Perry Schmidt-Leukel

 4 Sterne bei 5 Bewertungen

Lebenslauf

Perry Schmidt-Leukel forscht als Seniorprofessor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie im Exzellenzcluster »Religion und Politik« der Universität Münster. Er ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher Werke zum Buddhismus, zur Fundamentaltheologie, zur Theologie der Religionen und zum interreligiösen Dialog. 2015 hielt er als erster Deutscher seit fünfundzwanzig Jahren die international renommierten Gifford Lectures und zählt zu den weltweit renommiertesten Vordenkern im Feld der Religionsbegegnung.

Quelle: Verlag / vlb

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Neue Rezensionen zu Perry Schmidt-Leukel

Mehr als Yoga-Studio-Sprüche

„Buddhismus ist kein Accessoire für einen spirituell weichgespülten Lebensstil, sondern eine echte Religion.“ Mit diesem Satz eröffnet Perry Schmidt-Leukel sein Buch, und dieser Satz ist Programm. Wer im Westen sozialisiert wurde, verbindet Buddhismus oft mit Achtsamkeits-Apps, Karma-Zitaten auf T-Shirts und einer diffusen Vorstellung von innerer Ruhe. Was tatsächlich hinter dieser über 2500 Jahre alten Weltreligion steckt, zeigt Schmidt-Leukel in einer Einführung, die für mich schlicht die beste ist, die ich zu diesem Thema kenne.

Der Autor ist Seniorprofessor für Religionswissenschaft in Münster und war 2015 der erste Deutsche seit 25 Jahren, der die renommierten Gifford Lectures halten durfte. Diese Qualifikation merkt man auf jeder Seite. Er beginnt beim Leben des historischen Buddha und ordnet dessen Lehre in das religiöse Klima Indiens im 5. Jahrhundert vor Christus ein. Genau diese Kontextualisierung hat mein Verständnis grundlegend erweitert. Buddhas Lehre wirkt plötzlich nicht mehr wie eine abstrakte Spruchsammlung, sondern als konkrete Reaktion auf Brahmanismus, Kastensystem und die Suche nach Erlösung aus dem Wiedergeburt-Kreislauf.

Was das Buch besonders wertvoll macht, ist die konsequente Klischee-Korrektur. Buddhismus als reine Philosophie ohne Religion? Falsch. Buddhismus ohne Glauben an Übernatürliches? Ebenfalls falsch. Buddhismus als individualistische Erleuchtungssuche? Nein, die Sangha, also die Gemeinschaft, ist ein Grundpfeiler. Schmidt-Leukel führt außerdem sauber durch die zentralen Konzepte wie die vier edlen Wahrheiten, den achtfachen Pfad, Karma und Nirvana und macht dabei deutlich, wie radikal manche dieser Lehren wirklich sind. Der „mittlere Weg“ ist eben keine harmlose Empfehlung zur Mäßigung, sondern eine philosophisch tiefgreifende Position.

Besonders stark fand ich die Darstellung der verschiedenen Strömungen. Theravāda, Mahāyāna und Vajrayāna, dazu regionale Ausprägungen in China, Japan und Tibet werden nicht nur in ihren Unterschieden, sondern auch in ihren gemeinsamen Wurzeln beleuchtet. Wer sich je gefragt hat, warum tibetische Buddhist:innen viele Götterwesen verehren, während Zen scheinbar gottlos meditiert, bekommt hier endlich klare Antworten. Auch das Kapitel zu Buddhismus und Moderne hat mir gefallen. Schmidt-Leukel kritisiert die westliche „McMindfulness“-Adaption ohne den Autor herablassend werden zu lassen. Er sieht Bereicherungspotenzial, besteht aber auf ernsthafter Auseinandersetzung.

Sprachlich schreibt er wissenschaftlich, aber zugänglich. Die Übersetzung von Hans-Georg Türstig ist gelungen und verzichtet auf akademisches Geblubber. Trotzdem: Es ist ein Sachbuch, kein Pageturner. Wer literarischen Sog erwartet, ist falsch. Manche Passagen sind theologisch dicht und wollen langsam gelesen werden. Schade fand ich außerdem, dass ein Thema mit so reichem visuellen Erbe komplett ohne Abbildungen auskommen muss. Ein paar Mandalas oder Tempelfotos hätten dem Werk gutgetan.

Wer über Yoga-Studio-Sprüche hinaus verstehen möchte, was Buddhismus eigentlich ist, ist hier goldrichtig. Eine warme Empfehlung für alle religionswissenschaftlich Interessierten.

Cover des Buches Das Wort vom Geheimnis der Welt (ISBN: 9783579083018)
B

Rezension zu "Das Wort vom Geheimnis der Welt" von Perry Schmidt-Leukel

belanahermine
Religionen zeigen viele Parallelen

Inhalt

Nach einführenden Worten in das Buch und in das interreligiöse Lesen biblischer Texte sind die Texte, die im Buch angeschaut werden, in drei inhaltliche Gruppen/Teile eingeteilt. In jedem Kapitel wird ein Stück aus der Bibel betrachtet. Ausgangspunkt ist die christliche Lesart. In die Beschreibungen fließen dann auch immer wieder Gedanken und Parallelen der anderen großen Religionen ein.

Quellenangaben finden sich am Ende jedes Kapitels. Am Ende des Buches gibt es ein Schriftenregister, Textnachweise und einen Bildteil.

Subjektive Eindrücke

Biblische Texte nicht nur aus christlicher, sondern auch aus der Sicht anderer Religionen zu lesen, ist eine tolle Idee. Ich kann mir vorstellen, dass es helfen kann, die vermeintlich tiefen Gräben zwischen den Religionen zu verkleinern. Die Texte des Buches lassen sich gut lesen. Man muss kein Theologe sein, um sie zu verstehen. Mich hat überrascht, wie viele Parallelen man doch finden kann.

Ich hätte mir aber auch gewünscht, dass der interreligiöse Anteil umfangreicher und vielleicht auch strukturierter ausfällt. Ich hatte hin und wieder den Eindruck, dass die gefundenen Parallelen eher Zu-Fälle waren. Aber unabhängig davon waren die Fundstücke sehr aufschlussreich.

Fazit

Ein Buch, das hoffentlich Mut macht, sich stärker interreligiös umzuschauen.

Weitere Rezensionen von mir gibt es unter https://belanahermine.wordpress.com/category/rezension/

Cover des Buches Das himmlische Geflecht (ISBN: 9783579071831)
HansDurrers avatar

Rezension zu "Das himmlische Geflecht" von Perry Schmidt-Leukel

HansDurrer
Von Christen und Buddhisten

Perry Schmidt-Leukel, der Autor dieses Werkes, ist Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie. Damit ist bereits angedeutet, wovon Das himmlische Geflecht wesentlich handelt: Der Auseinandersetzung mit Berufskollegen und vielen anderen anerkannten Grössen, die denn auch ausführlich zitiert werden.

Mein Interesse an diesem Buch gründet sowohl in der christlichen Kultur, in der ich aufgewachsen bin, als auch in meiner Faszination für den Buddhismus. Ich fühle mich von beiden geprägt, erlebe sie als komplementär. Als Gesamtgebilde bzw. als für sich genommene Weltanschauungen beschäftigen sie mich wenig; ich nehme mir von ihnen, was sich für mich als hilfreich erweist.

Trotzdem kann ich dem akademischen Ansatz von Perry Schmidt-Leukel einiges abgewinnen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ich mir über ganz viele von ihm erwähnte Aspekte noch gar nie Gedanken gemacht bzw. sie ganz anders wahrgenommen habe. So schreibt er etwa, die meisten Wissenschaftler würden dazu tendieren, „den Buddhismus als weltflüchtig, pessimistisch und passiv, das Christentum hingegen als weltzugewandt, optimistisch und aktiv zu kennzeichnen.“ Ich dachte automatisch an die Christen und die Buddhisten, mit denen ich im Laufe meines Lebens zusammengetroffen bin … und verstand (wieder einmal) die Welt nicht mehr.

Nachdem der Schweizer Philosoph Elmar Holenstein, auf den Perry Schmidt-Leukel auch Bezug nimmt, an einem internationalen Philosophenkongress aus einem vermeintlich klassischen Text vorlas, von dem behauptet wurde, er würde asiatische Charakteristika beschreiben, fragte er seine Zuhörer, wer ihrer Meinung nach der Autor war? Konfuzius, meinten die einen, Taoismus sei das, sagten andere, Shintoismus, wollte eine dritte Gruppe wissen. In Tat und Wahrheit handelte es sich um einen Text des Schweizer Schriftstellers Peter Bichsel, der darin von den Eigenheiten des Schweizer Nationalcharakters berichtete.

Holenstein sieht Kulturen nicht als homogene Gebilde und so ähnlich geht Professor Schmidt-Leukel auch Buddhismus und Christentum an – man findet in beiden Weltanschauungen ähnliche Überzeugungen, vielleicht nicht gleich prominent, vielleicht auch nicht zur selben Zeit, doch wenn man bereit ist, sie zu sehen, dann sieht man sie. The readiness is all, sagt Horatio in Hamlet.

Zum ersten Mal auf solche Übereinstimmungen bin ich bei Daisetz Teitaro Suzuki und Erich Fromm gestossen, die auf massgebliche Parallelen zwischen dem Zen-Buddhismus und der christlichen Mystik Meister Eckharts hinwiesen. Autor Schmidt-Leukel äussert sich dazu akademisch-differenziert – er erläutert Begriffe. Das Problem dabei: Erfahrungen lassen sich nun mal schlecht in Worte fassen, da die Sprache dazu neigt, Neues bzw. Unsagbares in Sagbares zu zwingen.

Zu den Gegensätzen, die immer wieder angeführt werden, gehören auch die Selbsterlösung, die dem Buddhismus eigen ist, und die Fremderlösung, die von der Gnade Gottes abhängt. Das himmlische Geflecht geht ausführlich auf die Gründe für beide Auffassungen ein; auch den Autoren, die diese Unterscheidung in Frage stellen, wird Raum gegeben. Bei mir selber stellten sich Thailand-Bilder im Kopf ein: Die Thais, die ich kennengelernt habe (ich habe einige Jahre im Land verbracht), waren nominell Buddhisten, doch beteten sie alle um Fremderlösung. Getaufte Christen wie ich glauben jedoch zumeist an Selbsterlösung.

Ich hatte den Eindruck von eloquenten Argumenten und scharfsinnigen Gegenargumenten fast erschlagen zu werden – dieses Buch ist auch eine eindrückliche Fleissarbeit. Manchmal wunderte ich mich auch: Unter dem Titel „Das Heilsziel als Gottesschau“ wird etwa Thomas von Aquin zitiert, der „die Anschauung Gottes zum Wesen des christlichen Heils erhob.“ Wie diese allerdings praktisch aussehen soll, hat sich mir nicht erschlossen. Zudem: Dass sich christliche Mystiker die Einswerdung mit Gott als vollziehenden Liebesakt vorstellten, fand ich nicht nur befremdlich, ich sehe dies auch als klaren Hinweis auf die Begrenztheit unserer Wahrnehmung bzw. Ausdrucksfähigkeit.

Es spricht sehr für dieses intellektuell überaus anregende Buch, dass es die geläufige Kontrastierung von Buddha und Christus bzw. von Buddhismus und Christentum ergänzt: „Es steckt immer irgendein Stück Christentum im Buddhismus und irgendein Stück Buddhismus im Christentum.“ Immer mal wieder fühlte ich mich an den Satz aus dem Talmud erinnert: “Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, sondern wie wir sind.“

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