Fabula rasa

von Philip Meinhold 
3,0 Sterne bei1 Bewertungen
Fabula rasa
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Inhaltsangabe zu "Fabula rasa"

Nino ist dreizehn und nicht auf den Mund gefallen, als sein Vater plötzlich aufhört mit ihm zu reden. Eigentlich hat Nino große Pläne: Mit der HipHop-Band »Zwei fickende Hunde« wollen er und sein Schulfreund Dan Never reich und berühmt werden. Die Band steckt noch in der Gründungsphase, als die Stimmung in der »Homebase« in Berlin-Reinickendorf immer unerträglicher wird. Denn obwohl Nino sich den Kopf zerbricht, gelingt es ihm einfach nicht, den Grund für das Schweigen seines Vaters herauszufinden. Eines Tages hat er die Schnauze voll. Er packt ein paar Dinge in seinen Rucksack und zieht los, um sich fortan alleine durchs Leben zu schlagen. Fabula Rasa ist eine Coming-of-age-Story und ein Berliner Roadmovie, eine moderne Odyssee, unterlegt mit HipHop-Klängen. Und es ist die Geschichte einer Vatersuche, rasant, einfallsreich und witzig erzählt von einem Sohn, dem es zum Glück die Sprache nicht verschlagen hat.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783898125994
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:344 Seiten
Verlag:Mitteldeutscher Verlag
Erscheinungsdatum:09.02.2009

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 9 Jahren
    Rezension zu "Fabula rasa" von Philip Meinhold

    Wenn man den Autor Philip Meinhold auf der Literaturlandkarte eingibt, dann erscheinen noch fünf andere Autoren, die ihm also ähnlich sein sollen: Mende Nazer steht ganz nah bei ihm, in beträchtlicher Ferne in unerklärbaren Himmelsrichtungen auseinander weisend finden sich im Uhrzeigersinn Charles Bukowski, John Steinbeck, Stephen King und Nick Hornby. Da darf man ordentlich erstaunt sein. Für diejenigen, die noch nicht genau wissen, was die Literaturlandkarte ist, eine kurze Erklärung: Dies ist eine virtuelle Suchmaschine, in die man den Namen eines Autors eingeben und sehen kann: „Was lesen Menschen, die Philip Meinhold mögen, sonst noch?“
    Mende Nazer also ist eine schwarze Schriftstellerin aus dem Sudan, die zwei Bücher autobiographischer Natur über das Sklavendasein veröffentlicht hat. So wie Frau Nazer eine wirklich prägende Kindheit verlebt hat, findet sich auch im zweiten Roman von Philip Meinhold Fabula Rasa eine peinigende, vor allem prägende Kindheitserfahrung eines mitteleuropäischen konsumgewöhnten Kindes der Berliner Mittelschicht, genauer: der Protagonist Nino Zimmermann ist 13 Jahre alt und lebt mit seinen mittelmäßigen Eltern, der Vater ist Fahrschullehrer („Wenn einer, bloß weil er Autofahren gelernt hat, gleich ‘n Job draus macht, dann ist das schon einigermaßen arm, wie ich finde. Vor allem wenn der Job draus besteht, den ganzen Tag in ‘nem dämlichen Auto zu hocken und im Schritttempo übern Parkplatz zu kurven.“), die Mutter Hausfrau in Berlin-Reinickendorf in einem Reihenhaus mit wenig Garten und viel Nähe zu den Nachbarn. Sehr tragisch, der Clou der Geschichte: Nino hat einen Fahrradunfall und erwacht nach Tagen des luftleeren Schwebens im Krankenhaus vor seiner in Tränen aufgelösten Mutter. Sein Vater ist nicht da. Und dies wird auch zur maßgeblichen Erfahrung seiner Mannwerdung. Sein Vater wird nicht mehr da sein. Er spricht nicht mehr mit ihm. Und Nino kann sich das nicht erklären. Er versucht es, tagelang, monatelang. Er findet keine Erklärung dafür. Nicht nur aus diesem Grund lässt sich der pubertierende Junge mächtig hängen. In der Schule, daheim, überall. Nur der Hip Hop kann ihm noch etwas Enthusiasmus entlocken. Er plant mit seinem besten Freund Danny eine Kombo, die „Zwei fickenden Hunde“ heißen soll.
    Was nun Charles Bukowski, Autor und Held des Buches gemein haben, springt einem nicht auf den ersten Blick ins Auge: alle drei sind in Deutschland geboren. Eine ebenso gerichtete Derbheit der Sprache lässt sich hier allerdings nicht finden. „Vieles wird wahrscheinlich völlig unwahrscheinlich erscheinen, aber manchmal ist das, was am Unwahrscheinlichsten scheint, eben genau das, was passiert.“ Ausmachend für den Roman ist die Sprache eines Jugendlichen, durchmischt von den unterschiedlichsten Lyrics aus dem Hip-Hop, die die jeweiligen Situationen treffend und bereichernd untermalt.
    John Steinbeck, ein Autor mit dem Gespür für die sozialen Schichten und deren realistischer Darstellung, der Nobelpreisträger 1962 erscheint hier noch in Beziehung zu Philip Meinhold – Kritik an der gegenwärtigen Jugend wird hier nicht gebracht, dies ist auch grundlegend gar nicht das Thema des Romas. Die soziale Schicht und seine Auswirkungen auf das Leben von Nino wird aber durchaus beleuchtet. Nino treibt, von daheim weggerannt, in die Arme einer Öko-WG, die ihn als lebendes Experiment bei sich wohnen lässt und sich gar durch eine esoterische anmutende Familienaufstellung die Lösung des besagten Problems erhofft, der er selbstverschuldet wieder entflieht und nun in Berlin auf einem Friedhof sein Leben fristet. Dies allerdings ist eine Metapher auf sein Leben, die allzu stimmig und wunderbar tragend für das Buch ist. Leider mutet die Geschichte immer wieder so herrenlos an wie man dies beispielsweise im Roman Die Wandelgermanen von Oliver Uschmann bereits erleben und erleiden konnte.
    So wie das Nick Hornby auch in einigen seiner Romanen anklingen lässt, findet Philip Meinhold in der Geschichte um Nino eine Coming-of-Age-Story, die Geschichte um Einen, der von der Kindheit ungewollt in einen ohne Hilfe vollzogenen Prozess zum Erwachsenen gerät, welcher mit dem langwierigen Weg auf der Suche nach dem Selbst die Gedanken des Ich-Erzählers ausbreitet, der noch kindlich und dann leider reichlich unpassend hochphilosophische Gedanken postuliert und wahrlich meisterhafte Dinge vollführt, zum Beispiel eine Sonnenuhr mangels eigenem Zeitableser baut: „Ich rammte so nen langen gedrechselten Eisenstab, den ich auf dem Müll gefunden hatte, schräg in die Erde und drum herum platzierte ich zwölf Pflastersteine, so dass der wandernde Schatten des Stabs jede Stunde einen anderen Stein berührte […]. Es war zwar nicht gerade ne Stoppuhr, mit der man bei einem Hundert-Meter-Lauf die neue Weltrekordzeit nehmen konnte, aber auf ’ne halbe Stunde genau ging sie allemal, und genauer musst ich’s zum Glück auch nicht wissen.“
    Wie passt dann der auf der Literaturlandkarte verwandte Stephen King ins Bild? Erschreckend an dieser Geschichte scheint zum Teil einfach das Wirrwarr an Umtriebigkeit, die nirgendwo hin führt und letztlich auch nirgendwo hinführen möchte, außer eben die Darstellung eines scheinbar unlösbaren Konflikts in der grabähnlichen Stille zwischen Vater und Sohn beleuchtet.
    Was nun hat dieser Titel mit dem Buch zu tun? Man darf sich das Buch als die Darstellung eines Menschen vorstellen, der nach seiner Stunde Null, die ihm praktisch verordnet worden ist, nach der Wahrheit seines Daseins sucht. Das glaubt man dem Protagonisten nach den rund 280 Seiten auch, dem man sein Tun und Denken, von einigen Stilbrüchen abgesehen, wahrlich abkauft und ihm für seine jugendliche Ehrlichkeit und Geistesstärke dankt.

    Fazit: Eine Coming-of-Age-Story, die mit dem Protagonisten mitfühlen lässt und so auch glaubwürdig erscheint. Dennoch ist die zweite Veröffentlichung des Autors lückenhaft in der Darstellung des Helden, dem man drei Jahre seines jugendlichen, pubertierenden Lebens folgt und der leider allzu oft durch zu unglaubwürdige Selbstreflektionen in seinem Charakter gebrochen wird. Diese Geschichte hätte plausibler auf weniger Seiten geschildert werden können. Dennoch ist es in seiner Darstellung um die Story eines allein gelassenen Jugendlichen lesenswert. Und die wunderbare Hardcoverausgabe ist dabei ein wahrliches Fühlerlebnis!

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