Pia Solèr

 3.8 Sterne bei 10 Bewertungen

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Die Weite fühlen

Die Weite fühlen

 (10)
Erschienen am 22.04.2013

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Rezension zu "Die Weite fühlen" von Pia Solèr

Raue Schönheit...
A_Eyrevor 4 Jahren

„Die Weite fühlen“ ist eine Art Erfahrungsbericht der Hirtin Pia Solèr, der auf Anregung der Journalistin Daniela Kuhn entstand, nachdem sie eine Reportage über die ungewöhnliche Frau in der Neuen Züricher Zeitung publiziert und daraufhin den Kontakt zu Weissbooks-Verleger Rainer Weiss hergestellt hatte.

Pia Solèr erklärte sich bereit, einige Episoden und Gedanken über ihr Leben als Ziegen- und Schafhirtin auf einer Schweizer Alp niederzuschreiben – und so entstand dieser schmale, poetische Band, der sich Zuordnungen zu bestimmten literarischen Genres – sicherlich bewusst - entzieht.

In klarer, schnörkelloser Sprache beschreibt die Autorin ihren Alltag auf der Alp: Begebenheiten wie die Renovierung der Küche, Tierarztbesuche, der spätsommerliche Herdenabtrieb oder eine unerwartete Begegnung mit Steinböcken reihen sich ohne Chronologie aneinander, werden einfach erzählt, ohne auf eine Pointe zuzusteuern oder einem Plot zu folgen. Dabei wirken ihre Gedanken prägnant und besonnen, von fast schon spiritueller Ruhe getragen. An einer Stelle heißt es:

„Oft habe ich Adler beobachtet. […] Einmal fand ich auf der Weide eine Feder, die wie eine Blume da stand und noch fast körperwarm war. Das sind grosse Geschenke für mich.“

„Die Weite fühlen“ – sich durchlässig machen. Diese Sehnsucht nach Entschleunigung, nach Simplifizierung, nach Abkapselung, nach Echtheit, nach Verbundenheit, nach Erdung. Und das weitab von materiellem Wohlstand: Pia Solèr scheint die Erfüllung dieser Sehnsucht zu leben. Dieses glorifizierte Ideal, diesen Gegenentwurf zu urbaner Überreizung, die einen blind macht fürs Wesentliche, und der damit einhergehenden Leere unter der bunten, schnellen Oberfläche. Dabei ist es einfach eine Art, zu leben – ihr Leben, aus dem sie erzählt und dabei ganz ohne Kitsch oder Verklärung auskommt. Denn bei aller Weite, aller Selbstbestimmtheit und Schönheit dieses rustikalen, puristischen Lebens im Einklang mit Natur und Tier spart die Autorin auch die weniger attraktiven Aspekte in ihren Aufzeichnungen nicht aus: Klo unter freiem Himmel, die Kälte im Winter, die Schattenseiten der Abgeschiedenheit, die Gefahren, die langes Alleinsein birgt. Auch darüber spricht Pia Solèr in ihrer erfreulich unaufgeregten, präzisen Sprache, der man anmerkt, dass die Verfasserin es gewohnt ist, sich aufs Substantielle zu konzentrieren.

Dieses Buch ist zu einem kleinen Schatz für mich geworden. Zweimal direkt hintereinander habe ich es gelesen, und immer wieder greife ich nach ihm, einfach, um zu blättern und einzelne Passagen wieder durchzugehen. Ich finde es uneingeschränkt empfehlenswert, und zwar eigentlich für jede/n. Mittlerweile habe ich es auch mehrmals verschenkt, ganz unterschiedlichen Leuten mit eigentlich völlig unterschiedlichem literarischen Geschmack, teils auch Leuten, die eigentlich kaum lesen. Aber ich bin ganz sicher, dass in diesem Buch so ziemlich jede/r etwas für sich finden kann.

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Stefan83s avatar

Rezension zu "Die Weite fühlen" von Pia Solèr

Einfach weg sein ...
Stefan83vor 7 Jahren

Authentizität. Ein Wort, das oft bemüht und noch öfter eingefordert wird, und das doch irgendwie besonders in den letzten Jahren, durch seine häufige Benutzung, an Wert verloren hat. Auffallen tut dies speziell auf dem Büchermarkt, wo über das ganze Jahr Erfahrungsberichte, Lebensbeichten und boulevardeske Biographieschmonzetten ganze Tische bedecken und die Bestsellerplätze blockieren. Authentisch, also glaubhaft, sind viele der Titel nicht mehr. Meist scheinen sie nicht mal vom Autor selbst geschrieben, manchmal erweisen sich Anekdoten als erfunden und relativ häufig fällt ihre Veröffentlichung "zufälligerweise" mit medienwirksamen Ereignissen zusammen.

Wie erfrischend dann, ein Buch wie dieses. Pia Solèr, knapp 40 Jahre alte Hirtin aus einem schwer zugänglichen Tal in Graubünden, der Schweiz, hat ihre Gedanken niedergeschrieben. Auf Anfrage zwar, aber ohne Druck von außen oder einer bestimmten Themengebung. Entstanden ist "Die Weite fühlen". Ein erstaunliches, erfrischend unsentimentales Büchlein, von ein bisschen mehr als 100 Seiten, das durch eine Schlichtheit besticht, die man fast schon wieder poetisch nennen will. Ohne größeren Zusammenhang erzählt Solèr von Ihrem Leben in 2000 m Höhe. Von ihrer Nähe zur Natur, den Tieren. Von der Erhabenheit, der Kargheit, den Gefahren, aber auch von der Schönheit der Bergwelt. Kein Aussteiger berichtet hier. Binsenweisheiten, Leitlinien oder gute Ratschläge sucht man (gottseidank) vergebens. Es ist kein Buch, das überzeugen oder gar Werte vermitteln will. Hier spricht nur jemand, ruhig, mit feinem Witz, augenzwinkernd, schwärmerisch - und man ist plötzlich mehr als geneigt "zuzuhören".

Schon nach wenigen Seiten steckt die Ruhe dieser Erzählung an, entschleunigen Solèrs Worte unseren hektischen Alltag. Und sorgen dafür, dass wir diese Frau beneiden, die weit weg von Internet, I-Phones und Fernsehen ein erfülltes, lärmfreies und doch nie einsames Leben führt. "Die Weite fühlen" weckt eine gewisse Sehnsucht in uns, macht nachdenklich, lässt innehalten. Und hierin findet sich auch der Wert des Buches, dessen literarische Qualitäten sich sonst in Grenzen halten.

Wer also nach der Lektüre meint, nun selbst als Hirt/in in den Alpen sein Glück zu suchen, hat die Botschaft nicht verstanden. Eine Botschaft gibt es nämlich nicht. Nur eine Erinnerung, dass das, was an Glück notwendig ist, vor der eigenen Türschwelle liegen kann. Oder um es im Stile Solèrs zu sagen: Wenn man auf dem Gipfel des Berges zurückblickt (auf eine Lebensweise, verlorengegangene Traditionen, "veraltete" Wertvorstellungen), sieht man trotzdem immer noch - weit. Und nicht selten sogar weiter, als manch anderer, der das weltweite Netz in den Händen hält.

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