Die Geschichte dieses Gedichtbandes ist selbst schon bezeichnend. Zuerst als Auswahl für eine Hörbuch-CD mit Eberhard Esche konzipiert, dann 2008 im Eulenspiegel Verlag als Buch gefasst, nun als neue Ausgabe wieder vorgelegt: Hacks kehrt zurück, weil er nicht erledigt ist. Seine Gedichte sind keine musealen Stücke, sondern ein Stachel im Fleische der Gegenwart.
Man muss sich klarmachen, wer hier spricht: Peter Hacks, 1928 in Breslau geboren, Wahl-DDR-Bürger aus Überzeugung, Klassizist gegen den Zeitgeist – und einer der letzten, der den Untergang seines Staates nicht als Befreiung, sondern als Verlust begriff. »Diesem Vaterland nicht meine Knochen« versammelt genau jene Gedichte, die Hacks selbst als „unvermittelt politisch“ verstand – Lyrik als Klassenkampf in Versform. Es gibt Dichter, die altern. Und es gibt Peter Hacks, der wird höchstens schärfer. »Diesem Vaterland nicht meine Knochen« ist kein braves Nachlassbändchen, sondern ein spätes, trotziges Aufbäumen gegen die Zumutungen der Geschichte. Eine Auswahl politischer Gedichte, Balladen, Epigramme, die sich nicht entschuldigen, nicht relativieren – und schon gar nicht versöhnen. Ein politisches Tagebuch wider Willen. Hacks schreibt hier, wie man heute kaum noch schreiben darf: klassenbewusst, polemisch, mit Lust an der Zuspitzung. Die DDR erscheint nicht als Fußnote, sondern als verlorene Möglichkeit – ein „Vaterland“, das zugleich geliebt und verflucht wird. In Versen von fast unverschämter Eleganz zieht er über Wendegewinner, Opportunisten und den Kulturbetrieb her, als wäre 1990 nie zu Ende gegangen. Wer sich daran stößt, hat vermutlich genau die Pointe getroffen.
Formal bleibt Hacks der alte Meister: gereimt, rhythmisch präzise, klassisch geschult – und gerade deshalb so gefährlich. Denn diese Gedichte klingen schön, während sie austeilen. Ein „Appell“ wird zur bitteren Guillotine-Phantasie, ein „Wahlsonntag“ zur Kapitulationserklärung vor dem Kapital, und selbst die Liebe bekommt noch einen ideologischen Schatten.
Man kann das für unzeitgemäß halten. Oder für unerquicklich. Aber belanglos ist es nie. Hacks liefert keine Gegenwartslyrik zum Wegatmen, sondern zum Widersprechen – und damit genau das, was Literatur allzu selten noch wagt.
Diese neue Ausgabe wirkt wie eine kleine literarische Sprengladung: knapp hundert Seiten, aber randvoll mit Spott, Zorn und dieser fast schon barock anmutenden eleganten Bosheit.
Ein Dichter, der sich weigert, nett zu sein, ist heute fast schon ein Exot.
Allerdings: Man muss das aushalten wollen. Hacks’ Ton ist unversöhnlich, seine politischen Gewissheiten wirken mitunter so hermetisch wie seine Verse präzise sind. Wer hier nach ironischer Distanz oder versöhnlicher Ambivalenz sucht, wird eher abgekanzelt als abgeholt. Und doch liegt gerade darin die Stärke dieses Buches: Es meint, was es sagt – und sagt es besser, als man es heute gewohnt ist. Frisch, herb und unbequem.
Keine bloße nostalgische Rückschau, sondern eine kämpferische Wiederbelebung. Ein schmales, gewichtiges Buch, das lange nachhallt!
Peter Hacks
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Peter Hacks
Der Herbst steht auf der Leiter
Jules Ratte
Der Bär auf dem Försterball
Liebesgedichte
Der Flohmarkt
Diesem Vaterland nicht meine Knochen
Armer Ritter
Geschichten von Henriette und Onkel Titus
Neue Rezensionen zu Peter Hacks
Peter Hacks ist kein Autor, den man einfach gern liest. Er ist einer, mit dem man sich einlässt. Und das heißt bei ihm fast immer: sich auf eine geistige Anstrengung einzulassen, die sich in Sprachlust verwandelt. Der neue Band "Diesem Vaterland nicht meine Knochen" zeigt das mit einer Deutlichkeit, die für heutige Lyrik geradezu ungewohnt ist. Hier wird nichts versenft, nichts atmosphärisch vernebelt, nichts in die freundliche Unverbindlichkeit des Gegenwärtigen aufgelöst. Hacks schreibt Gedichte, die positioniert sind, entschlossen, kunstvoll gebaut und oft von einer wunderbaren, manchmal unbarmherzigen Klarheit. Der Band ist klug zusammengesetzt. Schon das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass hier nicht bloß ein Sammelsurium vorliegt, sondern eine poetische Argumentation. Politische Gedichte aus der Nachwendezeit stehen neben historischen Maskenspielen, Epigrammen, Liebesgedichten und poetischen Reflexionen über Sozialismus, Staat, Geschichte und Gesellschaft. Hacks behandelt die Welt nicht als bloßen Anlass zur Gefühlsäußerung, sondern als Feld von Konflikten, Ordnungen und Interessen. Das ist der Grund, warum seine Gedichte so eigenartig gegenwärtig bleiben: Sie glauben nicht an den Frieden der bloßen Meinung. Das hat Hacks selbst einmal in einem Brief an den Verlag, vom 19. August 2002, sehr prägnant formuliert: Geschichte wird erzählt als Geschichte von Klassenkämpfen; diese Gedichte sind verfaßt als Gedichte von Klassenkämpfen. Dieser Satz ist ein Schlüssel. Er benennt nicht nur einen politischen Standpunkt, sondern auch eine Poetik. Bei Hacks ist die Form nie bloß Form, sondern ein Kampfmittel. Reim, Metrum, Pointe, historische Maske, Ballade, Couplet, Epigramm: all das sind bei ihm nicht hübsche literarische Accessoires, sondern Instrumente der Zuspitzung. Die Kunst besteht darin, dass diese Instrumente nicht trocken klingen. Hacks schreibt mit Disziplin, aber nie mit Müdigkeit.
Besonders stark kommt dies in "1990" zum Ausdruck: einem Gedicht, das die Umbruchszeit nach der DDR mit einer fast lakonischen Grausamkeit betrachtet. Der Ton ist nicht lamentierend, sondern präzis verspottend. Das Gedicht registriert den historischen Absturz nicht als Tragödie im hohen Stil, sondern als jene Mischung aus politischer Selbstentblößung, kultureller Verwirrung und privater Erschöpfung, die das Frühjahr 1990 für viele darstellte. Gerade die scheinbare Leichtigkeit der Verse macht ihre Härte aus. Hacks braucht keine großen Gesten, um Niederlage, Lächerlichkeit und historisches Einverständnis sichtbar zu machen. Ähnlich eindringlich ist "Kahnpartie zu Thälmann". Das Gedicht verbindet Naturbild, Erinnerung und kommunistische Geschichtserfahrung zu einer kleinen, fast filmischen Szene. Das Rudern, der See, das Licht, die beiläufige Bewegung des Ausflugs: all das ist keineswegs bloß Kulisse, sondern die Oberfläche, unter der die politische Geschichte weiterarbeitet. Hacks hat ein seltenes Talent dafür, Geschichte nicht museal, sondern situativ erscheinen zu lassen. Thälmann ist hier kein Denkmal, sondern eine Spannung, ein Maßstab, ein Schmerzpunkt. Das Gedicht denkt nicht über Geschichte nach, es lebt in ihr. Noch knapper und vielleicht noch exemplarischer ist "Zehn Gerechte". Hier zeigt sich die ganze Eleganz von Hacks Kurzform. Der biblische Unterton ist sofort da, aber er wird nicht ehrfürchtig ausgespielt, sondern in eine nüchterne, fast strenge moderne Aussage überführt. Das Gedicht fragt nach den wenigen, tatsächlich standhaften Menschen, die eine Gesellschaft tragen könnten. Der Ton ist nicht sentimental, sondern prüfend. Und gerade darin liegt seine Würde. Hacks glaubt an eine kleine Zahl von Gerechten, nicht an die tröstliche Mehrheit. Das ist streng, aber nicht zynisch; anspruchsvoll, aber nicht verächtlich. Auch die Gestaltung des Bandes ist kein Zufall, sondern ein Programm. Das schwarze Cover mit seiner blockhaften, fast propagandistisch zugespitzten Typografie, der ruhige Satzspiegel im Inneren, die großen Weißräume und die strenge Seitenarchitektur fassen Hacks nicht als dekorativen Klassiker, sondern als Autor der Form und der Fronten. Das Buch will nicht schmeicheln. Es will Haltung zeigen und das tut es mit einer Konsequenz, die diesem Dichter sehr gut steht. Hacks bleibt dabei ein schwieriger Autor und das ist Teil seines Reizes. Seine politischen Gewissheiten sind nicht die unsere. Seine DDR-Position, seine Polemik gegen westliche Selbstzufriedenheit, seine schroffe Abneigung gegen geistlose Anpassung: all das mag man teilen oder ablehnen. Aber man kann kaum bestreiten, dass hier einer mit maximaler intellektueller Energie schreibt. Diese Gedichte wollen nicht gefallen. Sie wollen treffen. Und gerade deshalb sind sie literarisch so ernst zu nehmen. Der große Gewinn dieser Auswahl besteht darin, dass sie Hacks nicht als bloßen Zeitzeugen zeigt, sondern als Dichter einer hochgradig bewussten Form von Gegenwart. Seine Gedichte sind historisch, politisch, oft streitbar aber niemals bloß historisch oder bloß politisch. Sie sind gebaut, geschliffen, pointiert. Man liest sie und merkt: Hier arbeitet ein Autor, der an Sprache glaubt, weil er an Konflikte glaubt. Und an Konflikt, weil er die Welt nicht für versöhnt hält. Das macht "Diesem Vaterland nicht meine Knochen" zu einem Buch, das weder in Ehrfurcht erstarrt noch in Aktualitätsgeplänkel vergeht. Es ist ein Band für Leserinnen und Leser, die Lyrik nicht als Stimmung, sondern als Denkform schätzen. Und es ist ein Band, der zeigt, warum Peter Hacks auch dort weiter provoziert, wo man ihn längst hätte einordnen wollen: Er ist zu präzise, um harmlos zu sein.
Nicht nur Peter Hacks’ Theaterstücke waren schon immer beeindruckend, seine Lyrik ist es auch. Ob zu seiner Zeit oder heute: seine Gedichte sind erschreckend aktuell und bewegend. Er bekleidet nicht nur die gesellschaftlich-politischen Zerwürfnisse in dichterische Worte, sondern auch die Liebe und die Dichtung selbst. Bei ihm verflechten sich die Welten, das Große, Übergeordnete wirkt sich auf das Leben des kleinen Mannes aus und umgekehrt. Ich finde Hacks’ scharfen Humor genau richtig, um die Verhältnisse zu beschreiben. Dazu kommt ein liebevoll gestalteter Umschlag mit Glanzschrift, den man so auch nicht alle Tage hat. Ich bin begeistert!
Gespräche aus der Community

Henriette und Onkel Titus sind ein tolles Team; sie hat mehr Phantasie, er mehr Verstand, »aber jeder hat genug von beidem«. Gemeinsam erleben sie die abenteuerlichsten Dinge. So befreien sie einen weinenden Stein von seinem Liebeskummer, bauen eine Nähmaschine zur Denkmaschine um und fangen im Stadtpark einen Affen, der natürlich sprechen kann. Denn, wie Onkel Titus weiß: »Nichts ist verwirrender als das normale, alltägliche Leben.«
Peter Hacks’ Märchengeschichten von Henriette und Onkel Titus sind irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit angesiedelt und verzaubern Jung und Alt. Gelesen werden die Geschichten von den beiden Schauspielerinnen Jennipher und Carmen-Maja Antoni.
Wir verlosen 10 x die CD »Geschichten von Henriette und Onkel Titus«
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Frau Tausendfuß hat Wäsche, der Laubfrosch ist bettlägerig, der Herbst steht auf der Leiter und ist ein froher Malersmann …
Von Tieren und Menschen, großen historischen Personen und kleinen gewitzten Kindern, von tausend Dingen, die es zwischen Himmel und Erde und im Land der Fantasie gibt, erzählt Peter Hacks in seinen Kindergedichten. Viele sind aus Schulbüchern oder als Lieder bekannt und teils Volksgut geworden. Die Gedichte laden ein zum Bummel über einen Markt der Poesie, auf dem wunderbare Schätze zu heben sind.
Illustriert ist dieser Klassiker der Kinderliteratur von dem rennommierten Grafiker und Illustrator Klaus Ensikat, der die Bilder mit seiner feinen Linienführung zu Meisterwerken der Zeichenkunst erhebt.
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Zusätzliche Informationen
Peter Hacks wurde am 21. März 1928 in Breslau (Polen) geboren.
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