Zuerst eine Kritik an der Aufmachung des Buchs: Der Autor hat den Text üppig mit Fußnoten versehen; leider hat der Verlag diese aber in winziger Schrift und fortlaufend in den Anhang gepackt. Da es auch keine Kopfzeilen gibt, muß man also zuerst zum Kapitelanfang zurückblättern, um rauszufinden, wo man nachschlagen muß. Dann zum Ende des Buchs, dann die Fußnotennummer im in winziger Schrift gedruckten Fließtext (!) finden (zum Glück bin ich kurzsichtig) und dann wieder zum eigentlichen Text zurück. Das ist umständlich und stört den Lesefluß ganz erheblich.
Was den Inhalt angeht, so sind die ersten 120 Seiten, auf denen der theoretische Unterbau für die folgende Analyse dargelegt wird, schlicht und ergreifend überflüssig:
Der Mensch ist ein soziales Wesen -- das ist ja ganz neu.
Moralische Regeln dienen dem Zusammenleben in der Gruppe - auf die Idee wäre ich nie gekommen.
Mit pseudoreligiösem Eifer vertretene Grundsätze zur Lebensführung (Veganismus) und sprachliche Absonderlichkeiten (Gendern), die von der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft nicht vertreten werden, werden vor allem eingesetzt, um, die eigene Gruppe nach außen abzugrenzen und sich innerhalb der Gruppe wichtig zu machen - Donnerwetter, das sind ja umwerfende neue Erkenntnisse.
Etliche Aussagen sind aus naturwissenschaftlicher Sicht auch schlicht falsch bzw. werden vom Autor zum Untermauern seiner Thesen so verkürzt, daß ein total verzerrtes Bild entsteht. So wird z.B. die Tatsache, daß die überwältigende Mehrheit der Menschen gerne über andere, auch Prominente, tratscht, damit erklärt, daß man damit dem Gesprächspartner seine moralische Gesinnung zeigen will. Tatsächliches Interesse an dem Menschen, über den geredet wird, Neugier, Mitleid oder Schadenfreude als Motive werden nicht einmal erwähnt.
Nachweislich falsch wird es fast immer, wenn historische Beispiele zitiert werden. Daß die französische Revolution in Frankreich und nicht in Deutschland stattfand, lag sicher nicht daran, daß das französische Bürgertum so viel aufgeklärter als das deutsche (oder skandinavische) war, sondern vor allem an den Lebensumständen. Da kommt dann die vom Autor so geschmähte "Instinktmoral" ins Spiel. Stichwort Grundherrschaft versus Gutsherrschaft: Der französische Adelige hockte in Versailles und kam höchstens zur Buchprüfung auf seine Landgüter. Der "preußische Junker" lebte dort, kannte seine Leute also fast immer persönlich, sah sie als Teil seiner Gruppe an und bemührte sich darum schon "instinktiv", ihnen ein einigermaßen gutes Leben zu ermöglichen. Wer das nicht tat, also z.B. sein Herrenhaus prächtig ausbaute und die Landarbeiterhäuser verfallen ließ, wurde wegen seiner Unmoral von den Standesgenossen geschnitten. (Das alles hat sehr wenig mit der hochgepriesenen "Vernunftmoral", aber sehr viel mit "Bauchgefühl" zu tun. Auch heute raffen sich die Leute meist erst dann auf, ihren moralischen Worten Taten folgen zu lassen, wenn sie das konkrete Beispiel vor Augen haben.)
Wenn dann noch seitenlang und immer wieder darauf hingewiesen wird, daß es einfacher ist, im Internet einen empörten Post gegen die Armut abzusetzen als in der Obdachlosenhilfe aktiv zu sein (das Beispiel wird mindestens viermal genannt), kommt mir das wie reine Zeilenschinderei vor.
Der zweite Teil ist auch nicht viel besser. Im Prinzip besteht er nur aus einer Aufzählung einschlägig bekannter Phänomene von immer extremer auftrumpfendem Aktivismus (der Wettbewerb um die opferigste Opfergruppe) und der Klage, daß sich die breite Mehrheit der Gesellschaft entnervt aus diesen Diskussionen zurückgezogen hat.
Leider bleibt es bei reiner Beschreibung dieser Phänomene, ohne die (erwünschten?) Konsequenzen, die dieses Verhalten hat, anzusprechen. So führt das künstliche Unterteilen und Bewerten von "benachteiligten Gruppen" letzlich dazu, daß gemeinsames Handeln erschwert und das Anpacken echter Probleme - Stichwort soziale Ungleichgewichte- verhindert wird (Paradebeispiel USA: Dort werden seit dem 19. Jahrhundert Weiße und Schwarze, Einheimische und Einwanderer, Küste undBinnenland gegeneinander ausgespielt, mit der Folge, daß bei Wohlstand, Gesundheit und Lebenserwartung Unterschiede wie in einem Dritte-Welt-Land gibt.)
Aber bei der sozialen Frage scheint der Autor ohnehin einen blinden Fleck zu haben.
Wirklich interessante oder auch nur neue Ideen gibt es hier eigentlich nicht. Und die reine Analyse hätte auch auf zwanzig Seiten Platz gehabt, statt auf 336.











