In den frühen Morgenstunden des 11. September begeben sich drei Männer, alle Psychoanalytiker, auf einen Trip zum Fliegenfischen. Es gibt einen Hünen mit schlagfertig-trockener Souveränität, einen Ich-Erzähler, der uns seine Wahrnehmungswelt ungefiltert aufdrückt und einen neurotischen "Besserwisserlangweiler". Ein Hauptteil der Handlung ist die Autofahrt und das Gespräch währenddessen, ein anderer das Fliegenfischen und die Ereignisse und Gespräche dabei, alles auf 112 in großer Schrift bedruckten Seiten.
Hochgatterer arbeitet vor allem mit zwei Motiven: Gesprächskultur unter Männern und den Wahrnehmungsabdrücken seines Protagonisten. Ersteres trägt das Buch ganz gut. Die Figuren haben schnell eine eingespielte Gesprächsdynamik, man kommt im Rahmen von Lebenswelt und Berufsfeld von Hölzchen auf Stöckchen, es werden Behauptungen aufgestellt, die mit Mixturen aus fabulierenden Irrwitz und metaphysischer Aufwertung eingefärbt werden; es gibt subtile Anklänge ans Innenleben und kleinen Fetzen von Alltag schieben sich zwischen die losgelöste Stimmung des Ausflugs. Zwar wirkt das Personalsetting mit den drei Psychoanalytikern ein wenig aufgesetzt, aber letztlich greift dank der Unaufgeregtheit, mit der die Konstellation interagiert und ihre Themen findet, eine geradezu natürliche Authentizität. Die Figuren fangen an zu einem freieren Wesen zu finden, nicht nur eine Konstruktion des Autors zum Zweck einer Geschichte zu sein.
Die Wahrnehmungsabdrücke des Ich-Erzählers stellen sich wiederum als sehr problematisch dar. Während sie als Kommentar und weiterentwickelte Gedanken zu den Gesprächen noch funktionieren können, aber auch oftmals plump eine Tiefe in der Figur wachzurufen versuchen, so sind seine Eindrücke während des zweiten Fliegenfischen-Teils nicht nur sonderbar und schwer einzuordnen, sondern vor allem so gut wie überflüssig. Da wird Obsession gespielt, mit verborgenen Sehnsüchten, aber so asthmatisch, einförmig, direkt, dass bei mir keinerlei Zugang entstehen konnte.
Insgesamt ist die unterschwellige Bedeutungsebene in Hochgatterers Buch mir ein kleines Rätsel geblieben. Man vermutet eine solche Ebene, immerhin haben wir hier Psychoanalytiker, wir haben ein bedeutsames Datum, wir haben existenzialistische Backcovertexte am Buch und geradezu archaische Anknüpfungen darin, aber das alles geht für mich nicht ganz auf, der Unterbau wird nicht sichtbar. Richtig gut ist die Erzählung an den Stellen, wo die drei Figuren in einer nicht unweigerlich zu transzendierende Situation miteinander reden. Dann gelingt vor dem Hintergrund eines Konfliktes, einer Aussage, der Blick in die Fassadenwelt des Menschen und seinen Wunsch, weite Wege darin zu finden, die man problemlos gehen kann. Mehr hätte dieses Buch nicht gebraucht, um gut zu sein. Die verschiedenen sonstigen Ansätze drängen das Buch in die Kategorie der gebärdigen, auf Bedeutsamkeit pochenden Bachmannpreisprosa-Attitüde, die oftmals nur manierlich wirkt und nicht elementar oder gelungen.
Paulus Hochgatterer

Lebenslauf
Psychologischer Grenzgänger: Der am 16. Juli 1961 geborene Hochgatterer ist gebürtiger Niederösterreicher und studierte Medizin und Psychologie an der Universität Wien. Er promovierte 1985 und leitet seit 2007 die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums in Tulln.
Er wurde bereits vielfach für seine Romane, Erzählungen und Krimis ausgezeichnet, die offenbar von seiner Arbeit als Psychiater inspiriert werden. Seine Geschichten drehen sich oft um psychische Krankheiten und gesellschaftliche Außenseiter.
Zu einigen seiner Auszeichnungen gehören der Deutsche Krimi-Preis 2007, der Europäische Literaturpreis 2009 und der Österreichische Kunstpreis 2010.
Hochgatterer lebt mit seiner Familie in Wien.
Alle Bücher von Paulus Hochgatterer
Die Süße des Lebens
Das Matratzenhaus
Fliege fort, fliege fort
Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
Caretta Caretta
Wildwasser
Über Raben
Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen
Neue Rezensionen zu Paulus Hochgatterer
Ich habe schon zwei Bücher von Paulus Hochgatterer gelesen, „Wildwasser“ und „Das Matratzenhaus“, davon hat mir ersteres ganz gut gefallen und daher bin ich mit dem Stil des Autors grundsätzlich vertraut.
Die Rezension wird kleine Spoiler enthalten.
Wenn man ein Buch zur Unterhaltung möchte oder einfach zwischendurch etwas zur Ablenkung lesen möchte, dann sollte man nicht zu „Caretta Caretta“ greifen. Für dieses Buch und den Schreibstil ist ein bewusstes Entscheiden und Sich-darauf-Einlassen nötig.
Und dann erkennt man, dass es sich um eine sehr tragische, traurige Geschichte handelt. Sämtliche Dialoge und Ausführungen des jungen Ich-Erzählers Dominik scheinen irrelevant und unwichtig, und genau dieses selbstverständliche Erzählen hat bei mir dafür gesorgt, dass ich oft schlucken und das Gelesene erst mal sacken lassen musste.
Besonders traurig finde ich, dass seine einzige Bezugsperson, Kossitzky, ein Kunde von ihm ist. Dass er überhaupt Kunden hat und sich prostituiert (wieso genau er das macht, wird nicht deutlich, Erklärungen liefert das Buch wenige), ist traurig. Seine Familiengeschichte ist wahnsinnig traurig – oder nur wahnsinnig oder nur traurig. Das immer wieder kurze Erwähnen der kleinen Schwester, die in einer Pflegefamilie untergebracht ist, hat mich berührt. Das Leben in der WG und all die Bewohner sind traurig.
Man weiß nie, was Dominik will, wieso er macht, was er macht (das aber mit einer gewissen, vermutlich gespielten, Coolness). Aus seiner Sicht ist sein Leben vielleicht normal und er hat sich damit arrangiert, daher ist es an uns Leserinnen und Lesern, die volle Tragweite dieser Erzählung zu erkennen.
Das Buch endet nicht überraschend mit Kossitzkys Tod (nachdem Dominik ihm immer wieder Medikamente, die er zuvor bei einem dubiosen Apotheker einfach so gekauft hat, gespritzt hat ...) Und am Ende wird zumindest ein Schildkrötenpanzer gefunden, nachdem die Suche nach Caretta Caretta ins Leere gelaufen ist.
Mich stimmt das Buch nachdenklich und ich werde die Geschichte noch nachwirken lassen.
Es ist kein schlechtes Buch, aber leider viel zu viel hinein gepackt. Hochgatterer schreibt wunderbar und hat ganz tolle Szenen und Figuren in diesem Krimi geschaffen. Leider verliert er sich irgendwan selbst im Gewirr seiner verschiedenen Handlungssträngen. Es verwischt vieles und immer wenn Spannung aufkommt und die Atmosphäre dichter wird, wechselt er den Ort, die Personen und fängt eine andere Geschichte an. Schade, da wäre mehr drin gewesen und auch der Schluss ist nicht ganz schlüssig...
Gespräche aus der Community
Die Sommer-Idylle in Furth am See trügt: mehrere ältere Menschen werden brutal angegriffen – und dennoch schweigen alle. Als ein Kind verschwindet, tauchen Psychiater Horn und Kommissar Kovacs in die dunklen Geheimnisse der Vergangenheit ein. Für eine gemeinsame Leserunde verlosen wir 25 Exemplare von Paulus Hochgatterers "Fliege fort, fliege fort" – Spannung auf höchstem literarischen Niveau!
Hallo ihr lieben,
ich bin erst gestern fertig geworden, ihr trefft es alle sehr gut. Mir gehts auch so. Anfangs tat ich mich sehr schwer und zum Ende zu wurde es immer besser. Ich hatte große Lücken zwischen dem lesen, (da meine Mutti im KH lag und ich mich um anderes kümmern musste.)
Absolut ein Buch zum mehrmals lesen! Aber mich beschäftigt gerad Lotta? Wo kam sie anfangs schon mal vor? Wer war sie?
Zusätzliche Informationen
Paulus Hochgatterer wurde am 16. Juli 1961 in Amstetten (Österreich) geboren.
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