Patrick Pécherot Boulevard der Irren

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Inhaltsangabe zu „Boulevard der Irren“ von Patrick Pécherot

Juni 1940 in Paris: Die Menschen der Hauptstadt flüchten vor der deutschen Besatzung, auch die Irrenhäuser werden evakuiert und ihre Insassen wandern im allgemeinen Exodus nach Süden, während eine üble Fauna von Räubern, Nazis und Kollaborateuren in Paris Einzug hält. Nestor hat den Auftrag, einen depressiven Psychiater zu überwachen, doch dieser begeht Selbstmord. Besteht eine Verbindung zwischen ihm und einem geheimnisvollen Unbekannten, der Nestor um Hilfe bittet? Wer sind die falschen Polizisten, die ihn nicht aus dem Auge lassen? Und wer oder was versteckt sich wirklich hinter den hohen Mauern der Psychiatrie? Der dritte Band der Trilogie um Pipette alias Nestor Burma, anarchistischer Privatdetektiv in Hommage an Léo Malet, ist eine fulminante Schilderung des Paris unter deutscher Besatzung.

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    Boulevard der Irren
    Stefan83

    Stefan83

    02. November 2014 um 16:08

    Au revoir, Paris, heißt es für mich nun nach der Beendigung des abschließenden Bandes von Patrick Pécherots Nestor-Burma-Trilogie, „Boulevard der Irren“, welche nach dem etwas schwächelnden Vorgänger „Belleville – Barcelona“ nun wieder an die Stärken des Auftakts anknüpft. Und mehr noch: Sowohl hinsichtlich des literarischen Stils und Tons als auch was den zeitlichen Kontext betrifft – der Roman spielt kurz vor und während der ersten Monate der deutschen Besetzung – hat sich der Autor und Journalist inzwischen dem großen Léo Malet angenähert. Keine einfache Aufgabe, muss man doch den Reiz eines direkten Vergleichs einkalkulieren, wenn man eine etablierte (und in diesem Fall auch so berühmte) Romanfigur nicht nur zum Vorbild nimmt, sondern diesen gar eins zu eins abbildet, quasi kopiert. Die Gefahr eines müden und vor allem bemüht authentischen Aufgusses ist dabei natürlich immer gegeben, wenngleich diese in der deutschen Übersetzung allein schon deswegen geringer ist, weil wohl den wenigsten Lesern hierzulande Léo Malet – ganz im Gegensatz zu Georges Simenon und sein Maigret – noch ein Begriff ist. Das hat sicherlich zuletzt auch der Verlag Edition Nautilus, Herausgeber von Patrick Pécherot in Deutschland, erfahren müssen, lassen doch die überschaubaren und an vielen Stellen sogar gänzlich fehlenden Besprechungen vermuten, dass nur wenige der hiesigen Krimi-Freunde diese drei äußerst lesenswerten Romane gelesen haben. Aus diesem Grund ist die vorliegende Rezension, neben ihrem üblichen Zweck, der kritischen Aufarbeitung der Lektüre, vor allem als letzte Möglichkeit zur Werbung gedacht, in der Hoffnung, dass doch noch der ein oder andere Patrick Pécherots dreibändige Hommage an den umtriebigen Pariser Detektiv Nestor Burma für sich entdecken wird. Dies wäre aufgrund der Qualität der Bücher und der tollen Arbeit in Punkto Aufmachung und Übersetzung durch Edition Nautilus, wünschenswert. Der Inhalt sei daher als „Appetitanreger“ kurz angerissen: Juni 1940. Der Krieg ist für die französische Armee bereits nach wenigen Wochen verloren, deutsche Truppen marschieren, ohne auf größeren Widerstand zu stoßen, Richtung Paris, das die Bewohner bereits in wilder Hast und blanker Panik verlassen haben. „tout Paris“ scheint auf der Flucht vor den anrückenden teutonischen Eroberern. In endlosen Kolonnen blockieren sie die Straßen gen Süden, wo sie wiederum zum leichten Ziel für die deutsche Luftwaffe werden. Die Stadt der Liebe selbst liegt scheinbar verlassen da, es herrscht eine leere Stille. Ministerien, Schulen, Ämter, sie alle sind verwaist. Politiker und sonstige Offizielle schon früh als Erste getürmt. Nur Nestor Burma, privater Ermittler bei der Agentur Bohman, hält noch die Stellung. Er soll einen depressiven und äußerst labilen Psychiater überwachen, der sich im Zuge der nationalen Tragödie eventuell das Leben nehmen will. Doch Burma gönnt sich trotz Auftrags und der nahenden Deutschen den Segen eines tiefen Schlafes. Als die vollkommene, unnatürliche Geräuschlosigkeit ihn weckt, ist es bereits zu spät. Nestor kann nur noch den Tod von Professor Griffart feststellen, der kurz vor seinem Suizid augenscheinlich noch einen Abschiedsbrief ordentlich auf seinem Schreibtisch platziert hat. Aber war es wirklich Selbstmord? Bereits nach kurzer Zeit muss Nestor von dieser Möglichkeit Abschied nehmen. Gemeinsam mit der Agentursekretärin (und Gelegenheitsgeliebten) Yvette wird er in ein größeres Abenteuer verstrickt, in dem auch die hohen Kreise der Medizin und Wissenschaft eine Rolle spielen. Für wen arbeiten die falschen „Flics“, die ihnen bei ihren Ermittlungen stets einen Schritt voraus sind? Was hat ein Irrenarzt aus einer französischen Einrichtung mit den rassenhygienischen Theorien der Nazis zu tun? Und wie hängt ein sagenhafter Goldschatz aus der spanischen Republik, der 1937 von Madrid nach Odessa geschafft werden sollte, mit all dem zusammen? Die Antworten auf diese Frage führen Nestor Burma einmal mehr tief in die eigene Vergangenheit und die Abgründe der kriminellen Unterwelt ... … in die wir Leser ihm nur allzu gern und mit viel Freude folgen, gelingt doch Patrick Pécherot nicht nur das Kunststück Nestor Burma glaubhaft wiederzubeleben, sondern gleichzeitig auch historische Realität und Fiktion miteinander zu verbinden, ohne dabei das Gefühl zu erwecken, die üblichen Klischees der Geschichtsschreibung zu bedienen. Gerade letzteres gilt es hoch zu loben, ist doch der Autor, Jahrgang 1953, in hohem Maße auf das von ihm angelesene Wissen angewiesen. Ein Schriftsteller wie Frank Schätzing ist das beste Beispiel dafür, dass die Kenntnis von Fakten allein für das funktionierende Grundgerüst eines Romans nur wenig taugt. Atmosphäre ist das Stichwort – und hier hat Pécherot seine Hausaufgaben hervorragend gemacht. Von Beginn an wird das Paris von 1940 lebendig, beschwört „Boulevard der Irren“ Stimmung und Flair einer Zeit herauf, in der sich Frankreich, das innerhalb kürzester Zeit seine Souveränität verlor, langsam von diesem Schlag erholen und sammeln muss. Vom Geist der „Résistance“ ist man, nachdem man in den 30er Jahren noch kurz vor dem Bürgerkrieg stand, weit entfernt. Im Gegenteil: Überall kommt man den Besatzern entgegen, versucht man die Niederlage mit eigener Erniedrigung erträglicher zu machen. Es wird zu-Kreuze-Gekrochen, verraten, gelogen und vielerorts gar auf ganzer Länge kollaboriert – immer in der Hoffnung, damit das eigene Gesicht wahren zu können. Diese facettenreichen und oftmals komplexen Schilderungen Pécherots sind schon insofern erstaunlich, da sich der Schriftsteller hier vor allem auf die dunklen Seiten des später glorifizierten besetzten Frankreichs konzentriert, den Finger in Wunden legt, die man nach der Wiedereroberung von Paris und de Gaulles Siegeszüge bereits vergessen glaubte und vor allem vergessen wollte. Als Folge davon liest sich „Boulevard der Irren“ nie kalkuliert oder künstlich – zwei Elemente, welche oftmals da zum Tragen kommen, wo historische Kriminalromane mit großem Werbe-Tam-Tam auf den Markt geworfen werden und in denen dann der geschichtliche Rahmen lediglich die Außergewöhnlichkeit des Plots unterstreichen soll. Pécherots Werk ist dagegen ein „Noir“ reinsten Wassers, der solcher billiger Tricks nicht bedarf. Geschichte ist in diesem Fall keine Kulisse oder Schauplatz – sie ist der roten Faden, aus dem letztendlich auch die Handlung ihre Spannung bezieht. Da sei es dem Autor auch verziehen, wenn innerhalb der Trilogie immer wieder die ein oder andere Person der Zeitgeschichte ihr Stelldichein gibt, zumal Pécherot auch diese „Cameos“ äußerst stilsicher zu platzieren weiß. Nach Edith Piaf oder André Breton fiel mir im abschließenden Band besonders die äußerst kurzweilig in Szene gesetzte Begegnung Nestor Burmas mit Jean Moulin auf. Dieser wurde später zu einem wichtigen Leiter der französischen Résistance, da es ihm gelang, die in zahlreiche Lager zersplitterten Untergrundkämpfer im Kampf gegen die deutschen Besatzer zu einen. Im Gegensatz zu meinen ausschweifenden Erklärungen weist Pécherot auf die Zukunft Moulins jedoch nur mit Augenzwinkern hin. Alles was tiefer ins Detail geht, wird durch das ausführliche Glossar am Ende des Romans abgedeckt. Und was das Augenzwinkern betrifft: Wie schon in den beiden Vorgängern, so lebt auch dieses Finale der Trilogie von der poetischen Leichtigkeit der Sprache, dem flapsigen Wortspiel, den zynisch-ätzenden Dialogen, die dem Plot einen gewissen surrealen Touch verleihen, welcher der Vorlage Malets, der Breton zu seinen Freunden zählte, hinreichend Rechnung trägt. Gepaart mit den zahlreichen Wendungen und der ohnehin weitverzweigten, turbulenten Geschichte ergibt sich ein amüsantes, spannendes Lesevergnügen mit gehörig Tiefe, das besonders gegen Ende – wie schon in „Nebel am Montmartre“ – die Grenzen der unterhaltenden Kriminalliteratur durchweicht und ganz im Sinne großer Literatur bleibenden Eindruck hinterlässt. „Boulevard der Irren“ ist ein vergnüglicher, irrsinniger und manchmal auch melancholisch-trauriger Roman – und das rundum geglückte I-Tüpfelchen auf eine Trilogie, welche hoffentlich doch noch den ein oder anderen Leser mehr finden wird.

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