Ein besonderer Junge

von Philippe Grimbert 
4,0 Sterne bei18 Bewertungen
Ein besonderer Junge
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

Ulenfluchts avatar

Zart und erschreckend, eine Konfrontation mit der Unterschiedlichkeit menschlichen Lebens

Alle 18 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Ein besonderer Junge"

Paris, Anfang der siebziger Jahre. Louis, ein Außenseiter und Träumer, entdeckt an der Universität eine Anzeige: Gesucht wird ein Student für die Betreuung eines besonderen Jungen. In der Normandie, in einer Ferienvilla am Meer, trifft Louis zum ersten Mal auf Iannis und dessen Mutter Helena. Iannis ist außergewöhnlich schön, höchst empfindsam, jedoch völlig verschlossen und spricht nicht. Helena schreibt erotische Geschichten, trinkt gerne Whisky und beginnt Louis bald zu umwerben. Louis, unsicher, verwirrt und doch neugierig, ahnt, dass sich sein Leben nun ändern muss.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783423144254
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:184 Seiten
Verlag:dtv Verlagsgesellschaft
Erscheinungsdatum:24.07.2015

Rezensionen und Bewertungen

Neu
4 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne6
  • 4 Sterne6
  • 3 Sterne6
  • 2 Sterne0
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    Ulenfluchts avatar
    Ulenfluchtvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Zart und erschreckend, eine Konfrontation mit der Unterschiedlichkeit menschlichen Lebens
    Der genormte Mensch leidet

    Wir leben in einem Zeitalter des Wissens und verstehen doch immer weniger. Das ist einer der Gedanken, den einen dieser Roman einbringt. Für jede Abweichung von der Norm kennen Psychologie und Medizin einen Namen. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Kind als wild galt oder als schlichtes Gemüt. Heute ist es hyperaktiv oder geistig behindert. Philippe Grimbert führt uns zurück in die Siebziger und zeichnet in wenigen Worten und Szenen das Porträt dreier Personen, die fehl am Platz sind in ihrer Zeit und die alle drei mit ihrer Einsamkeit kämpfen.

    Der Ich-Erzähler Louis fährt zurück an den Urlaubsort seiner Kindheit in der Normandie, wo er einen Stundenjob annimmt, der sein Leben für immer verändert: Er betreut einen entwicklungsverzögerten, verschlossenen Jugendlichen ohne Sprache, ohne Zukunft. Seine Mutter schreibt erotische Literatur und sehnt sich ebenso nach Zuneigung. Eine explosive Mischung, die den Protagonisten erst überfordert und der dann doch einen Draht zu ihnen findet, sich öffnet und dadurch auch seine eigene Kindheit verarbeitet. Denn der Badeort trägt auch noch die Erinnerung an einen tragischen Verlust in sich und die Frage nach der Schuld eines Kindes.

    Große Themen, die nicht ausführlich behandelt, sondern nur angeschnitten werden und so den Kopf des Lesers die meiste Arbeit machen lassen. Mit einer melancholischen Leichtigkeit verquickt der Autor in diesem schmalen Bändchen die Leben dreier Einsamen und knüpft verblüffende und zarte Verbindungen unter ihnen. Der Protagonist erkennt sich ausgerechnet in diesem „besonderen“ Jungen wieder, der so die Essenz seiner selbst verkörpert und gleichzeitig für die Wiedergutmachung der Tragödie seiner Kindheit steht. So ist Ein besonderer Junge ein schöner, zarter Roman, der zum Nachdenken über Einsamkeit, Respekt und das Anderssein anregt.  

    Kommentieren0
    3
    Teilen
    W
    WinfriedStanzickvor 3 Jahren
    Eine wunderbare, mit dichter Sprache erzählte Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Anderssein



    Wenn ein Psychoanalytiker mit dem Schwerpunkt Jugendpsychiatrie beginnt Romane zu schreiben, dann muss man damit rechnen, dass er in seinen Büchern entsprechende Stoffe einbaut. Schon in seinem auch als Film ungeheuer erfolgreichen Buch "Ein Geheimnis", in dem er seiner jüdischen Kindheit nachspürte, hat Grimbert mit Übertragungsphänomenen gespielt.

    In „Ein besonderer Junge“  erzählt er die Geschichte eines jungen Mannes, der nach mehreren Versuchen nicht mit seinen Studien an der Universität klarkommt. Da sieht er eines Tages einen Aushang:
    "Suche motivierten jungen Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen während eines Aufenthalts mit seiner Mutter in Horville (Calvados)"

    Wie elektrisiert notiert sich Louis die Angaben. Zwei Wörter haben es ihm angetan, berühren etwas in ihm, was im Verlauf der Handlung näher ausgeführt wird. In Horville war das Sommerhaus, in dem Louis mit seiner Familie über viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Horville war der Ort einer jahrelangen tiefen Freundschaft zu Antoine, einem Jungen, dem sich Louis seelenverwandt fühlte. Und er stolpert über das Wort "besonderen".

    Indem er diesen Zettel liest, beginnt seine Erinnerung an seine Kindheit hervorzusprudeln, in der ihn sein Vater immer als einen "besonderen Jungen" bezeichnete. Louis trifft sich mit dem Vater des zu betreuenden Jugendlichen und fährt dann nach Horville, wo Iannis mit seiner Mutter eine Zeit verbringt, in der sie ihren neuen Roman fertig stellen will.

    Viele Helfer haben sich in den letzten Wochen und Monaten schon an der Betreuung des sechzehnjährigen Iannis verhoben und oft schon nach wenigen Tagen ihre Arbeit beendet. Louis wird auch bald klar, warum der stumme Junge nicht nur seiner Mutter eine solche Last ist. Doch er hält durch, baut langsam eine emotionale Beziehung zu dem Jungen auf, der in seinem Verhalten die kleinste Emotion, die in seiner Umgebung spürt, widerspiegelt.

    Zunächst widersteht Louis auch den erotischen Avancen der Mutter, bis er sich später von ihr verführen lässt. Diese sexuellen Erfahrungen und die entsprechenden Kindheitserinnerungen an vorpubertäre Sexualität sind nur ein Strang eines Buch, das in kurzen Abschnitten erzählt und in kursiver Schrift den Protagonisten immer wieder in seine Kindheit und seine tiefe Freundschaft zu Antoine führt. Ja, ich wage zu behaupten, dass es diese "durchgearbeiteten" Erinnerungen sind, die Louis ermöglichen, eine immer stabilere Beziehung zu Iannis aufzubauen, von dem sich herausstellt, dass er hinter dem Rücken seiner eher kalten Eltern schreiben und lesen gelernt hat. Und es ist die zugelassene Trauer um den Verlust seiner Kindheit und die Trennung von Antoine, die es ihm ermöglicht, am Ende auch Iannis gehen zu lassen, doch nicht bevor er etwas absolut Verrücktes tut und sich damit wohl für sein ganzes weiteres Leben befreit.

    Eine wunderbare, mit dichter Sprache erzählte Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Anderssein.

    Kommentieren0
    11
    Teilen
    Ein LovelyBooks-Nutzervor 6 Jahren
    Ein besonderer Junge von Philippe Grimbert.

    Louis ist Student in Paris und möchte sich über den Sommer etwas dazu verdienen. Daher entschließt er sich auf eine Zeitungsannonce zu antworten in der ein Betreuer für einen “besonderen Jungen” gesucht wird. So kann er Arbeit und Erholung verbinden, denn die Stelle befindet sich in Horville, dem Urlaubsort seiner Kindheit und Quell vieler Erinnerungen…

    Interessant ist dieses Buch vor allem deshalb, weil es ein realistisches, da von einem Kinder- und Jugendpsychiater geschriebenes, Portrait eines autistischen Jungen und seiner Familie bietet. Es erzählt davon wie schwierig es ist mit einem solchen Jungen den Alltag zu meistern und wie schnell man doch auch sein Herz an eben diesen verlieren kann, da er in seinem Kokon eine Feinfühligkeit besitzt, die allzu vielen Menschen abhanden gekommen ist.

    Dabei schafft Grimbert eine Mischung aus Schicksalsroman und “Coming Off Age” Geschichte, da er die Abenteuer mit dem besonderen Jungen Iannis und die erotischen Annäherungsversuche seiner Mutter Helena gekonnt miteinander verflicht. So ist der Roman in seiner Kompaktheit doch komplexer als ein Buch, welches den Fokus auf die Figur mit der Behinderung legt und dabei seine Familie und Betreuer außer acht lässt.

    Vor einem idyllischen Hintergrund kramt Grimbert auch in den Erinnerungen seiner Hauptfigur, welche nicht immer ähnlich idyllisch sind. Die Sehnsucht mit der er in die Welt schaut und auch die gescheiterte Schriftstellerin Helene betrachtet, halb mit Abscheu und doch auch tiefem Verlangen, bringt dieses Buch zum klingen, selbst dort wo es mal zu wünschen übrig lässt. Schwankt es doch zwischen ernstem Thema und leichtfüßiger Handhabung, klischeehaften  Charakteren, die teils aus der Reifeprüfung entlehnt zu sein scheinen und einer Detail genauen, liebevollen Darstellung eines besonderen Jungen.

    Ein Buch, welches nicht perfekt ist, aber durch seine liebevolle Darstellung eines autistischen Jungen des Lesers Herz gewinnt.

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Binea_Literatwos avatar
    Binea_Literatwovor 6 Jahren
    Rezension zu "Ein besonderer Junge (AT)" von Philippe Grimbert

    Ohne zu wissen, um was es ganz genau in dem Roman geht, musste ich ihn einfach haben. Ja, dass passiert auch. Der Junge am Wasser auf dem Cover und der Titel „Ein besonderer Junge“ haben mich einfach magisch angezogen.

    Und so bin ich ins Paris Anfang der siebziger Jahre zurück gereist, um Louis zu treffen. Louis ist kein junger Mann, wie man ihn sich vielleicht vorstellen würde. Er bezeichnet sich selbst als etwas anders, ist eher verschlossen als aufgeschlossen und geht seinen eigenen, ziemlich ruhigen Weg. Er hatte noch keine Freundin, ist schüchtern und mag keinen großen Trubel um sicher herum, zudem hat er sowieso keine Freunde, mit denen er etwas unternehmen könnte.

    Der große Schweiger wird Louis von seinen Eltern genannt. Ob er sein Jurastudium schaffen wird, weiß er nicht, allerdings weiß er genau, dass er dringend Geld braucht, um es zu finanzieren. Ein Stellenangebot spricht ihn sofort an, viel mehr die darin enthaltenen Wörter „besonderen Jugendlichen“, da er sich selbst so fühlt.

    „Suche motivierten jungen Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen während eines Aufenthalts mit seiner Mutter in Horville (Calvados).“

    Louis greift kurz entschlossen zum Telefon und erreicht den Vater des besonderen Jungen namens Iannis. Die Familie hatte wohl schon einige Betreuer eingestellt, doch alle haben nach kurzer Zeit die Flucht ergriffen. Aus diesem Grund zögern die Eltern nicht und Louis macht sich auf die Reise nach Horville.

    Horville, der kleine Ort am Strand in der Normandie war ein zusätzlicher Grund den Job anzunehmen, da Louis viel Zeit dort verbrachte. Erinnerungen werden in ihm wach, wenn er an die vergangene Zeit, die vergangenen Urlaubsausflüge denkt.

    Die erste Begegnung mit Iannis ist nicht einfach und auch die weiteren gemeinsamen Tage werden zur speziellen Herausforderung. Iannis Mutter Helena zieht sich ziemlich schnell in ihre eigene Welt zurück. Sie ist froh endlich wieder jemanden zu haben, der ihr die „Last“ Iannis abnimmt. Sie möchte schreiben, sich ihren erotischen Romanen hingeben und mit einem gutaussehenden jungen Mann im Haus, gelingt ihr das umso besser.

    Louis hingegen ist schnell auf sich allein gestellt und versucht sich auf Iannis und seine unterschiedlichen Verhaltensmuster einzustellen. Iannis redet nicht, obwohl er bereits 16 Jahre ist. Er kann nicht schreiben, er ist immer noch ein Bettnässer, er ist verschlossen und in sich gekehrt. Niemanden lässt Iannis an sich heran. Trotz seiner Art ist er nicht dumm, er nimmt alles in sich auf und verarbeitet diese Dinge auf seine Weise.

    Louis erkennt in Iannis, dass er genauso besonders ist wie er. Er unterhält sich mit ihm, erzählt ihm von seiner Vergangenheit und unternimmt viel mit ihm, um Helena viel Ruhe zu ermöglichen.

    Seinen Job hatt sich Louis anfangs nicht so anstrengend vorgestellt und auch hätte er es sich nicht träumen lassen, dass Iannis Mutter Helena mit ihm flirtet, ihn verführen will.

    Verlief Louis sein Leben wie ein ruhiger See auf dem kein Lüftchen wehte, kommt nun auf ihn eine hohe Welle zu, die ihn verändert. Aus schwarz-weiß, wird farbig, aus farbig wird schwarz-weiß.

    Der Griff zum Roman von Philippe Grimbert, war der richtige, da ich genau diese Stimmung suchte, jemand anderen Treffen wollte, eine tiefe Geschichte mit vielen Besonderheiten brauchte. Louis wie auch Iannis sind besonders, völlig anders und genau die Tatsache, macht das Buch und die Zeit in der Normandie so außergewöhnlich.

    Iannis hat autistische Züge und Louis hat es nicht leicht, mit ihm klar zukommen. In seiner zweisamen Einsamkeit blickt Louis auf sich selbst zurück, auf seine damalige Zeit mit seinem damaligen besten Freund. Diese Erinnerungen ziehen an seinem inneren Auge vorbei, aber unterbewusst, beginnt er darüber zu reden, Iannis zu erzählen.

    Iannis ist in seiner Welt eingeschlossen, ohne spürbar aus seiner Welt heraus zu kommen. Und doch bekommt Iannis mehr mit, als Louis oder seine Eltern zu ahnen scheinen. Die Zeit rückt näher, Louis seine Zeit endet bald, da ein Heimplatz für Iannis frei wird. Beide Jungen haben ein festes, transparentes Band untereinander geknüpft, ein besonderes Band des Zusammenhaltes und fällen eine besondere Entscheidung.

    Mehr als bildlich schreibt Grimbert und lässt seine zwei Hauptprotagonisten schnell ans Herz wachsen. Sie sind so besonders, dass sie sich im Leserkopf fest verankern. Grimbert lässt tief in die Seelen der beiden blicken und macht unsichtbare Dinge sichtbar für den Leser, die er vielleicht so nie wahrgenommen hätte.

    Ein berührendes, besonderes Buch voller bildlicher, teils poetischer Klarsicht.

    Illustrierter Artikel: http://literatwo.wordpress.com/2012/09/17/ein-besonderer-junge/

    Kommentieren0
    19
    Teilen
    Lesegenusss avatar
    Lesegenussvor 6 Jahren
    Rezension zu "Ein besonderer Junge (AT)" von Philippe Grimbert

    Verlagsinfo:
    Paris, Anfang der siebziger Jahre. Louis, ein Außenseiter und Träumer, entdeckt an der Universität eine Anzeige: Gesucht wird ein Student für die Betreuung eines besonderen Jungen. In der Normandie, in einer Ferienvilla am Meer, trifft Louis zum ersten Mal auf Iannis und dessen Mutter Helena. Iannis ist außergewöhnlich schön, höchst empfindsam, jedoch völlig verschlossen und spricht nicht. Helena schreibt erotische Geschichten, trinkt gerne Whisky und beginnt Louis bald zu umwerben. Louis, unsicher, verwirrt und doch neugierig, ahnt, dass sich sein Leben nun ändern muss.

    Buchanfang:
    Suche motivierten jungen Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen während eines Aufenthalts mit seiner Mutter in Horville (Calvados).
    Statement:
    Die Handlung des Buches „Ein besonderer Junge“ spielt Anfang der 70er Jahre in Frankreich. Louis, Student in Paris, stößt beim Studieren der Stellenanzeigen auf die Anzeige und ist neugierig. Denn auch Louis ist irgendwie ein „besonderer“ junger Mann, schüchtern, zurückhaltend. Er hat so gut wie keine Freunde und während andere Jungen in seinem Alter schon Liebesbeziehungen zu Mädchen haben, ist das bei ihm nicht so. Da ist dann noch der Ort Horville, vergessene Kindheitserinnerungen werden in Louis wach. Nach einem Gespräch mit dem Vater des „besonderen“ Jungen steht es fest, er erhält den Job, die Betreuung des besonderen, behinderten Iannis und wird mit ihm und seiner Mutter den Sommer in Horville verbringen. Iannis steht auf der Warteliste eines Heims, die Mutter braucht Unterstützung für Iannis, damit sich an ihrem Roman weiter schreiben kann.
    Das Eintauchen in die Geschichte mit einem ernsten Thema, die Sprache des Autors nimmt den Leser gefangen. In „Ein besonderer Junge“ geht es nicht nur um den autistischen Iannis, weit mehr, denn der Autor hat die Kindheitserinnerungen von Louis mit einfließen lassen. Dies sehr deutlich in seiner Sprache von dem Erwachsenwerden und dem Anderssein.
    Mit Horville verbindet Louis nicht nur seine jährlichen Sommerferien mit den Eltern, nein, da gab es auch noch Antoine.
    Während seines Aufenthaltes in Horville, dem Leben mit Iannis und der Mutter, die ebenfalls anders ist als andere, den Erinnerungen an frühere Zeiten, tragen all diese dazu bei, dass Louis sich mit sich selbst auseinandersetzt.
    „Ein besonderer Junge“, ein 180 Seiten umfassendes Buch, eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt, u. a. auch was den Umgang mit behinderten Menschen betrifft.
    Ein Buch, welches sich gut lesen lässt, leider aber doch ziemlich schnell endet. Schade.
    „Ein besonderer Junge“ erhält meine uneingeschränkte Leseempfehlung.
    Spoiler S. 49
    Ich war eingeschlafen und in einem Albtraum versunken, der so düster und klar war wie das Meer, auf das ich zuging. Plötzlich tauchte ich auf den tiefsten Grund der aufgewühlten See, wo in einer Wolke aus schimmernden Luftblasen ein Schatten erschien. Dieser Schatten verfolgte mich des Nachts: Seit Jahren träumte ich von ihm. In der einen oder anderen Gestalt schlich er sich immer wieder in meine weit zurückreichenden Albträume ein.

    Kommentieren0
    11
    Teilen
    MaryLouises avatar
    MaryLouisevor 6 Jahren
    Rezension zu "Ein besonderer Junge (AT)" von Philippe Grimbert

    >>>
    Paris, Anfang der siebziger Jahre. Louis, ein Außenseiter und Träumer, entdeckt an der Universität eine Anzeige: Gesucht wird ein Student für die Betreuung eines besonderen Jungen. In der Normandie, in einer Ferienvilla am Meer, trifft Louis zum ersten Mal auf Iannis und dessen Mutter Helena. Iannis ist außergewöhnlich schön, höchst empfindsam, jedoch völlig verschlossen und spricht nicht. Helena schreibt erotische Geschichten, trinkt gerne Whisky und beginnt Louis bald zu umwerben. Louis, unsicher, verwirrt und doch neugierig, ahnt, dass sich sein Leben nun ändern muss.
    <<< (von amazon.de)

    Das Cover ist eher unscheinbar. Sehr blass und reichlich Pastelltöne. Darauf ein Mensch - wahrscheinlich ein Kind - zu sehen und man weiß am Anfang nicht, was für ein Kind das ist.
    Im Laufe der Geschichte kristalisiert sich heraus, dass es zwei Personen sein könnten: Louis oder Iannis.
    Genau klären kann man dies nicht, aber das wird bestimmt reine Auslegungssache sein.

    Auf den ersten Seiten wird einem Louis vorgestellt. Ein "Langzeitstudent" der noch immer keine Ahnung hat, was er im Leben erreichen will. Ich finde ihn sehr sympatisch, weil ich mich mit ihm identifizieren kann. Die Frage, welchen Beruf er ergreifen soll, plagt ihn.
    So wird er schließlich, um irgendetwas neben dem Studium zu machen, auf die Anzeige von Iannis Vater Jérôme aufmerksam.
    Der Vater ist ein viel beschäftigter Mann und man bekommt ihn im Buch kaum zu Gesicht, aber wenn, dann merkt man, dass ihm seine Arbeit zwar wichtig ist, er aber Iannis sehr liebt.

    Louis nimmt den Auftrag an, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was ihn erwarten könnte. Ein typischer Student, wie man sich ihn eben vorstellt.

    Der Ort an dem Louis den "besonderen Jungen" betreuen soll ist einer, in dem er in seiner Kindheit oft Urlaub gemacht hat. Dort sind in dem letzten Sommer, in dem Louis dort war, schreckliche Ereignisse vorgefallen, die Louis bis heute nicht loslassen, er sie aber versucht zu verdrängen.
    Immer wieder, während des Verlaufs der Geschichte, wird Louis oft an Momente aus diesen vergangenen Urlauben erinnert. Wie das aber im Buch dargestellt ist - in kursiv und ohne Zusammenhang zum Rest des Textes - gefiel mir nicht. Das hat den Lesefluss mächtig gestört. Immer wieder kam das vor - Erinnerungen, die überhaupt nichts mit der momentanen Situation zu tun hatten. Das hat verwirrt und ich musste ständig überlegen, worum es geht. Oft wurde dies so verkestelt geschrieben, dass ich es häufiger lesen musste.

    Häufig kamen solche Erinnerungsfetzen, wenn Louis mit Iannis zusammen war. Iannis ist wirklich ein besonderes Kind. Vom ersten Auftreten Iannis' an ist eigentlich klar, dass er ein sehr pflegebedürftiges Kind ist, dass Nähe braucht, sie aber nicht von jedem zulassen kann.
    Nach und nach baut sich zwischen den beiden eine geheime Freundschaft auf. Das finde ich schön, denn es ist nicht für jeden selbstverständlich so geistesstark zu sein und sich auf so eine "Beziehung" einzulassen.

    Iannis' Mutter hat den Jungen ansich allein aufgezogen. Der Vater ständig auf Arbeit und wenn Hilfe, dann nur von Studenten, die nicht lange blieben, weil sie es mit Iannis nicht aushielten. Das machte sie anscheinend einsam und so machte sie Louis eindeutige Angebote. Sie würde es immer und immer wieder versuchen. Irgendwann lies es Louis zu.
    Also diese Stellen, hätte ich nicht gebraucht. Auch ohne die vermeindliche sexuelle Spannung zwischen Helena und Louis, wäre die Geschichte vorangekommen, aber vielleicht brauchte Helena auch etwas zu tun, neben dem Erotikbuch geschreiben.

    Allgemein kann ich trotzdem sagen, dass mich das Buch sehr berührt hat und ich gefangen war von Grimbert's Worten. Er hat eine wundervolle lebhafte und bildhafte Sprache, dass ich mir sogar den französischen Ort Horville vorstellen konnte, ohne jemals da gewesen zu sein.

    Mein Fazit ist, dass ich das Buch sehr gerne weiterempfehlen kann, denn für seine wenigen Seiten, hat es viel Inhalt, der auch nach dem Lesen noch verarbeitet werden kann. 5 von 5 möglichen Punkten.

    Kommentieren0
    15
    Teilen
    R
    robbylesegernvor 6 Jahren
    Rezension zu "Ein besonderer Junge (AT)" von Philippe Grimbert

    nicht nur ein besonderer Junge, sondern auch eine besondere Geschichte

    Philippe Grimbert wurde hier in Deutschland mit seinem Buch "Ein Geheimnis " bekannt, das 2007 sogar von Claude Miller verfilmt wurde.Sein zweites Buch " Ein besonderer Junge" überzeugt wieder durch seinen wunderschönen, teilweise poetischen Schreibstil, aber auch durch seine sehr einfühlsame Geschichte.Dieses Buch hat mich tief berührt und in der Gewissheit zurückgelassen, dass es immer und überall ganz besondere Menschen gibt.

    Angesiedelt ist dieser Roman in den siebziger Jahren in der Normandie. Hierhin hat es Louis, einen jungen Studenten, der seinen Weg für die Zukunft noch nicht sieht, verschlagen. Er hat auf eine Anzeige geantwortet,in der eine Betreuung für einen "besonderen Jungen" gesucht wird. Mit unterschiedlichen Gefühlen macht sich Louis nach Horville auf, einen Badeort in der Normandie, den er aus seiner Kindheit kennt, denn hier hat er viele Urlaube mit seinen Eltern verbracht.
    Die Betreuung des sechzehn-jährigen Jannis, eines autistischen, stark wahrnehmungsgestörten Jungen, bringt Louis zu Anfang, genauso wie Jannis` Eltern, an seine Grenzen.Jannis`Handeln und viele Reaktionen, die teilweise auch aggressiver oder autoaggressiver Natur sind,verunsichern Louis und lassen ihn seine Entscheidung in Frage stellen. Doch nach und nach baut er eine sehr intensive Beziehung zu dem nonverbalen Jannis auf und lernt seine Bedürfnisse und auch seine Stärken kennen. Die Zeit, die er mit Jannis in Horville verbringt,lässt ihn immer wieder zurückblicken zu seinen Kindheitserinnerungen und seinem früheren Freund Antoine, mit dem er viele schöne, aber auch verwirrende Stunden verbrachte, denn Antoine war einer der wenigen Freunde, die Louis hatte, da er selbst als " besonderes Kind "galt.Aber vielleicht sind es genau diese Gemeinsamkeiten, die Introvertiertheit und die Fähigkeit sich in Menschen hineinzufühlen, die Louis und Jannis verbinden und Jannis das Gefühl geben sich öffnen zu können, weil er sich, trotz seiner Behinderung, angenommen und verstanden fühlt.Aber nicht nur seine Kindheitserinnerungen, die Louis lange ängstigten, sondern auch Jannis Mutter, die Louis durch ihre sexuellen Avancen verwirrt und verunsichert, stellen für Louis bald keine Hindernisse mehr dar, denn genauso wie Jannis durch Louis wächst,fühlt sich auch Louis durch das Zusammensein mit Jannis bestärkt in seinem Tun und wächst über sich selbst hinaus.

    " Ein besonderer Junge " ist eine wunderbar geschriebene Geschichte über das Erwachsenwerden und das Anderssein und über zwei ganz besondere junge Männer.

    Kommentieren0
    8
    Teilen
    W
    WinfriedStanzickvor 6 Jahren
    Rezension zu "Ein besonderer Junge (AT)" von Philippe Grimbert

    Wenn ein Psychoanalytiker mit dem Schwerpunkt Jugendpsychiatrie beginnt Romane zu schreiben, dann muss man damit rechnen, dass er in seinen Büchern entsprechende Stoffe einbaut. Schon in seinem auch als Film ungeheuer erfolgreichen Buch „Ein Geheimnis“, in dem er seiner jüdischen Kindheit nachspürte, hat Grimbert mit Übertragungsphänomenen gespielt.

    In seinem neuen Buch erzählt er die Geschichte eines jungen Mannes, der nach mehreren Versuchen nicht mit seinen Studien an der Universität klarkommt. Da sieht er eines Tages einen Aushang:
    „Suche motivierten jungen Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen während eines Aufenthalts mit seiner Mutter in Horville (Calvados)“

    Wie elektrisiert notiert sich Louis die Angaben. Zwei Wörter haben es ihm angetan, berühren etwas in ihm, was im Verlauf der Handlung näher ausgeführt wird. In Horville war das Sommerhaus, in dem Louis mit seiner Familie über viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Horville war der Ort einer jahrelangen tiefen Freundschaft zu Antoine, einem Jungen, dem sich Louis seelenverwandt fühlte. Und er stolpert über das Wort „besonderen“.

    Indem er diesen Zettel liest, beginnen seine Erinnerung an seine Kindheit hervorzusprudeln, in der ihn sein Vater immer als einen „besonderen Jungen“ bezeichnete. Louis trifft sich mit dem Vater des zu betreuenden Jugendlichen und fährt dann nach Horville, wo Iannis mit seiner Mutter eine Zeit verbringt, in der sie ihren neuen Roman fertig stellen will.

    Viele Helfer haben sich in den letzten Wochen und Monaten schon an der Betreuung des sechzehnjährigen Iannis verhoben und oft schon nach wenigen Tagen ihre Arbeit beendet. Louis wird auch bald klar, warum der stumme Junge nicht nur seiner Mutter eine solche Last ist. Doch er hält durch, baut langsam eine emotionale Beziehung zu dem Jungen auf, der in seinem Verhalten die kleinste Emotion, die in seiner Umgebung spürt, widerspiegelt.

    Zunächst widersteht Louis auch den erotischen Avancen der Mutter, bis er sich später von ihr verführen lässt. Diese sexuellen Erfahrungen und die entsprechenden Kindheitserinnerungen an vorpubertäre Sexualität sind nur ein Strang eines Buch, das in kurzen Abschnitten erzählt und in kursiver Schrift den Protagonisten immer wieder in seine Kindheit und seine tiefe Freundschaft zu Antoine führt. Ja, ich wage zu behaupten, dass es diese „durchgearbeiteten“ Erinnerungen sind, die Louis ermöglichen, eine immer stabilere Beziehung zu Iannis aufzubauen, von dem sich herausstellt, dass er hinter dem Rücken seiner eher kalten Eltern schreiben und lesen gelernt hat. Und es ist die zugelassene Trauer um den Verlust seiner Kindheit und die Trennung von Antoine, die es ihm ermöglicht, am Ende auch Iannis gehen zu lassen, doch nicht bevor er etwas absolut Verrücktes tut und sich damit wohl für sein ganzes weiteres Leben befreit.

    Eine wunderbare, mit dichter Sprache erzählte Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Anderssein.

    Kommentieren0
    7
    Teilen
    Noa1702s avatar
    Noa1702vor einem Jahr
    Anna21s avatar
    Anna21vor 2 Jahren

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks