Ich habe mich anfangs sehr schwer getan mit "Hellas Channel". Der Ermittler ist ein ungebildeter Kleinbürger von Anfang Fünfzig, dessen einzige Lektüre in Wörterbüchern besteht, der keine Scheu hat, verdächtige Zeugen zu schlagen und bei dem jeder ein Wichser oder ein Arschloch ist. Das Buch ist 1995 herausgekommen und spielt in der damaligen Gegenwart, in den Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als die kommunistischen Imperien fielen und die Albaner auf einmal (unter anderem) nach Griechenland strömten.
In der Juntazeit war Kommissar Charitos - damals noch kein Kommissar - schon bei der Athener Polizei und hat Kommunisten gefoltert. Aber ich weiß zu wenig über die griechische Geschichte, um das einordnen zu können: wer da wann am Ruder war, wie schlimm welche Diktatur wütete, wie tief die Gräben zwischen den politischen Lagern sind. Auch das Geld bereitet mir Kopfzerbrechen: Wieviel zum Henker sind zwanzigtausend Drachmen, die seine Frau dem Kommissar für neue Stiefel abbettelt? Ja, der private Kleinkrieg des mittelalten Ermittlers (die Tochter studiert) mit der zänkischen Ehefrau hebt auch nicht eben die Stimmung beim Lesen.
Leider kenne ich selbst Athen nur von einem flüchtigen Touri-Besuch. Ich kann die ganzen Ortsnamen im Buch daher nicht einordnen: Ist das nun ein Stadtviertel? Ein Vorort? Eine Nachbargemeinde? Oder eine größere Stadt? Es wird viel und lang mit dem Auto durch die Stadt gefahren, es stinkt und die Hitze brütet oder es regnet in Strömen, eine Menge fremder Straßennamen schlagen ein, ohne merklich Flair und Atmosphäre zu erzeugen. Nein, denke ich mir, das mag nicht schlecht gedacht sein, aber meins ist es nicht.
Es ist eine schmutzige Welt, die Petros Markaris uns zeigt, äußerlich wie innerlich. Keine, in die man gern eintauchen möchte. Und so liest man von dem albanischen Paar, das erstochen in einer heruntergekommenen Bauruine gefunden wird. Und bald darauf von dem brutalen Mord an der ehrgeizigen Fernsehjournalistin Janna Karajorgis, deren hartnäckige Recherchen vor Jahren einem Kinderschänder das Handwerk gelegt haben und die anscheinend auch diesmal etwas Großes gewittert hat. Wir lesen von Senderchefs, die beim Minister dagegen intervenieren, dass ihr Nachrichtenleiter (für meine Begriffe: völlig korrekt) Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen wird. Wir erfahren von der Hetzjagd auf den eben freigekommenen Pädophilen, von krummen Geschäften im Ostblock, von verkauften Nieren und adoptierten Kindern.
Am Ende zeigt die Auflösung (wenn Sie unbedingt wollen: Spoileralarm) erfreulicherweise ein differenziertes Bild. Es gibt nicht den einen Schurken, der hinter allem steckt, aber es hängt doch alles irgendwie zusammen, das Private und das Geschäftliche und das Politische. Und es ist alles nicht schön. Dass die Gerechtigkeit nicht triumphieren würde, war zu erwarten - so ist das nun mal im Leben, und im Griechenland der 1990-er vielleicht noch mehr als anderswo.
Und als ich das Buch weglege, das mir eigentlich so überhaupt nicht zugesagt hat, ertappe ich mich dabei, mir zu überlagen, ob ich nicht doch den zweiten Band der Reihe auf meine Leseliste setzen soll ...


























