Drei Tage und ein Leben

von Pierre Lemaitre 
4,4 Sterne bei85 Bewertungen
Drei Tage und ein Leben
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Positiv (79):
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Ein Verbrechen überschattet das ganze Leben des Täters und lässt die Frage nach Schuld und Sühne fortbestehen - bewegend.

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Inhaltsangabe zu "Drei Tage und ein Leben"

Der neue Bestseller des Goncourt-Preisträgers Pierre Lemaitre

»Innerhalb weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder. Doch die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein.«

Ende Dezember 1999 verschwindet im französischen Ort Beauval ein sechsjähriger Junge. Eine großangelegte Suchaktion wird gestartet, Nachbarn und Freunde durchkämmen den angrenzenden Wald nach Spuren des vermissten Rémi. Doch am dritten Tag fegt ein Jahrhundertsturm über das kleine Dorf hinweg und zwingt die Einwohner von Beauval zurück in ihre Häuser. Während dieser drei Tage bangt der zwölfjährige Antoine darum, entdeckt zu werden. Denn nur er weiß, was an jenem Tag wirklich geschah. Und nur er könnte davon erzählen. Mit großer Sensibilität spürt Pierre Lemaitre dem grausamen Schicksal seines jungen Protagonisten nach und stellt die Frage, wie es sich mit einer lebenslangen Schuld leben lässt.

»Mit seinem ausgeprägten Gespür für Tempo und Gefühl rollt Pierre Lemaitre den Schicksalsfaden einer Tragödie ab.«
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Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783608981063
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:270 Seiten
Verlag:Klett-Cotta
Erscheinungsdatum:20.12.2017
Das aktuelle Hörbuch ist am 08.09.2017 bei Der Audio Verlag erschienen.

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    jenvo82s avatar
    jenvo82vor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Verbrechen überschattet das ganze Leben des Täters und lässt die Frage nach Schuld und Sühne fortbestehen - bewegend.
    Das Leben muss immer die Oberhand gewinnen

    „Man würde wieder dorthin zurückkehren. Antoine würde keine zweite Chance bekommen. Erneut spürte er, wie sehr er sich danach sehnte, dass dieses Gewitter, das seit zwei Tagen über ihm schwebte, endlich ausbrach.“


    Inhalt


    Für den 12-jährigen Antoine endet seine Kindheit von einem auf den anderen Moment, nachdem er seinen kleinen Freund Remy, der gerade 6 Jahre alt ist, im Affekt erschlägt. Allein mit dieser Schreckenstat, hilflos im Angesicht der schrecklichen Bedeutung, die ihm sehr wohl bewusst ist, wirft er die Leiche in eine tiefe Grube im heimischen Wald, in der Hoffnung, dass man ihm, den Täter wider Willen nicht unmittelbar auf die Schliche kommen wird. Seine Gewissensbisse und Befürchtungen übertreffen die Ermittlungen um ein Vielfaches, denn die Polizei und Anwohner gehen eher von einem Unglück oder gar einer Entführung aus. Und so bleibt der Junge verschwunden und wird bald schon nicht mehr gesucht, denn ein Unwetter mit schwerwiegenden Schäden, macht eine Spurensuche im Wald unmöglich. Doch Antoine lebt sein eigenes Leben wie in einer Blase, pendelnd zwischen Flutverhalten und Düsternis, lauernd auf den Tag, an dem man Remy ausgraben wird … Als Jahre später die Leiche gefunden wird, und DNA-Spuren den Täter überführen könnten, trifft Antoine eine zweite Entscheidung, die sein Herz bricht, doch die Wahl zwischen einer vernichtenden Wahrheit und einer reuigen Lüge, lässt ihm keinen Spielraum.


    Meinung


    Der französische Autor Pierre Lemaitre, der Preisträger des Prix-Goncourt wurde, erschafft mit dem vorliegenden Roman ein intensives, erschreckendes Bildnis einer aus dem Ruder gelaufenen Situation und deren weitreichenden Folgen. Er versteht es hervorragend, den Hauptprotagonisten Antoine menschlich und zwiegespalten zu charakterisieren, er haucht dessen Handlungen und Beweggründen Leben ein und zieht den Leser damit ganz klar auf die Seite dieses unglückseligen Jungen, der so scheint es, nur ein einziges Mal einen Fehler begangen hat, der ihn nun für den Rest seines Lebens zeichnen wird.


    Doch er versteht sich auch darauf, die Nebencharaktere und ihre Entscheidungen im Handlungsverlauf gekonnt einzuflechten, so dass ein rundes Bild der kleinen Gemeinde Beauval entsteht, in der sich die Menschen kennen und gewisse Ansprüche aneinander stellen. Die Handlung des Romans konzentriert sich auf zwei Zeitebenen. Zunächst die Vergangenheit, kurz nach dem Verbrechen und die Ereignisse drei Tage danach und im zweiten Teil, eine Zeit, gut 12 Jahre später, in der nicht nur der Protagonist erwachsen geworden ist, sondern auch die Menschen aus seinem Umfeld viele Jahre mit Höhen und Tiefen erlebt haben. Besonders intensiv steht dabei nicht nur die Frage nach der tatsächlichen Schuld im Raum, sondern vielmehr die Bedeutung einer scheinbar festgeschriebenen Zukunft, unwiderruflich, bitter und ohne jegliches Entkommen. Gerade Antoine, tritt hier als ein tiefgründiger Charakter auf, der sich zwar, wie wohl jeder eine unbescholtene Weste wünscht, doch überzeugt davon ist, sie längst verloren zu haben.


    Damit erzeugt der Autor eine sehr vielschichtige, äußerst spannende Szenerie, die sich auf innerliche Belange ebenso konzentriert, wie auf äußere Entscheidungen. Der Leser weiß mehr als alle anderen, leidet mit Antoine und kann ihm doch nicht ganz folgen, kann nicht restlos verstehen, was ihn zu seinen Taten bewogen hat. Mein einziger Kritikpunkt besteht in dem abrupten Bruch in der Mitte des Textes, nicht nur der Zeitsprung, den man als Leser an dieser Stelle erwartet, sondern in erster Linie der Schwenk auf das Äußere hat mich gestört. Zunächst, fühlt man sich Antoine nämlich so nah, als würde man ihn schon immer kennen, während sein Leben im zweiten Teil immer blasser wird, der Mann von heute, nicht mehr die Verzweiflung von damals ausstrahlt, sich sein Leben irgendwie weiter entwickelt hat, während ich eigentlich auf den großen Knall gewartet habe. Und so verwischt der Verlauf des Lebens, der Zahn der Zeit auch ein wenig die Emotionen des Lesers. Am Ende bleibt mir Antoine fremd und ich habe nicht das Gefühl, ihn tatsächlich verstanden zu haben, was mich zugegeben etwas grämt.


    Fazit


    Ich vergebe sehr gute 4 Lesesterne für diesen aufrüttelnden, bewegenden Roman über einen Menschen in der absoluten Ausnahmesituation. Intensive Momentaufnahmen, ergreifende Schicksale und traurige Wahrheiten inbegriffen. Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen und für einen kurzen Augenblick sehr froh zu sein, anders, unbescholten und hoffnungsfroh durchs Leben gehen zu können und dennoch zu spüren, dass es ganz anders sein könnte, wenn das Schicksal einen Abzweig eingeschlagen hätte. Gespannt werde ich mich nun dem preisgekrönten Roman „Wir sehen uns dort oben“ des Autors zuwenden und auf ebenso ergreifende Lesestunden hoffen.

    Kommentare: 5
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    BettinaR87s avatar
    BettinaR87vor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Sehr kurzweilig und moralisch flexibel - Literatur, die berührt und zeigt, dass es keinen komplizierten Satzbau braucht ...
    Ein Leben am psychischen Abgrund

    Antoine lebt in einer kleinen französischen Stadt, in der er bei seiner früh alleinerziehenden Mutter heranwächst. Seine Freunde kommen aus der gleichen Stadt und das Leben ist recht überschaubar. Seine erste Jugendliebe dämmert vor sich hin und entwickelt sich wenig erfolgsversprechend. Sein Vater schickt immer die flaschen Geschenke, ansonsten haben sie keinen Kontakt. Hier passiert selten etwas - bis eines Tages der kleine Rémi verschwindet und nur Antoine weiß, dass er niemals zurückkehren wird. Seine Leiche liegt im Wald in einer Grube und Antoines Leben gerät völlig aus den Fugen. Erst versucht er, sich sein eigenes zu nehmen, dann entwickelt er unterbewusst eine Überlebensstrategie: Ausharren, nichts sagen, nicht auffallen. Doch was bleibt, ist seine Angst vor der Entdeckung.

    Die Geschichte erinnert an einen der aktuell typischen Krimiserien aus England: Vor Jahren verschwand ein Junge, nun wurde seine Leiche gefunden und die Ermittlungen beginnen erneut. Pierre Lemaitre gibt dem ganzen eine neue Perspektive, indem er die Geschichte von vorne und ab da chronologisch erzählt. Bei ihm geht es nicht um die Ermittlung an sich, sondern was das Verbrechen oder der Unfall mit einem Menschen macht, der selbst noch nicht ganz ausgereift war. Er spielt gekonnt mit der Opfer- und Täterrolle und am Ende weiß der Leser immer noch nicht, ob Antoine nun wirklich ein Mörder ist oder "feige", weil schweigsam.

    Zum Schluss gibt es noch einmal eine kleine Kette an Offenbarungen, die dann erst zeigen, wie emotional tiefgehend sich die Geschichte wirklich abgespielt hat, welche Auswirkungen der Moment im Wald es nicht nur auf Antoines Leben hatte.

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    Bibliomanias avatar
    Bibliomaniavor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Eine grausige Vorstellung, gleichzeitig faszinierend
    Was würdest du tun?

    Rémi ist ein aufgeweckter, lieber Junge, der in dem kleinen Städtchen Beauval lebt. Ein paar Tage vor Weihnachten verschwindet er jedoch spurlos. Er hat immer mal wieder mit einem anderen Jungen gespielt, der ein wenig älter ist, als er selbst: Antoine. Antoine lebt mit seiner Mutter allein im Nachbarhaus. Er hat zuletzt mit Rémi gesprochen und ihn als Letzter gesehen. Und dann steht die Polizei auch vor seiner Tür.
    Ein Buch, dass einer Tragödie gleicht. Die Achterbahnfahrt von Antoines Gefühlen wird in jeder Szene deutlich. Sein Ringen, seine Ängste weiß der Autor wirklich sehr gut darzustellen und das im zarten Alter von 12 Jahren. Es bleibt die Frage: Hält ein Kind das aus? Kann sich ein Kind so verhalten? Eiskalt und doch sehr weinerlich. Nichts zu sagen und "heimlich" leiden?
    Einerseits ist Antoines Reaktion wirklich verständlich. Aber gerade die Wendung zum Ende ist absolut überraschend. Die hätte ich im Leben nicht kommen sehen. Kann man sein Leben so einfach über den Haufen werfen? Mehr als ein Jahrzehnt später? Ein ganz anderes Leben einschlagen, das man nie für sich wollte? An einen Ort gehen, den man immer meiden wollte?
    Leider ist dieser Roman nicht so überragend, wie "Wir sehen uns dort oben", ist aber dennoch ebenso atmosphärisch dicht. Ein Buch, das unter die Haut geht, verängstigt und immer wieder neu über die Frage nachdenken lässt: Was würde ich tun?

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    twentytwos avatar
    twentytwovor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Ein aufwühlender Roman, voller Tragik und Emotionen.
    Drei Tage und ein Leben

    Antoines Leben wird von einem auf den anderen Tag total aus den Angeln gehoben. Nach dem Verschwinden des kleinen Rémi befindet er sich in einem Zustand völliger Verzweiflung. Obwohl er genau weiß, dass er sich der Wahrheit stellen müsste, kann er sich nicht dazu durchringen. Stattdessen entwickelt er eine mehr oder weniger gut funktionierende Abwehrtechnik, in der Hoffnung Beauval und der schrecklichen Erinnerung irgendwann zu entkommen. Mit der Zeit verringern sich seine Schuldgefühle tatsächlich und die Ereignisse verblassen zusehends. Doch die Angst bleibt, bis er endgültig von der Vergangenheit eingeholt wird.

    Fazit
    Ein beeindruckender Roman voller Emotionen, mit vielen unerwarteten Wendungen die unter die Haut gehen und einen noch lange beschäftigen.

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    verruecktnachbuecherns avatar
    verruecktnachbuechernvor 8 Monaten
    Gänsehautmomente

    Antoine ist 12 Jahre alt, als er den 6-jähringen Rémi umbringt. Er tut dies ohne böse Absichten und steht auf einmal vor der Leiche des Jungen. Die Leiche muss verschwinden, da ist Antoine sich sicher und versteckt den kleinen Körper im dicht bewachsenen Wald.
    Im Dorf machen sich die Ersten Sorgen, wegen dem kleinen Jungen. Eine große Suche wird eingeleitet, aber ein Jahrhundertsturm hindert die Menschen weiter zu suchen. Antonie lebt mit der ständigen Angst der Entdeckung im Nacken.

    Das Cover ist eher unauffällig. Dank des Titels habe ich mir dieses Buch genauer angeschaut und den Klappentext gelesen. Ein 12-jähriger als Mörder ist für mich eine recht neue Idee. 

    Der Autor schafft es, dass man sich in Antoine hineinversetzten kann.
    Er beschreibt mit viel Einfühlungsvermögen die Gedankenwelt von Antoine.
    Man merkt, wie seine kindliche Welt Risse bekommt und anfängt zu bröckeln.
    Man merkt seine Wut, seine Angst, die Verzweiflung. Er spielt mit dem Gedanken zu fliehen oder sich umzubringen.

    Es ist die ganze Zeit über spannend, denn man weiß immer nicht, ob herrausgefunden wird, wer der Mörder von Rémi ist.

    Mich hat das Buch in eine moralische Zwickmühle gebracht.
    Meiner Meinung nach sollte jeder Mörder seine Strafe bekommen, aber Antione bestraft sich mit seinen Gedanken und er tat mir so Leid. Beim Lesen habe ich ständig gehofft, dass seine Straftat unentdeckt bleibt.

     Der Roman ist eine absolut spannende und auch grausam.
      Er beschreibt die Gedankenwelt eines 12-jährigen Mörders mit Gänsehauteffekt.

    Absolute Leseempfehlung

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    G
    Gisevor 10 Monaten
    Zwölf Jahre und ein Mörder

    Der zwölfjährige Antoine wohnt bei seiner alleinerziehenden Mutter und hat es nicht leicht im Leben. Eher vergebens bemüht er sich um seine Freunde und um die Liebe von Émilie. Und dann wird auch noch der Hund des Nachbarn angefahren, Antoines treu ergebener Freund. In einem tragischen Moment höchster Frustration und Überforderung wird er zum Mörder am Nachbarssohn, dem kleinen Rémi. Ab diesem Zeitpunkt lebt Antoine in der Angst, überführt zu werden. Doch jede Spur zu ihm wird durch einen Jahrhundertsturm verhindert. Dennoch muss Antoine immer mit der Angst leben, dass der Leichnam des kleinen Jungen irgendwann gefunden wird.

    Sehr einfühlsam stellt der Autor Pierre Lemaitre die Frustrationen und Überlegungen des zwölfjährigen Antoine dar. Gespannt habe ich gelesen, wie Antoine sich mit der beängstigenden Situation auseinandersetzen muss. Ein Zeitsprung zeigt ihn zwölf Jahre später, ein weiterer 16 Jahre nach dem Tod des kleinen Jungen. Das Ende ist völlig überraschend, und doch ist es auf seine Art ein äußerst passender Abschluss für diese Geschichte.

    Doch während der erste, umfangreichste Anteil des Buches völlig überzeugend ist, habe ich die beiden letzten Teile als bedeutend schwächer empfunden. Für den erwachsenen Antoine kann ich keine Sympathie mehr empfinden, seine Handlungen kann ich oft nicht nachvollziehen, seine Gedanken lassen mich eher unberührt. Der Schwerpunkt des Buches verlagert sich weg von der Gefühlswelt des Menschen Antoine, er wird für mich seltsam blass.

    Damit hinterlässt mich das Buch recht zwiespältig, die anfängliche 5-Sterne-Wertung muss ich leider in vier Sterne umändern. Lesenswert bleibt das Buch aber auf jeden Fall.

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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor 10 Monaten
    Die Schuld, die nie enden wird

    Der erste Satz: »Ende Dezember 1999 ging eine überraschende Reihe tragischer Ereignisse auf Beauval nieder, darunter an erster Stelle natürlich das Verschwinden des kleinen Rémi Desmendt.«

    Die Geschichte ist in drei Teile gegliedert, wobei Teil eins dreiviertel des Buches einnimmt. Antoine, zwölf Jahre alt, erschlägt in Wut den achtjährigen Rémi mit einem Ast, versteckt die Leiche in einem Loch, das durch einen entwurzelten Baum entstanden ist. Antoine ist wie betäubt, er wollte Rémi nicht töten und nun hat er Angst, entdeckt zu werden, leidet Höllenqualen. Der tote Junge wird überall gesucht, Taucher fahnden im Teich, Suchtrupps mit Hundestaffeln werden losgeschickt, den Wald zu durchkämmen.

    »Sie haben zuerst Guénot verhaftet und ihn dann wieder laufen lassen, aber sie behalten ihn im Auge, das kannst du mir glauben. Der ist schwul, eindeutig.«

    Verdächtige werden festgenommen. Ein schlimmes Unwetter mit Sturm und Hochwasser bricht die Ermittlung ab. Der Junge bleibt verschwunden. Aber in Antoine steckt die Schuld, die ihn nie wieder loslassen wird. Fein herausgearbeitet wird hier der Kreis der Verdächtigen: Der vermeintlich Schwule, der sich bestimmt an Kindern vergeht und einer, der Frankenstein von den Kindern gerufen wird. Wer so aussieht, ist zu allem fähig. Dorftratsch und -klatsch, der Zusammenfall der Familie des toten Kindes wird gut dargestellt. Für Antoine umso schlimmer, da es die Nachbarn sind, denen man Trost spenden muss.

    »Die Fenster vibrierten hinter den Läden, der Wind fuhr wummernd in den Kamin. Er empfand eine wirre Parallele zwischen der Lage des Hauses, das im Sturm zitterte, und seinem eigenen Leben.«

    Kapitel Jahr 2011 ist kurz und Kapitel Jahr 2015 besteht nur aus ein paar Seiten. Und genau hier wird es ein klein wenig unlogisch. Ich will nicht spoilern. Aber die Tat ist eben juristisch gesehen ein Unfall mit Todesfolge, längst verjährt, und ein Arzt sollte wissen, dass die DNA eines Vaterschaftstests nicht an die Polizei gegeben wird, die Proben werden nach der Analyse vernichtet, dass der Mord verjährt ist. Ein feines Buch an sich. Wenn aber ein Plot so endet, dass ein Protagonist völlig unlogisch handelt, dann haut es mir immer die Füße weg. Ich frage mich warum? Gutes Buch und am Ende reicht es auf den letzten Seiten nicht. Schade. Insgesamt gesehen mocht ich den Roman. Es geht um Schuld und Sühne, inwieweit besteht eine Schuld für eine Tat, die ein Kind begonnen hat (In Frankreich gibt es kein Jugendstrafrecht, allerdings verjährt dafür z.B. Mord). Inwieweit beeinflusst die Schuld, in diesem Fall auch die Angst, den Lebensweg? Insgesamt ein Roman, der sich lohnt.

    Pierre Lemaitre, erhielt diverse Auszeichnungen, unter anderem den »Prix Goncourt.«

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    MikkaGs avatar
    MikkaGvor 10 Monaten
    Kindermörder. Mörderkind.


    "Innerhalb weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder. Doch die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein."  
      (Zitat)


    Ein einziger Moment der Wut. Ein Schlag, der unglücklich trifft. Schon ist ein junges Leben beendet, ein anderes wird nie wieder dasselbe sein.


    Das Lesen dieses Buches schmerzt, auch wenn der Autor sich weder zu rührseliger Effekthascherei noch Überdramatisierung hinreißen lässt. Es schmerzt, weil man die Geschehnisse durch die Augen des 12-jährigen Antoine sieht, der in jeglicher Hinsicht ein guter Junge ist: er liebt seine Mutter, der Nachbarshund ist sein allerbester Freund und er lässt es sich gutmütig gefallen, dass der 6-jährige Rémi ihm ständig hinterherläuft. Man möchte diese Unschuld bewahren und ahnt doch, dass es damit bald vorbei sein wird.


    Oder?


    Das ist eine der großen ethischen Fragen des Buches: hat seine Tat Antoine von einem Moment zum anderen zu einem bösen Menschen gemacht, unwiderruflich? Für ihn selber gibt es da gar keinen Zweifel. Seine Angst treibt ihn dazu, die Tat zu vertuschen, und dennoch sehnt er sich verzweifelt danach, erwischt zu werden. Seine innere Zerrissenheit und seine emotionale Qual sind schwer zu lesen, denn Antoine ist so furchbar allein damit und doch selber noch ein Kind.
    Kindermörder. Mörderkind.
    Das Verschwinden des kleinen Rémi mobilisiert im Dorf einiges an Hilfsbereitschaft, bringt aber auch schwelende Konflikte zum Vorschein – und diese Erschütterung des Status Quo ist erst der Anfang.


    Der Autor zeichnet seine Charaktere mit leichtem Pinselstrich und doch treffend. Am bestechendsten fand ich die Charakterisierung von Antoines Mutter, die ihrem Sohn vorlebt, dass man Konflikte am besten einfach totschweigt. Und nicht nur das: sie verbiegt sich die Wirklichkeit, bis sie zu dem passt, was sie glauben will, und das zum Teil bis ins Extrem. Da wundert es wenig, dass Antoines Lösungsstrategie hauptsächlich daraus besteht, abzuwarten und im Stillen zu erdulden.


    Antoine selber ist herzzerreißend in seiner Not, deswegen konnte ich das Buch buchstäblich nicht weglegen, ohne zu wissen, wie es nach diesen drei dramatischen Tagen mit seinem Leben weitergehen würde. Um kurz nach 3 Uhr morgens habe ich das Buch schließlich beendet, nicht nur müde, sondern auch emotional erschöpft. 


    Spannend ist die Geschichte, gar keine Frage. Aber es gibt einen deutlichen Bruch zwischen den besagten drei Tagen und dem Rest von Antoines Leben, und nach diesem Bruch ist das Buch in meinen Augen deutlich schwächer als davor.


    Für mich liegt das vor allen an Antoine. Als Kind war er ein starker, wenn auch tragischer Charakter, aber ich hatte im zweiten Teil den Eindruck, dass seine Tat ihn in gewisser Weise in seiner charakterlichen Entwicklung gehemmt hat. Als Erwachsener kam er mir schwach vor, selbstsüchtig, unentschlossen, und das machte es schwer für mich, weiter so viele Emotionen in seine Geschichte zu investieren wie zuvor. Auch das Ende hatte für mich einen mehr als bitteren Beigeschmack – nicht so sehr wegen dem, was geschieht, sondern wegen dem, was stattdessen hätte geschehen sollen.


    Der Schreibstil hat mir überwiegend gut gefallen, auch wenn mir die Gedanken des 12-jährigen Antoine manchmal zu erwachsen für sein Alter schienen. Pierre Lemaitre schreibt meist ruhig, gelegentlich nüchtern, manchmal poetisch, aber er bleibt immer ganz nahe dran an seinem Protagonisten, so dass man auch aus eher schlichten Worten die Emotionen herauslesen kann.


    Fazit:
    Ein kurzer Moment der Wut führt zur Tragödie, und der 12-jährige Täter schweigt. Und schweigt. Und in diesem Schweigen verfolgt der Leser, was weiter geschieht. Pierre Lemaitre erzählt weder reißerisch noch sensationsheischend, und dennoch entwickelt die Geschichte eine dramatische Sogwirkung. 


    Der erste Teil des Buches ist dicht geschrieben, wirft viele ethische Fragen auf und durchleuchtet ganz nebenher die sozialen Strukturen eines kleinen Ortes. Aber vor allem wird dieser Teil getragen von seinem überzeugenden Protagonisten, dem 12-jährigen Antoine. Der zweite Teil ist für mich deutlich schwächer, denn der erwachsene Antoine ist in gewissem Sinne nur noch ein Schatten seiner selbst.


    Zusammenfassend würde ich sagen, dass ich es auf keinen Fall bereue, das Buch gelesen zu haben, dass aber der zweite Teil nicht ganz halten kann, was der erste verspricht.

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    Lesenisttolls avatar
    Lesenisttollvor 10 Monaten
    Schmetterlingseffekt

    Nicht der Flügelschlag eines Schmetterlings löst hier eine Katastrophe aus, sondern ein Hund, der angefahren und anschließend anstatt von seinem Besitzer zum Tierarzt gebracht von diesem erschossen wird. Den 12jährigen Antoine stürzt dies in ein schreckliches Gefühlschaos, war der Hund doch sein treuer Begleiter und bester Freund. Außer sich vor Trauer schlägt Antoine um sich und erschlägt dabei den 4jährigen Nachbarsjungen Rémy mit einem Ast. Um seine Tat zu vertuschen, versteckt er die Leiche des Jungen. Eine großangelegte Suchaktion beginnt. Antoine ist sich sicher, dass er bald als Täter entlarvt wird und erleidet Höllenqualen. Er erwägt zu fliehen oder sich umzubringen.
    Sturm Lothar, der im Dezember des Jahres 1999 über Westeuropa fegt, kommt ihm zu Hilfe, denn er verwüstet Antoine und Rémys Heimatort und verwischt Spuren. Der Mord ist auch Jahre später noch unaufgeklärt, doch die Angst vor der Entdeckung hängt wie ein Damoklesschwert über Antoines Leben.
    Antoine hat mittlerweile Medizin studiert und eine Frau getroffen, die er heiraten möchte, da führt ihn das Schicksal zurück in seinen Heimatort und er erkennt, dass die Tat von damals sein Leben immer noch grundlegend beeinflusst...
    Drei Tage und ein Leben ist ein außergewöhnliches Buch, wortgewaltig und intensiv. Von mir eine klare Leseempfehlung.

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    MissRichardParkers avatar
    MissRichardParkervor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Eine tragische Geschichte die mich sehr mitgenommen hat und unglaublich spannend zu lesen war!
    Beklemmend und spannend. Ein einzigartiger Roman

    Was Antoine in seinen jungen Jahren erlebt ist für ihn nur sehr schwer zu ertragen. Innerhalb weniger Minuten ändert sich sein Leben drastisch. Mit zarten 12 Jahren wird er zum Mörder. Die Schuldgefühle die ihn seither plagen sind schier unerträglich, denn ständig besteht die Gefahr, dass alles auffliegen könnte...


    Puh, was für eine Geschichte. Die Beklemmung, die Schuld, die ganze Last die Antoine erträgt spürt man als Leser beinahe so stark, als ob man selber in dieser Situation stecken würde. 
    Der Autor hat ein unglaublich gutes Gespür für die menschliche Psyche und schafft es, flüssig, bildhaft und spannend die Geschichte von Antoine zu erzählen. Für mich war es ein einzigartiges Leseerlebnis. Die Geschichte wird mich wohl noch einige Zeit begleiten. 


    Sehr lesenswert!

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    Pressestimmen

    »Einfühlsam schildert der Autor die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, geschickt entwickelt er eine spannungsgeladene Dramaturgie, bei der nichts dem Zufall überlassen wird, bis sich alles in einer äußerst überraschenden Volte auflöst. Ein toller, erstklassig komponierter Psychothriller.«
    Sibylle Peine, Dresdner Zeitung, 19.02.2018

    »Ein erstklassig komponierter Psychothriller.«
    Sybille Peine, Ruhr Nachrichten, 17.01.2018

    »Am Ende dieses meisterhaften Romans entgleitet dem Protagonisten sein Leben ein weiteres mal. Der Autor versteht es, seine Leser bis zuletzt schaudern zu lassen.«
    Literatur-Spiegel, 09.2017

    »Ein faszinierendes Panorama eines Lebens, das von kindlicher Schuld lebenslang gequält und geängstigt wird. Fast unmöglich, sich dem Sog der Gefühls- und Gedankenwelt als Leser zu entziehen, Spannung, sprachliche Eleganz und psychologische Entfaltung in einem.«
    Anton Philipp Knittel, Heilbronner Stimme, 12.2017

    »Lemaitre spürt feinnervig der Dynamik von Schuld und Sühne im Dorf und im Leben des Helden nach. Dostojewski in der französischen Provinz.«
    Birgit Eckes, Kölnische Rundschau, 12.2017

    »Ein Buch zum Verschlingen.«
    Westfälische Nachrichten, 12.09.2017

    »Eine klug konstruierte Geschichte, die sich wegliest wie nichts.«
    Caroline Wornath, hessenschau, 10.2017

    »Schuld und Verdrängung, Angst, Scham und Lügen sind die zentralen Themen dieses Buches, dessen Autor mit großer Meisterschaft und bewundernswertem Gespür für Nuancen beklemmende Szenen und verstörende Entwicklungen schafft.«
    Erik Lim, südwestpresse, 10.2017

    »Wie Lemaitre die Schuld eines Kindes beschreibt, die Nöte angesichts von Befragungen, die Ängste, den Schmerz, das ist die große psychologische Literatur.«
    Westfälischer Anzeiger, 11.10.2017

    »Lemaitre nimmt uns mit in die Tiefe einer Täter-Psyche, analysiert dessen Ängste und zeigt die verzweifelten inneren Kämpfe auf.«
    Caroline Wornath, hessenschau, 10.2017

    »Das unbegreifliche Verbrechen macht die Risse in der Gesellschaft sichtbar, aber noch wichtiger ist das Psychogramm des minderjährigen Täters. Schuld und Sühne in der Provinz.«
    Nürnberger Presse, 10.2017

    »Ein packendes Buch [...]. Bis zuletzt hält sich die Spannung.«
    Alois Knoller, Augsburger Allgemeine, 10.2017

    Der neue Bestseller des Goncourt-Preisträgers Pierre Lemaitre

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