Patrick Deville

 4.1 Sterne bei 14 Bewertungen
Autor von Pest & Cholera, Viva und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Patrick Deville

Patrick Deville, geboren 1957, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften und Philosophie in Nantes und arbeitete dort anfänglich als Dozent. Er lebte in den 1980er Jahren im Nahen Osten, in Nigeria und Algerien. In den 1990er Jahren besuchte er Kuba, Uruguay, Mittelamerikanische Staaten und Staaten des ehemaligen Ostblocks. Er gründete und leitet die »Maison des écrivains étrangers et des traducteurs« und deren Zeitschrift Meet. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem als »bester Roman des Jahres« der Zeitschrift Lire, mit dem Fnac-Preis und dem Prix Fémina.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Patrick Deville

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Cover des Buches Pest & Cholera (ISBN: 9783293207752)

Pest & Cholera

 (6)
Erschienen am 24.07.2017
Cover des Buches Viva (ISBN: 9783293208476)

Viva

 (3)
Erschienen am 15.07.2019
Cover des Buches Kampuchea (ISBN: 9783293207905)

Kampuchea

 (2)
Erschienen am 19.02.2018
Cover des Buches Äquatoria (ISBN: 9783293208049)

Äquatoria

 (2)
Erschienen am 16.07.2018
Cover des Buches Pura Vida (ISBN: 9783442739066)

Pura Vida

 (0)
Erschienen am 01.12.2009
Cover des Buches Taba-Taba (ISBN: 9783037620779)

Taba-Taba

 (0)
Erschienen am 01.02.2019
Cover des Buches Aequatoria (ISBN: 9783037620281)

Aequatoria

 (0)
Erschienen am 14.03.2013

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Rezension zu "Pest & Cholera" von Patrick Deville

Universitas rerum – Die Gesamtheit aller Dinge
Almut_Scheller_Mahmoudvor 5 Monaten


Wie in allen anderen Büchern von Deville strickt er uns eine Biographie aus bunten Fäden mit politischen, kulturellen und historischen Ausfransungen. Wieder einmal ist es ihm meisterlich gelungen, eine Lebensgeschichte, die des Alexandre Yersin, dem Entdecker des Pestbazillus, zu einer spannenden und vor allem lehrreichen Lektüre aufzubauen, immer wieder gespickt mit glorreichen Namen jener Zeit wie Rimbaud, Céline, Loti, Cendras, Verne, Gide, Leiris, Miró, Albert Schweitzer, Baudelaire, Eiffel, Saint-Exupéry, Conrad, Brazza, Stanley, Stefan Zweig, Joyce, Livingstone und natürlich Pasteur. 


Es ist eine detailreiche Biographie des genialen Yersin, der nach medizinischem Studium in Marburg und Berlin, wo er für Robert Koch arbeitete, zu Pasteur nach Paris geht. In ihm, dem Entdecker der Tollwut-Impfung, findet er seinen Meister, seinen spiritus rector. 

Doch Yersin, ein geborener Schweizer, ist ein unruhiger Geist, ohne limitiertes Denken und ohne limitierte Horizonte. Paris war die Welthauptstadt der Medizin, das Zentrum der Mikrobilogie und Bakteriologie und nicht nur auf diesem Feld spielte sich die alte Feindschaft Frankreich-Deutschland ab. Es ging um Einfluss in Afrika und Asien. Auf dem Berliner Kongress wurde Afrika aufgeteilt. Nach fünf Jahren Paris heuert er als Schiffsarzt auf der „Volga“ an, die zwischen Saigon und Manila pendelt. Er liest viel, Livingstone ist für ihn ein Vorbild, er beschäftigt sich mit Astronomie, Drachenbau, Vulkanologie, macht erste ethnologische Beobachtungen. Und er findet, ohne es zu suchen, sein ganz persönliches Paradies, sein „Walden“, aber eben nicht nur auf Zeit und nicht als Experiment, sondern es wird sein Lebensinhalt: das Fischerdorf Nha Trang im heutigen Vietnam. 


Er arbeitet zwei Jahre als Entdecker und Landvermesser für den Generalgouverneur von Indochina, eine quasi imperialistische Arbeit, denn er muss die Boden- und Waldschätze und Trassen für Handelsrouten ausfindig machen. Rimbaud arbeitet zur gleichen Zeit als Waffenhändler für Menelik II von Abessinien….

Und er baut sein kleines Paradies als sein eigenes Imperium aus. Hier kauft er Land, zum Schluss sind es 20.000 ha, fast ein kleiner Staat, größer als Monaco, nur die entsprechende Hollywood-Diva fehlt. Er baut drei Häuser nach eigenen Entwürfen und erschafft sich seine eigene autarke Arche. Er baut eine Klinik und bildet die Einheimischen zu Laborgehilfen und Mechaniker aus. Er gründet ein Pasteur-Institut und interessiert sich für Ackerbau und Viehzucht, produziert seinen eigenen Strom. Er legt Kautschukplantagen an und ist mit Michelin im Geschäft, durch die Kultivierung von Chinarindenbäumen produziert er Malariamittel.  Er wird Ornithologe und Orchideenzüchter. Er baut Kaffee und Tabak an, hat eine Windmühle und einen Wasserturm und braut ein belebendes anregendes Getränke - die Kola-Cannelle – das er leider nicht patentieren ließ….Er züchtet Kanichen, baut eine Straße und eine Reparaturwerkstatt für Boote und Autos . Er erforscht die Hühnerzucht, angeregt durch seine Schwester in der fernen Schweiz, und studiert, wie aus Eigelb und Eiweiß Schnabel, Federn, Füße, Flügel wachsen. Er baut eine Wetterstation, kümmert sich um Aufforstung, beschäftigt sich mit Meteorologie und der Geodäsie und zum Ende seines Lebens verfällt er der klassischen antiken Literatur: er übersetzt die Griechen und Lateiner….


Während einer Expedition ins Landesinnere kommen Hilferufe aus Hongkong: die Pest sei ausgebrochen. Früher reiste die Pest gemächlich durch die Lande: mit Karren, zu Pferd, zu Fuß. Zu seiner Zeit und heute (die momentane Corona-Krise ist ein hervorragendes Beispiel) mit Dampfmaschine-oder Düsengeschwindigkeit. Er geht er einen anderen Weg als sein Konkurrent Kitasato, dem Japaner, den er aus Berlin kennt. Yersin untersucht die Pestbeulen, nach dem Anblick der toten verwesenden Ratten in der Kanalisation, während Kitasato sich auf die Organe und das Blut konzentriert. And the winner is: …… 

Er entdeckt den Pestbazillus und entwickelt ein Serum. Er impft den ersten Chinesen heimlich, da die Reaktion der Chinesen, nach Knechtung durch die Europäer (Opium-kriege), bei Misserfolg wohl tödlich wäre.  Später wird von Simond, einem weiteren „Pasteurien“ der Floh als Überträger identifiziert. Als die Pest in Bombay ausbricht, wird Yersin gerufen. Doch es gibt wenig Erfolge zu verzeichnen, denn Imkompetenz und Profilierungsgerangel der internationalen Ärzte sowie das Kastensystem und das buddhistische Prinzip Respekt vor Leben behindern die Arbeit.


1940 kommt er von seiner letzten Reise nach Paris zurück ins Paradies, wird dort bleiben und wird dort sterben: Yersin – ein Tausendsassa im Denken, ein Einzelgänger mit Agoraphobie und doch die Menschen liebend, ein Grenzgänger und Eigenbrötler, ein ruheloser Geist, ein Visionär, ein Alleswissenwollender, ein Vollblut-Forscher, für den Nichtwissen unentschuldbar ist. Ein Hochmütiger, der verwundert ist, dass nicht alle Menschen gleich sind.


Was ist geblieben von Alexandre Yersin? Sein Paradies ist heute ein Seebad mit einem kleinen Yersin-Museum. Ein Begriff ist geblieben: Yersinia pestis. Und dieses wunderbare Buch, mit dem Deville uns einen Ausnahme-Menschen auf dem Silberteller kredenzt. Diesen Universalisten, neben da Vinci, Leibniz, Alexander von Humboldt eines der ausgestorbenen Universalgenies.

Heute herrschen Spezialisierung und Beschränktheit auf die armselige kleine Welt, die trotz der Globalisierung nicht größer geworden ist. Denn dazu bedürfte es Geist und Wissbegier, Offenheit und Objektivität. Denn es ist schrumpfender Planet, wo sich die Orte bald einander gleichen. Schon Rimbaud erkannte: überall der gleiche bourgeoise Zauber, wo der Koffer uns hinpflanzt. 


Ich bin tief beeindruckt von diesem bereichernden Buch, das in fast kühler und doch höchst empathischer Schreibe, der Autor bezeichnet sich selbst als „Gespenst der Zukunft“ mit seinem Notizbuch,, der die einzelnen Lebensstationen des Protagonisten aufsucht, ein Leben nachzeichnet, das den meisten von uns Lesern gewiss fremd ist. Fremd als Name, fremd in seiner betörenden Wissbegier und in seiner totalen Individualität. 



Echter Fortschritt ist nur im und durch das Individuum möglich. Masse hat nie etwas Großes geschaffen. So erinnert eine Ratssitzung an die Hellsichtigkeit von Hamstern und ein Stadion an den Scharfsinn von Pantoffeltierchen.  (Baudelaire)







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Rezension zu "Viva" von Patrick Deville

Das Festmahl der Synapsen
Almut_Scheller_Mahmoudvor 9 Monaten

Der Gastgeber dieser üppigen Tafel ist der Autor Patrick Deville, der bereits in anderen Romanen fulminante Beispiele seiner Schreib- und Fabulierlust präsentiert hat.
Deville platziert seine illustren Gäste mit Platzkarten ganz comme il faut, lässt aber auch viel Platz am üppig gedeckten Tisch für „Zaungäste“. Deren Namen flattern en passant wie Appetizer umher. Delikatessen und Petitessen aus den überbordenden Biographien der Hauptgäste bilden die Essenz des Buches : die Curricula vitae sind wie ein Bouquet einer untergegangenen Welt, deren Kul- minationspunkt Mexiko ist. Der Leser landet in einem Strudel aus biographi- schen, politisch-geschichtlichen und kulturellen Details: der Roman ist vielleicht keine Heldenreise, aber auf jeden Fall eine Bildungsreise. Ein Menü gegen die Amnesie. Und regt an zum Recherchieren und Nachlesen – ach, wer was das noch, doch schon mal gehört?!


Leo Trotzki. Wir erleben seine Flucht nach Mexiko, von den Istanbuler Prinzen- insel kommend, nachdem der mexikanische Präsident Lázaro Cardenas ihm und seiner Frau ein Visum ausgestellt hat. Der Gründer der Roten Armee und der Favorit Lenins hat endlich nach Jahren der Verbannung und der Flucht seinen Ruhepunkt gefunden, der sich aber als Mausefalle entpuppt. Das zweite Attentat auf ihn in Frida Kahlos Blauem Haus misslingt nicht: Ramón Mercader schwingt den Eispickel gekonnt und gezielt. Zu Leo Trotzki fallen mir Szenen aus dem Film „Dr. Schiwago“ ein: Der mit einem gepanzerten Zug, die Fronten während des Bürgerkriegs abfährt. Zwei große schwarze Lokomotiven mit einem roten Stern und zahlreichen Waggons mit Druckerei und Telegraphenstation, mit Waffen, einem Lebensmitteldepot, Kleinlastern, Tankvorräten und sogar einem Lazarett. Sein Erzrivale Stalin lässt Trotzkis Namen aus allen Geschichtsbüchern löschen, sein Bild entfernen, seine Freunde und Familie auslöschen. Trotzki und Frida haben eine intensive leidenschaftliche Affäre, die Liebe zu seiner Frau aber siegt und die kurzen Auszüge ihrer Liebesbriefe sind etwas Berührendes.


Malcolm Lowry. Eine andere Liebesgeschichte, es sollte nach Willen ihres Autors die schönste Liebesgeschichte der Welt werden, hält den Leser in Bann. Lowry, Sohn eines reich gewordenen Liverpoolers Kaufmanns, erfindet sein Alter Ego, den Konsul, und dessen Frau Yvonne. Lowry lebt ein wildes Leben mit Rotwein und Mescal-Räuschen und doch vielen Jahren der Zurückgezogenheit in einer Hütte bei Vancouver. Seine Zeitgenossen wollen die Menschen und die Welt befreien, fallen in Kriegen, werden ermordet, er aber schreibt. 20 Jahre braucht er für die definitive Fertigstellung von „Unter dem Vulkan“. Ein Buch, das seit gut zwei Jahrzehnten in meinem Bücherregal steht und das ich wohl erst jetzt zum ersten Mal aufschlagen werde. Einer der größten Romane des 20. Jahrhunderts.


B. Traven. „Das Totenschiff“ ist wohl das berühmteste seiner vielen Werke, war für sehr lange Zeit ein „Nobody“. Niemand wusste, wer sich hinter diesem Namen verbarg. Angeblich soll er Ret Marut sein, ein aktiver Revolutionär der Münchner Räterepublik. Ihm gelang die Flucht nach deren Scheitern und er landete 1924 in Mexiko, wo er auch 1969 verstarb. Er geht nach Chiapas, lebt unter den Indige-






nen, beschreibt ihr Leben und ihre Mythen. Sein Roman „Der Schatz der Sierra Madre“ wurde von John Huston verfilmt und mit 3 Oscars prämiert. Für B. Traven bedeutete auf anarchistische Art zu leben: frei von Identitäten – man könne sich Eltern, Alter und Vaterland frei aussuchen.


Frida Kahlo. Leidet mit 6 Jahren an Kinderlähmung. Bei einem Busunglück durchdringt eine Metallstange ihr Becken. Sie muss ein Stahlkorsett tragen, verbringt viel Zeit eingegipst im Bett, immer wieder OPs. Im Bett beginnt sie zu malen. Sie heiratet Diego Rivera, den 20 Jahre älteren Malerfürsten. Sie leidet seelisch und körperlich unter den Folgen des Unfalls, was sich auch in ihren Bildern und der Motivwahl niederschlägt. 55 Selbstbildnisse, oft mit ihren Tieren. Immer wieder Affären, immer wieder Alkohol, immer wieder malend. Scheidung von Rivera, den sie dann trotz seiner permanenten Untreue zum zweiten Mal heiratet. Sie stilisiert sich selbst zum nationalen Kulturgut, immer in traditioneller Tracht mit traditionellem Schmuck. Ihr Schnurrbart und die zusammengewachsenen Augenbrauen würde man heute als Markenzeichen etikettieren.


Tina Modotti. Schauspielerin, Fotografin und Revolutionärin italienischer Ab- stammung. Sie geht mit ihrem Geliebten, dem Fotografen Edward Weston, nach Mexiko, das sie fasziniert: „ein lichterfülltes“ Land in revolutionärem Aufbruch. Sie bewegt sich in Kreisen der ansässigen Bohéme und der kommunistischen Partei, lebt von Portraits und dokumentiert das Leben der einfachen Leute. Die politische Brisanz dieser Fotos erregt Aufsehen. Sie wird ausgewiesen, geht mit ihrem Geliebten Vittorio Vidali nach Moskau und erlebt den Spanischen Bürgerkrieg Krankenpflegerin. Cardenas hebt ihre Ausweisung auf und sie kehrt nach Mexiko zurück, wo sie 1942 an einem Herzanfall in einem Taxi stirbt.


Diego Rivera. Rivera ist ein Mythos, allein durch seine Ehen mit Frida Kahlo, seine zahlreichen Geliebten und seine Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten in kulturellem und politischem Bereich. Der Mythos wird von ihm selbst alimen- tiert. Er entwickelt seinen eigenen Stil, berühmt sind seine Industriemalereien (Detroit) und Murales. Neben Siqueiros und Orozco der „Dritte im Bunde“ der Muralistas. „Das Epos des mexikanischen Volkes“ ist eines seiner wichtigsten Werke. Die Kombination von Freskotechnik, indianisch-mythischen und sozia- listischen Motiven geben seinem Werk ein eigenes Gesicht und sind unver- kennbar „ Rivera“.


Und last not least eine kurze Hommage an Lázaro Cardenas. Er nahm Flüchtlinge und Verbannte auf, aus dem Spanischen Bürgerkrieg, aber auch viele Deutsche. Initiierte Reformen, verstaatlichte die Ölindustrie. Heute wäre er ein Präsident fernab des politischen Mainstreams.


Und hier einige der „Zaungäste“: Sandino. Zapata. Picabia. Blaise Cendrars. Juan Rulfo. Octavio Paz. Victor Serge. Hamsum. John Reed. Majakowski. Sancho Villa. Ossip Mandelstam. Jules Verne. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Jewgenia Ginsburg. Pablo Picasso. Sergej Jessenin. Walter Benjamin. Blaise Pascal. Geoge Orwell. Antonin Artaud, Georges Simenon, Saint-John Perse. Simone Weil. Tristan Tzara, Roland Barthes, Henry Miller, Jorge Luis Borges, André Breton. Sacco und Vanzetti. John Dos Passos. Pablo Neruda. Che Guevara, Subcomandante Marcos. André Malraux.


Ganze zehn Jahre ist Patrick Deville auf den Spuren seiner Gäste gereist: Von Mexiko nach Sibirien. Und überlässt den Lesern einmal mehr ein faszinierendes Epos, das zeigt, dass Geschichte mehr ist als nur ein paar Jahreszahlen. Dass Geschichte Menschen sind und Geschichten, die miteinander verbunden, verflochten und verwoben sind.


Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen. William Faulkner


Und zuletzt die Frage: Was wäre aus der Weltgeschichte, aus der Sowjetunion und aus dem Kommunismus geworden, wenn Trotzki statt Stalin die oberste Machtposition innegehabt hätte?



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Rezension zu "Äquatoria" von Patrick Deville

Ex africa semper aliquid novi – Immer wieder etwas Neues aus Afrika.*
Almut_Scheller_Mahmoudvor 9 Monaten



Der preisgekrönte Autor Patrick Deville, der in vielen Ländern lebte und viele Länder bereiste, entführt uns einmal mehr in eine fremde Welt, in die Welt des dunklen Kon-tinents: Afrika. Er folgte im Jahr 2006 den Spuren von Pierre Savorgnan de Brazza, dem Hauptprotagonisten.
Deville fügt einmal mehr klingende, teilweise vergessene Namen wie zu einer Collage zusammen.
Einmal mehr erweist er sich als Geschichtenerzähler ganz in der Tradition der Erzähler auf dem Djeema al Fna in Marrakesch, schüttet vor uns ein Füllhorn an Biograpien aus.

Einmal mehr ein Buch, das eine kunstvolle Mischung aus eigenem Erleben, aus Angele-senem und Gehörtem ist. Das uns den dunklen Kontinent vielleicht ein wenig näher bringt in seiner Vielfältigkeit an Historie, an Menschen, an Natur.
Einmal mehr die bekannten Zeitsprünge des Autors vom Gestern ins Heute. Verknüp-fungen der Vergangenheit mit der Gegenwart, vielleicht auch mit der uns noch unbe-kannten Zukunft.
Die großen Entdecker: Brazza, Stanley, Livingstone, Burton, Speke, Mungo Park, Rohlfs, Heinrich Barth. Was trieb sie an? Muss man sie bewundern? Beneiden? Warum wollten sie Geschichte erzwingen, verändern? War es die Sucht nach Ruhm? Warum waren sie glühende, ruhelose Unruhestifter? Warum wollten sie über sich selbst hinauswachsen? Ihre Abenteuergelüste, aus welchen tiefenpsychologischen Motiven auch immer, wurden später mit Ideologien umkleidet, gaben Anlass zu weiteren Unruhen und Zwisten, die bis in die heutige Zeit hineinreichen.

Was wäre wohl aus Afrika geworden ohne diese missionarischen Versuche, die Menschen nach westlichem Denken zu formen, sie zu „zivilisieren“ ? Es wäre ihnen, den Afrikanern, wahrscheinlich besser bekommen. Die Dominanz der „Muzungus“, die als Forscher, als Kolonisierer, als Befreier kamen und sich als Herrscher aufspielten.

Brazza jedoch war anders: ein Idealist, ein Menschenfreund, eine seltene Spezie unter den Entdeckern und Kolonisten, in deren Gefolge weiße Gewalt in das dunkle Herz Afrikas eindrang.
Pierre Savorgnan de Brazza, am 25.1.1852 geboren, entstammte einem alten, kosmo-politischen italienischen Adelsgeschlecht. Er wollte Seefahrer, Held, Entdecker werden und hat dann tatsächlich Wasserläufe und Flüsse entdeckt. Füllte die weißen Flecken auf den europäischen Landkarten mit Leben. Gibt es heute noch weiße Flecken oder sind sie schon als Geheimtipp markiert und auf 1001 Blogger-Seiten publiziert?
Als Ornithologe entdeckte er die endemische Brazza-Schwalbe; eine Meerkatzenart wurde mit seinem Namen beehrt: die Brazza-Meerkatze. Er war zudem Historiker und Humanist, das Familienvermögen hat er für die Eindämmung des Sklavenhandels eingesetzt. Edle Taten, aber mit unedlen Folgen: unwissentlich ebnete er den Abenteurern und Ausbeutern den Weg.

Sein Gegenspieler, sein Konkurrent war Henry Morton Stanley.
Gegensätzlicher können zwei Männer nicht sein. Der reiche Aristokrat, Gentleman, hoch-mütig wie ein Doge; ohne jeden Antrieb, irgend jemand etwas beweisen zu wollen. Schwarzer Vollbart, blaue Augen, groß und mager, sanft und menschlich.
Stanley, ein ungewolltes vaterloses Kind aus ärmlichen Verhältnissen, der eigentlich John Rowland hieß. Elf Jahre älter als Brazza. Mittelgroß, kräftig, mit der Härte des Empor-kömmlings. Schneller Aufstieg als Reporter für den New York Herald, dessen Verleger schnell die Zugkraft von Expeditionsreportagen erkannt hatte und damit reich wurde.

Brazza erreicht nach expeditions- und entbehrungsreichen Jahren 1880 zum ersten Mal den Kongo, gründet den Posten, der später zu Brazzaville wurde.
Als Brazza und Stanley sich treffen, prallen zwei Welten aufeinander: Brazza wollte nie ein Krieger sein, Stanley reiste nur mit bewaffneter Begleitung. „Ich war kein Tausch-händler, ich bin als Freund und nicht als Eroberer gereist und ich wurde immer gastfreundlichst empfangen.“

Kurz vor seinem Tod wurde Brazza von seinem Ruhesitz in Algier nach Französisch-Kongo geschickt, um die Gräueltaten an Afrikanern durch französische. Soldaten und Firmen aufzuklären. Sein Bericht wurde geheim gehalten und erst 2014 veröffentlicht.
Er starb am 14.9.1905 im Alter von 53 Jahren und erhielt ein Staatsbegräbnis auf dem Père Lachaise. Heute ruht er mit seiner Familie im millionenschweren Mausoleum in Brazzaville. Er hätte diese monumentale Ehrung sicherlich abgelehnt.

Stanley wurde berühmt durch seine Suche nach dem verschollenen Livingstone, den er dann am Tanganjikasee traf mit seinem berühmt gewordenen Satz „Dr. Livingstone, I presume?“ 1878 bekam er vom belgischen König Leopold II den Auftrag und das Geld, um das Kongobecken mit dem heutigen Leopoldville in Besitz zu nehmen.

Der Autor führt uns den afrikanischen Äquator entlang von Gabun über Sao Tomé und Principe, in die beiden kongolesischen Republiken, nach Tansania und Sansibar. Er taucht ein in die Geschichte der bereisten Gebiete, er taucht ein in die Geschichten seiner nativen Reisebegleiter und er bringt uns einmal mehr bekannte und fast vergessene Namen mit ihren biographischen Hintergründen näher. Wer hat schon einmal gelesen, dass es auf Sansibar einen persischen Clan aus Schiras gab, Al Harthi, der seit tausend Jahren an den Inselküsten lebte.

Da ist Albert Schweitzer: Schweitzer, der in die üppige Urwaldszenerie Bach’sche Fugen ertönen lässt, Schweitzer mit seinem Pelikan Parzival, der davonflog, als sein Herr verstarb.
Aber da sind auch Jules Verne, Pierre Loti, Joseph Conrad und Emin Pascha. Ein ausführliches Kapitel ist Che Guevara gewidmet, der seinen Traum einer afrikanischen Revolution aufgeben musste und stattdessen einige Jahre später im bolivianischen Urwald verschwand und dort starb.

Eine hochinteressante Gestalt: Tippu Tip. Er und Brazza sind sich nie begegnet, der
eine kam vom Westen nach Osten, der andere vom Osten nach Westen. Der eine ist ein Sklavenhändler, der andere ein Sklavenbefreier. Tippu Tip ist der ungekrönte König von Zentralafrika. Er stirbt 1905 an Malaria. drei Monate nach Jules Verne, drei Monate vor Brazza in Dakar, Stanley starb schon ein Jahr zuvor. Tippu Tip schrieb übrigens seine Biographie auf Suaheli, das erste Schriftstück dieser Art.


Seit dem von Bismarck organisierten Berliner Kongress haben die europäischen Mächte Afrika unter sich aufgeteilt. Der Idealismus der Entdecker war nicht mehr gefragt, es ging um Macht und Handel. Kautschuk und Elfenbein, heute sind es Coltan und Diamanten.
Auch das deutsche Kaiserreich hat ein Stück vom Kuchen abbekommen. Der Tausch Sansibars gegen Helgoland lässt mich fragen: Wie es wohl heute wäre, wenn Sansibar deutsch geblieben wäre: Filterkaffee, Schwarzwälderkirsch und Sauerkraut in Stone Town?
Leopold II von Belgien erwarb den Kongo-Freistaat als Privatbesitz. Voraus denkend, sah er, dass die schiffbaren Flüsse und Medikamente wie das Chinin alleTüren für eine erfolgreiche ausbeuterische Inbesitznahme öffneten. Apokalyptische Grausamkeiten waren an der Tagesordnung in seinem Reich, damals wie heute kamen die meisten Weißen aus dem Kleinbürgertum und hatten keine Vorstellungen von Afrika, seiner Geschichte und seinen Lebensbedingungen, von seiner Vielfalt an Völkern, Sitten und Gebräuchen, Ritualen und Fehden.


Wieder ist Deville ein narratives Patchwork gelungen, mit verschlungenen Bindegliedern, die Geschichte von Gestern ins Heute transportieren. Persönliche Impressionen von „Land und Leuten“, stilistisch gefärbt als Reportage, als Portrait, als Geschichtsbuchauszug. Für Afrikafreunde, für Afrikakenner und solche, die mehr über den Kontinent erfahren wollen, eine lehrreiche Lektüre. Anregend zu persönlicher Entdeckerlust und Recherche.

Der Satz aus Brazzas Brief an seinen Vater soll das Schlusslicht sein:
Und als ich ihnen sagte, dass die Weissen ein Land haben, in dem es an nichts fehlt, konnten sie sich nicht erklären, warum wir hergekommen waren.














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