Patrícia Melo

 4,2 Sterne bei 108 Bewertungen
Autor*in von Gestapelte Frauen, Leichendieb und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Patrícia Melo (*1962 in São Paulo) zählt zu den wichtigsten Stimmen der brasilianischen Gegenwartsliteratur. Nach ihrem Studium in São Paulo arbeitete sie beim Fernsehen. In ihrem sozialkritischen Werk, bestehend aus Kriminalromanen, Hörspielen, Theaterstücken und Drehbüchern, beschäftigt sie sich mit der Gewalt und Kriminalität in Brasiliens Großstädten. Melo wurde u. a. mit dem Deutschen Krimipreis und dem LiBeraturpreis ausgezeichnet, die Times kürte sie zur »führenden Schriftstellerin des Millenniums« in Lateinamerika. Sie lebt in Lissabon.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Patrícia Melo

Cover des Buches Gestapelte Frauen (ISBN: 9783293209398)

Gestapelte Frauen

(34)
Erschienen am 11.07.2022
Cover des Buches Leichendieb (ISBN: 9783608501186)

Leichendieb

(22)
Erschienen am 15.04.2013
Cover des Buches Die Stadt der Anderen (ISBN: 9783293710443)

Die Stadt der Anderen

(20)
Erschienen am 10.07.2025
Cover des Buches Der Nachbar (ISBN: 9783608503876)

Der Nachbar

(9)
Erschienen am 22.10.2018
Cover des Buches Trügerisches Licht (ISBN: 9783608502152)

Trügerisches Licht

(4)
Erschienen am 18.07.2016
Cover des Buches Wer lügt, gewinnt (ISBN: 9783426637548)

Wer lügt, gewinnt

(6)
Erschienen am 01.08.2007
Cover des Buches Wer lügt gewinnt (ISBN: 9783803126825)

Wer lügt gewinnt

(4)
Erschienen am 02.05.2012

Neue Rezensionen zu Patrícia Melo

Cover des Buches Die Stadt der Anderen (ISBN: 9783293710443)
A

Rezension zu "Die Stadt der Anderen" von Patrícia Melo

Almut_Scheller_Mahmoud
Jedermann/Jedefrau ist seines Glückes Schmied

Dieser Satz war schon bei den alten Römern im Umlauf.  Heute in neoliberalen Zeiten ist er aktueller denn je, teilt er doch die Menschen in zwei Klassen. Die, die es schaffen, sich in der Gesellschaft erfolgreich zu behaupten und die Anderen, die den „Bodensatz“ einer Gesellschaft bilden. 


Patricia Melo gelingt es meisterhaft, dass wir uns den Menschen des Großstadtdschungels Sao Paulos lesend nähern, sie kennenlernen: wer sie sind, woher sie kommen, warum sie auf der Straße leben, ihre Ängste und vor allem auch ihre Träume. Es sind Individuen wie du und ich. In klaren Schilderungen ohne Betroffenheitsduselei werden die einzelnen Charaktere ausgeleuchtet und lebendig:

 

Seno Chacoy, der Venezolaner

Douglas, der Totengräber, verheiratet mit Regiana, der eine gedankliche Pyramide entwirft:

Am Fuße die Menschen und die Primaten, die auch grausam sein und Kriege führen können. Mittig die Tiere, die nur töten, um zu überleben. Und an der Spitze die Pflanzen mit den Bäumen als höchstem Ausdruck des Guten.

Zélia Firmino, ihre Kinder João Henrique und Jessica

Chilves, Jessicas Partner und Vater ihrer neugeborenen Tochter 

Glenda, die Transfrau, 

Dido und sein Hund Afonsinho

ZJ, der Rapper

Farol Baixo, der Lügner

Iraquitan Soares, der Schriftsteller, der Funken sprühende Worte sammelt


Die wenigen der „anderen Seite“:

Rita, die Journalistin

Ciro Andrade Filho, der Verleger

Padre Augusto


Und als Beispiel für die Ausführenden der staatlichen Executive:

Marreco und Cleber, zwei Polizisten, die Einsatzberichte fälschen, Tatorte manipulieren und Hinrichtungen arrangieren.



Da wird ein Mikrokosmos im Makrokosmos sichtbar mit seinen vielfältigen Regeln und Repressionen: Die staatlichen Herbergen, ein Platz für Ansteckungen und Diebstähle,  sind tagsüber geschlossen

Die christlichen Heime, auch dort verwanzte Betten, missionarische Gehirnwäsche.

Ganze Gemeinden, die sich mit Milizen, der Polizei und den Drogenkartellen zusammenschließen.

Psychosoziale Zentren, die mit Elektroschocks arbeiten. 


Die morgendliche Überlebensroute: immer in Bewegung bleiben, sonst ist man eine Zielschreibe für die Militärpolizei, die braven Bürger und die Evangelikalen.

Der Zusammenhalt unter den „Erniedrigiten“, aber auch dort sind manche Schafe schwarz.


Alle sind miteinander verbunden. Niemand glänzt im Scheinwerferlicht der Autorin. Patricia Melo nutzt die Einzelschicksale als Gesamtschicksal, um die Politik und die Gleichgültigkeit der braven  Bürger anzuprangern, die vergessen, dass der Absturz in die Namenlosigkeit und Unsichtbarkeit  jeden treffen kann. Sie präsentiert uns staatliche Gewalt, durchsetzt von Korruption und Kriminalität und lässt wenig Hoffnung auf einen funktionierenden Rechtsstaat. 


Ein beeindruckendes Porträt einer Gesellschaft und ihrer Menschen. Unbedingt lesenswert, um vielleicht im Hier und Jetzt die Augen offen zu halten für „die Anderen“-


„Denn die einen sind im Dunkeln Und die andern sind im Licht“. (Brecht

Cover des Buches Die Stadt der Anderen (ISBN: 9783293006027)
renees avatar

Rezension zu "Die Stadt der Anderen" von Patrícia Melo

renee
Berührende Einblicke

Die Stadt der Anderen. Welcher Anderen? Wer sind diese Anderen? Patrícia Melo beschreibt in ihrem Buch „Die Stadt der Anderen“ die Welten der Obdachlosen von São Paulo. Sie gibt diesen Anderen Gesichter, sie gibt diesen Anderen Leben, macht sie der Leserschaft greifbar. 

Patrícia Melo lässt uns in eine andere Welt blicken, ermöglicht diesen vielbeschworenen Blick über den Tellerrand. Nun könnte man sich in seiner vermeintlich sicheren Welt zurücklehnen und für sich schlussfolgern, dass es hier eben diese Anderen sind, um die es hier geht. Doch ist dies wirklich so? Sind diese hier beschriebenen Anderen wirklich die Anderen, oder sind es wir alle?

Das ist eine Frage, die schmerzlich sein könnte!

Denn in unserer leistungsorientierten Welt zählt der Leistende. Und es zählt der Vermögende. Und diese Anderen? Da wir ein sozialer Staat sind, werden auch die Anderen unterstützt. Noch. Denn auch bei uns werden diese Stimmen lauter, die diesen Anderen ihre Sicherung minimieren möchten. Kürzungen im sozialen Bereich liefen schon und laufen weiter. Was kommt dann noch? Wie weit sind wir dann von diesen hier beschriebenen Verhältnissen in São Paulo entfernt? Wann ist diese Stadt der Anderen bei uns? Wollen wir das?

Aus dieser Sicht heraus ist „Die Stadt der Anderen“ ein überaus wichtiges Buch. Man kann es lesen und diese hier beschriebene Welt in São Paulo verorten. Man kann sich nach der sehr berührenden Lektüre zurücklehnen und sich in seiner Sicherheit wiegen. In dieser vermeintlichen Sicherheit.

Man könnte auch bei den Anderen verbleiben und ihnen diese sich schnell anbietende Schuldzuweisung zukommen lassen. Man könnte das. Aber will man das als lesender Mensch? Denn die Welt der Literatur macht ja etwas mit uns. Sie gewährt Einblicke. Und diese Anderen sind meiner Meinung nach wir alle. Suchterkrankungen sind Erkrankungen. Punkt. Wie viele anderen Erkrankungen gibt es, die die eigene Leistung behindern und auch verhindern? Was ist man dann wert in dieser leistungs- und gewinnorientierten Gesellschaft, in der sich zunehmend auch recht gewissenlose Subjekte in höheren Positionen tummeln?

Diese Frage tut weh, ich weiß.

Und die vermeintliche Sicherheit, in die man sich zurückziehen möchte, ist schwankend und fragil. Und diese Sicherheit wird immer fragiler. Sie ist zerbrechlich.

„Die Stadt der Anderen“ zeigt eine Welt, in der wir nicht leben wollen, in der aber Teile unserer Gesellschaft in einem gewissen Maße schon leben. Auch dies sollte uns bewusst sein. Suchterkrankungen gibt es auch bei uns, Menschen in ausweglosen Situationen ebenso, auch Obdachlose befinden sich schon in unseren Städten. „Die Stadt der Anderen“ ist also schon da, auch wenn wir sehr gern die Augen davor verschließen möchten. Diese Stadt der Anderen ist bei uns sicher noch nicht so ausgeprägt wie hier in São Paulo beschrieben. Aber müssen wir so lange warten bis diese Zustände auch bei uns zutreffen?

Das Buch stellt die Frage wie wertvoll jeder Mensch in unseren Landen ist. Manche sehen hier ja Unterschiede. Andererseits kann man auch fragen, wie krank so eine Unterteilung ist. Denn in der Geschichte zeigt sich ja, wohin solche Einteilungen führen können.

Patrícia Melo hat mit „Die Stadt der Anderen“ ein soghaft-spannendes Buch geschrieben, ein berührend-emotionales Buch. Es zeigt auf was in unseren Gesellschaften los ist, es zeigt diese Anderen, gibt ihnen Stimmen und Gesichter, macht sie erlebbar. Was dieses Buch mit uns als Lesenden macht, muss jede/r für sich selbst entscheiden.

Mich hat „Die Stadt der Anderen“ tief berührt und für mich war dieses Buch von Patrícia Melo ein Lesehighlight in diesem Lesejahr 2025. ❤

Cover des Buches Die Stadt der Anderen (ISBN: 9783293006027)
Aischas avatar

Rezension zu "Die Stadt der Anderen" von Patrícia Melo

Aischa
Moloch São Paulo

Patrícia Melo entwirft in "Die Stadt der anderen" ein schonungsloses, aber packendes Panorama der Armenviertel São Paulos zur Zeit der Bolsonaro-Regierung. Anfangs hat mich die Vielzahl der Figuren sowie die häufigen Szenenwechsel durch die sehr kurzen Kapitel etwas verwirrt– ein Personenregister wäre hier hilfreich gewesen. Doch sobald man sich in die Geschichte eingelesen hat, entfaltet sich eine große Sogwirkung, und ich mochte das Buch kaum noch zur Seite legen.

Die Großstadt erscheint als düsterer Moloch, in dem Gewalt und Hoffnungslosigkeit allgegenwärtig sind. Polizei und Institutionen, die offiziell für Ordnung oder soziale Hilfe sorgen sollen, entpuppen sich als zutiefst korrupt, brutal und rassistisch, das Leben eines Obdachlosen ist nichts wert. Die sogenannten Ordnungshüter verüben gerne auch mal Selbstjustiz und lassen die Leichen auch gleich verschwinden. Besonders bedrückend ist die Darstellung des Lebens auf der Straße, das einer eigenen, rauen Ordnung folgt. Trotz Solidarität unter den Ausgestoßenen bleibt es ein Überlebenskampf mit eigenen Regeln, in dem Transsexuelle und Migranten auf der untersten Stufe stehen und noch stärker ausgegrenzt werden.

Melo schildert diese Realität mit sprachlicher Wucht und intensiver Bildkraft. Einige Figuren, wie etwa der auf der Straße lebende Schriftsteller, der von einem Literaturagenten entdeckt und medial gehypt wird, wirken zwar klischeehaft, doch insgesamt gelingt es der Autorin, eine bedrückende und gleichzeitig fesselnde Gesellschaftskritik zu formulieren. Besonders eindrücklich ist die Entlarvung jener Institutionen, die angeblich soziale Verbesserungen anstreben, in Wahrheit jedoch nur am Leid der Ärmsten verdienen.

Fazit: Packende brasilianische Gesellschaftkritik, teils ein wenig überzeichnet.

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