Peter Hayes

 5 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor von Warum?, Die Degussa im Dritten Reich und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Peter Hayes

Peter Hayes, geboren 1946, Professor of History and German an der Northwestern University Evanston, Illionois, von ihm zuletzt: Degussa im Dritten Reich. Von der Zusammenarbeit zur Mittäterschaft, München 2004, Mitherausgeber des Oxford Handbook of Holocaust Studies, Oxford 2010

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Peter Hayes

Cover des Buches Warum?9783593507453

Warum?

 (1)
Erschienen am 17.08.2017
Cover des Buches Die Degussa im Dritten Reich9783406522048

Die Degussa im Dritten Reich

 (1)
Erschienen am 17.03.2005
Cover des Buches From Cooperation to Complicity0521039916

From Cooperation to Complicity

 (0)
Erschienen am 23.07.2007
Cover des Buches Industry and Ideology0521781108

Industry and Ideology

 (0)
Erschienen am 13.11.2000
Cover des Buches Adoption in Japan0415391814

Adoption in Japan

 (0)
Erschienen am 01.07.2006

Neue Rezensionen zu Peter Hayes

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Rezension zu "Warum?" von Peter Hayes

"Wer sich mit dem Holocaust beschäftigt, riskiert (eine) enorme Desillusionierung über die Menschen"
R_Mantheyvor einem Jahr

Warum noch ein Buch über den Holocaust? Das Buch selbst gäbe die passende Antwort, heißt es im Klappentext. Das kann ich nur bestätigen, denn selten habe ich ein so hervorragendes Buch gelesen. Über 30 Jahre Arbeit an diesem Text schlagen sich in einer außerordentlich präzisen und vor allem mit Zahlen belegten Analyse des Geschehens und seiner Hintergründe nieder. Wer die Abgründe nicht kennt, die sich dabei auftun, wird sich erschrecken. Ein amerikanischer Autor kann anders darüber schreiben als Menschen aus dem Täter- oder Opfervolk. Sachlich und nüchtern im Ton, aber hart in der Sache legt Peter Hayes den Finger auch in manche nichtdeutsche Wunde. Das rundet das erschreckende Gesamtbild ab.

Natürlich ist dieses Verbrechen für Juden und Deutsche ein singuläres Ereignis, über das sie schlecht sachlich sprechen können. Aber leider ist es nicht singulär in der Geschichte. Die Opferzahlen des stalinistischen Terrors dürften die des Holocausts deutlich übersteigen. Man kann sie nicht angeben, sondern nur schätzen, denn die Akten liegen unter Verschluss. Bis heute. Auch die Massaker an den Armeniern, verübt im Osmanischen Reich, sind bis heute nicht aufgearbeitet, sie werden sogar bestritten. "Die Firnis der Zivilisation ist dünn, die Herrschaft des Gesetzes zerbrechlich", schreibt der Autor im letzten Kapitel, als er bei den Lehren angekommen ist. Wirtschaftliche und politische Ruhe seien die Grundbedingung, dass sie hält, meint Hayes.

Sein Buch befasst sich mit sieben Warum-Fragen: Warum die Juden? Warum die Deutschen? Warum Mord? Warum so schnell und so radikal? Warum leisteten nicht mehr Juden mehr Gegenwehr? Warum waren die Überlebensraten so unterschiedlich? Warum kam so wenig Hilfe von außen? Das sind die Kapitelüberschriften. Fragen, die in aller Ausführlichkeit und Gründlichkeit beantwortet werden. Was dabei herauskommt, wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf die Deutschen, sondern auf andere europäischen Völker. Beispielsweise auf die Schweizer, die ihre Grenzen gerade dann dichtgemacht hatten, als man sie hätte für Juden öffnen müssen. Oder auf die Polen, deren Antisemitismus kein Ruhmesblatt war. Auch die siegreichen Amerikaner kommen nicht unbedingt gut bei Hayes weg. Alles ist mit Quellen, Zahlen und Daten gut belegt.

Hayes zeigt, dass es nicht der latente deutsche Antisemitismus war, der Hitler zur Macht verhalf, denn der war eher unbedeutend, sondern letztlich der Ausgang des Ersten Weltkrieges, der die Mutter aller folgenden europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist. Die Notlage in Deutschland, entstanden durch den Versailler Vertrag, brachte eine Partei an die Macht, die versprach, diese Schmach zu tilgen. Für ihren Anführer wurde der Mythos, dass der Erste Weltkrieg, an dem er teilgenommen hatte, durch den jüdischen Dolchstoß verloren ging, zum pathologischen Glauben, für den es keinen wirklichen Beleg gab. Juden haben sich, wie eine Untersuchung der Reichswehr von 1916 ergab, sogar für Deutschland im Krieg hervorgetan.

Das hielt den Führer aber nicht davon ab, das Ziel der Vertreibung der Juden aus Deutschland und einen militanten Antisemitismus als Hauptpunkt ins Programm seiner unseligen Partei zu schreiben. Wer heute mit gewissen Begriffen inflatorisch um sich schlägt, sollte sich auch einmal darüber informieren, damit er wirklich kapiert, worüber er redet.

Zunächst, so lernt man aus diesem Buch, versuchte man nach 1933 dieses Ziel mit Stress für Juden zu erreichen und war damit relativ erfolgreich. Sie verließen in großer Zahl das Land. Doch die Eroberungspolitik Deutschlands verursachte eine deutliche Zunahme der Zahl der Juden im vergrößerten Reich. Die Nationalsozialisten waren in ihrer eigenen verbrecherischen Logik gefangen, was sie nun in ihrem Wahn zur sogenannten Endlösung zwang. Man sieht an diesem fürchterlichen Beispiel, was eine kleine, aber gut organisierte Gruppe, wenn sie erst einmal zu diktatorischer Macht gekommen ist, mit ganzen Völkern machen kann, mit dem eigenen und fremden. Der eigentliche Holocaust begann zeitgleich mit dem Einmarsch in die Sowjetunion, also im Sommer 1941. Zunächst mit massenhaften Erschießungen, dann folgten Deportationen und die massenhafte Vernichtung in Lagern, zunächst mit Autoabgasen, dann mit Zyklon B, das dafür gar nicht hergestellt wurde, denn es diente eigentlich zur Desinfektion der Baracken.

Man kann die fürchterlichen Einzelheiten im Buch detailliert nachlesen. Es macht die Lektüre nicht leicht, aber man kann aus diesem Buch sehr viel lernen. Mein Geschichtsbild hat es jedenfalls an manchen Stellen deutlich verändert, weil mir vieles so gar nicht bekannt war.

Nachdem vier der sieben Warum-Fragen beantwortet sind, kommt Hayes zu den nicht weniger schrecklichen Tatsachen des mangelnden Widerstandes und der mangelnden Hilfe. Wenn man Menschen schon einmal in extremen Situationen erlebt hat, werden Hayes Antworten nicht überraschen. Widerstand muss organisiert werden, doch die meisten Menschen denken zunächst an das eigene Überleben und das ihrer Familie. Staaten handeln nicht anders, schließlich werden sie von Menschen geführt. Und Widerstand war im diktatorisch durchorganisierten Dritten Reich lange nicht wirklich möglich. Auch das macht Hayes an vielen Beispielen klar.

Er diskutiert auch die Überlebensraten, die Überlebensumstände und die Überlebensgründe von Juden unter den Umständen des Holocausts. Das sind heikle Themen. Mit der Ehrlichkeit eines wahrheitssuchenden Historikers seziert er die Situation, jedenfalls so, wie man sie von heute aus nachvollziehen kann, denn schließlich gibt es nur wenige ehrliche Berichte von Überlebenden.

Und schließlich sind da noch Hayes Lehren. Ein aktuelles Kapitel. Seine Grundlehre besteht darin, eine angespannte gesellschaftliche Situation nicht eskalieren zu lassen. Freiheit steht bei Menschen nicht so hoch im Kurs wie Sicherheit und Wohlstand. Das hat sich bis heute nicht geändert. Und genau hier liegt eine der Brutstätten für Diktaturen mit all ihren Folgen.

Ich kann dieses Buch nur empfehlen, denn es beleuchtet den Holocaust unter Gesichtspunkten, die ihm auch etwas seine Singularität nehmen. Und damit mit dem Glauben aufräumt, so etwas könne sich nicht wiederholen.

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Rezension zu "Die Degussa im Dritten Reich" von Peter Hayes

Rezension zu "Die Degussa im Dritten Reich" von Peter Hayes
Sokratesvor 8 Jahren

Peter Hayes, Professor für Geschichte und Holocaust Studies in den USA, hat sich in dieser überzeugend recherchierten Monographie der Degussa gewidmet, also dem Unternehmen, das den Nationalsozialisten u.a. das Zyklon-B verkaufte. Doch es werden noch andere Bereiche eingehend beleuchtet: so bspw. die Verstrickungen der Degussa in Arisierung, oder die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, der man seltsam verhalten und auch optimistisch gegenüberstand. Einzige Angst war der weitere Verfall der Reichsmark; dazu war den Wirtschaftsführern scheinbar vieles recht, auch ein zweifelhaftes Regime. Im Rahmen der Arisierung nutzte die Degussa die Situation immer wieder, um ihren Besitz zu vervollständigen; hierbei ging man zunehmend „rücksichtsloser“ gegen enteignete Juden vor (S. 107). Im Hinblick auf den gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus blieb die Degussa defensiv. Spätestens sieben Jahre nach dem Beginn der Arisierungskampagnen blieb die Degussa nicht nur rein defensiv bei den anti-jüdischen Aktionen, sondern meldete sogar gezielt Informationen an die Gestapo (S. 119) – eine Kehrtwende, weg vom passiven Dulder, hin zum aktiven Unterstützer, zum Mittäter. Hinzu kamen berechtigte Gewinnerwartungen nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten: Hayes zeigt gut, dass man noch 1933 den Gewinn der Firma als „gut“ bis „einigermaßen zufrieden“ bezeichnete“ (S. 127), doch mit den Jahren und dem parallel dazu beginnenden Aufrüstungsprozesses gewann die Degussa enorm durch Autarkie und Aufrüstung; sie war – wie viele andere Wirtschaftsunternehmen unter dem NS-Regime – großer Profiteur der Aufrüstungspolitik. Hayes schreibt hierzu, dass sich die Degussa „[...] an der Plünderung der Juden (beteiligt habe), nicht nur oder vorrangig, um unmittelbaren Gewinn daraus zu schlagen, sondern vielmehr mit Blick auf die größeren Gewinne in der Zukunft.“ (S. 210). Moralische Bedenken, Scham oder Abscheu spielten keine Rolle: so charakterisiert Hayes das Führungspersonal als von soldatischen Tugenden geprägt, mit Tunnelblick arbeitend und von Pragmatismus geleitet (S. 210) – Ausgangsbedingungen, die zwangsläufig zu dieser Verstrickung und dieser aktiv-passiven Rolle während NS-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg führen mussten. Hayes hat eine sehr gut recherchierte und sehr umfangreiche Geschichte der Degussa im Dritten Reich geschrieben. Das Buch liest sich sehr gut; die genannten Personen sind – so weit möglich - durch s/w-Fotos eingebunden. Deutlich wird einmal mehr, dass große deutsche Unternehmen das NS-Regime entweder aktiv im Zeitpunkt der Machtübernahme 1933 unterstützten, oder sich zumindest passiv einen wirtschaftlichen Aufschwung durch andere Politik erhofften. - Erwähnenswert sind auch ein umfangreicher Anhang mit Abbildungen und Bilanzauszügen, die über Gewinn und Produktion sehr gut Auskunft geben.

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