Philippe Lançon

 4.4 Sterne bei 11 Bewertungen
Autor von Der Fetzen.

Alle Bücher von Philippe Lançon

Cover des Buches Der Fetzen (ISBN:9783608504231)

Der Fetzen

 (11)
Erschienen am 16.03.2019

Neue Rezensionen zu Philippe Lançon

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Rezension zu "Der Fetzen" von Philippe Lançon

Er wurde nicht getötet und trotzdem aus dem Leben gerissen.
Buecherwurm1973vor 2 Monaten

Für Philippe Lançon ist sein Leben in zwei Teilen geteilt – es gibt ein Leben davor und eines danach. Er sass am 7. Januar 2015 in der Redaktionssitzung als zwei maskierte Männer in die Redaktion eindrangen und ein Massaker anrichten. Schwer verletzt will er seine Mutter anrufen, im Display sieht er sein Gesicht oder was davon übrig blieb. Von der Stirn bis zur Oberlippe ist alles okay, aber darunter klafft ein riesiger Krater.

Im Schreiben dokumentiert er nicht nur die Wiedererstellung seines Gesichtes, sondern auch der Mensch Philippe Lançon muss sich neu formieren. Schonungslos ehrlich beschreibt er seine Schmerzen, Gefühle und Ängste. Er erspart dem Leser nichts und lässt ihn an seiner Rekonvaleszenz teilhaben. Diese ist lang, 17 Operationen in zwei Jahren muss er über sich ergehen lassen. Aus seinem Wadenbein wird sein Kiefer rekonstruiert. Schwieriger wird es mit der Hauttransplantation aus dem Oberschenkel. Immer wieder reisst sie und ist undicht. „Der Fetzen“ nennt er ihn.

Es ist kein einfaches Buch, man kann es nicht einfach weglesen. Es ist nicht nur schonungslos geschrieben, sondern auch intensiv. Wenn man auch nicht annähernd nachfühlen kann, was er in diesen zwei Jahre Rekonvaleszenz durchlitten hat, taucht man in sie seine Gefühlswelt ab. Man braucht zwischendurch Zeit um das Gelesene zu verarbeiten.

Es ist keine Abrechnung mit den Attentätern. Er jammert nicht und verurteilt niemanden. Philipp Lançon konzentriert sich auf seine Rekonstruktion und die Verarbeitung des Erlebten.

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Rezension zu "Der Fetzen" von Philippe Lançon

Vom Verlust und der Rekonstruktion eines Körperteils und dem langen Weg der Heilung
anna_mvor 3 Monaten

Als im Januar 2015 zwei Attentäter in den Redaktionsraum der Satirezeitschrift „Charlie Habdo“ stürmen, hat Philippe Lançon so etwas wie Glück im Unglück, denn er ist schwerverletzt, aber nicht tot. Während es in den Medien, bei Gedenkfeiern und Solidaritätsbekundungen hauptsächlich um die Opfer geht, kämpft der Autor und Journalist im Krankenhaus mit seinem Trauma und seinen Verletzungen.

Philippe Lançons Schreibstil macht es möglich, ihm auf dem langen und ermüdenden Weg der Genesung zu folgen. Das ist wichtig, denn es fällt manchmal schwer, das Buch erneut aufzuschlagen und weiter zu lesen. Der Patient ist ausgeliefert, muss viele chirurgische Eingriffe über sich ergehen lassen und obwohl Lançon ohne morbide Details über diese Dinge spricht, bekam ich beim Lesen immer wieder mal ein flaues Gefühl im Magen. Es geht in dem Buch viel um den Krankenhausalltag, die Pflege, den Zustand seines zerstörten Kiefers und einen Strom von Besuchern sowie einen Strom von Gedanken. Über die Ärzte, Sanitäter und Pfleger wird durchgehend positiv berichtet. Zwischen dem OP und der Reha gibt es kleine Ausflüge unter Polizeischutz und viele Erinnerungen, an denen der Journalist den Leser teilhaben lässt.

Das Buch ist sehr autobiographisch angelegt und besticht vor allem durch seine Sprache. Diese ist manchmal fast nüchtern, wenn es um medizinische Eingriffe geht, dann wieder poetisch und gewandt, wenn Lançon seinen Gedanken nachhängt. Der Bericht ist schonungslos und zeigt auf, dass die Wunden nicht nur physischer Natur sind. Die Ängste und Hoffnungen des Patienten und sein Vertrauen in die Medizin sind genauso präsent wie seine Verzweiflung und Niedergeschlagenheit, wenn er von seiner Chirurgin auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Die relative Abhängigkeit des Patienten von seiner gesundheitlichen Verfassung und dem medizinischen Personal macht es manchmal schwer, das Buch zu lesen. Es wirkt zuweilen erdrückend und es fehlt an Spannung, obwohl die Seiten eigentlich nur so dahin fliegen. Es hat mir gefallen, wie über die Beziehung zwischen Lançon und seiner Chirurgin geschrieben wurde, sowie über seine Einstellung zu seinem rekonstruierten Körperteil.

Es gelingt dem Autor, sine Gemütsverfassung einzufangen. Kurz nach dem Attentat und der ersten Operation empfängt er seine Eltern im Krankenhaus und schreibt:
"Ich wollte mich von ihren Stimmen besänftigen lassen [...], von der ruhigen Ewigkeit unseres Verhältnisses, und ich wurde ganz und gar zu dem, was ich schon immer gewesen war: zu ihrem Kind. Sie waren einundachtzig Jahre alt und sollten ein paar Monate lang in den Genuss des außergewöhnlichen Privilegs kommen, für das Leben ihres alten Sohnes wieder so unentbehrlich zu werden, als wäre er gerade zur Welt gekommen.“ (S.135-136)
Das Buch zeigt, wie wichtig Freunde und Familie in dieser Situation für den Patienten sind. Glücklicherweise hat Lançon viele Menschen um sich, die für ihn da sind. Doch im Laufe des Krankenhausaufenthalts bemerkt er immer wieder, wie sehr sein Leben und seine Sorgen sich von denen seiner Freunde unterscheiden.
"Projekte? Ich hatte keine. Und ich hatte keine Zukunft. [...] Meine Zukunft endete bei der nächsten Pflege und am Horizont meiner immer heftigeren und ungewohnteren Empfindungen." (S.385)
Es gibt für ihn nur die Gegenwart, begrenzt auf sein Zimmer, seine kleine Welt, und diese zu bewältigen, ist für ihn eine große Herausforderung.


Lançons Erinnerungen und Reflexionen über seine Arbeit sind zumeist interessant. Wenn er vom Genesungsprozess berichtet, geht er häufig auf Bücher oder Musik ein, die ihm helfen, die Zeit zu überstehen. Das fand ich zuerst sehr interessant, auch weil die genannten literarischen Werke mich neugierig machten. Leider wirkten diese Erwähnungen irgendwann redundant und fade. Trotz vieler positiver Aspekte, darunter vor allem der Schreibstil, war ich am Ende froh, das Buch zwar gelesen, aber nun hinter mir zu haben, was vermutlich am Thema lag. 

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Rezension zu "Der Fetzen" von Philippe Lançon

Danke Philippe!
Josettavor 3 Monaten

Der Journalist Philippe Lançon überlebte den Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo mit schwersten Schussverletzungen an Kiefer und Händen.

In dem Buch „Der Fetzen“ verarbeitet er nun seine Geschichte, die am Vorabend des Horrorszenarios beginnt. Bis er zur eigentlichen Tat kommt, baut er fast einen ungewollten Spannungsbogen auf, denn er verliert sich in vielen kleinen belanglosen Details über Nichtigkeiten der Stunden zuvor. Ich kann dies nachvollziehen. Darüber zu schreiben, das „Erinnert“ werden, muss ein Alptraum sein.
Denn als die Täter schließlich das Besprechungszimmer stürmten und innerhalb von wenigen Minuten in ein blutiges Schlachtfeld verwandelten, war ich über jede kleine Anekdote dankbar, die mir „noch“ ein Stück heile Welt des Philippe Lançon bescherte.

„Der Fetzen“ ist keine Anklage an die islamgläubige Welt. Kein Jammern, kein Wehklagen, obwohl Philippe alle Rechte dazu hätte. Es ist keine Geschichte, die Mitleid erhaschen soll und er lässt sich auch nicht als terroristisches Opfer feiern. Phillipe leidet und weint leise.
Nein, „Der Fetzen“ ist vielmehr eine detailgenaue, recht nüchterne, sowie stille Schilderung der Fakten und Folgen dieses kriegerischen Verbrechens. Wir begleiten den Journalisten durch seine monatelangen Krankenhausaufenthalte, verfolgen 17 Operationen innerhalb von zwei Jahren, das langsame Genesen bis zur Rückkehr ins normale Leben.
Da sind die morphingeschwängerten Alpträume, die nachts die Tat zurückholten, die unendlichen Rückschläge, die den Heilungsprozess verlangsamten, das marode französische Gesundheitssystem.
Wir erleben, wie sich Vertrautheit zwischen Patient, Pflegepersonal und Ärzten bildete, wie Beziehungen sich änderten und wie die verständliche Angst Philippe auch Jahre nach der Tat noch im Griff hat.

Ihr Täter, ich klage an, dass dieses Buch überhaupt geschrieben werden musste. Phillipe, ich danke ihnen, dass sie uns in dieser Form an ihrem Schicksal teilhaben lassen.

Ein Buch, dass beeindruckt – denn es zeigt Größe. Wer den Mut hat, sich mit den unschönen, gewaltverbundenen Szenen eines Terroranschlags und den daraus resultierenden medizinischen Folgen einzulassen, sollte das Buch unbedingt lesen. Es wird nicht leicht sein. Mich hat es beeindruckt, bereichert und ich bin froh, es gelesen zu haben.

Ich möchte dem Tatsachenbericht die vollen 5 Bewertungssterne zukommen lassen.   

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Gespräche aus der Community

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»Ich war einer von ihnen, aber ich war nicht tot.«

Philippe Lançon, Reporter und Kritiker, nahm am Morgen des 7. Januar 2015 an der Redaktionssitzung von Charlie Hebdo teil, als die Brüder Kouachi bewaffnet in die Redaktionsräume eindrangen und um sich schossen. Elf Tote und zahlreiche Verletze war die Bilanz, die global Schlagzeilen machte. Der Terroranschlag auf Charlie Hebdo hat das Leben von Philippe Lançon unumkehrbar in zwei Hälften gespalten. In eindringlicher Prosa arbeitete er das Erlebte auf, berichtet von Niederschlägen im Heilungsprozess und Widrigkeiten während seiner Krankenhausaufenthalte und sucht dabei seinen Weg zurück in ein Leben, das keine Normalität mehr kennt.

» … weil ich die Freiheit hochhalte und für sie eintreten möchte, in Form von Nachrichten oder Karikaturen, in guter Gesellschaft und in allen möglichen Formen, die, selbst, wenn sie missraten sind, kein Urteil verdienen

Sein Buch ist nicht nur eine Beschreibung des Erlebten und der darauf folgenden Leidenszeit, sondern eine ständige Reflexion über die Bedingungen der Existenz und die Freiheit der Stimme und der Presse.

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