Péter Esterházy Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)

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Inhaltsangabe zu „Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)“ von Péter Esterházy

Ein Roman aus zwei Teilen. Teil I ist die grandiose Parodie eines Produktionsromans", jener Gattung, in der die Autoren der kommunistischen Hemisphäre gemäß der Doktrin des sozialistischen Realismus das Leben der Arbeiterklasse optimistisch widerzuspiegeln" hatten. Esterházy zeigt den Tagesablauf in einem mathematischen Institut, die Irrungen und Wirrungen des Rechentechnikers Imre und seines Genossen Generaldirektor Gregory Peck, beide hin(und her-)gerissen von der blonden Sekretärin Marilyn Monroe. Aber jede Produktion, die der Titel verspricht, wird von der Papierflut überschwemmt, die die groteske Slapstick-Suche nach einer verloren gegangenen Studie auslöst. Teil II heißt E.s Aufzeichnungen". Der Chronist Peter Eckermann (oder Péter Esterházy?) berichtet in Anmerkungen voller Verehrung und Respekt, aber hochvergnüglich über die Umstände, unter denen Teil I vom Meister" (Goethe?, Péter Esterházy?) geschrieben wurde, über dessen Privatleben - in Szenen von gnadenloser Alltäglichkeit, immer wieder unterbrochen von den Kommentaren des Meisters", seinen Reflexionen über den Roman. Nur scheinbar ein Anmerkungsteil, ist es in Wahrheit ein Produktionsroman" im Esterházy'schen Sinne, ein Roman über die Produktion eines Romans, die Keimzelle seiner späteren Themen und Schreibweisen und, zusammen mit den typo - graphischen Frechheiten und dem bischofsvioletten Umschlag (eine Reminiszenz an eine Jugend als Messdiener), ein Affront zu Zeiten der herrschenden Widerspiegelungstheorie", der Einbruch der Moderne in die ungarische Literatur. Nach dem Erscheinen des Produktionsromans" 1979 gab es dort nur noch ein Davor" und Danach", und in der Weltliteratur hatte er nur einen Vorläufer: Nabokovs Fahles Feuer.

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  • Rezension zu "Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)" von Péter Esterházy

    Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)
    Wolkenatlas

    Wolkenatlas

    21. March 2011 um 08:11

    Wenn die Parodie im Keim erstickt wird oder wie man sich ein Eigentor schießt Die Gattung des Produktionsromans muss man in eine ähnlich abstruse Schublade stecken wie die kommunistischen Propagandalieder, gewidmet den Bauern, den Kindern und vor allem dem Proletariat. Schein war alles, und alle Menschen sollten in jeder Hinsicht spüren und wissen, dass sie im besten, schönsten und gerechtesten System auf dieser Welt lebten, liebten und arbeiteten. Für die Erfüllung des kommunistischen Plansolls wurden Komponisten für das Erschaffen von sozialistisch realistischen Symphonien, Konzerten und Sonaten (bevorzugt mit Widmungen an das Proletariat, an die tapferen Raumfahrer oder andere Sowjethelden) fürstlich bezahlt, Schriftsteller und andere Künstler für gleichwertige Werke der jeweiligen Sparte. Die Menge von mittlerweile unbedeutenden Romanen, Bildern und Musikwerken dieser Zeit ist fast unüberschaubar groß. Dass die wahren Künstler, die in diesem Biotop von Speichelleckern und Konformisten lebten, versuchten, die Vorgaben zu parodieren, bestenfalls so, dass es dem jeweiligen Inspizienten im Ministerium nicht auffallen würde, ist verständlich. Solche Werke gibt es in der Literatur und der Musik, z.B. Sergei Prokofieffs Symphonie Nr. 7, die, wenn auch der sowjetischen Jugend gewidmet, dem gutheißenden Inspizienten, der Prokofieff den höchsten Honorarsatz ausgezahlt hatte, den Arbeitsplatz und die Wohnerlaubnis in Moskau gekostet hat, da die bei der Uraufführung anwesenden Parteibonzen die Ohrfeige Prokofieffs eindeutig spürten. Péter Esterházys "Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)" versucht sich vermeintlich in ebendiesem Genre und beginnt, wortgewandt und assoziativ, als quasi typischer Produktionsroman. Ein technisches Institut, der junge Techniker Imre, der Genosse Generaldirektor Gregory Peck und eine von allen begehrte blonde Sekretärin mit dem kecken Namen Marilyn Monroe. Zusammenfassend besteht der erste Produktionsroman aus dem Werken der im Institut arbeitenden Techniker, die, mit der gefährlichen Waffe "das Terminal" ausgestattet, besorgt ihre Arbeit erledigen sollen. Dossiers und Mappen sollen gefüllt werden, das erstarkende Vaterland soll mit Daten überschwemmt werden. Doch in Wahrheit kümmert sich natürlich niemand um das Vaterland, sondern wühlt so gut er oder sie jeweils kann, im kleingeistigen Sammelbecken der Intrigen, Konkurrenzkämpfen, des Mobbings und der Eifersüchteleien, in denen die aufreizende Marilyn natürlich im Zentrum des Geschehens zu finden ist. Dass das Ganze nur in einer Tragödie enden kann, ist vorprogrammiert, und so begräbt eine sintflutartige Welle aus Akten und Dokumenten das Institut unter sich. Absurde Szenen von fast surreal bizarren Sitzungen und die Anwendung von erfundenen und ebenso absurden Schädlingsbekämpfungsmitteln folgen, oder leiten teilweise wirklich beeindruckende Momente ein, wie zum Beispiel eine mehr als zehn Seiten dauernde Gedankenlinie, die sich um die Frage, "was ich tun würde, wenn ich Chef wäre" dreht. Denn, wie der Protagonist bemerkt, "würde er dann klauen, betrügen, lügen; man würde ihm auch Luft zufächeln ..." Dass sich Péter Esterházy in diesem Roman (diesen Romanen) mehrfach selbst verewigt, ist eine weitere Anspielung in diesem in Anspielungen ertrinkenden Roman. Imre Tomcsányi, der Hauptprotagonist des ersten Teils, erweist sich im zweiten Teil, als Erfindung und Alter Ego des Autors Péter Esterházy, der wiederum zwischen Peter Eckermann (Goethes Chronisten) und Péter Esterhazy, beide mit dem Kürzel P.E. abwechselt ... Und so hetzt man atemlos und mit wachsender Verzweiflung dem Verständnis aller Anspielungen und Pointen hinterher, während man enttäuscht feststellen muss, dass man im Meer der fließenden, postmodernen Übergänge, in den Wechseln zwischen den beiden Produktionsromanen oft im Sumpf des Unverständnisses hängengeblieben ist. Und so gelangt man frustriert und unbefriedigt ans Ende dieser fünfhundertvierundvierzig Seiten, wissend, dass man soeben ein für die ungarische Literatur immens wichtiges Werk gelesen hat, wissend, dass man soeben den für Péter Esterházy vielleicht entscheidenden Startschuss erlebt hat, annehmend, dass Térezia Mora eine übersetzerische Glanzleistung erbracht haben muss, und froh, dass man es, trotz immer wieder auftretender Verzweiflung durch den ersten Produktionsroman und den aus Hunderten von Fußnoten bestehenden zweiten Produktionsroman geschafft hat. Leider stellt sich nur keine wirkliche Genugtuung ein, kein Gefühl der Belohnung, aber auch kein Gefühl, dass man als Leser in diesem übertriebenen Werk der Übertrumpfung, in dem der Autor vermutlich auch James Joyce auf den Zahn fühlen wollte, etwas wirklich Großes gelesen hat. Denn einerseits ist die in diesem Roman parodierte Welt des sozialistischen Realismus ohne zwingende literarische Umsetzung im Jahr 2011 bereits zu weit entfernt, und da andererseits der sowieso schon chimären- und sprunghafte Text in seinem Fluss durch das permanente Hin und Her zwischen den beiden Produktionsromanen (allerdings verlagstechnisch schön mit zwei Lesebändchen gelöst) erheblich gestört, eigentlich sogar zerstört wird. Möglicherweise ist ja genau das die Absicht des Autors gewesen, wenn ja, so ist das sehr gelungen. Dem Roman bzw. den beiden Romanen, wenn man will, fehlt aber dieses literarisch Zwingende, dieses Fortführende; etwas, das dazu führen könnte, diesen Roman als beglückendes Leseerlebnis im Gedächtnis bleiben zu lassen. Auf dem Spielfeld der beiden Produktionsromane besiegt jedoch am Ende die historische Tatsache des Existierens dieses Romans das literarische Interesse durch ein lupenreines Eigentor. (Erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at, Roland Freisitzer; 03/2011)

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