Philipp Hedemann

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Rezension zu "Der Mann, der den Tod auslacht (DuMont Reiseabenteuer)" von Philipp Hedemann

Ein Land, zum Lachen und zum Weinen
monerlvor einem Jahr

Meine Meinung
Dies ist wahrlich ein Buch, das einem das Land Äthiopien näher bringt. Wer es noch nicht bereist hat, kennt es wahrscheinlich nur aus den Berichten der 80er Jahre, in denen über die Hungerkatastrophe berichtet wird, über hungernde und verhungerte Menschen und Kinder mit Blähbauch.

Doch Äthiopien ist weit mehr. Es ist ein Land, das man nicht so einfach greifen kann. Der Journalist und Autor hat vier Monate in der Hauptstadt Addis Abeba gelebt und von dort aus Ausflüge in die verschiedensten Ecken des Landes gemacht. Dabei wurde er von seinem deutschen Freund Falk und seinem eritreischen Freund Solomon eine Zeit lang begleitet. Letzterer floh aus dem Nachbarland Eritrea vor dem folternden Diktator. Im zweiten Teil seiner Reise wurde er von der äthiopischen Ärztin und Freundin Senait begleitet.

In dem Land, in dem es nichts zum Lachen gibt, nimmt der Autor an einem Lachseminar teil. Doch das Lachen fällt ihm schwerer als den anderen Teilnehmern. Auch lernt Philipp Hedemann Tesfaye kennen. Er hat Jura studiert und nun nun als Wachmann arbeiten, weil es für solche wie ihn keine Arbeitsplätze gibt. Ein Gottesmann, der um eine Mitfahrgelegenheit bat, erzählte dem Autor und seinen Freunden von der Quelle des Blauen Nils. Das Wasser hat heilende Kräfte. “Blindheit, Magenprobleme, Teufelsbesessenheit, Unfruchtbarkeit, aber auch moderne Krankheiten wie Aids: das Wasser kann alles heilen.” (S. 59) wird ihnen versichert. Dieser Glaube sitzt tief und erklärt auch, warum Menschen eher zu ihren Priestern als ins Krankenhaus gehen. Äthiopier sind sehr stolz uns sehr religiös. Überall im Land findet man Kirchen und Moscheen. Die meisten Gläubigen gehören der äthiopisch-orthodoxen Kirche an, haben aber dennoch kein Problem, ihren Glauben mit dem Aberglauben zu verbinden bzw. zu ergänzen.

Äthiopiens Wirtschaft entwickelt sich seit Jahren sehr positiv. Viele Neubauprojekte sind die Ursache dafür. Straßen über Straßen werden gebaut. Diese Verbesserung und Erschließung der Infrastruktur schafft eine bessere und schnellere Verbindung von Ortschaften und Städten. Ein weiteres Großprojekt ist der Bau des gigantischen Wasserkraftwerks am Blauen Nil. Dadurch sollen die täglich häufigen Stromausfälle behoben werden. Geplant ist für die weitere Zukunft dann sogar der Export von Energie ins Ausland.

Von alledem kriegen die Menschen im Flüchtlingslager, das sechzig Kilometer von der eritreischen Grenze aus dem Boden gestampft wurde, nichts mit. “Kein Fluss, kein Baum, kein Schatten, kein Grün – nur Staub!” (S. 99). Doch für Viele, dort gestrandet sind, gibt es keinen Weg mehr da raus.

Äthiopien, ein Land voller Gegensätze, zum Weinen wie auch zum Lachen! Erschreckend die Tradition der Genitalverstümmelung von Mädchen, der Glaube an böse Babys und die daraus folgenden Kindstötungen, Kinder, die betteln und auf der Straße leben, weil ihre Eltern sie fortschicken und nicht für sie Sorgen können oder nicht wollen. Dagegen entlockte mir der Hüter der 10 Gebote oder auch die Qat-Königin, die Drogenhändlerin von Äthiopien, die eigentlich strengreligiöse Muslima ist, ein großes Lachen. Das Kapitel über die Rastafaris, die mit Shashmane ihre eigene Stadt in Äthiopien haben und dort ihrer speziellen Religiosität, dem Cannabis-Rauchen und Bob Marley – Kult fröhenen können, ist mit Skurilität kaum zu überbieten.

Wer nun denkt, dass das alles interessant klingt, sollte unbedingt selbst zum Buch greifen und sich von den 30 Kapiteln nach Äthiopien (ent)führen lassen. Leider, leider gibt es im gesamten Buch keine Bilder / Fotos von den Reisen (bis auf ein Autorenfoto am Schluss). Mir persönlich fehlt das, da ich finde, dass zu einem Reisebericht bzw. -abenteuer unbedingt ein paar Bilder dazugehören, am besten noch in Farbe. Das ist mein größter Kritikpunkt am Buch. Zudem hatte ich mir zu Beginn mit dem Lesen etwas schwer getan. Der Anfang war ein wenig schleppend und konnte mich nicht sogleich für die Lektüre begeistern.

Ganz toll finde ich jedoch das Nachwort und die Auflistung und Information über Organisationen, die helfen und für die man spenden kann, wie z.B. TARGET, die u.a. gegen Genitalverstümmelung bei Mädchen kämpft. Denn manchmal braucht es nur einen kleinen Anstoß, um zu helfen.


Fazit
Je mehr man über andere, fremde Kulturen weiß, umso offener begegnet man ihnen. Das alleine spricht bereits dafür, dass man zu diesem Buch greift und es liest. Die Wenigsten werden Äthiopien bereisen, somit sollten sie sich diese Reiseabenteuer nicht entgehen lassen. Ich habe jetzt ein neues Bild über Äthiopien und sehe vieles klarer als vorher. Diese literarische Weltreise, in ein uns eher unbekanntes afrikanisches Land, ist absolut empfehlenswert!

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Rezension zu "Der Mann, der den Tod auslacht (DuMont Reiseabenteuer)" von Philipp Hedemann

Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit
Tami_Zeilenblattvor einem Jahr

Wow! Eine kleine Beschreibung wie es mir ging, als ich das Buch beendet hatte: Ich war ein wenig wie betäubt und auffällig ruhig, nachdenklich. Aber auch voller Vorfreude diese vielfältiges Land kennenzulernen. Der Autor erzählt von seiner Reise durch das ganze Land, die interessant, witzig, angsteinflößend und traurig sein konnte. Während er die verschiedenen Orte des Landes beschreibt, baut er immer wieder historische Aspekte ein und zeigt Traditionen und Geschichten des Glaubens auf. So lernt der Leser auch die Hintergründe kennen und kann sich ein (wahrscheinlich trotzdem grobes) Bild des Erlebten machen. Während ich das Buch gelesen habe, war es für mich wie eine Achterbahn der Gefühle. Nicht selten brachte mich das Buch zum Nachdenken. Besonders war für mich auch, dass der Autor es schafft, sowohl die traditionelle, kulturelle Seite zu beschreiben, welche häufig grausam auf uns wirkt, aber auch zeigt, dass unsere moderne Lebensweise nicht immer die Beste Lösung für solche Völker ist. Mich hat das an einigen Textstellen in einen Gewissenszwiespalt gebracht - auf der einen Seite erfährt man viel über das Leid und die Armut in Äthiopien und möchte helfen und auf der anderen Seite weiß ich, dass  eine unüberlegte Art zu helfen die Traditionen und die Kultur dort zerstören könnte. Und das wäre m.E. Sehr traurig, schade und falsch. Leider sieht die Hilfe oft der Art aus, dass versucht wird einem Volk unseren Lebensstil aufzudrängen. Auch jetzt nach Beenden des Buches kann ich keine Wertung im Sinne von „Die Menschen dort leben gut oder schlecht“ abgeben - so einfach ist es nicht. Das Buch gibt dem Leser keine Wertung vor, sondern gibt Raum, um sich seine eigene Meinung zu bilden. Erstaunlich war für mich der tief verankerte Glauben in Äthiopien. Für uns ist es total unlogisch, heiligem Wasser mehr zu vertrauen als einem ausgebildeten Arzt. Aber ich denke, genau dieser feste Glauben macht das Volk aus. Dem Autor gelingt es auch dies, obwohl er nach eigenen Angaben selbst nicht die äthiopische Art des Glaubens vertritt, verständlich und nachvollziehbar auf eine sachliche Art nahe zu bringen. Häufig werden Reiseberichte schnell zäh und langwierig - nicht hier. Philipp Hedemann hat einen humorvollen Schreibstil, bei dem man sich das Geschehene bildlich vorstellen kann. Hilfreich waren sicherlich auch die kurzen, weitgehend in sich abgeschlossenen Kapitel. Jedes Kapitel erzählt von einer Begegnung, sodass sich ganz darauf konzentriert werden kann und auch die vielen, für uns ungewöhnlichen Namen kein Durcheinander verursachen. Lediglich wenige Namen bleiben konstant und diese sind meist die Begleiter des Autors auf der Reise. Außerdem findet sich in der Print-Version eine Landkarte von Äthiopien, sodass der Leser nachverfolgen kann, wo im Land die Erzählung gerade geschieht. Fazit: Eine ehrliche, authentische und realistische Schilderung eines Landes, das schwer in Worte zu fassen ist. Das Buch ist kurzweilig zu lesen und ich wollte es nicht mehr aus der Hand legen - musste ab und zu aber pausieren, um das Gelesene sacken zu lassen.

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Rezension zu "Der Mann, der den Tod auslacht (DuMont Reiseabenteuer)" von Philipp Hedemann

'Verstanden habe ich Äthiopien immer noch nicht.'
sabatayn76vor 2 Jahren

‚Ich habe eine jahrtausendealte Kultur kennengelernt und spektakuläre Landschaften gesehen. Ich habe Freunde gefunden, ich habe gelacht, ich habe den Kopf geschüttelt, ich habe geflucht, ich habe manchmal die Hoffnung aufgegeben und sie meist schnell wieder gewonnen, ich habe Angst und Freude empfunden. Verstanden habe ich Äthiopien immer noch nicht. Aber ich habe mir Mühe gegeben.‘ (Seite 11)

Philipp Hedemann gibt seinen Redakteursjob in London auf und zieht nach Addis Abeba, wo seine Freundin einen Job in der Entwicklungshilfe angenommen hat. Er selbst reiste als freier Korrespondent durch Äthiopien und erzählt in ‚Der Mann, der den Tod auslacht‘ von Hyänenfütterung und Haile Selassie, Lachseminaren und Schwermut, Mittelalter und Moderne, Haile Mariam und Sozialismus, Armut und Träumen, Schuhputzern und Kinderarbeit, Injera und Qat, Christentum und Scharlatanen, Hochschulstudium und Arbeitslosigkeit, Bundeslade und trampenden Mönchen, Goldrausch und Straßenkindern, Danakil und Genitalverstümmelung, Hungersnot und Teff, Rastafari und Marihuana, Lippentellern und mingi-Kindern.

Ich habe mich bisher kaum mit Äthiopien beschäftigt und habe mich beim und nach dem Lesen oft gefragt, warum eigentlich nicht, denn Äthiopien ist so ein vielseitiges, spannendes Land, dass ich nun große Lust habe, in das ostafrikanische Land aufzubrechen.

Sicherlich liegt meine neue Faszination auch sehr am Schreib- und Erzählstil von Philipp Hedemann, der mich mit seinem Buch mit dem großartigen Titel ‚Der Mann, der den Tod auslacht‘ mit vor Ort genommen hat, so dass ich das Gefühl hatte, ich würde alles mit ihm zusammen erleben.

Hedemann ist ein wahrhaft begnadeter Erzähler, der fesselt, informiert, unterhält und mich aufgrund der Art und Weise, wie er Anekdoten wiedergibt, bisweilen richtig zum Lachen gebracht hat. Zudem ist er ein sehr genauer Beobachter und findet für seine Beobachtungen die passenden Worte und die ungewöhnlichsten Vergleiche, so dass man im Buch immer auf Passagen wie diese stößt:

‚Auf einer Wiese sitzen mehrere Hundert Dscheladas und wirken wahnsinnig beschäftigt. Zunächst sieht es so aus, als würden die Affen auf unsichtbaren Schreibmaschinen hastig Briefe tippen. Doch zwischendurch führen sie ihre schlanken Finger immer wieder zum Gesicht. Uns scheinen die fleißigen Tiere überhaupt nicht zu bemerken. Als wir uns bis auf ein paar Meter herangeschlichen haben, sehen wir, dass die Affen mit flinken Bewegungen das auf dreitausend Metern Höhe nur kurzgewachsene Gras pflücken und es sich ins Maul stopfen.‘ (Seite 87)

Hedemann hat mich sehr neugierig auf Äthiopien gemacht, und auch wenn ich so schnell nicht dorthin reisen werde, habe ich nun große Lust, mehr über das Land zu erfahren. Zum Glück steht bereits ‚König der Könige‘ des wunderbaren Ryszard Kapuściński in meinem Regal, auf das ich mich nun sehr freue.

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