, 146 | UB 356)

DER WUNSCH NACH GOLD

Ich will gleich zugeben, dass ich vielleicht in diesem Fall befangen bin. Die Sache ist die: In meinen Augen ist der Reichtum, besser der übertriebene Wunsch, die maßlose Gier nach Geld kein Schlüssel zur Lösung eines Problems – für mich ist sie das Problem. Diese Geschichte enthält eine Moral: Die griechische Sage über König Midas lehrt, dass Gold nicht alles ist. Gequält von Hunger und Durst rieft Midas des Dionysos Mitleid an und flehte, ihn dem glänzenden Elend wieder zu entreißen. Warum? Weil er unvernünftig gierig nach Gold und Reichtum war. Diese blinde Gier war auch sein Unstern und sie führte ihn zum Unglück. Und die trügerische Gnade, aus allem Gold machen zu können, wurde schnell zum Fluch. Was bedeutet die Geschichte für den unheilbar gierigen Midas? Reichtum kann eine Verdammnis sein. „Wer reich werden will, muss seine Seele hinter die Kiste werfen“ (Karl Simrock, „Deutsche Sprichwörter“). Zuerst aber müssen wir herausbekommen, was die Geschichte für Ovid bedeutete. Und was kann der Leser aus dieser Geschichte entnehmen? Alle Geschichtenerzähler sind allwissend: Ovid weiß, dass Midas’ Wunsch die Ursache seines Unglücks ist. Ovid – sozusagen – hielt es für seine schriftstellerische Pflicht, das Spiel fair zu Ende zu bringen. Es gab ja schließlich (in der zweiten Midas-Geschichte – „Metamorphosen“ XI, 146-193) auch eine exemplarische Strafe: „Da kann der Gott von Delos nicht länger dulden, dass die törichten Ohren menschliche Form behalten. Er zieht sie in die Länge... Die übrige Gestalt bleibt diejenige eines Menschen; nur an einem Körperteil wird er verurteilt und mit den Ohren des träge daherschreitenden Esels ausgestattet.“ (übersetzt von Michael von Albrecht)

Zum Schluss: Gesundheit allein ist der größte Reichtum. Der Gesunde weiß nicht, wie reich er ist. Wenn man nur daran denkt, wird die innere Ruhe zurückkehren. Man wird sehen, dass es gut tut, sich dieser Weisheit bewusst zu sein, um das Leben zu verstehen. In der Gier nach Geld hat Midas gelernt, das reale Unheil auszublenden, das seine Taten (und sein unstillbares Verlangen nach Gold) verursachen. Der römische Dichter Ovid überliefert diese Geschichte mit dem Schlusssatz: „König Midas liebte das Gold NICHT mehr.“ Das lateinische Wort „odi“ ([ver-]hassen) kündigt hier also etwas an: Midas’ neues Leben. Und seine aufrichtige Liebe zu Wäldern und Feldern („silvas et rura“).

Das wäre die „fundamentale Wandlung“ (d.h. dass nicht das Gold, sondern das Wissen Macht und wahrer Reichtum ist), die schon dieses Motto, einer der frühesten deutschen Texte mit Endreimbindung, für bitter nötig hielt:

HIR MAHT THU LERNAN
GULD BEWERVAN
WELOG INDE WISDUOM
SIGINUFT INDE RUOM

(„Hier kannst Du lernen, / Gold zu erwerben, / Reichtum und Weisheit / Sieg und Ruhm.“ | übersetzt von Stephan Müller, der hinzufügt: „Diese Inschrift stand über dem Eingang einer Bibliothek... Überliefert ist sie auf dem Kölner Stadtplan des Arnold Mercator von 1571.“ Quelle: „Althochdeutsche Literatur“ | UB 18491)


∎ Literarische Parallelen.

Ich will hier eine Lanze brechen für Hyginus’ Bearbeitung der Erzählung, und dies mit Hilfe seiner so bekannten Geschichte von dem König Midas, Apollon und Marsyas:

„Athene soll als erste aus einem Hirschknochen eine Flöte hergestellt haben und sei zum Mahl der Götter gekommen, um zu singen. Hera und Aphrodite verspotteten sie, weil sie bläulich anlief und die Backen aufblies. Als hässlich befunden und beim Spiel verlacht, kam sie in den Wald Ida zu einer Quelle, hier erblickte sie sich im Wasser beim Spielen und sah, dass sie mit Recht verlacht worden war. Daher warf sie die Flöte fort und sprach den Fluch aus, dass, wer sie aufhebe, schwer sollte bestraft werden. Die Flöte fand der Hirt Marsyas, ein Sohn des Oiagros, einer von den Satyrn; fleißig übte er darauf und erreichte von Tag zu Tag einen lieblicheren Ton, so sehr, dass er Apollon zum Wettstreit mit dem Zitherspiel herausforderte. Apollon kam, und sie nahmen die Musen zu Schiedsrichterinnen. Als Marsyas schon als Sieger aus dem Wettstreit hervorging, drehte Apollon die Zither um – und der Ton blieb derselbe; das konnte Marsyas auf der Flöte nicht erreichen. Daher band Apollon den besiegten Marsyas an einen Baum und übergab ihn einem Skythen, der ihm gliedweise die Haut abzog; den übrigen Körper überließ er seinem Schüler Olympos zur Bestattung. Von seinem Blut erhielt der Fluss Marsyas seinen Namen.“

„Midas, der König von Mygdonien, der Sohn der Göttermutter, wurde als Schiedsrichter von Tmolos [Gott des lydischen Berges Tmolos] herbeigeholt, als sich Apollon mit Marsyas oder Pan im Flötenspiel maß. Als Tmolos Apollon den Sieg zusprach, erklärte Midas, er hätte ihn eher dem Marsyas zuerkennen sollen. Da war Apollon empört und sagte zu ihm: »Deine Ohren werden von nun an dem Verstand entsprechen, den dein Urteil verrät«, worauf er veranlasste, dass Midas Eselsohren bekam.“

HYGINUS, „Fabularum liber“, 165 und 191 | Basel 1535

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Maurus

vor 4 Jahren

Eure Lieblingsgeschichte aus den Metamorphosen
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Mit der Geschichte von „Pyramus und Thisbe“, „Niobe“ oder „Orpheus und Eurydike“ enthält die Auswahl von Ellen Hübner drei prägnante Beispiele der Ovidischen Kunst. Der Text von „Philemon und Baucis“ aber gefällt mir am besten, und dasselbe gilt für „Apoll und Daphne“ (MET. I, 452-567). Er, meiner Meinung nach, eignet sich gut zur Vorstellung dieser überragenden Persönlichkeit in der römischen Literatur.
Diese Auswahl will dazu anregen, in den alten Mythen das Heutige aufzuspüren zusammen mit den Phantasmen aber auch den wahren Bildern unserer Innerlichkeit. Überflüssig zu sagen, dass Ovids Epos der Verwandlungssagen auf Latein zu lesen sehr spannend ist. Und hier gibt es nicht einen Helden im Mittelpunkt des Geschehens; aber vielmehr lernen wir viele Gestalten und ihre unvergesslichen Geschichten kennen. „Die einzelnen Geschichten sollen aber nicht unverbunden aneinandergereiht werden; vielmehr wird ein »carmen perpetuum« entstehen, ein fortlaufendes Gedicht, das von Anfang der Welt bis in die Gegenwart des Dichters reicht.“ (E. Hübner)
Schließlich soll man sagen: Ovids Epos bleibt natürlich eine immer noch sozusagen amüsante Lektüre. Für alle, die Latein lesen können. Und Latein – wie Friedrich Maier es 2008 im Buch „Warum Latein?“ formulierte – ist der „Fahrstuhl zu den Wurzeln Europas“: „Das Bild des Fahrstuhls erfasst ein solches »Auf und Ab« zwischen Antike und Gegenwart treffend. Wo liegen die Wurzeln Europas? Die Lektüre bringt Lehrer und Schüler gleichsam mit dem Fahrstuhl in das 5. Jh. v. Chr. Damals begann sich Europa als Begriff und Idee im Bewusstsein der Menschen zu verfestigen. Als 480 v. Chr. König Xerxes, der Despot des Perserreiches, den Angriff auf Griechenland unternahm, vollzog sich gewissermaßen die Geburt Europas. Dieses »Westland« wurde nämlich vom Griechen Herodot, dem »Vater der Geschichtsschreibung«, nur kurze Zeit später, als er über dieses Ereignis berichtete, auch »Europa«genannt.“ (Maier, „Warum Latein?“, S. 47 | UB 18565)

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Maurus

vor 4 Jahren

Rezensionen
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OVID, dieser einschmeichelndste aller Dichter ... (Pierre Klossowski)

DAS PROÖMIUM – VIELE GESCHICHTEN MACHEN DIE WELT DURCHSCHAUBAR: meine Rezension zu Ovids METAMORPHOSES

1. „Was der Mensch sei, sagt ihm nur seine Geschichte.“

(W. Dilthey, „Traum“ | in: „Gesammelte Schriften“, Leipzig/Berlin 1913, Bd. 8)

2. „Die Universalgeschichte ist menschlich nur durch ihre historische Aufhebung: als Multiversalgeschichte.“

(Odo Marquard, „Apologie des Zufälligen“)

3. „Raban befindet sich deutlich in einer Zwickmühle. In dem Konflikt zwischen seinen inneren Wünschen und den äußeren, auferlegten Pflichten wünscht er sich als Lösung eine traumähnliche Verwandlung herbei.“

(Franz Kafka, „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“)

_______

I.

Für O. Marquard („Apologie des Zufälligen“ | UB 8351) ist unsere Epoche dank ihrer spektakulären Fortschritte das Zeitalter der Informationsgesellschaft. Natürlich vor den imponierenden, technisch und industriell nutzbaren Fortschritte der Naturwissenschaften sind, heutzutage, die Geisteswissenschaften in eine Legitimationskrise geraten. Die Forschungen der Geisteswissenschaftler haben im Vergleich zu den Naturwissenschaften „etwas ameisenhaft Betriebsames und zugleich Sinnloses an sich.“ (M. Fuhrmann) Die Existenz der Geisteswissenschaften (besonders der Literatur, zu der die „Metamorphosen“ gehören) ist das Erzeugnis einer „bestimmten Phase des europäischen Geistes und wie dieser selbst eine historische Erscheinung.“ (Fuhrmann) Aber heute – sagt der Konstanzer Latinist Manfred Fuhrmann – sind diese Geisteswissenschaften – erst recht – „lebendig“, weil sie „unvermeidlich“ bleiben. Fuhrmann schreibt: „Die Geisteswissenschaften, behauptete Marquard, seien dazu da, den durch die Naturwissenschaften verursachten Modernisierungsprozess – einen Prozess, in dessen Verlauf unsere Welt immer undurchschaubarer werde – zu kompensieren und hierdurch erträglich zu machen, und sie bewirkten dies, indem sie Geschichten erzählten, Geschichten zum Zwecke der Sensibilisierung, der Bewahrung, der Orientierung. Je moderner die Welt werde, lautete Marquards Fazit, desto unvermeidlicher würden die Geisteswissenschaften. Die Geisteswissenschaften als Kompensationswissenschaften, als auf die Vergangenheit rekurrierendes, identitätsstiftendes Gegengewicht gegen die Dynamik der den Menschen sich selbst entfremdenden Naturwissenschaft und Technik...“.
Für uns heute sind die phantastischen Geschichten Ovids eine Kunst der „Wiedervertrautmachung“. „Denn die Menschen: das sind ihre Geschichten. Geschichte aber muss man erzählen. Das tun die Geisteswissenschaften: sie kompensieren Modernisierungsschaden, indem sie erzählen … Sonst sterben die Menschen an narrativer Atrophie.“ (Marquard)

Diese Schrift des Philosophen Odo Marquard ist eine notwendige Voraussetzung, um der ,Wirklichkeitswandel‘ unserer Zeit zu verstehen. Wirklichkeitswandel, der, auch wenn er nicht eindeutig mit der literarischen Tradition der „Verwandlung“ in Zusammenhang gebracht werden kann, vor dem Hintergrund dieser Tradition klarere Konturen gewinnt.

∎ Zeitalter der Weltfremdheit?

„Unsere Zeit hat viele Namen. Sie gilt als »Industriezeitalter« oder »Spätkapitalismus« oder »Atomzeitalter«; sie gilt als »Arbeitsgesellschaft« oder »Freizeitgesellschaft« oder »Informationsgesellschaft«; sie gilt als Zeitalter der »funktionalen Differenzierung« oder »Epoche der Epochisierungen« oder »postkonventionelles Zeitalter« oder bereits als »nacheuropäisches Zeitalter« oder einfach als »Moderne« oder auch schon als »Postmoderne« und so fort. Diese Vielnamigkeit ist indirekte Anonymität: unsere Zeit und Welt befindet – scheint es – auch deswegen in einer Orientierungskrise, weil sie zunehmend nicht mehr weiß, mit welcher dieser Kennzeichnungen sie sich identifizieren muss.“

„Neu ist nämlich eine zeitalterspezifisch moderne Beeinträchtigung des Erwachsenwerdens. Ich nenne sie tachogene Weltfremdheit; denn sie resultiert aus der beschleunigten Schnelligkeit (auf griechisch: to táchos) des modernen Wirklichkeitswandels.“


II.

In dem Proömium stellt Ovid sein Werk kurz vor:

„In nova fert animus mutatas dicere formas
corpora; di, coeptis (nam vos mutastis et illas)
aspirate meis primaque ab origine mundi
ad mea perpetuum deducite tempora carmen!“

Lateinische Verse, die Hermann Breitenbach so übersetzt:

„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue
Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,
Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse
Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!“

Das persönliche Prooemium oder der Prolog des Dichters, dem am Ende der „Metamorphosen“ ein Epilog entspricht, behandelt die Urgeschichte der Menschheit von der „(als Science-fiction eingekleideten) Schöpfungsgeschichte über die (an hesiodische Tradition anknüpfenden) vier Weltalter und die Sintflut bis zur Neuentstehung der Menschen und der »Urzeugung« sonstiger Lebewesen“ (Michael von Albrecht, „Ovid · Eine Einführung“ | UB 17641). „Literarisch knüpft das Proömium (durch Anrufung der »zuständigen« Götter) an Traditionen des Lehrgedichts an, die auch in der Abfolge der Weltalter und anderwärts spürbar sind, spielt aber zugleich mit dem Anspruch homerischer Kontinuität und kallimacheischer Feinheit“ (M. v. Albrecht). In diesem Kontext ist auch die Idee der Metamorphose („mutatas formas“) zu verstehen, die als wahrer Herzschlag des Buches eine uralte und immer wieder neue Fragestellung berührt: Inwieweit ist der Glaube an die Lebendigkeit der alten Bilder vererblich? Die Mythen haben längst für uns ihre Realität verloren, nicht aber ihre Wahrheit. Und solange wir uns in ihrem Spiegel wiedererkennen, haben sie uns etwas zu sagen.

Das Gedicht der „Metamorphosen“ endet im 15. Buch mit Caesars Apotheose und einem Preis des Augustus. Es fließt „ununterbrochen“ dahin und reicht von der Schöpfung (das Hesiodische Thema der Kosmogonie) bis in Ovids eigene Zeit.

∎ Das Leben als Bild, als Kunstwerk

„Auch für den Zusammenhang von ›Bildung‹ und ›Bild‹, für die Ineinssetzung von Ästhetik und Ethik, eine Lieblingsvorstellung der deutschen Klassiker, könnte man auf antike, zumal platonisierende Wurzeln verweisen. […] Das Leben als Bild, als Statue, als Kunstwerk: diese programmatische Maxime gelangte über Plotin und den Neuplatonismus zu Shaftesbury, zu Winckelmann und zur deutschen Klassik.“ (Manfred Fuhrmann, „Bildung“ · Europas kulturelle Identität, S. 49 | UB 18182)

Wir erinnern uns, dass sowohl die Klassiker als auch Ovid Ästhetik und Ethik, Bildung und Bild, gleichermaßen unter die Idee des Lebens fassten, während die Postmoderne das Leben sowohl von der Bildung als auch von der Ethik absetzt. Die Beziehung von Mythos und Leben überschneidet sich mit der von Mythos und Bildung, sodass viele der Ovids Geschichten auch hier hätten diskutiert werden können. Mythos ist Teil unserer Interpretation der Wirklichkeit, Mythos ist Leben: der Mythos hat sich aus dem Leben entwickelt und jetzt erfüllt er die Funktion, uns mit Leben wieder vertraut zu machen. Der moderne ,Mann der Tat‘ ist zufrieden, dass die Welt existiert und Dinge darin passieren. Für ihn ist die (Schopenhauerische) „Vorstellung“ der Welt sekundär. Dem liegt eine grundsätzliche Gleichgültigkeit zugrunde. „Nicht dass Gregor Samsa – schreibt Günther Anders in „Franz Kafka – Pro und Contra“ (Die Neue Rundschau 58, 1947) – am Morgen als Käfer aufwacht, sondern dass er darin nichts Staunenswertes sieht, diese Alltäglichkeit des Grotesken macht die Lektüre so entsetzenerregend. Das Prinzip, das man das der ›negativen Explosion‹ nennen könnte, besteht darin, dass, wo ein Fortissimo zu erwarten steht, noch nicht einmal ein Pianissimo einsetzt, sondern die Welt ihre unveränderte Lautstärke einfach beibehält. – In der Tat ist nichts verblüffender, als die Unverblüfftheit und Naivität, mit der Kafka in die erstaunlichsten Geschichten hineinspringt.“ Kafka übersetzt in Bilder nicht Begriffe, sondern Situationen. Genauer: „er schöpft aus dem vorgefundenen Bestand, dem Bildcharakter der Sprache“. (G. Anders) Kafkas Verhältnis zu den antiken Mythen, den biblischen und chassidischen Erzählungen ist geprägt vom Prinzip der ,Entstellung‘ und ,Widerrede‘. Kurzgeschichten wie „Prometheus“, „Poseidon“, „Das Schweigen der Sirenen“, „Der Jäger Gracchus“ sind mythendeformierende und entmythologisierende Stücke.
Altertümliche Erzählungen, Göttergeschichten sind natürlich von der Moderne und Postmoderne als Ausdrucksform einer vorrationalen Stufe der Kultur verstanden, die – denkt man – im aufgeklärten, nachmythischen Zeitalter ihre Wirksamkeit verloren haben. Das ist nicht ganz wahr. Im Gegensatz dazu werden diese Erzählungen aber auch als grundlegende Modelle menschlichen Weltverständnisses aufgefasst, die ,auch‘ in der Moderne weiterhin ihre Verbindlichkeit bewahren. Sie bestimmen das menschliche Verhalten unbewusst. Man denke an den Ödipus-Komplex bei Sigmund Freud oder an die Archetypen Carl Gustav Jungs. Als ›Mythen des Alltags‹ (Roland Barthes) dienen sie der emotionalen Orientierung und als gemeinsame Kommunikationsbasis in der modernen Gesellschaft. Die Literatur hat einen mythischen Ursprung und die Sagen der Mythen drücken diese antike Herleitung der Literatur aus dem Mythos aus. Man kann das Motto von Camus („Mythen sind dazu da, von der Phantasie belebt zu werden“) als ein Zeichen, dass zwar die klassische Mythologie überlebt hat.

Metamorphose, Verwandlung | griechisch ›μετα-μορφόω‹ (umgestalten, verwandeln) – ich wollte hier die Stärke dieser uralten Idee, dieser Energien, die Franz Kafka noch im 20. Jahrhundert nach Christus beherrschten, kurz verdeutlichen. Kein Wort bewahrt dieses Erbe so wirkungsvoll wie die Bezeichnung der griechischen Sprache: ›μετα-μορφωσις‹ = Transformation:

»Ovid’s „Metamorphoses“ also presents itself as a microcosm, or a universe recreated in the poem. The work actually begins with the origins of the world; then comes the story of the succession of the four ages (the Golden, Silver, Bronze, and Iron ages), and the poem ends in the fifteenth book with a vision of the peace brought to the world by Augustus. Between the origins and the present, the history of metamorphoses depicts the chain of causes and effects, or of the world’s events.«

(Pierre Hadot, „Le Voile d’Isis: Essai sur l’histoire de l’idée de Nature“ | englische Übersetzung von Michael Chase)



OVID IN TOMI

Der Himmel eine Last, dezemberschwer.
Wolken von Weißgold, nur in kargen Streifen,
lichten, was immortellengrau verhängt ist.
»Zu«, geschlossen wie das Außen, so mein Innen.

Das Meer – ein Eisen wie ein Phalanx-Schild,
brandungslos, nomen est omen: schwarz.
So abweisend, so undurchdringlich,
als könne nie ein Schiffsbug es zerteilen …

Das höhnt mir jeden Fluchtgedanken weg
– wohin auch, Bürger eines Weltstaats?
Kein Trost, daß auch der Herr der Weltanschauung
der Herrin lebenslänglicher Gefangner.

Zum Schutz vor ,ihr‘ verbannte er mich mondweit.
Wie bleibst du auf den Füßen, Erhabener,
ertappst du dich, daß du aus Angst nicht ißt,
bevor die Kaiserin aus gleicher Schüssel aß?

Du komischer ,Monarch‘, der heute schon
– an welchem Hofe hat’s das je gegeben? –,
vier Prinzen überlebt hat, die »gestorben«
an ihrem Recht, dein Thronfolger zu sein!

Wer lacht, dem fröstelt’s im Genick, daß du
›Medea‹ für die Schaubühne verbietest,
weil dir die Mörderin im Staatstheater spiegelt,
wie Livia mit deinen Enkeln umspringt …

(Rolf Hochhuth, „Anekdoten und Balladen“ – Künstler und ihre Gesellen | UB 18112)

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