Justizpalast

von Petra Morsbach 
4,3 Sterne bei16 Bewertungen
Justizpalast
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alascas avatar

Differenzierter Roman um unsere Justiz und ihre DienerInnen - tolle Figuren, beeindruckend recherchiert, leider etwas inkohärent.

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Die spröden Mühlen der Justiz und mittendrin eine eigenbrötlerische Frau: "Justizpalast" begeistert mit seiner Andersartigkeit.

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Inhaltsangabe zu "Justizpalast"

Der große Gesellschaftsroman über Recht und Gerechtigkeit

Thirza Zorniger stammt aus einer desaströsen Schauspielerehe und will nichts anderes, als für Gerechtigkeit sorgen. Unter der Obhut des Großvaters und zweier ältlicher Tanten wird aus dem kleinen Mädchen eine fleißige Studentin und zuletzt Richterin im Münchner Justizpalast. Doch auch hier ist die Wirklichkeit anders als die Theorie: Eine hochdifferenzierte Gerechtigkeitsmaschine muss das ganze Spektrum des Lebens verarbeiten, wobei sie sich gelegentlich verschluckt. Und auch unter Richtern geht es manchmal zu wie in einer chaotischen Familie ...

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783328103790
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:480 Seiten
Verlag:Penguin
Erscheinungsdatum:08.10.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    BluevanMeers avatar
    BluevanMeervor 3 Monaten
    Justizpalast

    Das ist also unsere Gerechtigkeitsfabrik. Am Ende hoher, höhlenartiger Zimmer sitzen Richter wie Grottenolme auf Papierbergen, jeder für sich. Nach drei Wochen Aktenwühlerei fragte Thirza Frau Meindl nach den offenen Verfahren der beiden Kollegen und erhielt die Antwort: hundertdreißig und hundertfünfundvierzig.

    (S. 101)

     Thirza Zorniger hat es nicht leicht und hatte es nie leicht. Ihr Vater, ein erfolgreicher Schauspieler, hat die Familie verlassen. Die kleine Thirza kommt zu ihrem Großvater und zwei Tanten nach München Passig. Hauptsache, sie funktioniert und macht keine großen Schwierigkeiten. Bei ihrem Großvater findet sie zwar stabile Verhältnisse, aber auch eine klare Vorstellung davon, wie das Leben zu sein hat. Als Thirza, genau wie der Großvater, Juristin werden möchte, bricht dieser in Gelächter aus. Ihr Großvater kann sich nicht vorstellen, dass Thirza in dieser Männerwelt bestehen kann. Die unaufgearbeitete Rolle des Großvaters während des Nationalsozialismus, schwebt wie ein dunkler Schatten über der Geschichte.

    Thirza kämpft und will allen das Gegenteil beweisen. Sie beißt sich durch ihr Studium und gibt nicht auf, bis sie selbst eine Robe tragen darf. Sie wird Staatsanwältin, Richterin am Amtsgericht, dann am Landgericht, zum Schluss Vorsitzende einer Zivilkammer. Der Erfolg fällt Thirza nicht in den Schoss, sie gibt alles dafür. Allein, ihr Privatleben bleibt dabei auf der Strecke. Thirza ist auch in ihrer Freizeit eher Grottenolm. Sie fährt alleine in den Urlaub und manchmal geht sie sogar während ihres Urlaubs ins Gericht, so sieht Arbeitshaltung aus. Freunde hat sie kaum, diejenigen, die sie hat, sind ebenfalls Juristen. Thirza glaubt lange Zeit, dass diese Einsamkeit zu ihrem Leben dazu gehört. Der Justizpalast in München ist ihre Wirkungsstätte, die Fälle, mit denen sie zu tun hat, wirken mitunter erschreckend dröge und sehr echt.

    Kein Wunder, denn Petra Morsbach hat mit über 50 Jurist*innen gesprochen und so Einblicke in den Arbeitsalltag am Gericht erhalten. Der Aktenstau, die offenen Verfahren, das Gefühl, den Geschädigten häufig nicht einmal Recht zuteil werden zu lassen - diese Aspekte des Richterberufs erfasst Morsbach klar und unglaublich präzise. Die kauzigen, arroganten, weisen und zum Teil überraschend leidenschaftlichen Jurist*innen, denen Thirza begegnet, haben eins gemeinsam: ihr Zuhause ist der Justizpalast. Thirza, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe, gibt ihr Bestes und doch ist das häufig nicht genug. Mindestens 100 Fälle aus Thirzas Alltag werden den Leser*innen auf den knapp 500 Seiten präsentiert. Die steinreiche Millionenerbin, die um ein paar tausend Euro vor Gericht kämpft, ist genau so teil dieser illustren Sammlung von Fällen wie die Nachbarn, die sich darüber in die Haare kriegen, dass die Bäume ein paar Zentimeter gekürzt werden sollen. Das ist mal traurig, mal skurril (eine Frau verliert ihren Mann durch einen Wal, nun ja, solche Dinge passieren), manchmal eben auch etwas trocken zu lesen.

    Startet Thirza noch voller Elan und Idealismus in ihre Karriere, wird ihr spätestens als Richterin klar, dass erfolgreiche Strafprozesse nach vier goldenen Regeln ablaufen. Erstens, Vergleiche sind das A und O, zweitens, am besten niemand klagt, drittens, wird ein Urteil aufgehoben, hat irgendeine richterliche Instanz versagt, weil das Urteil nicht hieb-und stichfest begründet wurde und viertens, Recht und Gerechtigkeit sind zwei Paar Schuhe. Das Privatleben steht in starkem Kontrast zu dieser Welt der Akten und nicht immer gerechten Urteile. Nach einigen gescheiterten Versuchen findet Thirza mit Max dann doch das große Glück - wenn auch nicht für die Ewigkeit.

    Morsbach hat einen herrlichen selbstironischen Stil, den man leicht überlesen kann. Thirza sagt zum Beispiel, sie als Hauptfigur, dürfe jetzt ohne Weiteres das Thema wechseln. Und als Thirza einmal ein Buch in die Hand nimmt, legt sie es mit den Worten: "Morsbach, keine Ahnung, was daran komisch sein soll" wieder weg.

    Hat man den Roman gelesen, hat man auch als juristischer Laie das Gefühl, irgendwie ein bisschen mehr verstanden zu haben. Davon wie Gesetze und das Justizsystem funktionieren und leider auch davon, wie Richter*innen, Sachbearbeiter*innen und alle Beamt*innen des Justizapparates leicht von dieser großen Aufgabe zerrieben werden können. Denn da Recht und Gerechtigkeit nicht immer zusammen fallen, kann es häufig nur eine Annäherung an ein vermeintlich gerechtes Urteil geben. Gerade deshalb ließ mich der Roman zum Ende hin, sehr melancholisch werden.  Misst sich das Können eines Richters an seinen gnadenlosen Urteilen, seinem Einfühlungsvermögen oder seinem Bearbeitungseifer, wenn es um offene Verfahren geht? Was bleibt von einem immer korrekt geführten Leben im Dienst einer großen Sache?

    Für Justizpalast hat Morsbach den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2017 erhalten.

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    uli123s avatar
    uli123vor 7 Monaten
    Ein Leben für die Justiz

    Auf dieses Buch aufmerksam wurde ich im letzten Herbst bei seiner Vorstellung durch eine Literaturkritikerin. Ich war seinerzeit der Überzeugung, es mit einem wahren Lesehighlight  zu tun zu bekommen. Der Preis von immerhin 25,00 EUR hielt mich dann noch geraume Zeit von seinem Kauf ab. Jetzt ist es endlich so weit, dass ich das Buch in den Händen halte. Aber wie wurden meine hohen Erwartungen doch enttäuscht, so dass ich letztendlich nur eine durchschnittliche Bewertung von drei Sternen abgebe, wenngleich objektiv betrachtet das Buch vielleicht mehr verdient. Denn die Autorin, die selbst wohl keine Juristin ist, hat sich so viel sichtbare Mühe gegeben. Sie hat über neun Jahre hinweg fundierte Recherchen betrieben und die Arbeit mit fünfzig Juristen besprochen. Genau das ist es dann wohl, was mich ein wenig gegen das Buch einnimmt.

    Herausgekommen ist eine penible und akribische Aneinanderreihung einer Vielzahl juristischer Fälle, die die Protagonistin, die Vorsitzende Richterin am Landgericht Thirza Zorniger, im Laufe ihrer Karriere bearbeitet hat. Gegen Ende ihrer Berufslaufbahn versucht sie selbst die Anzahl zu berechnen und kommt auf horrende Zahlen. Diese Fälle sind zwar nicht seitenlang eingefügt. Dennoch sind sie für einen Laien nicht immer gut verständlich. Sie sind in nicht chronologischer Reihenfolge allen Dezernaten entnommen, mit denen Thirza in ihrem Berufsleben befasst war. Somit stammen sie aus ihrer anfänglichen Tätigkeit bei der Staatsanwaltschaft, ihrer Tätigkeit als Familienrichterin beim Amtsgericht, als Sachbearbeiterin für Gnadenentscheidungen im Ministerium, als Mediatorin und vor allem ihrer am Ende des Berufslebens stehenden Tätigkeit als Vorsitzende Richterin einer Kartellkammer. Diesem Bereich ist etwa das letzte Buchdrittel gewidmet, und ab da hatte ich erhebliche Mühe, der Geschichte zu folgen. Die geschilderten anspruchsvollen kartellrechtlichen Streitigkeiten konnte ich geistig einfach nicht nachvollziehen. Meinen vorigen Ausführungen lässt sich schon entnehmen, dass im Vordergrund das Berufsleben der Protagonistin steht. Ein Privatleben hat sie auch lange Jahre nicht. Nach zwei kurzen Liebschaften findet sie erst spät ihr Glück mit einem Mann. Dieser bevorzugt zudem anspruchsvolle Literatur und diese liest er gerne Thirza vor, was ein weiterer Aspekt ist, der für mich den Lesefluss gestört hat. Die ausgewählte Literatur habe ich oft nicht verstanden, wie übrigens auch Thirza nicht, die lieber auf Liebesromane von Courts-Mahler zurückgreift. Was mich ebenfalls am letzten Buchdrittel stört, ist der Umstand, dass Thirza hier oft private Gespräche mit einem pensionierten Kollegen führt, dessen Ansichten auch recht wirr sind. Schwierig zu verstehen sind auch rechtsphilosophische Ausführungen. Der Schreibstil ist insgesamt nüchtern und sachlich gehalten.

    Eigentlich schade, dass dieses Buch, auf das so viel Mühe verwandt wurde, wohl nicht die breite Leserschaft ansprechen wird.

     

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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor 8 Monaten
    Unsere Justiz - grandios geschrieben

    Robe, Thenner, Blank

    Der Anfang: »Schon Thirzas Mutter wäre gern Richterin geworden. Doch dann kam Carlos Zorniger dazwischen.«

    Etwas über neun Jahre hat Petra Morsbach an diesem Roman geschrieben. Und hier stimmt jeder Satz, jedes Wort. Sie hat gut recherchiert, mit fünfzig Juristen gesprochen, dreißig davon waren Richter, hat das Manuskript von Richtern gegenlesen lassen. Für den Roman erhielt sie 2018 den Wilhelm Rabe Preis.

    Man kann den Roman in einen Satz beschreiben: Das Leben der Thirza Zorniger, einer Richterin. Oder auch doch nicht, denn eigentlich geht es um die Menschen, Menschen im Gericht: Angeklagte, Anklagende, Richter, Rechtsanwälte, Staatsanwälte. Hinter jedem Fall steckt ein Mensch, seine Intension, Emotion, sich zu beklagen, sich zu verteidigen. Auch Juristen sind Menschen, garantiert verschiedene Typen, verschiedene Arbeitsweisen, Denkansätze. Hinter jedem Fall steckt eine Geschichte, ein Mensch. Recht ist nicht gerecht, nicht unbedingt. Es ist ein Leitfaden der Gesellschaft, nachdem man sich zu richten hat.

    Thirza Zorniger wächst bei ihrem Großvater und den Tanten auf, die Mutter ist verstorben, der Vater ist ein Schauspieler, der die Frauen wie Unterhosen wechselt, reichlich Nachwuchs in die Welt setzt. Kurz wird das Jurastudium angesprochen, doch schnell sind wir bei der ersten Stelle.

    »›Wieso ist der Mandant dein Feind?‹
    ›Der Mandant hat seine eigene Wahrnehmung.‹«

    Der Mandant lügt dich an, vergisst, etwas zu berichten, unterschlägt es mit Absicht. Er hat sein eigenes Verständnis von Recht, eher das von Moral, seiner eigenen Moral. Thirza lernt die Realität kennen. Familiengericht ist nicht Thirzas Sache, keine Kammer, die sie länger verfolgen will, sie hat genug zu tun mit ihrer eigenen verzwickten Familie.

    »Die Betreute selbst saß in der Mitte ihres Dreißig-Quadratmeter-Salons zwischen kahlen Wänden. Am Kopfende des vergitterten Bettes hing ein handgeschriebenes Schild: ›Vorsicht! Kratzt und beißt!‹ Zeugen zufolge war sie früher eine geizige Giftnudel gewesen, die ihre Dienstboten schikanierte. Ein Schlaganfall hatte ihr die Sprache geraubt.«

    Ein Abstecher ins Vormundschaftsreferat, Gedanken zurück an eine grausige Zeit. Der Anfänger muss dienen als Staatsanwalt, der Diener des Staates, wir erleben Thirza in München wohnend, es folgen: Zivilrichterin am Amtsgericht, Beisitzerin am Landgericht in einer Zivilkammer im Justizpalast, Familienrichterin am Amtsgericht, Oberregierungsrätin im Justizministerium und schließlich Vorsitzende Richterin am Landgericht in einer Zivilkammer, zurück im Justizpalast. Privat liest Thirza lieber Liebesromane, statt Schriftsätze aber mit der Liebe hat sie nicht viel Glück. Spät trifft sie auf Max Girstl, ihre große Liebe, mit dem sie glücklich ist, der leider zu früh stirbt. Die Einundsechzigjährige erzählt dem Leser ihren Lebensweg.

    »Das ist also unsere Gerechtigkeitsfabrik: am Ende hoher, höhlenartiger Zimmer sitzen Richter wie Grottenolme auf Papierbergen, jeder für sich. Nach drei Wochen Aktenwühlerei fragte Thirza Frau Meindl nach den offenen Verfahren der beiden Kollegen und erhielt die Antwort: hundertdreißig und hundertfünfundvierzig.«

    Als Anfängerin lernt sie verschiedene Richter kennen, die kurz und bündigen, die lange ausufernden Frager, Richter, die exzellent formulieren, welche die immer ein Urteil fällen, andere, die den Vergleich suchen. Wer vergleicht, der muss nicht urteilen, kann auch nicht angefochten werden. Der Leser lernt zusammen mit Thirza die verschiedenen Typen kennen, lernt zu verstehen, wie Richter denken, agieren. Exemplarisch an vielen Beispielen erklärt sie Recht und Moral. Nehmen wir den Mann, der gegen einen Autohersteller klagt, weil ihm der Motor verreckte, kurz nach Ablauf der Garantie. Der Hersteller bietet 3.000, wohlweislich, weil die Bauserie häufig genau diesen Fehler aufweist. Der Klagende will 6.000 oder einen Ersatzmotor, wegen des Fehlers. Nach Ablauf der Garantie muss der Hersteller nicht geradestehen, so würde ein Urteil lauten. Der Kläger sieht sich im Recht: Ein Fehler in der Bauserie. Doch Thirza versucht es mit einem Vergleich, dem Hersteller ein wenig mehr herauszulocken. Mehr kann sie für den Kläger nicht tun, ihm zusätzlich erklären, welche Kosten auf ihn zukommen, wenn er weiter klagt, wo er doch schon die 3.000 nicht hat, die Reparatur zu zahlen.

    »Bei uns gehen die Regalhalter kaputt, und die Regale stürzen ab. Es braucht ein halbes Jahr, bis ein Handwerker kommt. Wie können wir die Würde des Gerichts vertreten, wenn uns die Verwaltung so würdelos behandelt?«

    Amt und Würde, die Robe, Säle, die Angeklagte in Angst versetzen, Demut, Ehrfurcht. So würdig geht es in den Amtsstuben dann doch nicht zu: Aktenberge, Überlastung, hoher Krankheitsstand, zu wenig Personal, unwürdige Büros. In diesem Roman geht hier aber auch um politischen und persönlichen Missbrauchs des Gesetzes, um Intrigen, um Politiker die versuchen Einflüsse geltend zu machen, um die Individualität des Richters, um seine Unabhängigkeit, um seine Abhängigkeit von Kollegen und System. »Wie geht die Justiz mit Mächtigen um, die das Recht beugen?«, fragt Thirza die Kollegen. Thirza mag Thenner, den Perfektionisten, lernt viel von ihm, von Blank lernt sie, zu vergleichen.

    »›Da sind Sie auf seine Fassade hereingefallen. Sie idealisieren ihn so sehr, dass Sie keinen Begriff von ihm haben.‹
    ›Was haben denn Sie für einen Begriff?‹
    ›Blank überlegte, legte die Stirn in Falten, lächelte kurz. ›Korrekt, scharfsinnig, diffus, kühl, nicht überheblich, gut mit Männern. Nicht gut mit Frauen.«

    Für diesen Roman sollte man Interesse für Juristerei mitbringen, denn wir begegnen einer Fülle von Fällen in diesem Buch. Manchmal nur kurz über einen Absatz, dann etwas länger, nie über Seiten. Aber Fall folgt auf Fall. Das Wunderbare an diesem Roman ist der Wortwitz, es sind die Bilder, die sprachliche Perfektion. Ein dicker Rechtsanwalt begegnet Thirza auf dem Flur mit ausweichendem Blick. Der Anwalt als Untertan des Richters. Der Richter, der ihr gleich danach begegnet, hat einen aufrechten Gang, schaut ihr ins Gesicht. Hier begegnen sich zwei auf Augenhöhe. Wundervolle Bilder und Formulierungen, ein Thema, das literarisch nicht einfach zu fassen ist, Petra Morsbach ist es gelungen.

    »Und was ist Gerechtigkeit? Natürlich fühlte sie jeder irgendwie. Der Begriff hat dieselbe elementare Kraft wie Seele, Gewissen, Liebe, die ebenfalls keiner erklären kann. Weil die Gerechtigkeit aber von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung ist, muss man sie rationalisieren und organisieren. Der Bauch findet, der Geist begründet; die ganze Wissenschaft ist so entstanden.«

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    leseleavor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Die spröden Mühlen der Justiz und mittendrin eine eigenbrötlerische Frau: "Justizpalast" begeistert mit seiner Andersartigkeit.
    Justitia

    Das Unrecht geht immer weiter, aber das Bemühen um Gerechtigkeit auch! (S. 479)

    Es gibt Bücher, die erzeugen bei mir schon nach wenigen Seiten ein starkes paradoxes Gefühl: Ich weiß einerseits schon recht früh, dass das vorliegende Buch großartig werden wird; andererseits ist mir bewusst, dass das Buch, zerlegt in seine Bestandsteile, nur wenig Großartiges bereithält und es mir schwer fallen wird, es anderen Lesern schmackhaft zu machen. So geschehen auch beim jüngsten Roman der Schriftstellerin Petra Morsbach: Justizpalast erzählt von Thirza Zorniger, ihrem juristischen Werdegang bis zum Richteramt am Münchener Landgericht und vom Rechtswesen (theoretischer wie praktischer Natur) in der Bundesrepublik nach 1945.

    Wer nun allerdings beim Titel und der kurzen Zusammenfassung auf einen thrillerartigen Plot oder auf eine dynamische Geschichte mit irrwitzigen Wendungen, wie sie in amerikanischen Anwaltsserien zuhauf erzählt werden, hofft, der hat mit Justizpalast leider einen Fehlgriff gemacht. Denn Petra Morsbach verzichtet in ihrem Roman konsequent auf alle sensationshaschenden Elemente, mit denen eine Geschichte aufwarten kann: die Hauptfigur Thirza ist in erster Linie spröde und passiv, keine Sympathieträgerin, sondern eher eine Figur, bei der man zwischen leichtem Mitleid und freundlichem Spott schwankt; die Geschichte plätschert vor sich hin und fokussiert sich dabei stark auf die Mühlen der Justiz, die – wie wir alle wissen – zwar stetig, aber auch langsam mahlen; der Text selbst ist so trocken und nüchtern geschrieben wie ein juristisches Schriftstück und setzt mehr auf Informationsvermittlung als darauf den Leser, emotional mitzureißen. Kurzum: Es spricht vieles gegen diesen sperrigen Roman. Und dennoch hat mich Justizpalast restlos überzeugt und auf eigentümliche Weise begeistert.

    Das liegt vor allem an dem scharfen Blick, mit dem Petra Morsbach im Roman alles und jeden unter die Lupe nimmt: den Alltag an Gericht, die Motive der Klagenden, die Selbstpräsentation des juristischen Personals, die institutionellem Strukturen, die sich um die juristischen Grundgedanken entwickelt haben, den Unterschied zwischen Rechtsprechung und Gerechtigkeit sowie zwischen moralischen und juristischen Prinzipien. Dabei zeigt sie einerseits einen Faible für Details, indem sie verschiedenen Fällen ihrer Hauptfigur viel Platz im Roman einräumt; andererseits gelingt es ihr leichtfüßig den einzelnen Fall ins große Ganze einzufügen und auf diese Weise einen umfangreichen Blick hinter die Kulissen unseres Rechtsstaates zu werfen. Zudem ist ihr Stil bei aller Nüchternheit und vermeintlicher Objektivität nicht frei von subtiler Komik und feiner Ironie und macht den vielleicht auf den ersten Blick langweilig wirkenden Text heiter und schwungvoll zu lesen. Auch Thirzas verschrobener Charakter trägt viel zu einem leichten Umgang mit den doch bisweilen schweren und gewichtigen Themen bei und bindet einen – auch wenn man Thirza nicht unbedingt zur besten Freundin haben möchte – stark an diesen so andersartigen Text.

    Ich wünsche Justizpalast viele Leser, hat sich das Buch doch während der Lektüre völlig unerwartet zu einem literarischen Schatz und einem Lesehighlight 2017 entwickelt. Man braucht sicherlich eine gewisse Aufgeschlossenheit und vor allem zu Beginn den Willen, sich durch diesen Text zu beißen. Danach wird man meiner Meinung nach jedoch mit einem Roman belohnt, der aus der Büchermasse heraussticht und einer mit seiner Unkonventionalität für sich gewinnt. 5 Sterne!

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    M
    michael_lehmann-papevor einem Jahr
    Griffig, kantig, intensiv, emotional dicht und hervorragend geschrieben

    Griffig, kantig, intensiv, emotional dicht und hervorragend geschrieben

    Schon die ersten Sätze nehmend en Leser umgehend in die Geschichte gefangen. Eine Geschichte, die sich um das Rechtswesen“ dreht, um dessen Protagonisten, aber auch um deren Umfeld. Die im Gerichtsgebäude auch spielt, aber dazu nimmt das Buch erst einmal ausführlich und ganz hervorragend im Timing seinen Anlauf.

    Denn am Wichtigsten, zentral, für diesen Roman sind die Figuren Jede der Figuren, Die Morsbach lebendig, abwechslungsreich, packend sowohl analytisch wie emotional für den Leser fast real werden lässt, statt in den Buchstaben eines Romans zu erstarren.

    Der Großvater, ehemaliger Richter, nach dem Krieg „zu spät gekommen“, irgendwo wesensverwandt untergekommen und, wie so viele im Buch, eine starke Szene, als Anspruch und Wirklichkeit aufeinandertreffen, als klar wird, dass da zwar einer „nie gegen das Recht verstoßen hat“ (hätte er mal besser zu Zeiten des dritten Reiches), aber wenig „Gerechtigkeit“ im Herzten trägt.

    „Dr. Wilhelm Kargus nun hatte für die Karriere seine Prinzipien verraten, ohne es zu merken. Er wusste nicht einmal, dass er nicht gerecht war“. Und das ist schon eine Kunst, das nicht zu wissen, wenn man mit der Axt „ungerecht“ eine Hütte zu Kleinholz verarbeitet“.

    Die Mutter, auf gutem Wege, gar nicht die die Jurisprudenz weiterverfolgt, denn Carlos Zorniger kam dazwischen. Und wie der dazwischenkam. Und wie der kantig, grob, fein, charismatisch, intensiv, distanziert von Morsbach ins Leben gerufen wird. Wie herzergreifend seine, unbewussten, verletzten Worte die kleine Tochter treffen, dass ist mitreißend geschrieben und löst die Distanz zwischen Leser und Werk treffend auf.

    Was alles in Thirzas Kopf zunächst und aus ihren Erinnerungen heraus dem Leser nahegebracht wird. Thirza, die Tochter einer dann verbitterten Mutter, eines abwesenden, egomanischen Vaters und eines frustrierten und dennoch ständig „Haltung vorführenden“ Großvaters. Die nun auch Richterin werden will. Aus all dem an Prägungen heraus, auch das baut Morsbach zwingend im Charakter der Thirza auf,

    Wie sie alle Personen unaufdringlich in ihrem „Sein“ erläutert. Die Tanten, die Mutter, die Großmutter, den Vater, Großvater, die Halbschwester und dutzende andere Figuren, die mal im flüssig verfassten Rückblick, oder in kantigen, fast assoziativ wirkenden Aufzählungen oder auch, dass vor allem, in ihrem Agieren dem Leser ihre inneren Haltungen emotional vermitteln.

    Eine Melange, die von allen Seiten ebenso zwingend in die Justiz führt. Die zerstörte, kaputte „Heimatfamilie“, die den Wunsch nach „etwas wieder zusammenfügen“ ebenso entstehen lässt, wie der „erfolgreiche“ Teil der mütterlichen Familie, in denen Juristen seit Generationen auf die ein oder andere Weise diesem „Handwerk“ nachgehen, was bei Thirza weitgehend zu Distanz und einem „es besser machen wollen“ führt.

    Aber ebensolche Menschen, wie sie als Kind kennenlernte, werden sie ihr gesamtes Berufsleben als Juristin „im System“ begleiten. Wie das an ihr etwas verändern? Wird sie manche heikle Situation und manche schmierigen Menschen Herr(in) werden könnten?

    Denn alles, was an „Typen“ in der Rechtsprechung zu finden ist, führt Morsbach mit klarem Blick für die Eigenarten der Persönlichkeiten und mit ebenso klarer und flüssiger Sprache hervorragend vor Augen.

    Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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    vielleser18s avatar
    vielleser18vor einem Jahr
    Kurzmeinung: Wer sich für Justiz interessiert, dem kann ich das Buch empfehlen. Ein Blick hinter die Kulissen der Gerichtsbarkeit .
    Ein Blick hinter die Kulissen der Gerichtsbarkeit

    Thirza Zorniger wächst bei ihrem Großvater, einem Richter auf. Schon früh interessiert sie sich für die Welt der Gerichtsbarkeit.  So verwundert es auch nicht, dass sie den selben Weg einschlägt, Jura studiert, verschiedene Stufen der Richterlaufbahn erringt, und es bis in den Justizpalast in München in eine führende Rolle schafft.

    Petra Morsbach erzählt das Leben von Thirza, von ihrem Schauspielervater, ihrer unglücklichen Mutter, ihrer Kindheit und Jugend, aber den meisten Raum nimmt ihre berufliche Laufbahn ein. Eingeflochten dabei immer wieder Gerichtsfälle, Gerichtsverhandlungen, Gerichtsurteile, es wird von Kollegen berichtet, von Arbeitsbelastungen, von wenig Freizeit. Der Roman ist nicht linear erzählt, er springt immer mal wieder vor und zurück im Leben von Thirza.

    Der Erzählstil ist nüchtern, erst gegen Ende kommen auch Emotionen ins Spiel, wird die Figur der Thirza menschlicher, greifbarer. Aber irgendwie passt der Stil auch zu der Protagonistin, die in einer eher als "trocken" geltenden Zunft arbeitet, in der es um Gesetze. Rechtsauslegungen, Aktenstudium und Urteilsbegründungen geht. Aber hinter jedem Fall stehen auch Menschen und das macht die Autorin mit den vielen beschriebenen Fällen auch deutlich. Thirza hingegen ist eine eher zurückgezogene, einsame Figur, die lange braucht um nicht nur ein berufliches Leben, sondern auch privates Glück zu haben, sich zu verlieben und einen Mann fürs Leben zu finden.
    Der Roman vereint das berufliche und private Leben der Protagonistin Thirza.  Obwohl der Beruf der Richterin hier im absoluten Mittelpunkt steht und ihr Privatleben eher als Untermalung dient. Sie bleibt als Figur eher kühl und nur am Ende wird es emotionaler.  Die Autorin deutet das Ende am Anfang an, doch erst nach und nach, Schritt für Schritt, schließt sich der Kreis im beruflichen Leben sowie im privaten Umfeld.

    Wer sich für die Arbeit und die Arbeitsbelastungen an deutschen Gerichten interessiert und dies auch noch verpackt in einem Roman, der viele Fälle aufgreift, dazu durch die Protagonistin Gedanken und Entwicklungen im Rechtssystem debattiert, dem kann ich den Roman empfehlen.  Er bietet eine breite Palette an Einblicken hinter die Kulissen der Gerichtsbarkeit. Die Autorin hat neun Jahre recherchiert, mit gut 50 Juristen über ihre Arbeit gesprochen und deren Erfahrungen und Erlebnisse mit in diesen Roman verwoben. Zusammen mit dem Lebensweg der fiktiven Protagonistin ergibt sich ein interessanter Roman, der, wenn auch kühl und nüchtern beschrieben, mich fesseln konnte.

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    serendipity3012s avatar
    serendipity3012vor einem Jahr
    Richterleben

    Richterleben 

    Jeder, der schon einmal eine Anwaltsserie verfolgt oder einen entsprechenden Film gesehen hat, weiß: Recht und Gerechtigkeit sind zwei Paar Schuhe. Zwar ist die „gute“ Seite dort meist auch die, die im Zuschauerempfinden im Recht ist und die die meisten Fälle gewinnt (oder den Fall, wenn es nur einen gibt), dennoch geht es um noch viel mehr als den Sieg der Gerechtigkeit: zum Beispiel darum, wer den besseren, klügeren, vielleicht gerisseneren Anwalt hat. Keinesfalls kann man sich in der Gewissheit zurücklehnen, dass die Gerechtigkeit siegen werde, und am Ende der Geschichte hat man gelernt, dass es um Gerechtigkeit eigentlich nur am Rande geht.

    Für Thirza Zorniger, Protagonistin in Petra Morsbachs neuestem Roman „Justizpalast“, ist es dennoch das Streben nach Gerechtigkeit, das sie antreibt, als sie sich für die Juristenlaufbahn entscheidet. Auch viele Jahre später, als sie längst eine angesehene und routinierte Richterin am Justizpalast in München ist, hat sie noch den gleichen Anspruch an sich und somit an die Gerechtigkeit, die in ihrem Gerichtssaal walten soll, auch wenn sie längst gelernt hat, dass dies nicht immer möglich ist.

    Thirza stammt aus einer unglücklichen Ehe. Eigentlich wollte schon ihre Mutter Richterin werden, heiratete aber stattdessen Thirzas Vater, was ihren Plänen ein Ende setzte. Die Ehe war nicht von Dauer und Thirza wuchs bei ihren Großeltern und Großtanten auf. Ehrgeizig und zielstrebig nimmt sie nach und nach alle Stufen der Karriereleiter bis ins Richteramt.

    „Justizpalast“ ist im Großen und Ganzen die Lebensgeschichte seiner Heldin, wobei im Roman einzelne Fallschilderungen viel Raum einnehmen. Einerseits kann man hier viel Neues erfahren und über die Justiz lernen, andererseits sind die Prozesse, die wieder gegeben werden teilweise recht grotesk. Vieles hat sich vermutlich in ähnlicher Weise (wahrscheinlich abgewandelt) zugetragen: Petra Morsbach hat für ihren Roman neun Jahre recherchiert und mit insgesamt um die 50 Juristen über ihre Arbeit gesprochen. Man sollte also für die Lektüre des Romans in jedem Fall ein gewisses Interesse für das Themengebiet mitbringen. Die meisten Fälle sind interessant – erschütternd empfand ich, meine Vermutung bestätigt zu bekommen, was Erbstreitereien angeht, wie sich Familien zuweilen völlig überwerfen, weil die eine Partei sich von der anderen hintergangen fühlt. Ebenso interessant sind dann die Ausführungen dazu, auf welche Weise in den einzelnen Fällen entschieden wird und warum. Manchmal wird es des Juristendeutschs aber auch etwas zu viel und nicht immer ist alles gleich verständlich.

    Die Geschichte um Thirza bleibt dabei ab und zu ein wenig auf der Strecke. Zwar fügen sich die Fallbeschreibungen stets gut in die Handlung ein, dennoch unterbrechen sie sie. So wird zwar deutlich, wie das Richteramt Thirzas Persönlichkeit ausmacht, trotzdem hätte ich manchmal gern weiter über Thirzas Leben jenseits des Justizpalasts gelesen, zumal Morsbach mit ihr eine interessante, lebendige Figur geschaffen hat, die man gern auf ihrem Weg begleitet.

    Sehr gut gefallen hat mir der Stil Morsbachs. Sie lässt ihre Erzählerin das Geschehen nicht nur wiedergeben, sondern von Zeit zu Zeit auch sehr pointiert kommentieren, oft mit einem Augenzwinkern oder leiser Ironie, sie trifft oft mit wenigen Worten ins Schwarze. Wenn Thirza dann plötzlich selbst die Erzählung – meist nur ganz kurz – übernimmt, dann ist man wirklich ganz nah dran.

    So entsteht nach und nach ein deutliches Bild dieser Frau, deren Beruf für sie an erster Stelle steht – stehen muss, denn das Richteramt ist ganz offenbar harte und zeitintensive Arbeit. Morsbach lässt sie aber auch privat, ebenfalls im beruflichen Umfeld, ihr Glück finden. „Justizpalast“ gibt spannende Einblicke in die Juristerei, erzählt unaufgeregt über seine Heldin und ihr Leben und ist über weite Strecken dabei unterhaltsam und lehrreich. Wer sich für das Thema interessiert, sollte dem Buch eine Chance geben.

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    leserattebremens avatar
    leserattebremenvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein tolles Buch, das einem Justiz wirklich spannend näher bringt.
    Über das Streben nach Gerechtigkeit

    Thirza Zorniger ist das Produkt einer leidenschaftlichen Beziehung zwischen dem Schauspieler Carlos Zorniger und Gudrun, Tochter von Strafrichter Wilhelm Kargus. Doch die Beziehung zerbricht und Thirza wächst bei ihrem Großvater und den Tanten in Parsing auf, nachdem ihre Mutter überfordert die Erziehung der Tochter aufgibt. Dort entwickelt sie den Wunsch, ebenso wie ihr Großvater, den sie sonst nicht besonders zu mögen scheint, Juristin zu werden und es bis in den Münchener Justizpalast zu schaffen.
    Petra Morsbach erzählt in „Justizpalast“ ausgiebig von Thirzas Leben, ihren Jugendjahren, aber hauptsächlich von ihrer Zeit als aktiver Juristin in verschiedensten Themengebieten. Familiengericht, Gnadenabteilung im Ministerium, Beschwerdekammer, Kartellrecht – durch all diese Bereiche arbeitet sich Thirza und was vielleicht langweilig klingt, ist ein hochspannender Roman über Recht und Gerechtigkeit. Bereits im Studium diskutiert Thirza mit Kommilitonen Radbruch und die Frage, welche Rolle Recht und Gesetz und welche darin die Richter zu spielen haben. Gibt es so etwas wie rechtgewordenes Unrecht? Diese Frage ist direkte Folge aus dem Fehlverhalten der Richter in der Nazi-Diktatur und beschäftigt Thirza ihr ganzes Leben lang. Der Roman „Justizpalast“ ist nicht nur spannend, man lernt auch eine Menge über Rechtsauslegung, Rechtsphilosophie und das Selbstverständnis der Justiz. Immer wieder werden Fälle eingeflochten, die Thirza verhandelt, was den Roman so nah und lebensecht macht, dass man manchmal vergisst, dass man eine fiktive, keine reale Geschichte liest.
    Thirza ist eine sehr spezielle Persönlichkeit, privat sehr gehemmt, sucht sie Erfüllung im Beruf und hat sich von der Vorstellung, in einer Beziehung glücklich zu werden, schnell verabschiedet. Sie kämpft in einer Zeit um Anerkennung, als Frauen in der Justiz selten und im Richteramt noch seltener waren. Jedenfalls zu Beginn, denn Morsbach lässt uns an Thirzas Beispiel auch die Geschichte der deutschen Justiz in der Nachkriegszeit erleben, die Veränderung der Probleme und Fragestellungen und die Komplexität des Rechts durch immer neue Gegebenheiten von Außen.
    Ich halte Petra Morsbachs Roman „Justizpalast“ für einen herausragenden Roman. Die Autorin bereitet ein zunächst langweilig erscheinendes Thema wie ein Leben für die Justiz so spannend auf, dass man den Roman kaum noch aus der Hand legen kann. Durch Thirzas speziellen Charakter wird das Buch noch kurzweiliger und selbst komplizierte Stellen über rechtsphilosophische Diskussion schreibt sie so klar und fesselnd, dass man sich keinesfalls abgeschreckt fühlt. Thirza wächst einem ans Herz und ihr uneingeschränktes Streben nach Gerechtigkeit schafft großen Respekt vor dieser Figur. Von mir gibt es eine uneingeschränkte Empfehlung für diesen Roman verbunden mit der Bitte, sich nicht abschrecken zu lassen vom vielleicht schwierigen Thema, denn Petra Morsbach macht es dem Leser unglaublich leicht, sich darauf zu einzulassen. 

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    miss_mesmerizeds avatar
    miss_mesmerizedvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein großer Roman über eine unbeirrbare Frau.
    Petra Morsbach - Justizpalast

    Thirza Zornigers Start ins Leben war schon nicht besonders glücklich. Ihr Mutter träumte von der Karriere in der Justiz, genau wie ihr Vater, aber als sie den Schauspieler Carlos Zorniger trifft, gibt sie die beruflichen Ambitionen zugunsten der Ehe auf. Diese ist kurz und schmerzvoll und der Rest des Lebens wird nicht besser. Die Tochter verbringt die meiste Zeit bei Großvater und den alten Tanten, wo sie zur cleveren und ambitionierten jungen Frau heranwächst. Es folgen Stationen in der Justiz, ihr Fleiß und Scharfsinn werden geschätzt und der Aufstieg geht stetig voran. Umgänglich mit den Kollegen und bedacht in der Arbeit vergehen die Jahre. Nur in der Liebe wollen die Dinge nicht so richtig klappen. Spät erst trifft sie mit Max auf einen Mann, mit dem sie ihr Leben und ihre Erlebnisse im Justizpalast teilen möchte, auch wenn sie lange dem Glück nicht trauen will. Und langsam neigt sich auch schon ihr Leben dem Ende entgegen, ein Leben, das maßgeblich von den Verfahren und ihren Urteilen bestimmt wurde, für sie als Person, bisweilen aber auch für große Firmen und das Land relevant.

    Petra Morsbachs Roman schafft eine geschickte Verbindung von der Geschichte einer Frau der Nachkriegszeit, die beharrlich auch gegen Widerstände ihren Weg geht und einem Blick auf die deutsche Justiz, der mal hoffnungsvoll, mal desaströs ausfällt. Immer begleitet wird die Handlung von einem Erzähler, der sich weitgehen dezent im Hintergrund hält, aber ab und an aber mit ironischen Spitzen („Lästern ist ein Laster, aber entlastend“, S. 83) oder gar zynischen Anmerkungen für ein Schmunzeln beim Leser sorgt.

    Schon früh realisiert Thirza, dass sie Kinderlos bleiben und somit im Alter allein sein wird. Ein Umstand, der sich nun einmal nicht ändern lässt und durch ihren beruflichen Erfolg noch verstärkt wird. Ohne einen konkreten Weg gezielt zu verfolgen, gelingt ihr doch der Weg durch die Kammern an immer höhere Positionen, ein wenig Glück gehört auch dazu, das Thirza in dieser Hinsicht hold stets ist. Da Liebe nicht in den Grundrechtekatalog gehört, wie der Erzähler feststellt, muss sie sich auf diesem Gebiet verwirklichen. Aber wie auch Max fragt sich Thirza, ob das das richtige Leben war und sie es sinnvoll und glücklich machend genutzt hat und nachdem sie selbst mit Krankheit konfrontiert wird, muss sie erkennen:

    „Hier beginnt der Übergang in ein anderes Spiel. Eines mit härteren Regeln, ohne Berufungsmöglichkeit, mildernde Umstände und rechtliches Gehör. Und ohne Gnade.“ (S. 472)

    Die Justiz hat ihr viel gegeben im Leben und immer war sie auf der Suche nach Gerechtigkeit und Ausgleich. Leiden verhindern, Recht zuerkennen, maßvoll auch gerecht urteilen – aber wird das Schicksal sich ihr gegenüber genauso verhalten? Sie ist das Sinnbild der erfolgreichen und stark verkopften Frau, die sich keinen intensiven Emotionen hingibt. Sie erkennt früh, dass sie beruflich den Männern in nichts nachsteht, gerät jedoch immer wieder an Herren, die in klassischen Klischees verhaftet sind und sie nicht als ebenbürtig anerkennen.

    Neben diesen privaten Aspekten Thirzas steht jedoch vor allem die Justiz im Vordergrund des Romans. Immer wieder werden Fälle skizziert und der Alltag der Richter aufgezeigt. Sehr deutlich wird hier deren Überlastung. Sie können das vorgegebene Pensum niemals bewältigen und suchen entsprechende Ausweichstrategien: wegducken, beschleunigen, weniger sorgfältig arbeiten. Man hat Verständnis für sie und hofft, dass man selbst nie der Fall ist, der gerade so abgehandelt wird. Auch die bisweilen auftretende Situation, dass die Gesetze schlichtweg für einen Fall nicht passen und dass diese Zwickmühle nur mit dem sogenannten „Sauhundprinzip“ – der schlichten Frage danach, wer gut und wer böse ist - beantwortet werden kann, ist nachvollziehbar, wenn auch bedenklich.

    Auch ein weiterer Missstand wird deutlich bekannt: „Tja, die Staatsanwaltschaft ist immer dann besonders überlastet, wenn es um höhere Kreise geht. Wir haben eine Zweiklassen-Justiz“ (S. 54) stellt der Erzähler schon früh fest. Am Beispiel der Familie Strauß wird dies später noch viel detaillierter erläutert und lässt einem als Leser schon stirnrunzelnd zurück, wenn man sonst keinen tieferen Einblick in die Vorgänge der Gerichtsbarkeit hat.

    Ein großer Roman über eine starke Frau in einem männerdominierten und hart umkämpften Umfeld. Erzählt in unterhaltsamen Ton, der nie – trotz vieler juristischer Details – tröge oder gar langweilig wird, sondern im Gegenteil die spannenden Seiten der Richterarbeit aufzeigt. 

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    alascas avatar
    alascavor einem Tag
    Kurzmeinung: Differenzierter Roman um unsere Justiz und ihre DienerInnen - tolle Figuren, beeindruckend recherchiert, leider etwas inkohärent.
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    Kathleen1987s avatar
    Kathleen1987vor 4 Monaten
    Mal sehen, wie realistisch das Werk ist...
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