Neue Rezensionen zu Paul Robinson

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Die meisten europäischen Herrscherhäuser erlebten im 19. Jahrhundert einen starken Zuwachs an Mitgliedern. Dafür gab es zwei Gründe: Zum einen ging die Kindersterblichkeit zurück. Zum anderen konnten auch jüngere Söhne heiraten und Familien gründen, was bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts nicht üblich gewesen war. Immer größer wurde die Schar der Nachkommen, für die standesgemäße Ehepartner und Tätigkeiten gefunden werden mussten. So ging es auch den Romanows. Zar Nikolaus I. hatte vier Söhne, von denen jeder einen eigenen Familienzweig begründete. Im Jahr 1900 bestand das Haus Romanow aus Dutzenden von Großfürsten verschiedenen Alters. Die meisten von ihnen hatten keinerlei Aussicht, jemals auf den Thron zu gelangen. Dennoch mussten sie der Dynastie und dem Staat dienen, vor allem in der Armee und in der Marine. Nur wenige dieser vielen Großfürsten waren so bedeutend, dass sie das Interesse der historischen Forschung verdienen. Zu diesem kleinen Kreis gehört Großfürst Nikolaj Nikolajewitsch (1856-1929), ein Enkel Zar Nikolaus' I. Der Großfürst ist vor allem als glückloser Oberkommandierender der russischen Streitkräfte zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Erinnerung geblieben. Dieser Posten war die Krönung einer langen Militärlaufbahn. Nikolaj Nikolajewitsch, im Familienkreis "Nikolascha" genannt, war ein Soldat vom Scheitel bis zur Sohle, der sich bei den Truppen großer Beliebtheit erfreute. Hochgewachsen und von aristokratischer Erscheinung, zog er zu Lebzeiten die Bewunderung von Landsleuten und Ausländern gleichermaßen auf sich. Oft wurde er vorteilhaft mit seinem schmächtigen Vetter verglichen, Zar Nikolaus II.

Die militärische Karriere des Großfürsten steht im Mittelpunkt der Biographie des kanadischen Historikers Paul Robinson. Nikolaj Nikolajewitsch hatte nicht nur Bewunderer, sondern auch Kritiker und Feinde, die ihm eine Mitschuld an den Niederlagen der russischen Armee in den beiden ersten Kriegsjahren gaben. Für viele Zeitgenossen und spätere Historiker verkörperte er die Unfähigkeit der zarischen Armeeführung. Robinson bemüht sich um ein ausgewogenes Porträt des Großfürsten. Die gehässige Kritik mancher Zeitgenossen ist aus Robinsons Sicht wenn nicht unbegründet, so doch zumindest stark überzogen. Viele Aussagen über die angeblichen Defizite des Großfürsten als Mensch und Offizier sind auf persönliche Ressentiments ihrer Urheber zurückzuführen, wie Robinson überzeugend herausarbeitet. Nikolaj Nikolajewitsch war als Kavalleriegeneral, Vorsitzender des Staatlichen Verteidigungsrates (1905-08) und Oberkommandierender (August 1914 bis August 1915) keineswegs ein genialer Offizier und Heerführer, aber auch kein Dilettant und Versager, wie es ihm seine Kritiker unterstellten. Robinson zeichnet das Bild eines Militärführers, dem intellektuelle Neugierde und Beweglichkeit abgingen, der seine Aufgaben aber pflichtbewusst, diszipliniert und ohne Allüren wahrnahm, sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten. Zu Nikolaj Nikolajewitschs hervorstechendsten persönlichen Eigenschaften gehörten eine inbrünstige, ja geradezu schwärmerische Religiosität und eine unerschütterliche Loyalität gegenüber Zar Nikolaus II., dem er bis zur Februarrevolution 1917 die Treue hielt, obgleich es zwischen beiden immer wieder Phasen der Entfremdung gab (Nikolaj Nikolajewitsch war einer der frühesten Kritiker des Wunderheilers Rasputin, was ihm den Hass der Zarin Alexandra eintrug).

Der Großfürst schaltete sich niemals systematisch und für längere Zeit in die Politik ein. Er fühlte sich ganz als Soldat und sah ein, dass ihm jegliche Befähigung zum Staatsmann fehlte, eine Folge seiner einseitig militärischen Ausbildung. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern des Zarenhauses und vielen Höflingen war Nikolaj Nikolajewitsch kein Reaktionär. Während der Revolution von 1905 weigerte er sich, die ihm angetragene Rolle eines Militärdiktators zu übernehmen und durch brutale Gewalt Ruhe und Ordnung herzustellen. Er erkannte die Zeichen der Zeit und unterstützte jene Kräfte, die den Zaren drängten, eine Verfassung zu gewähren. Den gleichen Realitätssinn bewies der Großfürst auch im französischen Exil. Er wahrte Distanz gegenüber monarchistischen Emigrantenkreisen und stellte mehrfach klar, dass eine Rückkehr zum Ancien Régime in Russland unmöglich sei. Mit seiner sachlich und fair gehaltenen Biographie, die auf einer breiten Quellengrundlage ruht, vermittelt Robinson erstmals ein realistisches Bild von den Fähigkeiten und Leistungen des Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch. Zu kritisieren gibt es nur wenig. Dem Buch fehlt es an Farbigkeit und erzählerischem Schwung. Einige thematische Lücken fallen auf. Wovon lebte der Großfürst im Exil? Hatte er Vermögenswerte ins Ausland retten können? Was wurde aus einer Witwe? Das Buch enthält nur fünf Abbildungen. Fast die Hälfte der 26 Kapitel ist dem Ersten Weltkrieg gewidmet. Robinson analysiert die militärischen Operationen an der Ostfront 1914/15 ausführlicher, als es manchem Leser lieb sein mag. Die Ausführlichkeit ist jedoch dem Bemühen geschuldet, das bisherige Bild von der Inkompetenz des Großfürsten als Heerführer zu korrigieren. Wie Robinson zeigt, hatten die Misserfolge der russischen Truppen andere Ursachen als das Versagen eines Einzelnen.

Seriöse Biographien der Romanows sind nach wie vor Mangelware. Allzu oft befassen sich Historiker und Sachbuchautoren nur mit den "üblichen Verdächtigen" - mit Peter dem Großen, Katharina der Großen, dem letzten Zarenpaar. Es ist zu hoffen, dass Paul Robinsons solide Biographie nicht die letzte Studie über ein Mitglied des Zarenhauses aus der zweiten Reihe bleibt. Die zentralen russischen Archive besitzen eine Überfülle an Quellenmaterial zur Geschichte der Romanows, das bisher kaum erschlossen wurde. Robinsons Buch ist allen zu empfehlen, die sich für die Romanows, die Geschichte der russischen Streitkräfte und das militärische Geschehen an der Ostfront 1914/15 interessieren. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Oktober 2014 bei Amazon gepostet)

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