Philippe Pujol

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Die Erschaffung des Monsters

Die Erschaffung des Monsters

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Erschienen am 21.08.2017

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Rezension zu "Die Erschaffung des Monsters" von Philippe Pujol

Marseille, eine Metropole der Gegensätze
Haversvor einem Jahr

Marseille, Metropole am Golfe du Lion, zweitgrößte Stadt Frankreichs, 2013 Kulturhauptstadt Europas, alles so schön bunt hier und multikulti, was natürlich ganz besonders die Touristen freut.  Aber auch Spitzenreiter in den alljährlichen Kriminalitätsstatistiken. Eine Stadt der Gegensätze: Reichtum und Armut, Heimat des wohlsituierten Bürgertums, aber auch Hafen für Migranten aus aller Herren Länder.

Der mehrfach ausgezeichnete Journalist Philippe Pujol lebt und arbeitet in Marseille und liefert mit „Die Erschaffung des Monsters: Elend und Macht in Marseille“ eine aktuelle Bestandsaufnahme der Zustände in „seiner“ Stadt, die aber gleichwohl stellvertretend für alle größeren Städte in Frankreich steht. Die problematischen Viertel, die Banlieues, hier als „Zones urbaines sensibles“ bezeichnet, sind im Norden zu finden. Hier türmen sich marode Sozialbauten, heruntergekommene Wohnblocks, in denen überwiegend Migranten aus dem Maghreb und den ehemaligen französischen Kolonien hausen. Ja, hausen und nicht leben, denn als solches kann man es angesichts der menschenunwürdigen Zustände, die dort herrschen, nun wirklich nicht bezeichnen. Gewalt ist an der Tagesordnung. Revierkämpfe, Schlägereien aus Langeweile – es ist die Armut und die Perspektivlosigkeit, die viele Jugendliche in die Kriminalität abdriften lässt. Der Drogenhandel verspricht schnelles Geld, aber sollten sie bei ihren Aktionen verhaftet werden, sitzen sie ihre Strafe ab und machen nach ihrer Entlassung dort weiter, wo sie aufgehört haben. Es gibt zwar engagierte Sozialarbeiter, aber deren Programme sind nur Tropfen auf den heißen Stein.

Im zweiten Teil der Reportage erläutert der Autor aus seiner Sicht die Ursachen und zeigt auf, warum sich an diesen grauenhaften Zuständen in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Alles steht und fällt mit dem ausgeprägten Klientelismus der politischen Entscheidungsträger, an deren Spitze seit 1995 Bürgermeister Jean-Claude Gaudin. Diese waten in einem Sumpf aus Korruption und Klientelpolitik (im Wesentlichen für die Baubranche), der einerseits ihren Unterstützern satte Profite garantiert und andererseits ihre eigene Macht und Einfluss festigt. Ein kriminelles Netzwerk, das sich über Jahrzehnte hin etabliert hat und keinerlei Interesse daran hat, an den Lebensbedingungen in den Elendsvierteln etwas zu ändern, gründet sich darin doch ihr Reichtum.

Pujol hat sich vor Ort ein Bild gemacht und sehr viel Zeit in den Vierteln verbracht, in die sich Außenstehende kaum noch hinein trauen. Genaue Beobachtungen und unzählige Gespräche mit den Bewohnern, ganz gleich, ob Familien oder Kleinkriminelle vermitteln dem Leser ein authentische Bild dieser widersprüchlichen Metropole.

Ergänzend dazu empfehle ich die Lektüre zweier Kriminalromane, deren Handlung in Marseille verortet ist: „Die Marseille-Trilogie“ von Jean-Claude Izzo und „Schwarzes Gold“ von Dominique Manotti. Interessant auch, was die beiden Autoren kurz und knapp über diese Stadt der Parallelgesellschaften sagen. Izzo nennt Marseille „eine schillernde Stadt, ein Knäuel von Fantasien und Lügen, Trugbildern und Täuschungen“, Manotti bezeichnet sie als „eine furchterregende Stadt. Alle kennen sich, alle überwachen einander. Nichts bleibt verborgen und nichts kommt ans Licht“. Aber vielleicht sieht Pujol genau darin seinen Auftrag, denn indem er in seiner Reportage die Lebensbedingungen der Abgehängten aufzeigt, schärft er – zumindest bei seinen Lesern – den Blick für all das, was nicht nur in Frankreich schiefläuft.

Nachdrückliche Leseempfehlung!

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