Peter-Jürgen Boock Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer

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Inhaltsangabe zu „Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer“ von Peter-Jürgen Boock

Einen besonderen Platz in meinen Erinnerungen an die Wochen der Entführung Hanns-Martin Schleyers nehmen die Nächte ein. Der Raum war meist nur erleuchtet vom schwächlichen, indirekten Licht einer Nachttischlampe. Die Gespräche unter uns, den Entführern, und mit dem Gefangenen wurden möglichst leise geführt, alles klang gedämpft, jeder achtete darauf, laute Geräusche zu vermeiden. Verglichen mit der hektischen Nervosität und der Anspannung am Tag eine beinahe unwirklich ruhige Atmosphäre. Zwischen Mitternacht und Morgengrauen hörten wir aufmerksamer zu, waren wir offener und argumentierten sachlicher als bei den Diskussionen am Tag. Eine merkwürdige Folge dieser Atmosphäre bestand darin, daß wir bei der Einteilung der Nachtwache für die Zeit zwischen Mitternacht und vier Uhr früh kaum Schwierigkeiten hatten. Nach nur wenigen Nächten mit Hanns-Martin Schleyer in der ersten Wohnung in Erftstadt-Liblar wurde es für diejenigen von uns, die nicht über Nacht etwas vorbereiten oder wegen der Aktivitäten des folgenden Tages unbedingt schlafen mußten, zur Gewohnheit, sich zu den Gesprächen während der ersten Stunden nach Mitternacht dazuzusetzen. Von diesen Gesprächen ging eine Faszination aus, der sich auch jene unter uns kaum entziehen konnten, für die der Gefangene anfangs nur die Inkarnation alles Bösen war. Während des Tages drehte sich meist alles um den Fortgang der Verhandlungen mit BKA und Bundesregierung. Die ununterbrochene Anspannung, unter der wir standen, die ständig erforderliche Rundherum-Aufmerksamkeit zerrte an den Nerven aller und machte sich zunehmend in aggressiven Auseinandersetzungen unter uns Bewachern Luft. In den Nächten dagegen gab es - außer dem Rhythmus beim Wachwechsel - kein festes Programm. Die Themen der Gespräche ergaben sich aus der Stimmung, aus der Neugier, aus der Suche nach Verständigung zwischen dem Gefangenen und uns. Es gab eine stillschweigende Übereinkunft, den Stand der Dinge, die täglichen Verhandlungen um Leben und Tod, nicht zum Inhalt dieser Gespräche werden zu lassen. Auch Hanns-Martin Schleyer verhielt sich in diesen nächtlichen Runden gelöster. Während ich den Eindruck hatte, daß er tagsüber jede Frage, jede Antwort, jede Reaktion von unserer Seite sorgfältig analysierte und abwägte, ließ er sich in den Nächten häufig spontan auf Auseinandersetzungen ein, die er bei Tag eher vermieden hätte. Schlaf schien Schleyer wenig zu brauchen. Es reichten vier oder fünf Stunden, zur Not auch in Intervallen, ohne daß ich ihm eine größere Erschöpfung oder eine besondere Anspannung angemerkt hätte. Während wir zunehmend Mühe hatten, die Stimmungsschwankungen untereinander auszugleichen, uns nicht vor seinen Ohren lautstark anzufahren, zu unterbrechen oder zu widersprechen, blieb er in aller Regel leise und höflich, versuchte in zugespitzten Situationen zu vermitteln. Die Position der moralisch Besseren und Stärkeren, die sich ihrer gerechten Sache sicher sind und noch dazu die Macht in den Händen haben, konnten wir Schleyer gegenüber kaum über die ersten Tage retten. Die Devise, sich bloß nicht mit diesem Schergen gemein machen, machte bei fast allen schnell einer mehr oder weniger respektvollen Zurückhaltung dem Gefangenen gegenüber Platz. Hanns-Martin Schleyer versuchte, seine Interessen zu wahren, ohne uns allzusehr vor den Kopf zu stoßen. Er bat uns selten um etwas, war andererseits aber auch nicht bereit, alles, was wir vorschlugen, kritiklos auszuführen. Er zwang uns durch seine Antworten mit jedem Tag mehr, von unseren Vorstellungen und Vorurteilen Abschied zu nehmen, auch wenn wir das unter uns nicht zugeben konnten. Wer sich an den linken Politjargon der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts und seine stereotypen Denk- und Argumentationsmuster erinnert, wird diesen rückblickend - wie ich - intellektuell und sprachlich schwer erträglich bis peinlich finden. Wir hatten bei den Vorbereitungen der Entführung ausführlich über das Problem diskutiert, wie sich der psychologische Effekt der Täter-Opfer-Identifikation vermeiden ließ, wenn sich höchstens vier oder fünf von uns bei der Bewachung der Geisel ablösen könnten. Wie konnten wir in dieser Situation unvermeidlicher Nähe möglichst viele Informationen aus dem Gefangenen herausholen und andererseits die nötige Distanz wahren? Wir harten uns darauf verständigt, im Umgang mit dem Gefangenen Disziplin zu wahren, uns wechselseitig zu kontrollieren und keine Vertraulichkeiten zuzulassen. In der Praxis des täglichen Umgangs miteinander begannen die Kompromisse aber schon am zweiten Tag. Wir mußten uns bald eingestehen, daß Hanns-Martin Schleyer, den wir wegen seiner körperlichen Proportionen in Verniedlichung des Wortes Spindel unter uns Spindy nannten, uns nach einem Austausch mühelos würde identifizieren können. Da der Gefangene bereits bei dem Überfall drei von uns gesehen hatte, erschien es nicht mehr notwendig, uns die ganze Zeit mit lästigen Skimasken zu tarnen. Ohne die übliche Diskussion haben wir die Masken einfach weggelassen.

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