hillip B. Williams hat mit seinem Erstlingswerk „Ours“ ein schwer zu beschreibendes, eindrucksstarkes Werk geschaffen über die Essence, die schwarzes Leben in Amerika ausmacht: Schmerz, Rassismus, Heimatlosigkeit, Gewalt, aber auch Magie, Glaube, Wurzeln, Leben und Tod. Eine ganze Bevölkerungsgruppe wurde einst von Kolonialisten und Menschenhändlern aus ihrer Heimat entführt, in ein anderes Land gebracht, dort unterdrückt, misshandelt und ausgebeutet und ihrer Wurzeln beraubt. Dass man den Menschen nicht ihren Glauben und ihre Vergangenheit nehmen kann, dass dies immer ein Teil ihres Lebens sein wird und auch in der afrikanischen Diaspora gelebt wird.
Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Saint, eine alterslose Frau mit magischen Fähigkeiten, die Mitte des 19. Jahrhunderts Versklavte befreit und sie zu einem sicheren Ort führt. Dort gründet sie eine Stadt, die sie von der Außenwelt, insbesondere den weißen Sklavenhaltern, mittels Magie versteckt. Nicht nur eine Zuflucht gibt sie den Bewohnern von Ours, sondern auch eine Zukunft, indem sie ihre Psyche von den Traumata, die sie erdulden mussten, befreit. Hier gelingt es den ehemals Versklavten, wieder Mut zu fassen und ein eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch Saint ist keine selbstlose Heilige, ihre düstere, im Dunkeln liegende Vergangenheit bedroht die Sicherheit Ours und die Bewohner der Stadt. Nachdem mit Joy und Frances weitere starke und außergewöhnliche Frauen Ours betreten droht den Ouhmey nicht nur Gefahr von den weißen Nachbarn, den Bewohnern der nächstgelegenen Stadt, sondern auch aus dem Reich der Geister und der Toten. Saints Vergangenheit bricht sich Bahn, ihre magischen Fähigkeiten werden schwächer und der Zusammenhalt der Ouhmey bröckelt. Ist die Freiheit der Befreiten nur eine Illusion, droht den Ouhmey eine Gefahr von innen und was hat Saints Vergangenheit damit zu tun? Dies Fragen werden auf den gut 700 Seiten des Buches umkreist.
Dabei bietet „Ours“ bietet ein Füllhorn an Kultur und Folklore, Religion und Riten. Hoodoo oder Santeria, afrikanische und südamerikanische Kultur, Magie und Mythen vermischen sich zu einem bunten Strauß, der für die Interpretation der Lesenden offen steht. Freiheit ist ein zentrales Thema, denn was bedeutet es für die einst in Versklavung Lebenden, ein freies und unbelastetes Leben zu führen? Und was fängt man mit der Freiheit an, wenn man nie gelernt hat, was der Begriff bedeutet? Neben dem Freiheitsthema geht es über den Jahrhunderte überdauernden Rassismus. Eine große Klammer fasst die Geschichte ein, indem zu Beginn des Buches ein junger Schwarzer in unserer Gegenwart unschuldig von einem Polizisten erschossen wird. Nach vielen hundert Seiten wird diese Tat wieder aufgegriffen. Es zeigt, dass der Rassismus immer gegenwärtig ist im Leben schwarzer Menschen, früher wie heute. Das Zeitthema wird immer wieder aufgegriffen. Die alterslose Saint scheint in vielen Zeitaltern gelebt zu haben und verknüpft in ihrere Person die Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs mit der Neuzeit. Von der einfachen Frau und Mutter von Zwillingen, zur rachsüchtigen Befreierin der Versklavten über die Schlüsselfigur von Ours hin zum Mythos über eine besondere Frau durchdringt Saint und ihr Geist Jahrhunderte.
In einer überbordenden, poetischen und reich bebildernden Sprache, treffend übersetzt von Milena Adam mäandert die Story vor sich hin, beleuchtet unterschiedliche Charaktere, erzählt deren Geschichten ausführlich und geht schlaglichtaritg auf besonders grausame Erfahrungen einzelner Schwarzen ein. Diverse zwischenmenschliche und sehr woke Themen wie Nicht-Binarität, Homo- und Pansexualität werden ebenso angesprochen wie Mythen, Riten und Aberglauben. Leider fehlte mir in dieser Fülle über weite Strecken der rote Faden. Jede einzelne Geschichte, jeder Nebenschauplatz ist faszinierend erzählt und voller Andeutungen, Magie und unterschwelliger Gefahr. Alle sind sie lesenswert, führen aber über weite Strecken nicht zu einem logischen vollständigen Bild. Erst auf den letzten 100 Seiten wird das Bild klarer. Bis dahin muss der Leser durchhalten, sonst geht ihm der tiefere Sinn völlig abhanden. Tatsächlich empfehle ich den geneigten Lesenden vorher einige Rezensionen zu lesen, bevor das Buch in Angriff genommen wird. Sonst könnten viele zu früh abbrechen.
Das Buch ist eine Herausforderung auf verschiedenen Ebenen. Eine genreübergreifende Verknüpfung von magischen Realismus mit einer – sicher sehr persönlichen – Aufarbeitung der Sklaverei und der afrikanischen Wurzeln in Religion, Mystizismus und Magie. Durch das weitschweifige Erzählen diverser Geschichten und Nebenhandlungen wird das Buch knapp 700 Seiten stark und lässt doch auf weiten Strecken Logik und Stringenz vermissen. Doch wer sich an der Sprache und dem Stil erfreuen kann und sich gerne tiefe Gedanken zur Interpretation macht, wird mit einem ungewöhnlichen und sehr besonderem Buch belohnt. Insgesamt hat mir das Buch gefallen, auch wenn ich für meine Verhältnisse sehr lange gebraucht habe. Die Sternebewertung fällt mir sehr schwer. Doch weil es so außergewöhnlich ist, mich sprachlich begeistert hat, mich aber auch gefordert hat, meinen Horizont erweitert hat und mich in eine ganz andere Welt hat eintauchen lassen, gebe ich sehr subjektiv 4 Sterne.
Phillip B. Williams
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Phillip B. Williams
Ours. Die Stadt
Ours. Die Stadt: Roman
Neue Rezensionen zu Phillip B. Williams
Ich habe mir nun etliche Rezensionen zu diesem Buch durchgelesen, doch alle sagen für mich nicht aus, was ich beim Lesen dieses Romans gefühlt & durchgemacht habe. Ich selbst kann das kaum wiedergeben, nein, es ist mir schier unmöglich. Schon allein den Inhalt zusammenzufassen ist kaum machbar. Der Text, der sich über 700 Seiten streckt, ist aufs höchste fordernd, die Sprache ist so dicht und bildgewaltig, dass das Lesen nur im Schneckentempo voran schreitet, begleitet durch Wiederwillen und Faszination gleichermaßen.
Inhaltlich ist eines gewiss: Saint, eine Frau mit einem stummen Begleiter, befreit zahlreiche Sklav:innen von ihren Plantagen, Mitte des 19. Jahrhunderts, nimmt Leben und gibt den Befreiten ein solches an einem Ort namens Ours. Durch Magie, Zauberei oder Voodoo, wie immer man Übernatürliches nennen will, gelingt es ihr, den Ort unsichtbar zu machen. Saint ist zwar eine zentrale Figur, aber nicht der Hauptcharakter, zahlreiche andere Personen scheinen für die Geschichte essentiell. Das Erzählte ist so dicht, dass es schwer fällt dem allen zu folgen. Zudem werden immer wieder neue Themen und Figuren eingeführt, die für den weiteren Roman nicht unbedingt eine Rolle spielen; oder aber doch.
Übernatürliches ist eine wiederkehrende und zentrale Thematik, Figuren haben Fähigkeiten, beispielsweise können sie mit den Augen eines Tieres sehen oder eine auf sie gerichtete Kugel an den Entsender zurückschicken. Diese rituellen Passagen werden äußerst detailreich beschrieben, was für mich das Lesen dieser sehr mühsam gemacht hat, da ich persönlich nichts damit anfangen kann. Immer wieder kehrt auch die Liebe als Thema zurück, allerdings in keiner Hinsicht romantisch, sondern eher als schmerzende Auswucherung. Grundsätzlich werden hier alle Emotionen als negativ und schmerzhaft beschrieben, sodass ich mich des Öfteren gefragt habe, ob Ours in Wirklichkeit die Hölle sein mag - und nicht der befreite Ort, an denen Negroes - so werden die befreiten Sklav:innen in dem Buch genannt - nun ihr befreites Leben leben. Vielleicht ist dies aber auch die Essenz des Buches - die Erkenntnis, dass die Freiheit nach all dem Schmerz, der Unterdrückung, der Entwürdigung, dem unerträglichen Rassismus auch zu einer Last werden kann, ist es doch unmöglich, sich seiner Erinnerung zu entledigen, auch wenn das Vergessen für die Protagonist:innen in "Ours" wichtig zu sein scheint.
Beziehungen zwischen den verschiedenen Charakteren sind schräg, manchmal mit (Homo)Erotik gespickt, sie wirken nicht natürlich, sondern immer problembehaftet. Besonderes Aufsehen wird um die Zeit gemacht, es ist schwer nachzuvollziehen, in welchem Jahr, Jahrzehnt oder gar Jahrhundert man sich gerade befindet. Dies ist einerseits etwas nervig, da der Text ohnehin so komplex ist, aber andererseits erhellend, weil gewisse angesprochene Themen zeitlos sind. So mühsam das Buch ist - oft habe ich innerlich geflucht und Qualen ausgestanden, so anstrengend fand ich das Lesen - so faszinierend ist er auch andererseits. Ich habe volle Hochachtung vor der Sprachgewalt des Autors, auch wenn er meines Erachtens die Geschichte durchaus auch mit der Hälfte oder gar nur ein Drittel des Umfangs ebenso gut erzählt werden hätte können. Hier eine Sternebewertung abzugeben fällt mir ungemein schwer, da mir nichts als passend erscheint, auch weil ich weiß, dass ich der Intention des Autors nicht gewachsen bin.
Mein Fazit: Für "Ours" braucht man Nerven und vor allem Geduld + Durchhaltevermögen - und sollte außerdem Liebhaber:in von komplexer Sachverhalte, gespickt mit Übernatürlichem und Gesellschaftskritik, sein. Ours macht es einer auch dann nicht einfach, es zu lieben, belohnt wird man aber trotzdem mit einer unglaublichen Geschichte, einem unerwarteten Ende und einem Nachhall, der einer noch lange in Erinnerung bleiben wird.
In einer Zeit, in der Sklaverei in den USA allgegenwärtig war, erschafft Williams eine magische Oase der Freiheit. Die Zauberin Saint, eine mächtige Frau mit geheimnisvollen Kräften, gründet eine unsichtbare Stadt, in der ehemalige Sklaven ein neues Leben beginnen können.
Williams verwebt historische Fakten mit fantastischen Elementen zu einem einzigartigen Erzählkosmos. Voodoo, afrikanische Mythologie und Zauberei sind allgegenwärtig und verleihen der Geschichte eine besondere Atmosphäre. Die Stadt selbst, ein Ort der Hoffnung und des Zusammenhalts, wird zu einem Symbol für die Sehnsucht nach Freiheit und einem besseren Leben.
Mehr als nur ein Märchen
Obwohl "Ours - Die Stadt" als Märchen eingeordnet werden kann, ist es gleichzeitig ein tiefschürfender Roman über die Folgen von Sklaverei, Trauma und die Suche nach Identität. Williams gelingt es, die komplexen Emotionen der Charaktere einfühlsam darzustellen und den Leser mitzunehmen auf eine Reise durch die Geschichte der Vereinigten Staaten.
Die Grenzen der Freiheit
Die Idylle der Stadt ist jedoch trügerisch. Saint, die Beschützerin der Gemeinschaft, trägt selbst tiefe Wunden und ihre Macht birgt Gefahren. Williams wirft die Frage auf, ob absolute Sicherheit nicht auch eine Form von Gefangenschaft sein kann. Die Bewohner der Stadt müssen sich entscheiden, ob sie sich den Beschränkungen ihrer Schutzherrin unterordnen oder ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen.
Fazit:
Williams' Fähigkeit, historische Fakten und Fantasie miteinander zu verbinden, schafft eine einzigartige Leseerfahrung. Der Roman ist eine Ode an die menschliche Resilienz und ein Mahnmal an die Bedeutung von Freiheit und Selbstbestimmung.





