REZENSION
– „Ich wollte übers Lesen erzählen und was man daraus fürs Leben lernen kann oder auch nicht. … Andererseits widerspiegelt die Literatur das ganze menschliche Spektrum, von Ehrlichkeit und Tiefe bis zu Dummheit, Brutalität und Infamie“, kommentierte die Schriftstellerin Petra Morsbach (70) in einem Interview ihre Idee zu ihrem im Mai beim Penguin Verlag veröffentlichten Roman „Orion“. In diesem modernen Bildungsroman zeigt die bereits für ihr Lebenswerk mit dem Jean-Paul-Preis ausgezeichnete Autorin, welche Bedeutung Literatur für unser Leben hat, indem Bücher unsere Wahrnehmung, unser Denken und unseren Umgang mit anderen Menschen prägen können.
Der Roman fasziniert weniger durch seine unspektakuläre Handlung, sondern durch seinen ungewöhnlichen Blick auf das Alltagsleben der krankheitsbedingt pensionierten Gymnasiallehrerin Nora, auf das diese durch die Welt der Bücher zurückblickt. Das Lesen war und ist für sie also nicht nur eine unterhaltsame Freizeitbeschäftigung, sondern ein bedeutsames Mittel, um ihre Mitmenschen zu verstehen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und notfalls Lebenskrisen zu bewältigen. Entsprechend versteht Nora „das Glück des Lebens“ als eine „intime Begegnung zwischen Leserin und Autor, das wache Aufnehmen einer ehrlichen und tiefen Literatur. Durch die Berührung öffnet sich das Kunstwerk gewissermaßen und offenbart die polyphone, verstörend faszinierende Essenz des Lebens, das, was wir als Wahrheit empfinden“. Zeit ihres Lebens bleibt Nora eine leidenschaftliche Leserin und gleicht ihre Erfahrungen und Erlebnisse immer wieder mit ihrem durch Literatur gewonnenen Wissen ab. Doch kann uns die Literatur im Alltag wirklich helfen? Nicht immer trifft Nora die richtige Entscheidung.
Im Roman erzählt Nora aus ihrem keineswegs ungewöhnlichen Leben. Geboren in den 1960er-Jahren, lernt sie als Studentin beim Ferienjob im Staatsarchiv einen um Jahre älteren Archivar kennen, den sie später heiratet – weniger aus Liebe, eher aus Gründen der Vernunft. Sie wird literaturbegeisterte Lehrerin für Deutsch und Geschichte an einem oberbayerischen Gymnasium, zieht ihren Sohn Enni als Einzelkind auf und lässt sich, von ihrem Mann vernachlässigt, nach einer bereits beendeten Liebesaffäre scheiden. Nach einem Nierenversagen muss sie als 60-Jährige vorzeitig den Schuldienst verlassen und arbeitet fortan stundenweise in einem Literaturarchiv.
Wir erleben in „Orion“ die Entwicklung einer Frau von der Jugend bis ins Alter, deren Wahrnehmen und Handeln von Literatur, Philosophie und Bildung geprägt ist. Im Roman geht es um grundlegende Fragen wie Erziehung, Moral, Liebe und den mitmenschlichen Umgang. Dabei zeigt sich Nora keineswegs als alles beherrschende Besserwisserin, sondern zwar als nüchterne, analytisch denkende, aber durchaus widersprüchliche und oft auch distanzierte Persönlichkeit. Gerade dieses Widersprüchliche macht sie zu einer glaubwürdigen Figur, deren Entscheidungen nachvollziehbar sind und der unser Mitgefühl sicher ist.
Morsbach zeigt in ihrem Roman anhand ausgewählter Zitate aus klassischen ebenso wie aus modernen Werken, wie eng Literatur und unser normales Leben miteinander verbunden sein können. Diese literarischen und philosophischen Bezüge verlangen beim Lesen Konzentration und Geduld. Gleichzeitig fasziniert das Buch durch die charakterliche Tiefenschärfe seiner Figuren, durch detaillierte Beobachtungen, intellektuell interessante Dialoge und trotz aller Ernsthaftigkeit der Themen auch durch eine wohltuende und lebensnahe Prise Humor – wenn zum Beispiel der inzwischen erwachsene Sohn sich von seiner inzwischen von Diät lebenden Mutter ein echtes „Männermenü“ wünscht: „Ich antwortete, ich würde ihm gern beibringen, wie man eins kocht und wie man anschließend die Küche wieder aufräumt.“
Nicht aufregende Ereignisse prägen also die Handlung dieses Romans, sondern über weite Strecken gute Beobachtungen, literarische Reflexionen und intelligente Dialoge – Szenen aus dem Jahrzehnte währenden Alltagsleben einer literarisch gebildeten und lebenserfahrenen Frau. „Ich hätte gedacht, dass es zutiefst befriedigend sein müsse, so viel Farbe und Energie aus dem banalen Alltag ziehen zu können, einfach, indem man es in Sprache fasste“, sagt Nora einmal. Mit diesem Zitat lässt sich auch der Gesamteindruck nach der Lektüre des Romans „Orion“ zusammenfassen: Es ist beeindruckend, wie es Petra Morsbach gelingt, aus der Schilderung eines mehr oder minder alltäglichen Lebens einen intellektuell anspruchsvollen Bildungsroman zu schaffen, der seine Leser nachhaltig zum Denken herausfordert.