Peter Stamm Weit über das Land

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Inhaltsangabe zu „Weit über das Land“ von Peter Stamm

Ist es ein neuer Anfang, wenn man alles hinter sich läßt?

Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert er, dann verläßt er seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Seine Frau fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt.

Jeder kennt ihn, den Wunsch zu entfliehen, den Gedanken, das alte Leben abzulegen, ein anderer sein zu können, vielleicht sogar man selbst.

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    Weit über das Land

    Buecherschmaus

    06. May 2016 um 20:51

    Eines Spätsommerabends, die Familie ist gerade aus dem Spanienurlaub heimgekehrt, die Frau Astrid nach drinnen verschwunden, um den quengelnden Sohn ins Bett zu bringen, steht Thomas von der Gartenbank auf und geht davon. Ein altes Motiv, Mann geht nur mal eben Zigaretten holen, „Ich war noch niemals in New York“, und anscheinend eine beliebte, vorzugsweise männliche Phantasie, einfach aufzubrechen, das alte Leben hinter sich zu lassen und ganz neu anzufangen. Selten wurde diese aber mit einer solchen Konsequenz verfolgt wie hier. Nichts war geplant, die Ehe keineswegs unglücklich, der Beruf als Buchhalter vielleicht nicht die große Erfüllung, aber durchaus auch nicht als quälend empfunden, keine finanziellen Probleme und zwei geliebte Kinder – Thomas Motivation bleibt völlig im Dunklen, vielleicht gibt es auch gar keine. Allenfalls andeutend sind die Sätze, dass die Büsche am Grundstücksrand zu einer unüberwindbaren Mauer emporwachsen, die Rasenfläche als „ein Verlies, aus dem es kein Entkommen gab" erscheint. Doch besonders die Konsequenz, mit der der Weggang, eher eine Flucht, betrieben wird, der Büromensch härteste Bedingungen auf seinem Weg in Kauf nimmt, sich versteckt, als würde er verfolgt und waghalsige Risiken auf sich nimmt, leuchtet wenig ein. Thomas hat kein Ziel, meldet sich nicht mehr, wandert einfach drauf los, in die Berge. Auch ein typisch männliches, auch dezidiert schweizerisches Motiv. Astrid hingegen versucht zunächst, alles beim Alten zu belassen, möglichst wenig zu ändern, möglichst niemanden einzuweihen. Irgendwann geht sie doch zur Polizei, die auch Thomas Spur aufnimmt, diesen aber immer wieder verpasst. Astrid lebt mit ihrer Trauer überraschend gut, auch die Kinder scheinen den Verlust äußerlich recht gut wegzustecken. Äußerlich, denn was in den Personen vorgeht, bleibt weitgehend im Dunkeln, auch Entwicklungen machen diese keine durch. Peter Stamm schreibt in seiner bekannt reduzierten, lakonischen Art. Ein Großteil des Erzählten besteht aus bloßen Beschreibungen, wobei besonders denen der Natur eine besondere Bedeutung zukommt. Die Erzählung wechselt stets von Thomas zu Astrids Perspektive, es gibt zeitliche und erzählerische Verschiebungen, die sehr reizvoll sind. Irgendwann fasert die Geschichte aus, verschwimmt. Wie auch Thomas anfängliches Weggehen eingeleitet wird mit „Thomas stellte sich vor“, wechselt der Konjunktiv in den Indikativ und umgekehrt. Einmal denkt Astrid direkt, „dass das alles nicht wirklich, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten war. „ Und verschiedene Möglichkeiten bietet uns nun auch der Roman an. Welche Version stimmt? War alles nur ein Traum, eine Phantasie? Ab wann? Von Thomas? Von Astrid? Nichts wird geklärt. Aber die Geschichte bekommt dadurch eine andere Dimension, weg von der wenig überzeugenden Aussteigergeschichte hin zu einer Phantasie über das Vergehen der Zeit, den Sinn der Existenz, das Gewicht von getroffenen Entscheidungen. Christian Brückner liest mit seiner wunderbaren Stimme gewohnt souverän.

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