Peter Richter 89/90

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Inhaltsangabe zu „89/90“ von Peter Richter

Das Lebensgefühl einer rebellischen Generation am Ende der DDR Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die »Flics« auf der »Rue«, die Konzerte im FDJ-Jugendklub »X. Weltfestspiele« oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie »Kiste« nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter. Sie sind die Letzten, die noch »vormilitärischen Unterricht« haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden? Von der Unschuld des letzten Sommers im »Tal der Ahnungslosen« bis zu den Straßenschlachten rund um die deutsche Einheit: Peter Richter beschreibt in seinem autobiografischen Roman das chaotische Ende der DDR aus der Sicht eines damals Sechzehnjährigen – pointiert, authentisch und sprachlich brillant. Coming of Age im Schatten von Weltgeschichte.

Eine kleine Zeitreise...schön war sie...

— Wonni1986
Wonni1986

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    89/90
    Wonni1986

    Wonni1986

    23. July 2017 um 08:31

    Titel: "89/90"Autor: Peter RichterVerlag: btbSeitenzahl: 411Cover:Unscheinbar in sommerlichen Farben gehalten und es ist ein Softcover. Schreibstil:Es liest sich sehr flüssig und alles was unverständlich geschrieben wurde, wurde mit Fußnoten erklärt. Man merkt richtig, dass es dem Auto wichtig ist, dass zu erzählen was ihm wichtig ist. Es ist ihm gelungen. Handlungen, Personen und Gegenständen wurden so beschrieben und erzählt das man es sich sehr gut vorstellen kann. Er schreit aus der ich und allgemeinen Perspektive.Inhalt:Das Lebensgefühl einer rebellischen Generation am Ende der DDR Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die »Flics« auf der »Rue«, die Konzerte im FDJ-Jugendklub »X. Weltfestspiele« oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie »Kiste« nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter. Sie sind die Letzten, die noch »vormilitärischen Unterricht« haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden? Von der Unschuld des letzten Sommers im »Tal der Ahnungslosen« bis zu den Straßenschlachten rund um die deutsche Einheit: Peter Richter beschreibt in seinem autobiografischen Roman das chaotische Ende der DDR aus der Sicht eines damals Sechzehnjährigen – pointiert, authentisch und sprachlich brillant. Coming of Age im Schatten von Weltgeschichte.MeinungIch bin ein kleiner DDR Fan, ja richtig gelesen. Ich mag diese Zeitepoche, warum? Alles hatte seinen Platz, es gab alles was man benötigte und keine wirklich keiner wurde zurückgelassen. Sicherlich musste man Abstriche machen, aber das müssen wir heute auch, oder? Ich mag dieses wir Gefühl. Und dieses Buch beschreibt es einfach auf den Punkt! Wenn man es liest, und diese Zeit auch noch erlebt hatte, wird man sich definitiv wieder finden…und auch AHA-Momente haben…oder auch die Flashbacks. Ich hatte es so schnell durchgelesen, dass ich total überrascht war. Ich könnte jetzt stundenlang weiterschwärmen und euch erzählen, dass zu dieser Lektüre Hallorenkugeln oder Knusperflocken hervorragend passen und auch noch viele andere (auch inhaltliche Dinge), aber lest es selber und ihr landest mit 100% Wahrscheinlichkeit zurück im Sommer 89/90….Nur möchte ich gerne wissen wer dieser S. ist…hm…

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  • die letzten Monate der DDR

    89/90
    Simi159

    Simi159

    15. April 2017 um 12:46

    Dieses Hörbuch wird von dem Autor selbst gelesen/gesprochen.Was es für den Hörer gleich doppelt authentisch macht. Peter Richter, der Autor, dokumentiert in seinem autobiographischen Roman, die letzten Monate der DDR. Aus seiner ganz persönlichen Sicht, als Jugendlicher, mitten in der Pubertät beschäftiget mit Schule und dem Erwachsenwerden. und selbst als die Mauer fällt, erwartet ihn am nächsten Tag eine Leistungskontrolle in Mathematik. Das eigene Leben steht nicht plötzlich still, weil aus einem geteilten Land wieder ein ganzes wird. Richter fängt die Stimmung vor und nach dem 9. November, ebenso wie all die vielen absurden Normalitäten der DDR, ein. Fängt diese mit klaren, einfachen Worten ein, die direkt tolles Kopfkino entstehen lassen. Er beschreibt wie sich die Menschen um ihn herum `89 verändern, wie sich das Land in der er lebt, aus den Fugen gerät, mit der Selbstverständlichkeit die nur junge Erwachsene haben. Mit knapp zwei Jahrzehnten auf der Lebenslinie glaubt man halt zu wissen, wie die Welt funktioniert, ohne wirklich Ahnung zu haben. Die Charaktere bleiben dabei Namenlos, bekommen bloß einen Anfangsbuchstaben, S. & L., sind somit austauschbar, und doch authentisch.  Mit der Einsicht: „ Ja, wir waren der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen durfte -damals in der DDR. Aber wir waren auch der erste Jahrgang, dem nach der Wende die Welt offen stand- wenn man es zu nutzen wußte“ Ich selbst war in einem ähnlichen Alter, wie die Hauptfigur in Richters Roman. Habe das Alles aus der Ferne, in der der BRD, erlebt. Es macht Spass, die andere Seite zu hören. Gegen Ende hat das Buch für mich ein paar kleine Längen, wenn auch der Autor nur zeigen möchte, wie das ist mit den neuen unbekannten Chancen und wie man diese nutzt. Von mit gibt es 4 STERNE.

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  • Das ist er, der langgesuchte Wenderoman

    89/90
    rkuehne

    rkuehne

    28. January 2017 um 21:16

    Weil mich das Thema interessiert und selbst betroffen und bewegt hat, sind Bücher der Kategorie „Wendeliteratur“ bei mir immer hoch im Kurs – „89/90“ aber schlägt alles, was ich zum Thema bisher gelesen habe. Frank Richter erzählt mit einer Leichtigkeit, die die drastischen Veränderungen gerade erst betont, vom Herbst 89 und dem darauffolgenden Jahr in Dresden aus der Perspektive eines 17-Jährigen. Nie hab ich da Geschehen als so nah und realistisch dargestellt empfunden, vor allem die vielen Alltagsblicke Richters machen das Bild rund, die Schwierigkeiten des Protagonisten zwischen Revolution und Alltag zu switchen, wenn er erst gegen die Staatsmacht aufbegehrt, am nächsten Tag aber gleich wieder eine Mathearbeit in der ersten Stunde ansteht. „Die Weltgeschichte schreibt einem keine Entschuldigungszettel für den Alltag“. Das ist wirklich großartig. Ein fantastisches Buch.

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  • Die letzten Monate der DDR

    89/90
    skywatcher

    skywatcher

    26. April 2016 um 11:56

    Welches Gefühl ich sehr oft beim Lesen hatte: Ich bin zu spät geboren (in den frühen 90ern)! An die Zeit der DDR und ihr Ende werde ich mich nie erinnern, sondern nur etwas darüber lesen können. Und war es so, wie Peter Richter es beschreibt? Ich glaube schon. Genau so stelle ich mir die letzten Monate der DDR 89/90 vor, aus der Sicht eines Jugendlichen, der auch ganz alltägliche Probleme inmitten einer großen geschichtlichen Wende durchlebt.Sehr lustig geschrieben, mit viel Wortwitz. Viele Fußnoten geben Hintergrundinformationen zur DDR, aus den Bereichen Sport, Politik und Kultur, aber auch sprachlichen Merkmale.Etwas störend nur die Namenskürzel - das wiederum auch eine Motivation, das Buch in einem Rutsch durchzulesen und nicht für allzu lange Zeit wegzulegen. Ein tolles Buch!

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  • Peter Richter - 89/90

    89/90
    miss_mesmerized

    miss_mesmerized

    07. October 2015 um 11:05

    Das Leben läuft in den geordneten Bahnen der DDR für den 15-jährigen Erzähler im Frühsommer 1989 in Dresden. Die Schule folgt den Vorgaben von Margot Honecker, auch der militärische Drill darf nicht fehlen, doch es mehren sich die Zeichen nach Veränderung. Bis die in der Plattenbausiedlung aber ankommen, dauert es. Den Nachrichten entnimmt man die gravierenden Ereignisse – oder auch nicht. Das Tal der Ahnungslosen bleibt bis tief in den Herbst hinein in seinem Trott. Doch dann kommt auch dort das an, was man später die Wende nennen wird. Zwar läuft der Alltag und die Schule weitgehend weiter bis bisher, aber Westtouristen, neue Freiheiten und vor allen Dingen Skinheads stellen den Jugendlichen und seine Freunde vor veränderte Vorzeichen. Selbst im Sommer 1990 – als alle DDR-Welt gen Westen in Urlaub strömt – begeben sie sich nochmals in den tiefen Osten und erleben das Ende der DDR auf ihre ganz eigene Weise. Eins von vielen Büchern pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum. Die Thematik ist vielfach verarbeitet worden, was bei Richter überzeugen kann, ist der Blickwinkel des Jugendlichen, der wohl zum Teil nur ahnt, zum Teil auch versteht, was da passiert, aber manchmal auch einfach die große Politikwelt ausblenden kann, um sich auf seine wenig erfolgreiche Band und die Mädchen seiner Umgebung zu konzentrieren. Diese typisch jugendliche Sicht gelingt ihm ebenso wie der Plauderton, der glaubwürdig für den 15/16-jährigen Erzähler wirkt. Auch die Darstellung Dresdens und der DDR allgemein wird weder völlig überzogen noch idyllisiert, sondern findet in kleinen Nebensätzen und Beobachtungen genau die richtige Dosis, um die Handlung zu verorten und authentisch wirken zu lassen. Fazit: unterhaltsamer Blick auf den Niedergang der DDR.

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  • Ironische Nostalgietour

    89/90
    wandablue

    wandablue

    Ironische Nostalgietour. Von Peter Richters immerhin auf die Longlist 2015 gekommenen Roman „89/90“ habe ich mir wesentlich mehr versprochen als ich bekommen habe. Unwillkürlich habe ich mich auf etwas ähnliches eingerichtet wie auf Stefan Wolles Mehrbänder über die DDR-Zeitgeschichte (Aufbruch nach Utopia, Die heile Welt der Diktatur, Band 1 und 2), deren Lektüre ich allen ans Herz legen möchte, die sich für die Zeit interessieren, als Ost- und Westdeutschland in zwei eigenständigen Staaten existierte. Ich hoffte also auf etwas ähnliches, nur halt in Romanform, da Wolles Bücher Sachbücher sind, aber sehr unterhaltsam! Äh, und da wären wir auch schon beim „Problem“ von Peter Richters Roman, für Ossis mag „89/90“ durchaus eine höchst vergnügliche Lektüre sein! Eine männliche Kunstfigur, deren Identität mir irgendwie entgangen ist, ist 1989/90 Jugendlicher, ist zuerst Mitläufer im System und Profiteur, aber innerlich anti, wie ausser einigen wenigen Linientreuen angeblich die meisten, er ist nach der Wende wunderlicherweise als Linker bei der neu aufgekommenen Rechten (Neonazis) verschrien, wird gejagt, geprügelt, und hängt mit ironischem Unterton seinen Erinnerungen nach. Dieser ironische Unterton macht Spaß: „Man denkt ja immer, Gleichschritt sei die stumpfeste Sache der Welt und jeder Idiot könne das. Die Wahrheit ist: wir konnten es zunächst mal überhaupt nicht. ... und es machte die Sache nicht einfacher, dass keiner Lust auf Gleichschritt hatte ...“. Dabei geht es hauptsächlich ums herumlungernde Heranwachsen, seitenweise um Bands, von deren Namen ich noch nie was gehört habe, das sagt aber nichts, und um Leute, die ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, die aber samt und sonders nur mit Buchstaben gekennzeichnet werden, so dass ich nach dem xten W. und S. und P. und Z. nicht mehr richtig durchblicke und die auch mehr erwähnt werden als Streiflichter der Geschichte anstatt dass sie eine eigene Geschichte hätten bzw. man liest sie zwischen den Zeilen ... Die Umbruchszeit scheint nicht so richtig an die Jugendlichen heranzukommen. Sie sind nicht wirklich politisch, sondern leben ihren Jugendphantasien und Illusionen gerecht, wie die Jugendlichen überall auf der Welt. Dennoch müssen sie irgendwie auf die Veränderungen reagieren, die auf sie hereinprasseln ... aber eigentlich ist ihnen fast alles egal, (auch) die Mädels huren herum und die Jungs prügeln sich krankenhausreif. Handlungsort sind Dörfer um Dresden und das alte Dresden selbst und nur selten gibt es einen gesamtostdeutschen oder gar gesamtdeutschen Blick. Deswegen dürfte das Buch besonders regional interessant sein. Oder für Ossis, sorry, die eine sentimental Journey ja gerne mal wieder machen dürfen. Warum auch nicht? Ist ja ihre Vergangenheit. Für Westdeutsche, die sich mit der Dresdner Szene nicht auskennen und denen Heavy Metal Bands schnuppe sind, ist das Buch inhaltlich schon sehr zäh und stellenweise sogar langweilig. Sprachlich ists leicht verdaulich. Es gibt rein gar nichts zu beanstanden, wie es sich für ein Buch gehört, das auf der Longlist landet. Dort hat es sicherlich seinen Platz gefunden, weil Romane über Ostdeutschland eben Konjunktur haben. Fazit: Sentimental Journey für ehemalige Ostdeutsche der 1970er Jahrgänge, ebenfalls eine lohnende Lektüre betreffend der Region Dresden, sonst leider streckenweise einschläfernd. Wenn ihr was wissen wollt, dann lest lieber Stefan Wolle! Kategorie: Historischer Roman Verlag: Luchterhand Literaturverlag, 2015 Ich werte innerhalb von Kategorien. Deshalb kann ein Buch schon mal eine höhere Wertung bekommen als es bekommen hätte,wenn ich in Absolutheiten werten würde. Ich vertrete jedoch die Auffassung, dass man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen kann.

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    • 6
  • Zwei geschichtsträchtige Jahre

    89/90
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    Der Titel verrät es gleich: Es ist ein Roman über die zwei geschichtsträchtigen Jahre, die gemeinhin als Wendejahre bezeichnet werden. Der Erzähler ist zu Beginn 15 - stark autobiographisch gezeichnet - , stammt aus Dresden, aus moderat regimekritischem, bildungsbürgerlichem Haus. Damit hat er einiges gemeinsam mit dem Protagonisten des vor einigen Jahren erschienenen, zunächst gehypten, dann genüsslich als Inbegriff der Langeweile und Manieriertheit verrissenen, von mir sehr gern gelesenen "Der Turm" von Uwe Tellkamp. Doch so ähnlich die Ausgangslage, so stark unterscheiden sich die beiden Bücher voneinander. Spielt "Der Turm" in der vermeintlichen bürgerlichen Wohlanständigkeit eines Dresdener Villenvororts, so stammt der Ich-Erzähler von 89/90 wohl auch von dort. Ihn zieht es aber auf die Straße.  Er ist einer der typischen rebellischen Jugendlichen, die anders sein wollen, nichts zu tun haben wollen mit dem Establishment, sich nachts verbotenerweise im Freibad treffen, rauchen, trinken, den Mädchen nachschauen und wilde Zukunftspläne schmieden. Sie nennen sich Punks und werden von den Ereignissen in jenem Sommer und Herbst 1989 genauso überrollt wie die meisten anderen.  Die Städte leeren sich, immer mehr Menschen reisen aus, über die Grenze, lassen ihre Wohnungen zurück, manchmal sogar noch volle Kühlschränke. Es entsteht ein merkwürdiges Machtvakuum im Staat, ein irgendwie anarchisches Klima, in dem vieles möglich erscheint.  Und diese Zeit des gesellschaftlichen, politischen Umbruchs fällt beim Protagonisten zusammen mit den Veränderungen, Unsicherheiten an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Auch die Erwachsenen scheinen mit Anderem beschäftigt. So ziehen die Jugendlichen nachts um die Häuser, besuchen Punkkonzerte, Partys, laufen bei Demonstrationen mit, besetzen leerstehende Häuser.  Dennoch ist da noch die Schule, das Wehrlager der neunten Klasse.  „Die Weltgeschichte schreibt einem keine Entschuldigungszettel für den Alltag." Ungetrübt ist dieser anarchische Spaß aber nicht. Nach der Maueröffnung scheint sich die Stimmung immer mehr zu ändern.  Die vom Erzähler verächtlich "Schimmelmenschen" - nach einer verbreiteten, "moonwashed" genannten Jeanswaschung - genannten Ostdeutschen entwickeln sich immer mehr zu intoleranten, nur auf ihren eigenen, zumeist monetären Vorteil bedachte Unsympathen, rechtsradikale Skinheads schießen wie Pilze aus der Erde, machen Jagd auf Andersdenkende und Ausländer.  "Erst war alles schwarz vor Menschen, und plötzlich war alles weiß vor Glatzen." Peter Richter erzählt von den regelrechten Schlachten, die sich fortan Punks und Skinheads liefern, drastisch, voll Gewalt und oft auch blutig auf beiden Seiten. „Als […] die Sonne zum letzten Mal unterging über dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, dem kleinen Scheißland, das aber irgendwie dann doch das unsere war, bezogen wir unsere Posten, deponierten die Munition und hielten uns bereit“ Der Autor berichtet damit von einer Seite dieser Jahre, die zumindest mir, nicht mehr so präsent war wie z.B. auch erwähnten Kohl-Besuche oder die Montagsdemos. Wie viel davon tatsächlich so war, kann ich als Westdeutsche ohne jegliche Verbindungen in die damalige DDR nicht beurteilen. Hochinteressant zu lesen ist es aber allemal.  Richter erzählt anekdotenhaft, oftmals witzig, ironisch, in oft schnoddrigem, sachlichen Ton. Das wird hin und wieder auch mal albern.  Zudem birgt der Rückblick auf solch eine entscheidende Lebensphase wie die an der Schwelle zum Erwachsenwerden auch immer die Gefahr des reichlich wehmütigen Rückblicks. So ganz entkommt dem auch 89/90 nicht.  Insgesamt passt der Erzählstil aber und überzeugt dadurch.  Die Lesefreude etwas trübt die konsequente Verwendung von Namenskürzeln, deren Sinn sich nicht erschließt und die nicht nur, vielleicht beabsichtigt, das Nahekommen der Personen verhindert, sondern schlicht und einfach das Lesen erschwert.  Die zahlreichen Fußnoten, die auf humorvolle Art und Weise Bekanntes und Unbekanntes aus der DDR näher bringen sollen, hätte ich nicht gebraucht, störten aber auch nicht weiter.  Weniger gut gefallen haben mir dann Passagen, die das damalige Geschehen verlassen und praktisch von heute aus kommentieren.  "Wir waren nur möglicherweise diejenigen, die am meisten davon profitiert haben. Während die, die damals mit ihren Deutschlandfahnen auf uns eingeprügelt haben, zügig arbeitslos werden, der DDR nachheulen und Westdeutsche rein fürs Westdeutschsein anfeinden sollten, haben die meisten von uns sich die Welt angesehen und es im Westen überwiegend ganz gut gehabt." "Wir konnten das ahnen, wir hatten den Westen gesehen, besuchsweise, und wir hassten es jetzt schon, dass wir auch noch Danke sagen sollten dafür.“ Das ist zwar gut formuliert, hat aber auch etwas leicht Arrogantes, Abgeklärtes, was zu dem Anarchischen der erzählten Ereignisse nicht recht passt. Insgesamt ist Peter Richter aber ein sehr lesenswertes Buch über die Jahre 89/90 in Deutschland gelungen, das viele interessante Aspekte neu oder wieder beleuchtet und das auf unterhaltsame, frische Art.

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    • 2
  • "Die Weltgeschichte schreibt einem keine Entschuldigungszettel für den Alltag."

    89/90
    sofie

    sofie

    09. May 2015 um 15:04

    „Die Weltgeschichte schreibt einem keine Entschuldigungszettel für den Alltag.“ (S. 183) Dresden in den Jahren 1989/90. Der Ich-Erzähler erlebt die aufregendste Zeit seines Lebens, doch nicht nur wegen des Systemwechsels sondern auch weil er gerade 16/17 ist. Die Weltgeschichte findet praktisch vor dem Hintergrund einer aufregenden Jugend statt. Einerseits noch Wehrlager und Pioniertreffen, auf der anderen Seite dann schon Westmark und Neonazis. Peter Richter beschreibt diese Zeit sehr authentisch, sehr lebensnah und interessant. Es ist ein ganz individueller Blick auf die Wendezeit, aber trotzdem auch typisch. Am Anfang haben mich die abgekürzten Namen (S., die V., W. etc.) ziemlich irritiert und mir ist immer noch nicht ganz klar, warum der Autor dieses Stilmittel verwendet. Auch die vielen Fußnoten, die meist auf amüsante Art und Weise die spezifischen DDR-Begriffe erklären, haben mich am Anfang etwas gestört. Besonders da dort auch Sachen wie „SED“ erklärt werden, die ja nun eigentlich jedem klar sein konnte. Aber nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, gefiel mir die immer leicht ironische Sprachweise sehr gut. „89/90“ ist für mich vor allem ein Dresden-Roman, auch wenn die Stadt nie genannt wird. Aber wenn man sie ein bisschen kennt, findet man vieles wieder und der Roman beschreibt die Veränderungen in der Stadt und in der Gesellschaft in dieser Zeit wunderbar. Im letzten Drittel gab es meiner Meinung nach ein paar Längen, trotzdem kann ich „89/90“ weiterempfehlen und gebe 4 von 5 Sternen. Ein sehr schöner Roman über das Ende der DDR und den Neuanfang in einem neuen Land.

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  • 89/90

    89/90
    gsimak

    gsimak

    30. March 2015 um 14:38

    Meine Meinung Peter Richter hat einen Roman mit autobiographischen Zügen geschrieben, über die letzten Monate in der ehemaligen DDR! Oftmals mit einer kräftigen Prise Humor gewürzt. Die Erlebnisse, die er mit seinen Freunden hatte, waren bildlich beschrieben. Ich weiß jetzt auch, dass das Küssen aus Frankreich importiert wurde. Schokolade und Zigaretten schmecken nicht zusammen. Das habe ich auch gewusst :-)  Man erfährt in diesem Buch Dinge, die so nirgends dokumentiert wurden. Wer noch nicht volljährig war, durfte nach der Wende noch nicht selbst entscheiden. Aber dann .... Über den Trubel, den der Mauerfall ausgelöst hat, bin ich immer wieder fasziniert. Da wird einem immer wieder vor Augen geführt, was für ein großes Stück Geschichte ganz Deutschland mit erlebt hat. Man erfährt viel über die Jugendlichen. Wie sie in dieser Zeit getickt haben. Die Politik kommt auch nicht zu kurz.. Besonders interessant; jedoch auch traurig, fand ich den Epilog. Eigentlich wäre 89/90 ein Buch ganz nach meinem Geschmack gewesen. Leider haben mich die ständigen Abkürzungen der Namen total genervt. Für mich besteht ein Name nicht nur aus einem Buchstaben.  Fast auf jedem Ende einer Seite waren Erklärungen zum Nachlesen. Das hat meinen Lesefluss erheblich gestört. Mir wäre lieber gewesen, wenn die Erklärungen gleich in Klammer daneben gestanden hätten. Fazit Der Schreibstil von Peter Richter ist einfach nur klasse. Schade, dass die oben genannten Punkte, mein Lesevergnügen geschmälert haben. Bestimmt gibt es viele Leser, die genau aus diesen Gründen dieses Buch lieben. Eines konnte ich auch aus diesem Buch wieder rauslesen: Selbst zu DDR-Zeiten gab es glückliche Momente! Danke Peter Richter Ich vergebe 3 1/2  Sterne

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  • 89/90

    89/90
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    01. March 2015 um 18:38

    Inhalt: Das Lebensgefühl einer rebellischen Generation am Ende der DDR Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die »Flics« auf der »Rue«, die Konzerte im FDJ-Jugendklub »X. Weltfestspiele« oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie »Kiste« nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter. Meine Meinung: Das, was wir damals im Fernsehen verfolgen und gar nicht glauben konnten, liegt uns jetzt in Schriftform vor. In einer trotz kurzer Abschnitte doch flüssigen Sprache erzählt der Autor seine Erlebnisse kurz vor und nach der Wende. Für uns „Wessis“ sind bestimmt Begriffe, mit denen man nur wenig anfangen kann in Fussnoten erklärt. Das machte für mich vieles verständlicher. Schwierig hingegen war für mich die Tatsache, dass die Protagonisten keine Namen hatten. Ständig war nur die Rede von L., A. H. Oder S. Namen kann ich mir einfach besser merken als einzelne Buchstaben. Fazit: Ein sehr interessantes Buch über die letzten Monate der DDR, wobei ich feststellen musste, dass der Alltag der Jugendlichen gar nicht so viel anders war als bei uns.

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