Cover des Buches Die eine, große Geschichte (ISBN: 9783939937173)mabuereles avatar
Rezension zu Die eine, große Geschichte von Patricia Koelle

Die Suche nach der einen, großen Geschichte

von mabuerele vor 8 Jahren

Review

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mabuerelevor 8 Jahren

„...Genau heute, um fünfzehn Uhr achtundfünfzig, hatte er gewusst, dass er nicht mehr warten konnte...Ab heute würde er den Wörtern entgegengehen...“


Kalle ist Busfahrer in Berlin. Mit dem Beruf hat er sich den Traum seiner Kindheit erfüllt. Als heute eine ältere Frau den Bus verlässt und eine Ähre auf den Boden fällt, entscheidet Kalle spontan, fristlos zu kündigen und in die Ferne zu fahren. Er möchte sich seinen zweiten Traum erfüllen und die eine, große Geschichte schreiben. Das ist einer der drei Gründe, weswegen er alles hinter sich lässt. Sein Weg führt ihm ans Meer.

Der erste Teil der Reise ist geprägt von einer Leichtigkeit der Erzählung. Ich habe mich als Leser von Kalle mitgenommen gefühlt auf die Suche nach den Wörtern und auf die Spuren der Erinnerung. Die Sehnsucht des Protagonisten ist mit jeder Phase spürbar. Er genießt es, Zeit zu haben, Entscheidungen fällen zu dürfen, die nicht an Fahrpläne gebunden sind. Gerade diese Gegensätzlichkeit zwischen seinem bisherigen streng reglementiertem Leben als Busfahrer und der neuen Freiheit gibt der Geschichte ein besonderes Flair. Dazu kommt die genaue Beobachtungsgabe. Die Autorin beherrscht das Spiel mit Wörtern. Ihre Sätze malen Bilder, die sich einprägen. Manche Stellen habe ich mir auf der Zunge zergehen lassen, so schön war die Natur beschrieben.

Eine erste Rückkehr in die Realität erlebt Kalle bei seinem Blick auf den Kontoauszug. Ein verständnisvoller Chef aber gibt ihm Zeit, seinen Traum weiter zu leben, ohne viel zu fragen. Doch so wie die große Geschichte des Lebens nicht nur aus guten Tagen besteht, so wird auch Kalle mit Tod und Trauer konfrontiert. Wieder versteht es die Autorin, die Situation emotional berührend, aber nicht übertrieben sentimental zu schildern.

Auf seiner Reise zu sich kommt Kalle mit verschiedenen Menschen zusammen. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Plötzlich erinnern sich die Menschen ihrer Träume. Es entwickeln sich tiefsinnige Gespräche. Menschen inspirieren Kalle, seinen Weg weiterzugehen.

Kalles Reise ist kein Müßiggang. Er sieht, wo er gebraucht wird, und hilft. Immer wieder erlebt er, dass Freundlichkeit mit Freundlichkeit erwidert wird. Manchmal sind es Kleinigkeiten am Wegrand, ein Marienkäfer auf einem Blatt, die Seepferden im Meer, ein Gespinst aus Miesmuscheln, die seinem Weg neu Ziel und Richtung geben.

Am Anfang weiß ich als Leser wenig von Kalle. Durch die Rückblenden in seine Vergangenheit lerne ich ihn nach und nach kennen. Die Reise ermöglicht ihm gleichzeitig eine Aufarbeitung dieser verflossenen Jahre, ein Zulassen der Trauer, ein Erinnern an besondere Zeiten und manches mehr.

Was sich anfangs wie ein Märchen für Erwachsene liest, spiegelt mehr und mehr die Vielfalt des Lebens. Zwar bleibt der märchenhafte Grundton, doch die Realität schimmert immer mal zwischen den Zeilen durch.

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Vor allem die bildhafte, ausdrucksvolle, stilsichere und punktgenaue Sprache der Autorin hat mich begeistert. Das Buch steckt voller besonderer Ideen. Es ist ein Buch zum Träumen, lässt aber auch das eigene Leben Revue passieren. Man stellt sich plötzlich die Frage nach den eigenen Lebensträumen. Die Autorin nennt das Dominoeffekt. Passender geht es nicht.

Das Cover ist nach einer Szene des Buches gestalten. Ich fand es schön, das Bild im Buch mit Worten wiederzufinden.

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