Ich persönlich halte nicht viel vom Man Booker Preis. Die meisten damit ausgezeichneten Bücher fand ich prätentiös und furchtbar. Bei Vernon GOD Little allerdings muss ich eine Ausnahme machen.
Selten las ich ein Buch, dass mit so einer todtraurigen, verrückt skurilen und beängstigend realistischen Geschichte und einem unwiderstehlich ulkigem Schreibstil aufwarten konnte. Ferner ist Vernon Little einer meiner Lieblings Anti-Helden, dem man einfach nur einen heißen Kakao machen möchte.
Dieses Buch war mein erstes von DBC Pierre und es hatte fast schon Tarantino-Qualität.
Das ganze spielt in einer furchtbar typischen texanischen Provinzstadt mit den typischen Stereotypen: der verfetteten Polizistin, den hysterischen Hausfrauen, der Promqueen. Vernon Little ist ein Pechvogel wie er im Buche steht. Weil sein bester Freund Jesus in seiner High School erst mehrere Mitschüler und dann sich selber erschossen hat, zieht man ihn nicht nur in die Ermittlungen mit ein sondern macht ihn auch zum Täter, weil er die Tatwaffe versteckt hält.
Doch diese Satire ist mehr als nur die Geschichte eines trotteligen Jugendlichen, sie ist eine offene Kritik am Spießbürgertum und der Macht der Medien. Denn beide spielen Vernon Little mehr als übel mit, so dass er sich hinterher im Todestrakt eines Gefängnisses wiederfindet.
Die sensationsgeilen, verurteilenden Medien sind hier repräsentiert durch den schmierigen Reporter Lally, der nicht nur Vernons Mutter vögelt, sondern ihn auch in den Knast bringt und sein Schicksal besiegelt.
Bei dem ganzen Chaos aus tendenziöser Berichterstattung, zahnlosen Hobos, pädophilen Psychater und unfähiger Polizei bleibt Vernon Little der einzige Normale. Es tut einem fast leid, wie er ohne sein dazutun von einer Misere in die nächste schlittert und man möchte an alle andere einen großen Korb Ohrfeigen verteilen.
Der Schreibstil ist schnell, an manchen Stellen zum schlapplachen und überaus flüssig, auch ein Grund, warum dieses Buch von mir eine ganz klare Empfehlung bekommt.
Peter W. Finlay
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Durch seine Freundschaft zu dem Highschool-Amokläufer Jesus Navarro gerät Vernon Gregory Little in den Verdacht, Mitwisser bei dessen 17fachem Mord gewesen zu sein. Aus anfänglich vermuteter Mitwisserschaft wird durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und das bösartige Zutun des aufschneiderischen Möchtegern-Reporters Eulalio Ledesma unterstellte Mittäterschaft, so dass sich Vernon gezwungen sieht, sich nach seiner Freilassung auf Kaution nach Mexiko abzusetzen.
Durch gemeinen Verrat, hinter dem, wie die Leserschaft später erfährt, auch wieder der böse spiritus rector Ledesma steckt, wird Vernon in Acapulco aufgespürt, festgenommen und zurück in die Vereinigten Staaten gebracht. Hier wird ihm ein bizarrer Schauprozess gemacht, in dem Vernon nicht nur für das Massaker an der Highschool in seinem Heimatort mit dem sprechenden Namen Martirio, sondern auch für sämtliche anderen in der Zeit während seiner Flucht in den unterschiedlichsten Landesteilen Texas' verübten Morde verantwortlich gemacht werden soll. Es droht in Texas, dem Staat mit der mit Abstand höchsten Exekutionsquote, für solch ein Verbrechen natürlich die Todesstrafe. Und es sieht nicht gut aus für Vernon....
DBC Pierre hat für seinen fulminanten Erstling im Jahr 2003 verdientermaßen den Man Booker Prize erhalten. Stilistisch gelang ihm dabei das Verfassen eines außerordentlich runden, wenn auch durch Sprachspiele und Slangausdrücke nicht immer in allen Details ganz einfach verständlichen Textes.
Die Hauptfigur Vernon Little ist außerdem einer der sympathischsten Loser, die ich jemals durch ein Buch kennenlernen durfte, ein absolutes Sweetheart, mit dem man jede Minute leidet (me ves y sufres), die er in einer Umwelt verbringen muss, in der er der einzige zu sein scheint, der nicht gehörig einen an der Waffel hat.
Die Darstellung der Justiz und der mediengesteuerten Öffentlichkeit ist von Anfang an stark überzeichnet und nimmt im Laufe des Prozesses nahezu surreale Züge an. Die Vernehmung der Zeugen wirkt eher wie das Durchgehen durch die dramatis personae, die alle ihre eigene Szene bzw. ihre eigenen Fernsehminuten bekommen sollen. Die Suche nach der Wahrheit scheint dabei zweitrangig zu sein. Tatsächlich gelingt es DBC Pierre, die Leserschaft bis zum Ende im Zweifel darüber zu halten, welche der immer merkwürdigeren Details tatsächlich der real existierenden texanischen Strafprozessordnung, welche aber einer satirisch schlauen und sehr schwarzen Phantasie entspringen. DBC Pierre führt diese Scharade - soviel sei verraten - zu dem für mich einzig denkbaren Ende.
Absolute Leseempfehlung - und bloß nicht abbrechen! Vernon God Little ist ein Buch, das bis zur letzten Seite mit Überraschungen aufwartet.
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