Philippe Sands

 4,7 Sterne bei 21 Bewertungen
Autor*in von Die Verschwundenen von Londres 38, Rückkehr nach Lemberg und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Philippe Sands, geboren 1960, ist Anwalt und Professor für Internationales Recht und Direktor des Centre for International Courts and Tribunals am University College London. Leidenschaftlich setzt er sich für humanitäre Ziele und das Völkerrecht ein. Er formulierte u. a. die Anklage gegen den chilenischen Diktator Pinochet. 2020 erschien von ihm »Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht«, 2017 »Rückkehr nach Lemberg«, das mit dem renommierten Baillie Gifford Prize und dem Wingate Literaturpreis 2016 ausgezeichnet und Buch des Jahres bei den British Book Awards 2017 wurde. 

Quelle: Verlag / vlb

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Cover des Buches Die Verschwundenen von Londres 38 (ISBN: 9783103971255)
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Rezension zu "Die Verschwundenen von Londres 38" von Philippe Sands

Bellis-Perennis
„Macht Fischmehl aus den Gefangenen!“

Nach seinen Büchern „Die Rattenlinien“ und „Rückkehr nach Lemberg“ widmet sich der bekannte Menschenrechtsanwalt und Bestseller-Autor Philippe Sands einer weiteren Person, deren Namen ihm bei seinen Recherchen zu Rattenlinien aufgefallen ist: Walter Rauff, ehemaliger SS-Offizier, der 1949 nach Chile fliehen konnte. Dort trifft er auf Augusto Pinochet, in dessen Dienst er von 1973 an steht. Im Keller des Hauses Londres 38 haben Pinochets Schergen des Geheimdienstes eine Folterkammer nach Vorbild der deutschen Gestapo eingerichtet. Nur wenige Menschen überleben den Aufenthalt in Londres 38. Die Mehrheit der Verhafteten verschwindet spurlos. 

Wer ist nun Walter Rauff (1906-1984)?  

Er unterstützt Hitlers Machtergreifung bereits vor 1933, tritt 1937 der NSDAP bei und 1938 der SS. Ab 1941 ist er für die Entwicklung der Gaswagen, in dem Juden sowie Roma und Sinti getötet werden, verantwortlich. Diese Kenntnisse machen ihn später für Diktator Pinochet und seinen Geheimdienst interessant. 

So soll Rauff, inzwischen Leiter der Fischmehl-Produktionsanlage Pesquera Auraco, nach dem Militärputsch durch Pinochet und der Übernahme des Betriebes durch die DINA, den chilenischen Geheimdienst, zahlreiche Menschen verschwinden haben lassen. „Macht Fischmehl aus den Gefangenen!“  

Parallelen zu den Vernichtungsöfen in deutschen KZs drängen sich hier förmlich auf. Mit der Asche der getöteten Juden hat man u.a. in Auschwitz Felder gedüngt.  

Doch die Verbindung Rauff zu Pinochet ist 1998 als der ehemalige Staatschef von Chile Augusto Pinochet (1915-2006) in London verhaftet wird, noch nicht im Detail bekannt. Erst im Laufe der Recherchen, die zur Anklage und dem Prozess von Pinochet führen, entdeckt Philippe Sands zahlreiche Verknüpfungen der beiden. 

Warum wird Pinochet überhaupt in London verhaftet?  

Hier muss man sich Pinochets Vita ansehen. Zunächst ist er General in der Armee des demokratisch gewählten sozialistisch-marxistischen Präsidenten Salvador Allende (1908-1973). 1973 ist Pinochet am Putsch gegen Präsident Allende maßgeblich beteiligt. Dieser Umsturz wird von der US-Regierung, die einen radikalen Kurs gegen Kommunisten fährt, tatkräftig unterstützt. Pinochet wird von 1793 bis 1990 Chile als Diktator regieren, Menschen, die den Linken nahestehen, verfolgen, verhaften, foltern, rund 2.000 Menschen ermorden sowie Tausende einfach verschwinden lassen. 1988 wird er von den Chilenen abgewählt. Erst 1990 tritt er zurück, nicht ohne vorher ein Gesetz zu verabschieden, das ihm lebenslange Immunität garantiert. Weshalb er Jahrzehnte lang weder angeklagt noch verurteilt worden kann. Praktisch, wenn man selbst Gesetze erlassen kann. Allerdings hat er nicht mit der Hartnäckigkeit von einigen Familien ermordeter oder verschwundenen Personen gerechnet, die ihn und seine Mittäter wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor den Internationalen Gerichtshof bringen. Die Präzedenzfälle dafür sind die Nürnberger Prozesse bzw. das Tribunal von Tokio. Der internationale Haftbefehl, den Spanien erwirkt, weil er auch Spanier ermorden hat lassen, lässt 1998 in London, wo sich Pinochet im Krankenhaus befindet, die Falle zuschnappen. 

Dort beginnen die Mühlen des Gesetzes anzulaufen. Der Autor wird angefragt, Pinochet zur Seite zu stehen, was er mit Hinweis auf persönliche Interessen ablehnt. Allerdings arbeitet er für die Ankläger. Aus den acht Jahre dauernden Recherchen ist dieses Buch entstanden. Dafür hat er zahlreiche Zeitzeugen sowie Nachfahren der Verschwunden von Londres 38 interviewt. 

Warum sich Philippe Sands für dieser Prozess rund um Augusto Pinochet so interessiert?  

Zum einem, weil zahlreiche Mitglieder seiner jüdischen Vorfahren von den Nazis getötet worden sind, darunter Herta Gruber, eine zwölfjährige Cousine seiner Mutter in einem von Rauffs Gaswagen. Zum anderen ist die Familie seiner Ehefrau durch die Ermordung von Carmelo Soria betroffen.  

Was weiter mit Augusto Pinochet passiert ist? Er wird aus gesundheitlichen Gründen für nicht verhandlungsfähig erklärt und kehrt nach Chile zurück, wo er 2006 stirbt. Anders als einige Mitangeklagte wird Pinochet nie für seine Verbrechen verurteilt werden. 

Philippe Sands deckt bei seinen Recherchen auch die Rolle der CIA und jene von Henry Kissinger auf, die maßgeblich am Putsch der (rechten) Militärdiktatur in Chile wie in anderen lateinamerikanische Ländern beteiligt waren. Hier kommen die USA mit ihrem fast schon paranoiden Kampf gegen den Kommunismus nicht wirklich gut weg.  

Dass es nach Jahrzehnten doch noch einen Haftbefehl gegen Pinochet gibt, ist dem mutigen spanischen Richter Garcon zu verdanken, der Anklage wegen Genozids und der Ermordung vieler Spanier in chilenischen Gefängnissen erhoben hat. Dass es letztlich nicht zu einer Verurteilung gereicht hat, ist bedauerlich. Hier kommt der Usus, betagte Angeklagte für verhandlungsunfähig zu erklären, zum Einsatz. Besonders wenn es um Genozid handelt, wird diese Finte gerne angewendet. In Österreich hat man spät aber doch, dem NS-Arzt Heinrich Gross, der für medizinische Versuche an  Kindern und deren Ermordung verantwortlich war, den Prozess gemacht, ihm aber gleichzeitig wegen Demenz die Verhandlungsfähigkeit abgesprochen.  

Philippe Sand gibt uns einen interessanten Einblick in das Britische Rechtssystem, das sich von anderen starkt unterscheidet. Dieser Exkurs ist detailliert beschrieben. 

Was ist nun die Conclusio dieses fesselnden Buches, das sich wie ein Mix aus Krimi, Detektivgeschichte und Sachbuch liest?  

Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden vor dem International Strafgerichtshof angeklagt. Die Verfahren dauern endlos lang. Zahlreiche Angeklagte erleben den Ausgang nicht mehr. Aktuell stehen mit Putin und Netanjahu zwei prominente Staatschefs auf der Auslieferungsliste. Ob sie jemals angeklagt werden können, obwohl die Beweise erdrückend sind, ist ungewiss. 

Fazit:

Mit diesem Buch liefert Philippe Sands ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Gerne gebe ich hier eine Leseempfehlung und 5 Sterne.

 

Cover des Buches Die Verschwundenen von Londres 38 (ISBN: 9783103971255)
Judithas avatar

Rezension zu "Die Verschwundenen von Londres 38" von Philippe Sands

Juditha
Hochinteressant, aber zu detailreich

„Zur Zeit des Putsches war ich ein Teenager und wusste wenig über Pinochet. In den folgenden Jahren besuchte ich Chile nicht, und die Chilenen, die ich kennenlernte, waren hauptsächlich Jurastudenten, die meine Vorlesungen hörten, oder Akademiker, die im europäischen Exil lebten.“ Das schreibt Philippe Sands im ersten Kapitel „London, Oktober 1998“. Ich hatte zur Zeit des Putsches in Chile gerade mein zweites Lehrjahr begonnen und ein guter Freund, ein chilenischer Student, der kurz davor zurück in die Heimat musste, verschwand für immer ohne jede Spur. Chile und die dortigen politischen Ereignisse interessierten mich seither. Dass Südamerika, einschließlich Chile, ein Zufluchtsort für deutsche Nazis und Kriegsverbrecher wurde, interessierte mich ebenso. Meine Familie hat während der Nazizeit unter Verfolgung gelitten und rund 120 jüdische Verwandte, auch mein Großvater, wurden er ermordet. Der Untertitel des Buches „Über Pinochet in England und einen Nazi in Patagonien“ traf sofort meinen Nerv. Ich bin tatsächlich ein Verehrer von Philippe Sands, „Rückkehr nach Lemberg“ und „Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht“ habe ich mit Begeisterung gelesen. Ich liebe auch die Sprache (bzw. die Übersetzung) von Philippe Sands, der weder gendert noch „geschlechtergerechte“ Ausdrücke und unnötige Doppelnennungen verwendet. So war „Die Verschwundenen von Londres 38“ direkt in meinen Fokus gerückt. Ein Buch, dass ich unbedingt lesen wollte.

Sands nähert sich der Thematik von mehreren Seiten. Und er schreibt „Durch meine Arbeit an internationalen Streitfällen habe ich gelernt, dass man durch den Besuch eines Ortes ein besseres Gespür für dessen Geographie und seine Durchdringung mit Geschichte entwickeln kann, als Worte allein es einem vermitteln können.“ Ich weiß nicht, ob es noch andere Schriftsteller gibt, die derart tief eindringen in die Materie von Menschenrechten, Völkermorden, Strafverfolgung der Täter, Aufarbeitung dieser speziellen Geschichtsthemen. Mit seinen Besuchen vor Ort und mit seinen Interviews bekommen seine Bücher neben den unumstößlichen Fakten eine sehr persönliche und empathische Seite.

Um wen oder was genau geht es in diesem über 500 Seiten starken Buch? Um den deutschen Naziverbrecher Walter Rauff und den chilenischen Diktator Augusto Pinochet, deren Wege sich in Chile kreuzten. Um Schuld und Sühne, um lebenslanges Suchen nach Tätern, die sich der Justiz entziehen, sich häuten wie die Schlangen und im Unterholz verschwinden. Detail- und kenntnisreich berichtete Sands über seine Recherchen und verknüpfte alles zu gut lesbarem Text. Mit diesem Buch über Londres 38 hat er aus meiner Sicht aber zu viel des Guten gewollt und geschrieben. Aus Detailreichtum wurde ausufernde Detailverliebtheit. Name reiht sich an Namen, Orte an Orte, Fußnoten an Fußnoten. Mir fiel es teilweise schwer, dieser Fülle an Informationen aufmerksam zu folgen.

Pinochet entgeht schlussendlich der Justiz, Rauff bleibt für den Rest seines Lebens ein (fast unbescholtener) Einwohner Chiles. Ihre Verbindungen in den 1970er Jahren und ihre kalte Machtausübung und Mordlust werden im Buch ebenso wie die Verbindungen zu DINA (Chiles „Gestapo“ während Pinochets Diktatur) und auch zum BND ausführlich dargestellt.

Fazit: Ein wichtiges und hochinteressantes Buch, dass mich vom Stil eher an eine wissenschaftliche Dissertation erinnerte. Und wie so oft die Erkenntnis: Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen. Das gute Beispiel der Nürnberger Gesetze hilft nur bedingt.


Cover des Buches Rückkehr nach Lemberg (ISBN: 9783596298884)
S

Rezension zu "Rückkehr nach Lemberg" von Philippe Sands

sKnaerzle
Leider kein Thema überlegt

Philippe Sands hätte ein erfolgreicher Journalist werden können. Als ihn der Zufall zwei Völkerrechtler aus Lemberg über den Weg führt, begibt er sich mit ungeheurer Energie auf die Suche nach ihren Lebensspuren und recherchiert unglaublich viele Einzelheiten über ihr Leben. Der Zufall dieser Recherchen führen außerdem zu der Begegnung mit dem Sohn von Hans Frank und von da aus beginnt Sands seine Geschichte.

Dabei findet er viele Biographien von Opfern des Holocaust, ihren Mördern und einigen wenigen, die versucht haben, sie zu retten. Dabei schildert er manche berührende Einzelheit.

Negativ schlägt zu Buche, das der Autor nicht genug überlegt hat. Seine beiden Völkerrechtler waren uneinig über die Frage, ob man die NS-Verbrecher in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder wegen Völkermord anklagen soll. Dabei erklärt er aber immermal wieder nur obenhin was dieser Unterschied bedeutet, statt es einmal richtig und deutlich zu machen.

Außerdem schildert er etwas zu viel seine persönlichen Erlebnisse und seine Recherchen. Seitenlang geht es darum, dass er ein Autogramm auf einer Fotografie nicht lesen kann, bis er auf einer Abendveranstaltung - die ausführlich geschildert wird - eine Frau trifft, die ihm erklärt, das sei alte deutsche Schreibschrift und die ihm natürlich weiterhelfen kann. Solche Anekdoten gibt es viele und sie machen das Buch ziemlich unübersichtlich, ohne zum Thema etwas beizutragen.

Erhellend an dieser Sammlung von lose verbundenen Biographien ist dann doch, wie die Enkel der Opfer der Shoa in alle Welt verstreut sind und heute durch Familienbande über alle Kontinente verknüpft sind.

Und last not least - der Stil ist eingänig und lesbar.

Trotzdem, dass es so ein Weltbestseller wurde, ist mir unerklärlich.



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