Peter Kuper Hamlet oder Die Liebe zu Amerika

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Inhaltsangabe zu „Hamlet oder Die Liebe zu Amerika“ von Peter Kuper

Bearb. u. hrsg. v. Schröder, Jörg
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  • Rezension zu "Hamlet oder Die Liebe zu Amerika" von Peter Kuper

    Hamlet oder Die Liebe zu Amerika

    Morella

    29. July 2012 um 13:50

    BC-ID: 638-11301090 schon auf Reise Peter Kuper: "Hamlet". März Verlag bei Zweitausendeins, Jossa; 555 Seiten; 25 Mark. Die Geschichte des 1936 geborenen Journalistensohnes Peter Kuper ist die Allerweltsgeschichte eines gutbürgerlichen Falls von Schwererziehbarkeit; es ist die deutsche Nachkriegsgeschichte eines Autodiebs aus manischer Leidenschaft für alles Amerikanische: eine Leidenschaft, in der Kuper sich noch an den eleganten schmalen US-Handschellen ergötzt, die ihm mehrfach angelegt werden; es ist die alltägliche Geschichte abgebrochener Lehren, erfolgloser Nachhilfestunden und monotoner Gefängnisaufenthalte. Kuper erzählt auf fast 600 Seiten nichts Neues, nichts, woraus man etwas lernen oder eine identifizierbare Botschaft vernehmen könnte. Er freut sich nacherzählend, ohne Rücksicht auf ein Zuhörer-Interesse, an seinem Kinderteller, auf dem, wenn er ihn leergegessen hatte, "ein großer Zeppelin" erschien. Er trauert redselig seinem Wipproller nach, den er nicht gekriegt hat, "weil der Krieg anfing"; oder er erzählt, als sei er der einzige Mensch auf der Welt, der das erlebt hat, vom Fliegerangriff auf Frankfurt, und daß er die Festhalle hat brennen sehen: "Die Festhalle, wo heute die Buchmesse und die Automobilmesse ist." Aber so ziellos, weitschweifig und unbesorgt um tieferen Sinn Kuper auch drauflosredet, gerade durch den unbekümmerten Kinder-Ernst, in dem er etwa seine gesamte Spielzeug-Sammlung ausbreitet und dann mit flehentlicher Wichtigkeit mitteilt: "Allerdings hatte ich keine Tiere, ich habe keine Stofftiere gehabt, keine Stoffhunde, nur diese Schucoautos, ferngelenkt", durch diese Unverschämtheit, ein allgemeines Interesse an jedem Detail der eigenen Person einfach vorauszusetzen, gerät man in einen Sog verärgerten und neugierigen Weiterlesens. Man möchte es dann tatsächlich genau wissen, was für ein Typ das ist, dieser Kuper, der die verkohlten Bomben-Opfer immer noch mit dem glühend teilnahmslosen Blick des damals Achtjährigen ansieht: "Alle nur 1,20 m bis 1,30 m groß und zusammengeschmort. Man müßte nur dein Bein noch ein bißchen schwarz anmalen und noch mehr braten, so sah das alles aus." Vor allem dieser amoralische Wahrnehmungs- und Erzählzwang, diese unschuldig-brutale Neugierde weckt das Interesse an Kupers Geschichte, deren äußerer Verlauf so langweilig oder spannend ist wie der jeder anderen Lebensgeschichte auch. Peter Kuper besucht nach dem Krieg das Real-Gymnasium, das er wegen fehlender Einsicht in die Notwendigkeit korrekter Zeichensetzung verlassen muß. Er macht eine Autoschlosserlehre, legt sich mit dem Meister an und haut ab. Er trägt "Artus' teuerste Rüstung", Blue jeans, "der erste Cowboy-Gürtel" wird angeschafft, amerikanische Slipper "mit weißen Einsätzen oben" müssen genauso her wie die weißen Socken und der Meckischnitt. Und "es waren die Zeiten, als das Gangstertum grade frisch aus Amerika auf Zelluloid rüberkam" -- "und da wollte man ja auch ein bißchen mitmischen". Peter Kuper, schon beim Einmarsch der US-Truppen in Rothenburg ob der Tauber den amerikanischen Uniformen, den amerikanischen Panzern, den amerikanischen Corned-beef-Dosen, den MacArthur-Brillen und den "geschmeidigen Bewegungen" der schwarzen Soldaten verfallen, mischte also mit und knackte in Frankfurt, wo die Amerikaner stationiert waren, deren Kino-Kutschen: Er war Amerika hörig. Warum das so ist, erfährt man nicht, es versteht sich von selbst, so daß auch die Diebstähle der Buicks und Chevrolets in Kupers Erzählung nichts von protziger krimineller Exotik haben, sondern als der Ausdruck einer ganz normalen unbezwingbaren Vorliebe erscheinen wie anderer Leute Passion für Briefmarken oder Gärtnerei. Aber ebenso zwangsläufig bestimmt nun die Strafjustiz auf Jahre Kupers immer wieder rückfällige Existenz, in der es nur eine Entwicklung gibt: das stete Anschwellen der Akte Kuper. Erziehungsheim, nutzlose Bewährungshilfe, amtliche Bescheinigung der charakterlichen Untauglichkeit zum Fahrzeughalter, Autodiebstähle. Gerichtsverhandlungen, Gefängnis, Gnadengesuche, S.166 Rückkehr in die Freiheit mit Büroarbeit als erstem Schritt zu einem anständigen Leben, das sich in seinem vorschriftsmäßigen Einerlei von der Routine im Gefängnis nicht unterscheidet. Daß Soziologen oder biedere Moralprotestanten, deren bevorzugtes Vergnügen die Randgruppen-Peep-Show ist, bei Kuper nicht auf ihre Kosten kommen, liegt daran, daß Kuper sich weder als Opfer ungerechter Verhältnisse fühlt und darstellt noch mit der negativen Identiät des Kriminellen den Bürgerschreck spielt, der die verbissen anständigen Menschen tröstet, daß es eben doch Kriminelleres gibt als das eigene Familienleben. Der Insasse des Erziehungsheims, der Häftling, erzählt von seinen Strafaufenthalten wie ein Schüler, der einen Erlebnisaufsatz zu schreiben hat. Beweisen will er nichts. Bei seiner Einweisung in die Erziehungsfestung haben sie ihn, als ginge es zur Weihnachtsbescherung, in "ein großes stilles Zimmer geführt mit einer dumpfen Tischdecke, einem Blumenstrauß und Dürers 'Betenden Händen' an der Wand". Da stand er nun, die Tür ging zu, "und als ich mich rumdrehte, hatte die Tür gar keine Klinke". Das Anstaltsessen mit Brot, einem Stern Margarine, einer Ecke Velveta-Käse beschreibt Kuper mit derselben besessenen Gleichgültigkeit wie den furchterregenden Anfall eines Epileptikers beim Kartoffelentkeimen, ein Erlebnis, das ihn nicht hindert, in seiner Erzählung sogleich fortzufahren mit "dem Riesenschlafsaal", in dem man "Schach und Mensch-ärgere-dich-nicht spielen" konnte. Daß Kuper in Ausnahmesituationen und Ausnahmemilieus nichts anderes als Variationen irgendeines normalen Lebens im Reihenhaus zwischen Bücherwand und Schleiflackschlafzimmer, mit Dia-Abend und Salzmandeln zu sehen vermag, ist weder eine Pointe noch eine ideologische Ausrede aus Sozialneid, sondern der Ausdruck einer ebenso fluchtartigen wie ausweglosen Lebenslangeweile. "Gar nichts passiert" und "Was machen wir denn jetzt?" sind die bestimmenden Sätze in einem Buch, das vor Leben, vor Erlebnissen und Abwechslungen zu bersten scheint. Denn Kupers bodenlose Langeweile ist nicht altklug resigniert, sondern das tagtägliche Fanal zu irgendeinem Aufbruch. Wenn er nicht gerade wieder einsitzt, ist er pausenlos unterwegs in Frankfurts Rio- und Rialto-Bars bei den Nutten und Zuhältern. Ständig ergeben sich Gelegenheiten, bei windigen Paradiesvögeln in schnelle Wirtschaftswundergeschäfte mit afghanischen Reisetaschen, mit Wäschepaketen für die Aussteuer oder billigen Teppichkostbarkeiten einzusteigen. Kuper macht alles mit: "Mir kann's ja egal sein, was ich mach'." Auch bei dem Angebot eines Frankfurter S.167 Theaterleiters, eine Statistenrolle in Shakespeares "Hamlet" zu übernehmen, muß er, mit freudigem Achselzucken bereit, alles mal auszuprobieren, gar nicht erst überlegen. Im großsprecherischen Milieu der Zuhälter und der fixen Wirtschaftswunderknaben, die ihren Reichtum zur Schau stellen, indem sie so aus Spaß goldene Uhren in den Main werfen, hat Kuper natürlich nicht Statist, sondern den Hamlet gespielt. Und außer bei den Justizbehörden kennt man ihn in Frankfurt nur unter diesem Namen: Hamlet. Daß Hamlets Geschichte kein Ende hat, liegt vor allem daran, daß er -von geerbtem Geld -- noch lebt und daß sein Buch nicht am Schreibtisch mit literarischem Gestaltungs- und Geschlossenheitswillen entstanden ist. Das Buch "Hamlet" verdankt sich vielmehr dem Zufall, daß sich Kupers Wege vor einigen Jahren mit denen von März-Verleger Schröder kreuzten. Und dem waren Kupers Erzählungen zu schade, um einfach in Frankfurts Äppelwoikneipen zu verpuffen. Schröder und Kuper fuhren mit Tonband vier Wochen in Erzähler- und Zuhörerklausur nach Frankreich. Aber der größte Teil dieses "Volksbuches" (Klappentext) entstand während der Fahrt durch idyllische Ferienlandschaften. Ob man ein so entstandenes Buch ein Buch oder gar Literatur nennen darf, darüber müssen sich Leute den Kopf zerbrechen, die sich nur jene Literatur wünschen, von der im Klappentext der Schriftsteller Gaston Salvatore schreibt: "Die Angst, die in der Luft liegt, kehrt in der Literatur wieder als die Angst, das Falsche zu sagen." Das seltene Gegenstück zu solchen Büchern ist Peter Kupers "Hamlet". Christian Schultz-Gerstein DER SPIEGEL 29/1980

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