Es gibt Bücher, die stellen sich mit einem rostigen Schraubenschlüssel vor die Wirklichkeit und schlagen so lange darauf ein, bis Funken fliegen. »Volle Pulle nichts« von Peter Köhler gehört zur dieser Sorte.
Schon der Titel klingt wie eine Regierungserklärung nach drei Koalitionsausschüssen und zwei Energy-Drinks. Und tatsächlich bewegt sich Köhler mit sichtbarer Lust durch jene deutsche Gegenwart, in der alles gleichzeitig optimiert, moralisiert, digitalisiert und psychologisch betreut werden soll – während trotzdem nichts funktioniert, außer vielleicht die Selbstgerechtigkeit.
Köhler, Jahrgang 1957, schreibt seit Jahrzehnten für Blätter wie Titanic, taz und den Eulenspiegel. Man merkt das auf jeder Seite. Seine Satire ist nicht die stromlinienförmige Fernsehkomik, die heute oft als „Haltung“ verkauft wird und wie ein Volkshochschulkurs mit Pointe klingt. Köhler kommt aus einer älteren, gefährlicheren Schule: der Schule der literarischen Übertreibung, der boshafteren Phantasie, der Lust an der gedanklichen Eskalation. Einer Schule also, in der Satire nicht nett sein muss, sondern treffen soll.
Das Verfahren ist dabei fast immer gleich: Köhler nimmt eine gesellschaftliche Entwicklung und denkt sie mit preußischer Gründlichkeit bis zum Irrsinn weiter. In „Menschenrechte für alles!“ lässt er eine Erdbeere vor dem Europäischen Gerichtshof auftreten und gleiche Rechte einklagen. Das klingt zunächst wie ein Kalauer aus der Gemüseecke, entwickelt aber schnell eine verblüffende Präzision. Die Erdbeere argumentiert mit einer Mischung aus NGO-Seminar, Aktivistensprache und philosophischer Totalmoral – und plötzlich merkt man beim Lesen unangenehm, dass hier gar nicht die Erdbeere lächerlich gemacht wird, sondern ein Denken, das irgendwann jeden Unterschied zwischen Mensch, Tier, Pflanze und Kieselstein moralisch einebnen möchte. Die Erdbeere sagt: „Der Mensch ist dem Menschen eine Erdbeere!“ Das ist so blöd, dass es schon wieder erschreckend nah an manchen Debatten der Gegenwart vorbeischrammt. Überhaupt lebt dieses Buch von seiner Fähigkeit, den Leser in genau diesem Zwischenzustand zu halten: Man lacht – und ärgert sich gleichzeitig darüber, warum man lacht.
Besonders stark ist Köhler immer dann, wenn er die Sprache selbst aufs Korn nimmt. Die grandiose Satire über einen Pressesprecher, der an einer gendersensiblen Mitteilung über Astrophysik verzweifelt, gehört zu den bösesten Texten des Bandes. Aus „Astrophysiker“ wird dort ein sprachliches Minenfeld aus Identitäten, Kategorien und moralischen Rücksichtnahmen, bis der arme Sprecher am Ende fast an seiner eigenen Tugendhaftigkeit kollabiert. Das ist kein billiges „Früher war alles besser“-Kabarett. Köhler interessiert sich weniger für Kulturkampfparolen als für die komische Mechanik ideologischer Sprache. Wie Wörter anfangen, Menschen zu verwalten. Wie Moral sich grammatikalisch tarnt.Und doch ist „Volle Pulle nichts“ mehr als bloße Gegenwartsbeschimpfung. Das Buch hat eine eigentümliche kulturpessimistische Wärme. Hinter dem Spott steckt oft eine fast altmodische Sehnsucht nach Vernunft, Maß und Wirklichkeitssinn. Wenn Köhler die moderne Arbeitswelt beschreibt, in der Menschen „Quality Time“ betreiben, um sich effizient von der Effizienz zu erholen, dann ist das nicht nur Satire auf Coaching-Deutsch. Es ist auch die Diagnose einer Gesellschaft, die sogar ihre Erschöpfung noch organisiert. Die Figur Isa Pappenberger macht „eine Viertelstunde volle Pulle nichts“. Man möchte lachen und gleichzeitig seinen Kalender löschen. Formal erinnert vieles an die große Tradition deutschsprachiger Satire zwischen Kurt Tucholsky, Eckhard Henscheid und dem alten Titanic-Ton der neunziger Jahre: weniger Pointe als gedankliche Schraube, die immer fester angezogen wird. Köhler vertraut darauf, dass Übertreibung Wahrheit sichtbar machen kann. Das gelingt ihm nicht immer. Manche Texte sind bewusst zu lang ausgewalzt, manche Gags prügeln ihre Idee fünf Absätze weiter, als nötig wäre. Aber selbst das hat etwas Sympathisches. Dieses Buch will nicht geschniegelt wirken. Es will sich verhaken, einen Anker setzen.
Interessant ist dabei auch der Vergleich zu Köhlers früherem Buch »Als Marx im Lotto gewann«, ebenfalls im Eulenspiegel Verlag erschienen. Dort spielte Köhler noch stärker mit historischen Figuren und kontrafaktischen Szenarien: Marx als Lottogewinner, Luther mit Mailprogramm, Goethe im Kulturbetrieb der Gegenwart. Das war literarischer, verspielter, manchmal fast feuilletonistisch elegant. »Volle Pulle nichts« hingegen ist härter, unmittelbarer, aggressiver gegenwartsfixiert. Weniger literarisches Gedankenspiel als satirischer Häuserkampf.
Dass dieses Buch ausgerechnet im Eulenspiegel Verlag erscheint, passt. Der Verlag trägt seit DDR-Zeiten eine widerspenstige Satiretradition mit sich herum, die nie ganz mehrheitsfähig konformistisch geworden ist. Man spürt bei Köhler noch diese Lust an Polemik als Kulturtechnik – nicht bloß als Twitterreflex.
Am Ende bleibt ein Buch, das vielen Lesern vermutlich auf die Nerven gehen wird. Und das ist vielleicht sein größtes Kompliment. Denn Satire, die nur bestätigt, ist am Ende bloß dekorative Meinung. Köhler dagegen schreibt, als hätte er noch Vertrauen in die Zumutungskraft von Literatur.
Oder anders gesagt: Dieses Buch ist wie ein schlecht gelaunter Philosoph am Stammtisch. Man widerspricht ihm ständig. Aber man hört trotzdem nicht auf zuzuhören.









