Das Buch der Illusionen

von Paul Auster 
4,0 Sterne bei133 Bewertungen
Das Buch der Illusionen
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Joachim_Tieles avatar

Nur eine weitere „American Novel“ des „Meistererzählers“ oder doch mehr? Die Taschenbuchausgabe lädt ein, es herauszufinden.

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Wow, tolle Geschichte!

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Inhaltsangabe zu "Das Buch der Illusionen"

Die schillernde Welt des Paul Auster: ein Professor, eine mysteriöse Frau und ein Moment des Glücklichseins.
Professor Zimmer, bekannt aus 'Mond über Manhattan', ist ein gebrochener Mann, seit seine Frau und seine Kinder bei einem Flugzeugabsturz starben. Nur die Arbeit an einem Buch über einen 1929 verschollenen Stummfilmkomiker namens Hector Mann erhält ihn am Leben. Dann geschieht Seltsames: Manns verloren geglaubte Filme tauchen auf. Und eines Abends steht eine attraktive Brünette mit einem Revolver vor Zimmers Haustür.
'Klüger kann Kino im Kopf nicht sein, kurzweiliger auch nicht.' Brigitte

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783499257896
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:384 Seiten
Verlag:ROWOHLT Taschenbuch
Erscheinungsdatum:02.01.2012
Das aktuelle Hörbuch ist bei Heyne erschienen.

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    Joachim_Tieles avatar
    Joachim_Tielevor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Nur eine weitere „American Novel“ des „Meistererzählers“ oder doch mehr? Die Taschenbuchausgabe lädt ein, es herauszufinden.
    „Zu verstehen, sich von einer Sache abzuwenden“

    Austers Geschichte eines Schauspielers aus der Stummfilmzeit hat alle Ingredienzien einer Great American Novel, die Quest (als Reise zwischen geographischen Orten ebenso wie ins Innere der Protagonisten), die Hingabe an die Arbeit und das darin Aufgehen, mit etwas Erster sein als der amerikanische Archetypus, die Geschichte vom Mann, der plötzlich verschwindet und nie (oder nur unter ganz ungewöhnlichen oder unwahrscheinlichen Umständen) wieder auftaucht, der Pakt mit dem Teufel (im durchaus faustischen Sinne), der zum Topos der modernen amerikanischen Mythen geworden ist. Hinzu kommen einige der ewigen Menschheitsfragen wie Einsamkeit, Trauer, Verlust, Liebe, Identität, moralische Skrupel zu haben oder Außenseiter zu sein. Nicht zu vergessen, wie in vielen von Austers Romanen fast üblich, eine Kriminalgeschichte, die ausführliche Beschreibung einer sexuellen Aberration, unterschiedliche, beinahe episodische Erzählformen und die Ausdeutung des Beschriebenen durch einen professoralen (nur scheinbar) allwissenden Erzähler mit erheblichen Selbstzweifeln an der eigenen Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit. Und am Ende hat man das Gefühl, einen Roman gelesen zu haben, der doppelt so viele Seiten zu haben scheint, als er tatsächlich aufweist. Das als Warnung vorweg, denn all dieses kommt in dem Roman vor oder kann in und an ihm entdeckt werden, teilweise offen und ins Auge springend, aber ebenso häufig versteckt zwischen den Zeilen oder quasi als Palimpsest, wie Farbschichten in den wie in einem Gemälde aufeinandergeschichteten Erzählebenen.

    Aber Auster wäre nicht Auster, wenn man das Buch nicht auch straight (man könnte es auch oberflächlich nennen) lesen könnte. Ein Collegeprofessor für Literatur hat einen schweren Verlust erlitten (seine Ehefrau und zwei Söhne sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen), er verfällt zusehends, dem Alkohol, aber auch einer allgemeinen Apathie und Vereinsamung, da die Lebensversicherungen seiner Angehörigen und die Entschädigungszahlung der Fluggesellschaft ihn zu einem reichen Mann gemacht haben, der seine Berufstätigkeit unbegrenzt lange aussetzen kann. Eines Abends sieht er durch Zufall im Fernsehen eine Dokumentation über Stummfilme und bei einem der Akteure kann er das erste Mal seit Monaten wieder lachen. Er beginnt zu diesem Schauspieler und seinen Filmen zu recherchieren, macht eine Reise quer durch Amerika und Europa, um in Archiven erhalten gebliebene Kopien der Filme anzusehen, und beschreibt diese in einem Buch, das unter Filmwissenschaftlern und –enthusiasten ein bescheidener aber doch wahrgenommener Erfolg wird. Biographische Recherchen zu diesem Schauspieler mit dem Namen Hector Mann macht er zunächst nicht, aber er weiß, dass er im Jahr 1929, kurz nach dem Erscheinen seines letzten Films, verschwunden ist. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Eines Tages, die Arbeit an dem Buch über Hector Mann ist längst abgeschlossen und als biographische Episode seiner selbst abgehakt, erhält der Professor, übrigens derselbe David Zimmer, den manche aus Mond über Manhattan erinnern könnten, einen Brief von einer ihm unbekannten Absenderin, durch den er eingeladen wird, Hector Mann auf seinem Anwesen in New Mexico zu besuchen und kennenzulernen. Dies erweist sich, wie bei Auster kaum anders zu erwarten, als verwickelt. Ein Unfall kommt dazwischen, ein Überfall, eine Liebe, jede Menge Zweifel an der Authentizität des Briefes, nahezu kriminalistische Recherchen, die Zimmer in die Irre und zurück führen. Aber schließlich erreicht er, begleitet von Manns Ziehtocher Alma, das Areal in New Mexico, lernt Frieda Spelling kennen, die sich im ursprünglichen Einladungsschreiben als Mrs. Hector Mann bezeichnet hatte, und Hector selbst, der todkrank bettlägerig ist, mit dem er aber noch am Abend der Ankunft einige Minuten lang sprechen kann. Die beiden scheinen sofort Zutrauen zueinander zu fassen und freuen sich auf weitere Gespräche in den nächsten Tagen. Doch Mann stirbt in dieser Nacht. In der Folge überstürzen sich die Ereignisse und trotz großen Handlungsreichtums wird der restliche Roman zu einer Elegie über die Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns und Strebens, traurig, ausweglos, endgültig.

    Wie geht Auster seinen Roman an? Er fällt tatsächlich mit der Tür ins Haus: Jahre nach dem Erscheinen seines Buches über die Filme Hector Manns erhält Zimmer, der sich inzwischen gefangen hat und an einem ganz anderen Projekt arbeitet, Friedas besagten Brief mit der Aussage, dass Hector lebt, und der Einladung, ihn zu besuchen. Zweifel sind Zimmers erste Empfindungen dazu, aber allein die Tatsache, dass er an sein innerlich fast vergessenes Buch wieder erinnert wird, bringt ihm auch die Erinnerung an die Zeit zurück, in der er es geschrieben hat. Die Zeit kurz vor und die nach dem Tod seiner Familie, wie er auf Hector Mann ursprünglich aufmerksam geworden ist, die Idee, dessen Filme aufzuspüren, die Notwendigkeit, wegen seiner eigenen Flugangst ein Beruhigungsmittel zu brauchen und dafür einen Psychiater aufsuchen zu müssen. Es folgt eine Beschreibung der fiktiven Filme des fiktiven Hector Mann, aller zwölf, die er gedreht hatte, ihr Inhalt, ihre kinematographische Komposition, Details der Szenen und der Bewegungen wie des Gesichtsausdrucks des Hauptdarstellers. Auster wird knapp dreißig Seiten lang zum Filmerzähler, eine längst ausgestorbene Gattung von Künstlern, die ursprünglich tatsächlich live in Filmtheatern Dialoge und Handlungszusammenhänge der gezeigten Stummfilme vorgetragen haben. (Später gab es Filmerzähler auch in Gegenden, in denen sich nicht viele Menschen die Preise für Kinotickets leisten konnten, und vereinzelt gab es die eigenständige Varieteeform, dass Filme nicht gezeigt, sondern nur erzählt und gelegentlich auch interpretiert wurden.) Diese Filmerzählung ist die erste einer Reihe von Episoden, in die der Roman aufgeteilt ist, teils von Zimmer erzählt, teils von Alma berichtet (während eines Fluges, bei dem Zimmer die Beruhigungstabletten doch nicht braucht und einer längeren Autofahrt), teils als nüchterne Rechercheergebnisse präsentiert. Einige dieser Episoden scheinen vom Eigentlichen abzulenken, aber am Ende passen alle Erzählstränge zusammen, der Roman steuert auf einen Höhepunkt zu, der ihn – wie ein Kinofilm – mit einem tragischen Showdown enden lässt.

    Wer das Buch nur als Spannungsroman liest (beim ersten Lesen lässt sich das vielleicht gar nicht vermeiden, denn polizeiliche Ermittlungen nehmen einen nicht kleinen Teil ein und auch ein Privatdetektiv kommt vor), wird nach der Lektüre vielleicht Längen erinnern, sich fragen, ob die beiden Lebensgeschichten, die Zimmers und die Manns, so ausführlich und so detailliert hätten dargestellt werden müssen. Tatsächlich würde niemand Das Buch der Illusionen für einen Krimi halten, auch andere von Austers Romanen nicht, in denen Morde, kriminalistische Ermittlungen und gelegentlich auch Geheimdienstintrigen vorkommen. Hier liefert der wörtlich aus dem Englischen übersetzte Titel einen ersten Hinweis auf die Tiefenstruktur des Romans. Es geht in dem Buch tatsächlich um Illusionen, aber nicht um die redensartlichen, die man sich nicht machen soll. Es geht um die Vorstellungen, die man sich von seinem Leben macht, um konkrete Lebenspläne und das, woran sie scheitern können, die sozialen und persönlichen Lebensverhältnisse, aus denen heraus sie gemacht werden, um Zufälle, schlichte unausweichliche Tragik und falsche Vorstellungen, auch von Dingen, zu denen man sich gar keine richtigen hätte machen können. Damit wird Das Buch der Illusionen zu einem existenziellen Roman, und als solcher geht er in die Tiefe, dies teilweise getarnt durch seine scheinbaren Abschweifungen. Bei genauer Betrachtung gehen die Bezüge der einzelnen Handlungs- und Inhaltsebenen bis ins Unendliche – dies sowohl in ihrem sprichwörtlich nicht endenden Reichtum, aber auch im Sinne eines infiniten Regresses. Dies ist der Punkt, an dem der Versuch des logischen Durchdringens eines komplexen Sachverhalts zum Wahnsinn führen kann, und von den befreienden Energien zeitweiligen Wahnsinns ist an einer Stelle des Buches auch die Rede (S. 143). Das Existenzielle ist hier grausam tödlich gemeint – Wir alle sterben in Pisse und Blut ist ein weiteres Zitat (S. 284). Aber es geht auch subtiler, um die eher weichen Faktoren der menschlichen Existenz, deren Nichtbeachtung dennoch existenzielle Konsequenzen haben kann, etwa das Identitätsstiftende der Liebe und die Fatalität des Misslingens einer Liebesbeziehung, die darauf aufgebaut ist. Der einzige Selbstschutz vor falschen oder in die Irre führenden Illusionen, zu dem menschliche Individuen in der Lage sind, scheint die die Fähigkeit zu sein, zu verstehen, sich von einer Sache abzuwenden (S. 272).

    In manchen Romanen ist es die Ironie, die eine Distanz des Autors zu seinem Gegenstand schafft. Hier ist es das Künstlerische, in einigen Aspekten fast Künstliche der Darstellung, die auch vor Zufällen nicht zurückschreckt, von denen man – würden sie einem im eigenen Alltag begegnen – sagen würde, wenn ein Autor die sich ausgedacht hätte, würde man sie ihm nicht glauben. Auster scheint seinen Lesern zuzumuten, ihm diese unglaubwürdigen Zufälle doch zu glauben, ihm sozusagen auf den Leim zu gehen. Aber tut er das wirklich? In diesem Buch mischt sich an europäischer Literatur geschulte literarische Raffinesse mit dem nüchternen, reportageartigen Stil der amerikanischen Literatur. Dabei geht es nicht um den oberflächlichen Reiz des Kontrastes, sondern eher um das Anreichern der amerikanischen Literatur mit Elementen der europäischen. Die Themen des Romans sind universell – hinter den bereits genannten lauert noch als Oberthema die beschädigte Existenz des modernen Menschen, an der Identitätsfindung ebenso festgemacht wie an moralischen Orientierungsproblemen oder der Selbstsabotage. Diese Themen mittels Kunst zu bearbeiten, nicht mittels Psychologie, theologischer Seelsorge oder der Juristerei, ist das erklärte Ziel dieses Romans. Und somit werden künstlerische Techniken angewandt, um dieses Ziel zu erreichen. Dies sollte man wissen, und die Kunst, die in der Anwendung künstlerischer Mittel in der Kunst liegt, nicht verachten (der Roman enthält dazu eine Passage, in der es um die Kunst des Kulissenbaus und der Beleuchtung im Film geht, die gute Arbeit, die zu einem guten Film gehört). Und, was auf den ersten Blick verwirren mag, aber man kann sich schnell daran gewöhnen – der Roman ist selbstreferenziell, macht sich sozusagen zu seinem eigenen Gegenstand. Dies ist die höchste Schwierigkeitsstufe der zeitgenössischen Literatur, und Auster will sie erreichen. Dies tut er aber weder um ihrer noch um seiner selbst willen. Er macht dies, um seinen Lesern nicht Orientierung zu geben, sondern die Mittel in die Hand, diese selbst zu finden. So entsteht die paradox anmutende Situation, gleichzeitig ein road movie für sein Kopfkino angeboten zu bekommen und ein geistiges Klettergerüst mit den höchsten intellektuellen Schwierigkeitsgraden. Es ist der Leser, der entscheidet, wie er den Roman liest und was er aus ihm zieht.

    Joachim Tiele – 28.12.2016

    Kommentare: 2
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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 3 Jahren
    Komplex und geheimnisvoll...

    Ein großes Werk, vielschichtig und verschachtelt wie üblich, aber weniger kryptisch als z. B. "Stadt aus Glas" oder "Nacht des Orakels".

    Ein Mann, der seine Frau und seine Söhne bei einem Flugzeugabsturz verloren hat, schreibt (um sich zu trösten und sich abzulenken) ein Buch über einen verschollenen Stummfilmkomiker und setzt damit, ohne es zu ahnen, eine Kette von verhängnisvollen Ereignissen in Gang...
    Das Buch arbeitet (wie bei Auster üblich) mit mehreren Erzählebenen, die auf intelligente Weise miteinander verknüpft sind. Teilweise besteht das Buch aus längeren Rückblenden und Auster beschreibt minutiös die Filme des Stummfilmkomikers mit einer derartigen Detailfreudigkeit, dass man als Leser vollkommen vergisst, dass sich der Schriftsteller Auster den kompletten Plot des Buches (und somit auch die so authentisch wirkenden Einzelheiten) ausgedacht hat. Auch die Charaktere sind interessant und rätselhaft genug, um durch das gesamte Buch hindurch zu faszinieren, allen voran Alma Grund, eine Frau, die Auster mit einer gewissen geheimnisvollen Aura umgibt.

    Kritiker mögen einwenden, dass Austers Bücher oftmals ein wenig konstruiert wirken, ein Einwand, der nicht völlig von der Hand zu weisen ist, der jedoch daher rührt, dass der Schriftsteller stets auf mehreren Erzählebenen arbeitet und auch hier wieder eines seiner großen Hauptthemen aufgreift, nämlich die Macht des Zufalls. Diese Stilmittel verleihen Paul Austers Werken stets etwas Märchenhaftes, was bei vielen Lesern unter Umständen zu oben genannter Kritik führen kann.

    Seine Prosa ist flüssig und ist trotz ihre Komplexität von einer wunderbaren Lesbarkeit, was natürlich auch wieder einmal ein Verdienst von Werner Schmitz ist, der bis auf wenige Ausnahmen sämtliche Auster-Bücher übersetzt hat. Das titelgebende 'Buch der Illusionen' kann interessanterweise mehrere Bedeutungen haben...ist damit das Buch gemeint, welches der Protagonist über den Stummfilmkomiker schreibt? Oder die von Alma Grund verfasste, fiktive Biografie, die ebenfalls zur Handlung beiträgt? Oder meint Auster sein eigenes Buch damit, weil er dem Leser ja mit seinem Roman ebenfalls ein 'Buch der Illusionen' präsentiert...?

    Wer Auster nicht kennt, dem sei dieses Buch als Einstieg ans Herz gelegt, da es nicht so rätselhaft wie seine Frühwerke ist, aber trotzdem vielschichtig genug, um einen Eindruck von Austers Schaffen zu vermitteln.

    Fazit: Eines meiner Bücher des Jahres, spannend, dramatisch, tragisch und traurig, anspruchsvoll und voller Sprachmächtigkeit...großartig!

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    Stefan83s avatar
    Stefan83vor 7 Jahren
    Illusionen und Wirklichkeit

    Gute drei Jahre schmorte dieser Titel in meinem Bücherregal, da ich mich entweder nie in der richtigen Stimmung für seine solche Lektüre befand oder beim Herausziehen des Buches nichts mit dem unspektakulären Klappentext anfangen konnte. Drei Jahre zuviel Zeit gelassen, muss nun das Fazit meinerseits lauten, denn mein erster Paul Auster hätte mich nicht mehr beeindrucken können.

    Dabei könnte der Roman von seiner Erzählweise nicht unspektakulärer daherkommen, so langsam baut Auster den Plot auf, führt er die Figuren und ihre Hintergrundgeschichte in die Handlung ein. Und doch ist da diese stetige Spannung, dieses drängende Gefühl ständig weiterlesen zu müssen, was es mir schlichtweg unmöglich gemacht hat, das Buch mal für längere Zeit an die Seite zu legen.

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht David Zimmer, Professor für vergleichende Literaturwissenschaften an einer kleinen Hochschule in Vermont. Sein idyllisches Leben mitsamt Frau und zwei Kindern hat durch eine Katastrophe ein jähes Ende gefunden. Bei einem Flugzeugabsturz kommen Frau und Kinder ums Leben, Zimmer bleibt allein und gebrochen zurück. Er lässt sich beurlauben, bricht jeglichen Kontakt zu Freunden und Familie ab, verfällt dem Alkohol. Sein Leben scheint zerstört, bis er eines Tages im Fernsehen die Dokumentation über den längst vergessenen Stummfilmstar Hector Mann sieht... und fast ein halbes Jahr nach der Tragödie wieder zum ersten Mal lacht.

    Für Zimmer ist es ein Weckruf, der ihn aus seiner Lethargie holt und seinem Leben neuen Sinn zu verleihen scheint. Obsessiv beginnt er damit, Recherchen über Mann anzustellen und erfährt, dass dieser kurz nach seinem Durchbruch in Hollywood vor fast 60 Jahren spurlos verschwand. Zimmer sucht mehrere Orte in der Welt auf, um alle 12 von Mann vorhandenen Stummfilme zu sehen und in einer Biographie zu verarbeiten, welche zwar wenig internationales Aufsehen erregt, aber dafür sorgt, dass er plötzlich Briefe erhält, in denen eine Frau, welche sich für Manns Frau ausgibt, ihn bittet, den im sterbenden liegenden Star zu besuchen. An einen Betrug glaubend, bekundet er knapp und unfreundlich sein nicht vorhandenes Interesse und ist umso schockierter als einige Wochen später eine mysteriöse Frau vor seiner Tür steht, welche ihn mit vorgehaltener Pistole "bittet" eine Reise nach New Mexiko anzutreten.

    In der Art und Weise wie Zimmer den Werken Manns verfällt, geschieht dies dem Leser auch bei "Das Buch der Illusionen". Mit Leichtigkeit nimmt dieses Buch gefangen, zieht es uns in den Bann und in eine Erzählung, in der sich die Lebensgeschichten zweier Männer miteinander verweben. Auster schreibt prägnant und viel, und doch nie ausschweifend, der Erzählfluss bleibt stets bestehen. Er schafft es die 20er Jahre vor unseren Augen wiedererstehen zu lassen, beschreibt mit beinahe akribischer Genauigkeit die Filmarbeit. Szene für Szene, Kamerafahrten, Auf- und Abblendungen. Dies wird derart detailliert auf Papier gebracht, dass die Stummfilme vor dem inneren Auge des Lesers wie im Kino ablaufen. Selten hab ich es gesehen, dass jemand so perfekt das Medium Film in das Medium Literatur übertragen hat. Und obwohl die Story besonders gegen Ende hin nicht mit Tragik und Dramaturgie geizt, schimmert in all der Düsternis immer ein Licht, gelingt es Auster mit toll eingestreutem Humor und Situationskomik das Heitere zu bewahren. Der Abschluss samt Epilog rührt, bewegt und sorgte bei mir dafür, dass mich das Buch auch Stunden danach noch beschäftigt hat.

    Insgesamt ist "Das Buch der Illusionen" ein sprachlich farbiges, mitreißendes Stück Literatur mit Suchtfaktor, das jedem Freund von liebevoll erzählten Geschichten nur ans Herz gelegt werden kann. Austers weitere Werke stehen bereits auf meinem Merkzettel.

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    rkuehnes avatar
    rkuehnevor 7 Jahren
    Rezension zu "Das Buch der Illusionen" von Paul Auster

    Er kann einfach erzählen. Auch wenn es vielleicht nicht Austers größter Wurf ist, so zeigt das „Buch der Illussionen“ einmal mehr, was diesen Autor so besonders macht. Die Geschichte eines, nach einem schmerzlichen Verlust tiefdepressiven Professors, der sich über die manische Arbeit an einem Buch über einen Stummfilmkomiker wieder langsam zurück ins Leben findet, spielt wie so oft bei Auster auf so zahlreichen Ebenen und wird für den Leser dennoch nie kompliziert. Auster nimmt uns an die Hand und spaziert mit uns durch seine Welt, zeigt sie uns, beeindruckt uns, erschüttert uns und macht uns letztlich glücklich. Er kann einfach erzählen.

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    PrinzessinMurkss avatar
    PrinzessinMurksvor 8 Jahren
    Rezension zu "Das Buch der Illusionen" von Paul Auster

    Austerfabulierkunst pur.
    ***
    Ein tiefdepressiver Professor schrieb ein Buch über den Stummfilmkomiker Hector. Warum? Weil der ihn zum Lachen gebracht hat und weil der Akademiker eine Aufgabe brauchte. - Allerdings löst dieses Buch einen Besuch einer resoluten Dame aus und eine Einladung zum vermeintlich toten Stummfilmstar persönlich. Dieses Gerüst nimmt Auster zur Basis und erzählt von Trauer und Cineasten, von Liebe und Leben in den amerikanischen 30ern und heute, von Familien und Verlassenen, Idealisten und Misantropen. Großartig. Auster.

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    Duffys avatar
    Duffyvor 9 Jahren
    Rezension zu "Das Buch der Illusionen" von Paul Auster

    Professor Zimmer stößt während einer existenziellen Krise auf den seit langem verschollenen Stummfilmkomiker Hector Mann. Die Arbeit an einem Buch über ihn lässt Zimmer selbst weiterleben. Plötzlich tauchen die alten Filme auf. Gleichzeitig gibt es ein Lebenszeichen des alten Schauspielers. Eine rasante Entwicklung um den Erhalt der Filme, die nach dem Tod des Schauspielers vernichtet werden sollen, nimmt ihren Lauf.
    In gewohnter Manier (das ist als Ausdruck der höchsten Wertschätzung aufzu-
    fassen) erzählt einer der besten Autoren Amerikas auch hier wieder Gechichten in der Geschichte. Es geht nicht nur um seine eigene und die des Filmschaffenden, sondern es gibt noch das Schicksal, die Tragödie in Zimmers Leben und eine Wiederholung mit einer Frau, die die ganze Geschichte mitträgt. Mit der ganzen Spannung, die bis zur letzten Seite anhält, ein weiteres großes Werk dieses Ausnahmeautoren.

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    Morgenrötes avatar
    Morgenrötevor 9 Jahren
    Rezension zu "Das Buch der Illusionen" von Paul Auster

    Da lächelte er mich einfach so vom Büchereiregal an und kurze Zeit später lag ich auch schon mit ihm auf der Couch - mit meinem ersten Auster...
    Professor David Zimmer hat seine Familie bei einem Flugzeugabsturz verloren und hat sich aus dem Leben zurückgezogen. Als er zufällig im Fernsehen einen Bericht über den verschollenen Stummfilmkomiker Hector Mann sieht, kann er das erste Mal seit dem tragischen Unglück wieder lachen und beschließt alle Filme des Komikers, die quer über die USA und Europa verstreut in Archiven liegen, zu sehen. Diese Filme ziehen den Professor so in seinen Bann, dass er schließlich sogar ein Buch über das gesamte Werk Manns schreibt. Als er sich bereits einer anderen Aufgabe, der Übersetzung einer Biographie Chateaubriands, zugewendet hat, holt ihn Mann wieder ein, behauptet doch eine gewisse Frieda Spelling, dass Mann noch lebe und ihn gerne kennenlernen würde. Zimmer ist zuerst skeptisch. Erst ein Besuch der attraktiven Alma kann ihn - mit mancherlei Mitteln - davon überzeugen, umgehend nach New Mexico zu fliegen. Auf dem Weg dorthin erfährt David, und mit ihm die Leserschaft, die verworrene Lebensgeschichte Manns und alles in seinem Leben scheint sich zum Guten zu wenden. Auf der Ranch jedoch überschlagen sich die Ereignisse und Davids Träume zerplatzen letztendlich so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Trotz alledem haben die letzten acht Tage und Alma in Zimmer eine große Veränderung bewirkt und ihn wieder zurück ins Leben geholt.
    Meiner Meinung nach eine phantastische Geschichte, die mit allerlei Wahrheiten gespickt ist. Man spürt förmlich die Trauer und Einsamkeit des Erzählers und fühlt mit ihm. Man wünscht ihm, dass er endlich wieder ins Leben zurückfindet. Auch stutzt man, dass einem Menschen all dies passiert sein soll, was Alma über Hectors Leben erzählt. Die Schilderungen der Filme könnten langweilig sein, sind es aber bei Auster weiß Gott nicht. Im Gegenteil, das Buch ist sehr spannend. Liest man über das Innenleben des Martin Frost, so meint man, man ist selbst Zuschauer im Kino und möchte dringend wissen, wie es weitergeht und so kann man das Buch kaum aus der Hand legen.
    Wenn die anderen Bücher Austers noch besser sein sollen, so freue ich mich schon auf jedes einzelne...

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    Coralitavor 9 Jahren
    Rezension zu "Das Buch der Illusionen" von Paul Auster

    Vor einigen Jahren habe ich das Buch in einem Antiquariat gefunden. Doch nicht, dass mich auf den ersten Blick der Klappentext neugierig gemacht hätte. Es war vielmehr der samtene, blaue Einband, der mich dazu bewog, "Das Buch der Illusionen" zu kaufen. Erst vor einigen Wochen habe ich es schlussendlich gelesen - ich hätte es ruhig vorher tun können, aber nicht unbedingt sollen: Denn für ein gutes Buch ist es nie zu spät. Wie dem auch sei, kurz zur Handlung: Der vom Schicksal gebeutelte Professor David Zimmer (seine Frau und zwei Söhnen sterben bei einem Flugzeugabsturz) gibt sich seiner tiefen Depression hin und zieht in ein einsam gelegenes Haus inmitten idyllischer Bergnatur. Eines Tages sieht er ein paar Stummfilme des relativ unbekannten Regisseurs Hector Mann. Sie ziehen in sofort in ihren Mann. Ihre Machart, die Liebe zum Detail, die ungewöhnlichen Einstellungen bewegen David Zimmer dazu, wie besessen einen Film nach dem anderen anzuschauen, bis er glaubt, sie alle gesehen zu haben. Er publiziert ein Buch über das Leben und Wirken des Herrn Man. Was ihm während seiner Arbeit besonders kurios erscheint: nach der Veröffentlichung seines zwölften Films verschwindet Hector Mann spurlos. Man findet keinen Leichnahm - und auch eine seiner einstigen Liebschaften ist wie vom Erdboden veschluckt. Eines Tages - weit nach Erscheinen des Buchs über den Regisseur - erreicht Zimmer ein Brief von der Ehefrau Hector Manns. Er liegt im Sterben, und er möchte David Zimmer kennenlernen. Ab diesem Zeitpunkt knüpft sich eine Kette dramatischer Umstände, die ein erstaunliches Ende finden ...

    Ich möchte eigentlich nicht viel mehr verraten, weil der Verlauf des Buchs immer wieder Wendungen nimmt, die man gar nicht beschreiben sollte. Fazit: Sehr gut recherchiert und spannend bis zur letzten Zeile!

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    nickidos avatar
    nickidovor 9 Jahren
    Rezension zu "Das Buch der Illusionen" von Paul Auster

    eine fantstische reise in gedanken welten die hinter allem stehen was wir uns ausmalen können und doch so realistisch sind das es uns den atem raubt

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    Wolkenatlass avatar
    Wolkenatlasvor 9 Jahren
    Rezension zu "Das Buch der Illusionen" von Paul Auster

    Ein verschwundener Stummfilmheld und eine mysteriöse Schöne ergeben in Summe, Nebenstränge mit eingerechnet; Vintage Paul Auster.

    Paul Austers Roman „Das Buch der Illusionen“ ist ein unterhaltendes Buch mit einer rätselhaften Geschichte als Ausgangspunkt.

    Prof. Zimmers Existenz ist nach dem Tod seiner beiden Söhne und seiner Frau bei einem Flugzeugabsturz hauptsächlich durch Alkohol beeinflusst, bzw. durch die jeweils konsumierte Menge Alkohol. Als er eines Tages in einer Auslage einen Ausschnitt eines alten Stummfilms sieht und durch den Schauspieler erheitert wird und sogar wieder lachen kann, bemüht er sich, so viel Information wie möglich über diesen Akteur herauszufinden. Dabei bringt er in Erfahrung, dass Hector Mann nach nur zwölf Filmen (von denen nur drei zugänglich sind) unter mysteriösen Umständen 1929 verschwand. Fast zeitgleich mit dieser Entdeckung tauchen die neun bis jetzt verloren geglaubten Filme in anonymen Paketen in verschiedenen Filminstituten über die Welt verstreut auf. Fasziniert von der Kunst Hector Manns, beginnt er ein Buch über die zwölf Filme Hector Manns zu schreiben und bereist trotz massiver Flugangst alle Orte, an denen sich die Filme nun befinden, um die Filme zu sehen.
    Zusätzlich fasziniert vom nie geklärten Verschwinden Hector Manns vor gut fünfzig Jahren, entsteht sein Buch.

    Eines Tages, nach der Veröffentlichung des Buches, erhält er den Brief einer Dame, die sich als Hector Manns Frau ausgibt und ihn bittet, Hector Mann zu besuchen, um weitere Filme, die er nach seinem Verschwinden gedreht hat, zu sichten. An Betrug glaubend, antwortet er knapp und unfreundlich, auch auf einen zweiten Brief. Einige Wochen später findet sich bei Prof. Zimmer eine mysteriöse Frau ein, die ihn (auch mit Hilfe einer Pistole) bittet, sofort nach New Mexico mitzukommen, um Hector Mann, der nicht mehr lange zu leben hätte, zu besuchen.

    Mit der aufregenden und spannenden Geschichte der letzten fünfzig Jahre im Leben Hector Manns beginnt somit der von Paul Auster beeindruckend inszenierte Roman im Roman.

    Paul Auster hat die Geschichten von Prof. Zimmer und Hector Mann kunstvoll verwebt. Dadurch wird die auf den ersten Blick unglaubwürdige Verbindung eines Professors für vergleichende Literatur und eines (fiktiven) Stummfilmkomikers, dessen Blütezeit fast so lange zurückliegt, wie sein Verschwinden, doch sehr glaubwürdig. Wenn man einmal im Erzählfluss drinnen ist (mein erster Versuch liegt zwei Jahre zurück, da bin ich nicht über Seite 30 hinausgekommen), folgt man Paul Austers Erzählung gebannt.
    Obwohl sehr spannend erzählt, hat dieser Roman ein sehr langsames Grundtempo, das auf beeindruckend konsequente Weise bis knapp vor dem Schluss durchgehalten wird. Dort, in einem ganz wichtigen Moment, kippt die Bewegung und erreicht dadurch eine Steigerung der Intensität, um wieder in einem fast stehenden Epilog auszuklingen.

    Hie und da hatte ich das Gefühl, man hätte den Text ein wenig straffen können, „Das Buch der Illusionen“ funktioniert aber als Gesamtwerk blendend. Vielleicht der langsamste Text von Paul Auster, den ich bis jetzt gelesen habe; nach „Leviathan“ aber vielleicht auch der beste.

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