Blutbadnation, was für ein Betriff! Warum ertrinken die Vereinigten Staaten von Amerika Jahr vor Jahr in einem Blutbad, bei dem so viele Menschen durch Schusswaffen sterben? Diese Frage stellt sich die Welt seit Jahren: Sandy Hooks, Parkland High, der Nachtclub Pulse – wir alle wissen, was dort passiert ist. In seinem Essay geht Auster auf eine wichtige Spurensuche. Diese wird angesichts der Gewalt von Immigrationskräften wie ICE aktueller denn je.
Auster verknüpft mit persönliche Erinnerungen mit Ereignissen der Geschichte und Zeitgeschichte. Von der Eroberung der neuen Welt, dem Genozid an der indigenen Bevölkerung, behandelt Auster die Unterdrückung der Sklaven und später der Schwarzen Bevölkerung, die Prohibition ebenso wie die Black Panters oder den Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021. Als Kind und Jugendlicher hatte Auster jenseits der allgegenwärtigen Western und Schießübungen in einem einzigen Sommercamp wenig mit Waffen zu tun. Erst Jahre später sollte er herausfinden, dass seine Großmutter den Großvater erschoss, als sein Vater selbst noch Kind war.
Die Analyse ist an viele Stellen messerscharf, z.B. wenn er die Absurdität herausarbeitet, dass der scheinbar so "Wilde Westen" schärfere Waffengesetzt hatte als die USA heute und in Tombstone Waffen an der Stadtgrenze abgegeben werden mussten. Austers Beschreibungen sind eindringlich und lebendig. Auster weist auf wichtige Aspekte hin, u.a. auch auf Rassismus, Sklaverei und den Genozid an der indigenen Bevölkerung.
„Tatsächlich waren die Sklavenstreifen die ersten Polizeikräfte Amerikas und fungierten bis zum Ende des Bürgerkriegs als eine Art Südstaaten- Gestapo.“
Angesichts des rassistischen Vorgehens der ICE gegenüber Schwarzen Menschen und Latinos sah ich erst vor kurzem ein Reel auf Social Media, das genau einen Bezug zwischen ICE und diesen Sklavenstreifen herstellte (und eben nicht zur Gestapo). Nicht zuletzt betont Auster, dass der Kapitalismus ebenfalls an der Bloodbath Nation beteiligt ist.
„Seit den frühesten Tagen der Republik sind wir gespalten zwischen denen, die Demokratie für eine Regierungsform halten, die dem Einzelnen die Freiheit gewährt, nur an sich zu denken, und denen, die glauben, dass wir in einer Gemeinschaft leben und füreinander verantwortlich sind, dass die uns von der Demokratie geschenkte Freiheit die Verpflichtung mit sich bringt, denen zu helfen, die zu schwach oder zu krank oder zu arm sind, um sich selbst helfen zu können - ein Jahrhunderte währender Konflikt zwischen den Interessen des Gemeinwohls und dem Bedürfnis, die Rechte und Freiheiten des Einzelnen zu schützen.“
Manchmal sind mir seine Schlussfolgerungen aber noch nicht stimmig klar genug. Etwa, wenn er die Black Panthers als Ursache für die aktuellen Waffengesetzte und den "Kulturkampf" heranzieht.
„Man kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass es die Waffenrechtsbewegung in ihrer aktuellen Gestalt nicht geben würde ohne die Black Panthers. Andererseits ist fast ebenso sicher, dass es ohne die Bürgerrechtsbewegung oder die politischen und gesellschaftlichen Unruhen der 1960er niemals zu den sogenannten Kulturkämpfen unserer Gegenwart gekommen wäre.“
Da betrachtet er den Rassismus, der zur Bürgerrechtsbewegung und den Black Panters geführt hat, viel zu wenig, und setzt sich meiner Meinung nach viel zu wenig mit dem Konzept des sogenannten Backlashs auseinander, der eben nicht den emanzipatorischen Bewegungen die Schuld für die antiemanzipatorischen Tendenzen zuschiebt. Ein Begriff wie White Supremacy sucht man bei Auster auch vergeblich. Dazu passt, dass er den Aspekt der Misogynie fast vollständig ausklammer (außer dem Aspekt, dass v.a. Männer Täter werden). Das Massaker in der First Baptist Church 2017 greift er als Beispiel heraus und führt es ein als:
„es gibt auch hier eine Ausnahme, einen einzigen Angriff auf eine Kirche, der nicht durch ethnische oder rassistische Feindseligkeit oder irrationale Angst vor dem Anderen motiviert war“
Die anschließenden Überlegungen, ob das Massaker wirklich als Begründung für die These herhalten kann «Das Einzige, was einen Bösen mit einer Schusswaffe stoppen kann, ist ein Guter mit einer Schusswaffe», sind spannend. Trotzdem verkennt Auster meiner Meinung nach, dass beim Täter durchaus gegen "Andere" ging. Mit einer Vorgeschichte der (sexualisierten) Gewalt gegen Frauen und dem Haus gegen die früher Schwiegermutter ist die Misogynie deutlich zu erkennen. Hier fehlt mir die Verknüpfung, wie sehr Misogynie, Rassismus, Antisemitismus, Queer- und Transfeindlichkeit Hand in Hand geht. Im 21. Jahrhundert scheint es im Essay daher zu einem Sprung in den Waffentoten und der Zunahme der "Mass Shootings" zu kommen, der von Auster recht mager erklärt wird – nicht verwunderlich, wenn er sich mit der sogenannten Alt Right aka der neuen Rechten und ihrer Rhetorik kaum beschäftigt.
Beim Hörbuch gefiel mir der Vortrag von Oliver Dupont sehr gut. Gelungen finde ich dazu, dass die Fußnoten im Laufe des Buches mitgelesen werden (allerdings ohne anzugeben, dass es Fußnoten sind). Im Buch finden sich eindrucksvolle Fotos von Spencer Ostrander, die die scheinbar friedlichen Orte nach den erfolgten Massakern zeigen. Falls ihr das gelungene Hörbuch hören sollte, werft vielleicht zusätzlich einfach mal ein Blick ins Buch (z.B. in eurer Bibliothek).
Wichtiger Essay mit interessanten Aspekten, der allerdings bei einigen Aspekten mehr in die Tiefe hätte gehen können. 4 von 5 Sternen.























