Peter Wawerzinek

 3.9 Sterne bei 56 Bewertungen
Autor von Rabenliebe, Schluckspecht und weiteren Büchern.
Peter Wawerzinek

Lebenslauf von Peter Wawerzinek

Peter Wawerzinek, 1954 in Rostock geboren, wurde als zweijähriger Sohn von seinen Eltern alleine im Hause in der DDR zurückgelassen, als diese flohen. Er wuchs in Kinderheimen auf, bevor er von einem Lehrerehepaar adoptiert wurde, mit denen er an der Ostsee wohnte. Nach einer Lehre als Textilzeichner fing er ein Studium an der Kunsthochschule in Berlin an, die er allerdigns bald wieder abbrach. Er jobbte ein paar Jahre, bevor er als Performance-Künstler aktiv war und sich einen Namen in der Berliner Literatenszene machte. Wawerzinek schreibt hauptsächlich Romane über die DDR, für die er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden ist.

Alle Bücher von Peter Wawerzinek

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Rabenliebe

Rabenliebe

 (45)
Erschienen am 09.01.2012
Schluckspecht

Schluckspecht

 (6)
Erschienen am 08.03.2014
Das Kind das ich war

Das Kind das ich war

 (2)
Erschienen am 06.07.2010
Ich Dylan Ich

Ich Dylan Ich

 (1)
Erschienen am 02.11.2015
Das Desinteresse

Das Desinteresse

 (0)
Erschienen am 28.05.2010
Bin ein Schreiberling

Bin ein Schreiberling

 (0)
Erschienen am 22.02.2017

Neue Rezensionen zu Peter Wawerzinek

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Herbstroses avatar

Rezension zu "Schluckspecht" von Peter Wawerzinek

Teufel Alkohol …
Herbstrosevor 2 Monaten

Zunächst stellt uns der Erzähler die beiden wichtigsten Menschen seines Lebens vor: Tante Luci und Onkelonkel, zwei recht merkwürdige Personen. Sie zogen ihn auf, nachdem ihn seine leiblichen Eltern nicht haben wollten. Man spürt hier sehr stark die Liebe, die er ihnen entgegen bringt, aber auch, trotz vieler kleiner Streitereien, die gegenseitige Liebe und Achtung des seltsamen Paares. Hier fängt auch seine spätere „Karriere“ zunächst recht harmlos an: mal von Tantes Eierlikör probieren, an den Früchten des Rumtopf naschen oder mit Onkel gelegentlich eine Weinprobe machen. 

Als Jugendlicher verbringt er viele Abende und Nächte mit einigen Kumpels im Keller bei Freund Harry, dessen Eltern eine Mosterei haben. Dort lernt er auch die Schwarze Johanna kennen (Wein aus Schwarzer Johannisbeere), die für die nächste Zeit seine beste Freundin werden sollte. Aber während die Freunde merken wann Schluss ist, verlangt es ihn nach immer mehr – der Beginn einer „Säuferlaufbahn“, die dann im Internat der Sonderschule noch gefestigt wird. Während andere junge Männer sich mit Mädchen vergnügen, bleibt unserem Erzähler nur noch die Flasche mit Hochprozentigem. 

Es folgen Abstürze und Exzesse bis zur Bewusstlosigkeit, einige halbherzige Versuche vom Alkohol loszukommen und diverse kurzfristige Arbeitsverhältnisse. Nachts hängt er in Kneipen rum, tagsüber liegt er im Bett. Tante Luci, die inzwischen Witwe geworden ist, besucht er nur noch gelegentlich, da er ja zuvor ausnüchtern muss. Dennoch fällt ihm auf, dass sie immer seltsamer wird, was er aber ihrem Alter zuschreibt. Dann steht sie plötzlich eines Tages unangekündigt bei ihm in der Wohnung … 

Wie zu lesen ist, traute man dem Autor Peter Wawerzinek (Geburtsname Peter Runkel, geb. 28.9.1954 in Rostock) wegen seines auffälligen Alkoholkonsums keine große literarische Karriere zu. Dennoch erhielt er 2010 für einen Auszug aus „Rabenliebe“ den Ingeborg-Bachmann-Preis, der Roman schaffte es im gleichen Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ab 2011 war Wawerzinek als Stadtschreiber in Klagenfurt, Magdeburg und Dresden tätig und schrieb auch Beiträge für die Berliner Zeitung, Junge Welt und Tagesspiegel. Für 2019/2020 wurde ihm bereits ein Literaturstipendium in der Villa Massimo in Rom zuerkannt.
 
In dem vorliegenden Roman „Schluckspecht“ berichtet Wawerzinek vom Lebens- und Leidensweg eines Alkoholikers, eines schmerzhaften Weges, den er größtenteils aus eigener Erfahrung kennt - vom langsamen Einstieg in die Sucht bis zum qualvollen Bemühen, davon wieder loszukommen. Da es sich um einen Roman mit individuellem Erleben handelt, sucht man Ratschläge und Tipps für Betroffene oder deren Angehörige vergebens, dennoch ist bei der Konfrontation mit dem Thema eine Menge Lebensweisheit zu erkennen. 

Beeindruckend, wenn auch etwas schwierig zu lesen, ist die Sprachgewalt des Autors. Er spielt mit den Worten, nimmt sie auseinander, setzt sie neu zusammen, tendiert zu witzig konstruierten Formulierungen, liebt zu reimen, zu fabulieren und neigt zu skurrilen Wortfindungen. Dies macht einerseits die Lektüre sehr plastisch und einprägsam, ist aber mitunter recht anstrengend zu lesen und zieht das Geschehen oft unnötig in die Länge. Eine wichtige Rolle, eine Schlüsselfigur, in der Geschichte spielt Tante Luci, ihre unerschütterliche Liebe zum Erzähler und die Zuneigung seinerseits, sein ganzes Denken und Fühlen, zu ihr, seiner Ziehmutter, was Wawerzinek sehr lebendig und greifbar zum Ausdruck bringt. Trotz der durchweg eher düsteren Stimmung und eines tragischen Unfalls, bleibt am Ende doch die lebensbejahende Hoffnung auf eine gute Zukunft. „Hätte ich besser auf Tante Luci gehört, es wäre nicht so schlimm mit mir gekommen“.

Fazit: Die Geschichte eines Süchtigen, schonungslos offen erzählt, eine mutige Anregung zum eigenen Nachdenken – ein Stück außergewöhnliche Literatur für den interessierten Leser! 

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Rezension zu "Rabenliebe" von Peter Wawerzinek

Peter Wawerzinek | RABENLIEBE
Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr

INHALT: Als Kleinkind wird Peter Wawerzinek von seiner Mutter verlassen. Sie flieht Ende der 1950er in den Westen. Für den jungen Peter beginnt eine jahrelange Odyssee durch Kinderheime und Pflegefamilien, die ihn bis an den Rand seiner psychischen Belastbarkeit bringt. Peter, ein sensibles und begabtes Kind, fragte sich sein Leben lang nach den Gründen der Flucht. Was bringt eine Mutter dazu, ihr Kind einem solchen Martyrium auszusetzen? Ein halbes Jahrhundert später macht er sie im Odenwald ausfindig. Es kommt zur persönlichen und ernüchternden Wiedervereinigung.

FORM: Der stark autobiografisch gefärbte Roman teilt sich in zwei Teile. Der erste Teil behandelt die Kindheits- und Jugendjahre in den Heimen und Pflegefamilien. Die furchtbaren Zustände, denen Peter Wawerzinek (*1954) wie als Mensch zweiter Klasse ausgesetzt war, beschreibt er mit beißendem Humor und klarer Deutlichkeit, unterbrochen von Zeitungsartikeln über Familienträgödien und Gesetzestexten aus dem Adoptivrecht.

Ich wurde in den vier Jahren der Adoption gegen meine Natur gezwungen. Ich sehe mich gegen meine Talente und das bereits vorhandene individuelle Potential fehlerhaft umerzogen. Mir ist während der Adoptionszeit am intensivsten vorenthalten worden, was ich am meisten gebraucht hätte: Zuneigung, Mutterliebe, Wärme, Entdeckung und Ausweitung meienr Talente. (Seite 163)

Der zweite Teil springt dann in die heutige Zeit. Wawerzinek ist bereits erwachsen, angesehener Schriftsteller und immer noch auf der Suche. Seine Mutterlosigkeit ist Teil seines Lebens, eine ewige Wunde. Der Text ist ab hier sehr viel poetischer und philosophischer, hat also, wie die Hauptperson selbst, eine Entwicklung durchgemacht. Immer wieder sind Volkslieder (Im Frütau zu Berge wir ziehen, fallera) und Spielgedichte (A, B, C, die Katze lief im Schnee) in den Fließtext eingebaut, die die Prosa unterstützen.

FAZIT: Selten hat mich ein Roman dermaßen berührt und aufgewühlt. Peter Wawerzinek (ein Rostocker übrigens) hat in jahrelanger Schreibarbeit soviel Sehnsucht, Verzweifelung und Hassliebe in seinen Text gepackt, dass es einem fasst das Herz zerreißt. 2010 landete RABENLIEBE auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und Wawerzinek gewann bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur sowohl den Ingeborg-Bachmann-Preis als auch den Publikumspreis – völlig zu Recht! Fünf Sterne.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

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Wortweltens avatar

Rezension zu "Schluckspecht" von Peter Wawerzinek

Intelligenter Roman über den Lebensweg eines Alkoholikers
Wortweltenvor 4 Jahren

Alkohol gehört immer noch zu einer Droge, die in unserer Gesellschaft weitestgehend anerkannt ist oder zumindest, da legal, selten als solche betrachtet wird. Nur dann, wenn wir sie sehen, die Gestalten, die lallend im Sommer Parkbänke neben Kinderspielplätzen blockierend, die sich auf der Straße an Hauswänden festkrallen und laut schreiend das System anklagen oder mit irgendjemandem reden, der gar nicht da ist, nur dann wird uns bewusst, welchen Schaden er anrichten kann.

Sie haben kein Zuhause, kennen keinen Ort für ihre Rückkehr, können, selbst wenn sie es wollten, nirgendwohin. Sie haben sich alle im Leben etwas verbaut, falsch begonnen, falsch weitergeführt, falsch beendet. (S. 354)

In Schluckspecht seziert Peter Wawerzinek das Leben seiner Hauptfigur und die zunehmende Macht, die der Alkohol auf sie ausübt. Alles beginnt mit Tante Luci, bei der der von den Eltern verlassene Protagonist aufwächst, mit ihrem Rumtopf und den selbstgebrannten Likören, doch immer wieder mahnt sie mit erhobenem Zeigefinger den erst kindlichen, dann jugendlichen Schützling, bloß die Finger von dem Zeug zu lassen. Er sieht ja an Onkelonkel, Lucis Mann, was die häufigen und exzessiven Kneipengänge anrichten können. Und so nippt er anfangs nur heimlich an Resten aus den Gläsern der Erwachsenen, bis die Pubertät beginnt und er sich im Partykeller eines Freundes, dessen Eltern Wein herstellen, einrichtet, bis zur Bewusstlosigkeit trinkt. Für seine Kumpels ist das nur eine Phase, nur eine Möglichkeit der Rebellion und Selbstfindung, die endet, als das Interesse an Mädchen größer wird als am Alkohol. Für die Hauptfigur beginnt hier ein Weg, der ihn immer häufiger in Kneipen führt, der immer häufiger in Nächten endet, an die er am nächsten Morgen keine Erinnerung mehr hat. Bis es ihm irgendwann, Jahre später, nur mit Hilfe und jahrelanger Therapie, gelingt, vom Alkohol zu lassen. Doch gleichzeitig wird klar, dass das nie für immer ist, dass die einmal gefasste Liebe zur Droge niemals stirbt.

Ich besoff mich ungeniert in Gemeinschaft, benahm mich daneben, lenkte die Aufmerksamkeit auf mich. Lauter kleine Hilferufe. Ich wollte nicht nur gepackt und zur Tür hinausgeworfen werden, ich wollte gerettet werden. (S. 402)

Wawerzinek gelingt in seinem Roman eine sehr detaillierte Auseinandersetzung mit dem Thema, die Beginn und Entwicklung der Sucht ausgiebig beleuchtet, die darstellt, wie sehr man sich manchmal nach jemandem sehnt, der all das für einen beendet, und wie es der Hauptfigur dennoch gelingt, Tante Luci gegenüber, der einzigen Familie, die er hat, den Schein zu wahren. Gerade sie, aber auch andere wichtige Figuren werden mit all ihren Eigenheiten und Vorlieben ausgiebig beleuchtet, kein Charakterzug bleibt dem Leser verborgen. Mitunter wirken sie gerade dadurch etwas unwirklich, fast märchenhaft kurios oder zumindest ein wenig übertrieben. Im Gegensatz zu dieser Detailliebe fließen die Jahre in dieser Geschichte mitunter so schnell, dass man den Überblick über sie verliert, doch so ist das, eine Sucht wie die nach Alkohol frisst einfach Zeit aus dem eigenen Leben, Jahre, die nie wiederkehren, am Ende sind sie einfach weg. Das ist dann zwar für den Leser etwas unübersichtlich, passt aber zu dem Roman. Und zwischen den Zeilen finden sich immer wieder interessante, ehrliche und sehr schöne Weisheiten, über das Leben, über einen selbst, über die Menschen.

Floh und ich haben unseren Spaß daran, zu vielo saufieren, eine Wortschöpfung von ihm. Bereitet ihm Freunde, Worte zu schöpfen. Sind irgendwie auch Menschen, die Worte. Geht immer darum, die Wärme zu finden, die in der Kälte steckt. (S. 260)

Ein wenig schwierig fand ich vor allem die sprachliche Seite des Textes. Der Autor neigt zu Reimen, zu Wiederholungen, zu langen Sätzen, die durchaus geschickt konstruiert sind, die mit Worten spielen und jonglieren, die Worte und Dinge auseinandernehmen und wieder zusammensetzen. Interessant und beeindruckend ist diese Akrobatik durchaus, aber auf Dauer anstrengend zu lesen. Sie ist es vor allem, die den Roman so umfangreich gestaltet, die Geschichte mitunter sehr in die Länge zieht. Zumindest, und das ist eindeutig Geschmackssache, wenn einem diese ausgefeilte Sprachkunst nicht so hundertprozentig liegt.

Man kehrt ein, kehrt nicht um, wird Kehrricht, gehört ausgekehrt. Lebt verkehrt, sieht die Welt verkehrt, verkehrt die Wirklichkeit in ihr Gegenteil, verkehrt mit dem Teufel, den Tante Luci beschworen hat. (S. 235)

Autobiografisch geprägt, erzählt Peter Wawerzinek in Schluckspecht von dem Weg in den Alkoholismus und der langsamen und schwierigen Befreiung von der Droge. Sprachlich beeindruckend, aber mitunter schwierig zu lesen, sucht der Roman schon eher ein spezielles Publikum, überzeugt aber mit einer detaillierten und absolut ehrlichen und vielschichtigen Auseinandersetzung mit dem Thema, mit jeder Menge Lebensweisheit und mit wohldosierter Poesie.

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L
Peter Wawerzinek verarbeitet in seinem Roman Rabenliebe seine Kindheitserlebnisse. Inwieweit hilft das Niederschreiben dem eigenen Glücklichsein?
Zum Thema

Zusätzliche Informationen

Peter Wawerzinek wurde am 27. September 1954 in Rostock (Deutschland) geboren.

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