Rezension zu "Buddhismus verstehen: Geschichte und Ideenwelt einer ungewöhnlichen Religion" von Perry Schmidt-Leukel
Buchsucht_de„Buddhismus ist kein Accessoire für einen spirituell weichgespülten Lebensstil, sondern eine echte Religion.“ Mit diesem Satz eröffnet Perry Schmidt-Leukel sein Buch, und dieser Satz ist Programm. Wer im Westen sozialisiert wurde, verbindet Buddhismus oft mit Achtsamkeits-Apps, Karma-Zitaten auf T-Shirts und einer diffusen Vorstellung von innerer Ruhe. Was tatsächlich hinter dieser über 2500 Jahre alten Weltreligion steckt, zeigt Schmidt-Leukel in einer Einführung, die für mich schlicht die beste ist, die ich zu diesem Thema kenne.
Der Autor ist Seniorprofessor für Religionswissenschaft in Münster und war 2015 der erste Deutsche seit 25 Jahren, der die renommierten Gifford Lectures halten durfte. Diese Qualifikation merkt man auf jeder Seite. Er beginnt beim Leben des historischen Buddha und ordnet dessen Lehre in das religiöse Klima Indiens im 5. Jahrhundert vor Christus ein. Genau diese Kontextualisierung hat mein Verständnis grundlegend erweitert. Buddhas Lehre wirkt plötzlich nicht mehr wie eine abstrakte Spruchsammlung, sondern als konkrete Reaktion auf Brahmanismus, Kastensystem und die Suche nach Erlösung aus dem Wiedergeburt-Kreislauf.
Was das Buch besonders wertvoll macht, ist die konsequente Klischee-Korrektur. Buddhismus als reine Philosophie ohne Religion? Falsch. Buddhismus ohne Glauben an Übernatürliches? Ebenfalls falsch. Buddhismus als individualistische Erleuchtungssuche? Nein, die Sangha, also die Gemeinschaft, ist ein Grundpfeiler. Schmidt-Leukel führt außerdem sauber durch die zentralen Konzepte wie die vier edlen Wahrheiten, den achtfachen Pfad, Karma und Nirvana und macht dabei deutlich, wie radikal manche dieser Lehren wirklich sind. Der „mittlere Weg“ ist eben keine harmlose Empfehlung zur Mäßigung, sondern eine philosophisch tiefgreifende Position.
Besonders stark fand ich die Darstellung der verschiedenen Strömungen. Theravāda, Mahāyāna und Vajrayāna, dazu regionale Ausprägungen in China, Japan und Tibet werden nicht nur in ihren Unterschieden, sondern auch in ihren gemeinsamen Wurzeln beleuchtet. Wer sich je gefragt hat, warum tibetische Buddhist:innen viele Götterwesen verehren, während Zen scheinbar gottlos meditiert, bekommt hier endlich klare Antworten. Auch das Kapitel zu Buddhismus und Moderne hat mir gefallen. Schmidt-Leukel kritisiert die westliche „McMindfulness“-Adaption ohne den Autor herablassend werden zu lassen. Er sieht Bereicherungspotenzial, besteht aber auf ernsthafter Auseinandersetzung.
Sprachlich schreibt er wissenschaftlich, aber zugänglich. Die Übersetzung von Hans-Georg Türstig ist gelungen und verzichtet auf akademisches Geblubber. Trotzdem: Es ist ein Sachbuch, kein Pageturner. Wer literarischen Sog erwartet, ist falsch. Manche Passagen sind theologisch dicht und wollen langsam gelesen werden. Schade fand ich außerdem, dass ein Thema mit so reichem visuellen Erbe komplett ohne Abbildungen auskommen muss. Ein paar Mandalas oder Tempelfotos hätten dem Werk gutgetan.
Wer über Yoga-Studio-Sprüche hinaus verstehen möchte, was Buddhismus eigentlich ist, ist hier goldrichtig. Eine warme Empfehlung für alle religionswissenschaftlich Interessierten.












