Rezension zu "Gebt der Kindheit eine Chance: Ein PlĂ€doyer fĂŒr kindgerechtes, bildungsorientiertes Arbeiten in Kitas" von Petra Engelsmann
a_different_look_at_the_bookMeine 4-JĂ€hrige befindet sich im 2. Jahr ihrer Kindergartenzeit. In den ersten knapp 3 Jahren habe ich sie zu Hause betreut, weil ich es einfach wollte. Ich wollte diejenige sein, die ihre ersten Worte hört. Ich wollte diejenige sein, die ihre ersten Schritte sieht. Ich wollte mein Kind in den ersten Lebensjahren so intensiv wie möglich begleiten. Wir als Familie hatten uns dafĂŒr entschieden. Das ist unser Weg und ich wĂŒrde ihn immer wieder genauso gehen. Zudem ist sie nur vormittags in einer Einrichtung.
Es gibt jedoch auch Eltern, die ihre Kinder bereits sehr frĂŒh in deren Leben betreut wissen wollen oder mĂŒssen. Und es gibt Kinder, die eine sehr lange Zeit eines Tages nicht zu Hause, sondern in einer Einrichtung sind.
Bevor ich meinen Sprössling im Kindergarten anmeldete, machte ich mir unzÀhlige Gedanken. Aus den Medien erfÀhrt man so viel Schlimmes. Mein Herz verkrampfte sich bei diesen Bildern. Ich wollte weinen, wenn ich sah, welches Leid pÀdagogische FachkrÀfte hervorrufen.
Auch Frau Engelsmann gibt Einblicke in ihre Erfahrung in den Institutionen:
"Mir persönlich geht es nach 20 Jahren arbeiten in Krippen und Kitas darum, Kindern ihre Lebensfreude, ihren Mut und die Neugier auf das Leben zu erhalten. [...] Doch mein Arbeiten in Krippen und Kitas hat mir traurigerweise gezeigt, wie oft Selbstbewusstsein von Kindern zerstört, Experimentierfreudigkeit unterbrochen und Empathie und HerzenswÀrme zu kurz gekommen sind." (S. 12)
Ich frag(t)e mich immer wieder: Wie kann ich meine Tochter davor beschĂŒtzen und ihr dennoch den Wunsch erfĂŒllen, mit Kindern aufwachsen zu dĂŒrfen?
Meine Erfahrung zeigt mir, dass ich mit meinen Gedanken und GefĂŒhlen nicht alleine bin. Und ich weiĂ, dass es da drauĂen super pĂ€dagogische FachkrĂ€fte gibt. Doch wir alle sind nur Menschen. Und Menschen machen Fehler.
"Gebt der Kindheit eine Chance" ist ein Augenöffner fĂŒr beide Seiten - FachkrĂ€fte und Eltern.
Petra Engelsmann zeigt die MissstÀnde in den Einrichtungen auf. (ein Fingerzeig auf die Politik, die dahingehend dringend etwas Àndern MUSS)
Ebenso sensibilisiert sie dahingehend Eltern, was tagtĂ€glich dort geleistet werden muss von den dort Arbeitenden. Was hinter den Kulissen geschieht und Eltern niemals zu sehen bekommen. Was es heiĂt, 25 Kinder zu zweit (oder wenn man GlĂŒck hat zu dritt) zu betreuen und zu begleiten.
Mein Lieblings-/Hasskapitel ist das 2.6.1: "Tagesstrukturen vs. IndividualitĂ€t" (S. 57ff) FĂŒr mich gibt es nichts Schlimmeres als diesen durchgetakteten Tag: Ankommen, Morgenkreis, FrĂŒhstĂŒck, raus gehen, Freispiel, Mittagessen. (oder so Ă€hnlich) Ich sehe es in der Gruppe meiner Tochter, dass vor allem der Morgenkreis fĂŒr die meisten Kinder ein Horror ist. Wenn ich mir die Fotos ansehe, die uns Eltern zur VerfĂŒgung gestellt werden, dann frage ich mich: Schauen die PĂ€dagoginnen auch mal in die Gesichter, die sie fotografieren? Kein Kind lĂ€chelt. Die Jungen und MĂ€dchen lĂŒmmeln auf ihren StĂŒhlen rum. Warum hĂ€lt man an so etwas fest?
Die Autorin gibt DenkanstöĂe, wie das Zusammenspiel zwischen Fachkraft, Kind und Eltern aussehen kann. Denn auch ich musste bereits die Erfahrung machen, dass wir unser Kind zwar abgeben dĂŒrfen, aber etwas zu sagen haben wir nicht.
Mein Wunsch wĂ€re: Ăffnet euch!
Liebe pĂ€dagogische FachkrĂ€fte: Ăffnet euch vor allem fĂŒr unsere Kinder, aber auch fĂŒr uns Eltern. Unsere Kinder mĂŒssen bei euch ankommen - genauso wie wir. Auch wenn ihr jahrelange Erfahrung habt, ist kein Mensch unfehlbar! Manchmal verhelfen DenkanstöĂe von auĂen zu neuen Sichtweisen.
Liebe Eltern: Ăffnet euch fĂŒr die pĂ€dagogischen FachkrĂ€fte. Sie wollen - genau wie wir - nur das Beste fĂŒr die Kleinen. Ihr habt manchmal schon mit 1 Kind zu kĂ€mpfen, wenn da eine Wutwelle auf euch zugerollt kommt? Dann versucht mal dies von mehreren Kindern abzufangen.
Am Schluss formt die Verfasserin eine "Kita, wie sie sein sollte" (S. 118ff) - wovon wir jedoch weit, weit entfernt sind, denn dort wĂŒrde es heiĂen:
"Jedes Kind darf in der Kita im Mittelpunkt stehen! SchlieĂlich wurden fĂŒr die Kinder die Kitas gebaut und nicht fĂŒr Erwachsene!" (S. 131)
Ein Gedanke, der dem von Maria Montessori entspricht und somit mir direkt ins Herz geht. Denn ihre PĂ€dagogik ist die, die in unserem persönlichen Familienalltag seinen Platz gefunden hat und die ich JEDEM Kind wĂŒnsche.
Von mir bekommt das Werk eine Leseempfehlung an ALLE, die mit Kindern zu tun haben - FachkrĂ€fte, (GroĂ)Eltern, Betreuer*innen. Lesen und verinnerlichen!
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