Pieter M. Judson

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Habsburg

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 (4)
Erschienen am 07.08.2017

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Rezension zu "Habsburg" von Pieter M. Judson

Habsburg-Lothringen - ein Vielvölkerstaat mit einheitlicher Verwaltung
Bellis-Perennisvor einem Jahr

Der amerikanische Historiker Pieter Judson beleuchtet die Habsburger Monarchie aus einem etwas anderen Blickwinkel als andere Historiker. Er lässt auch die Perspektive der Untertanen des Vielvölkerstaates zu.

Als Österreicherin und historisch durchaus gebildete und interessierte Leserin irritiert es mich anfngs allerdings, dass er das Buch „Habsburg 1740 – 1918“ nennt.
Die Habsburger herrschen bereits seit 1273 (Rudolf I.) als Nachfolger der Babenberger über die Österreichischen Erblande und erweitern bis 1740 ihre Ländereien durch geschicktes dynastische Heiraten, Erbschaften und (natürlich) durch Feldzüge. Unter Karl V. wird im Habsburger Reich „die Sonne niemals untergehen“, da das Reich seine größte Ausdehnung haben wird.

Mit dem Tod Karl VI, im Jahr 1740 erlischt die Österreichischen Linie im Mannesstamm, genauso wie Jahrzehnte zuvor die Spanische Linie (siehe „Spanischer Erbfolgekrieg
Ab 1740 (bis zu seinem Ende 1918) heißt das Herrscherhaus „Habsburg-Lothringen“, weil die Tochter Karls VI., Maria Theresia, 1736 Franz Stephan, den Herzog von Lothringen, heiratet. Franz Stephan muss zwar auf Lothringen verzichten, der Name aber bleibt (Er wird dafür mit dem Königreich Toskana entschädigt.)

Die Vorgeschichte bis 1740 ist dem Autor einige wenige magere Zeilen wert. (S. 38)

Wenn man aber die Bemühungen von Maria Theresia betrachtet, das Reich zu konsolidieren und die Verwaltung zu vereinheitlichen, dann kann man die Jahreszahl „1740“ als Beginn einer neuen Epoche wohl gelten lassen.

In acht Kapiteln untersucht der Autor nun den Vielvölkerstaat unter drei Aspekten: Die Entwicklung der staatlichen Verwaltung und seiner Institutionen, das Verhältnis zwischen Staat und seiner Gesellschaft sowie der Umgang mit den unterschiedlichen Nationalitäten.

Das Hauptaugenmerk liegt im 18. und 19. Jahrhundert in denen durch die Verwaltungsreform von Maria Theresia und ihren Nachfolgern, der Schlüssel zum Erfolg gelegt wurde. Nicht, dass die Durchsetzung der Reformen bei allen wirklich willkommen war, doch allein die Tatsache, dass sie in Angriff genommen und durchzogen wurde, ist zu bewundern.

Diese einheitliche Verwaltung zieht sich bis heute in Teilen der Behördenstruktur durch. Die so häufig verteufelte Kameralistik, die Gewaltentrennung, das Allgemein Bürgerliche Gesetzbuch (1811), der einheitliche Kataster (Franziszeischer Kataster 1817, zuvor der „Stabile Kataster“ unter Joseph II), die einheitliche Kartenwerke (1. – 3. Landesaufnahme), einheitliches Bildungswesen usw. usw.. Das alles sind die Errungenschaften seit 1740 zurückzuführen.

Jordan begleitet die Leser auf einer fesselnden Zeitreise vom absolutistisch geführten Erzherzogtum zur Doppel-Monarchie (1867 Ausgleich mit Ungarn) bis zum Zerfall nach dem Ersten Weltkrieg in die nachfolgenden Nationalstaaten.

Wer das Buch (576 Seiten reiner Lesestoff und noch viele Seiten Erklärungen, Fußnoten und weiterführende Literatur) zur Hand nimmt, erhält eine analysierende Geschichte einer Dynastie vorgelegt. Ohne die starke Bindung der Untertanen an die Herrscherdynastie, wäre das reich schon längst zerfallen. Das einigende und verbindende Band waren die Herrscher, sei es nun Maria Theresia, die ihre Weiblichkeit und Mutterrolle immer recht geschickt und mit Kalkül in Szene setzte, oder Joseph II, oder der „Biedermeierkaiser“ Franz II./I., der das erbliche Österreichische Kaisertum 1804 ausrief oder der längst dienende österreichische Monarch Franz Joseph. Selbst jene, die nur kurz herrschten wie Leopold II oder Ferdinand II prägten die Geschichte der Monarchie.

Bei ihren Bestrebungen eine möglichst einheitliche Monarchie zu gestalten, ließen sie ihren Völkern ihre lokalen Eigenheiten. Lediglich bei der Amtssprache „deutsch“ ließ man nicht mit sich reden. Eine Ausnahme bildete Ungarn, ds ursprünglich „Latein“ und dann ungarisch als Amtssprache hatte. Der jeweilige Herrscher begnügte sich mit sich mit der administrativen Vereinheitlichung ihrer Länder. Ein unparteiischer Verwaltungsapparat, Rechtsstaatlichkeit und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz (AGBG von 1811) sowie das Bekenntnis zur "Einheit in Vielfalt" waren die Grundlagen, auf denen das Reich bis zu seinem Zerfall ruhte.

Selbst so traumatische Erlebnisse wie die Napoleonischen Kriege (fünf an der Zahl) sowie die Revolutionen von 1848, die Ferdinand zum Abdanken und seinen Neffen Franz Joseph auf den Thron brachten, hielt der Vielvölkerstaat stand.

Im zweiten Teil seines Buches widmet sich Judson dem „Nationalismus“. Hier versucht der Autor anhand von vielen belegten Beispiel deutlich zu machen, dass nicht so sehr die Nationalitätenfrage am Untergang der Monarchie schuld war. Die einfache Bevölkerung fühlte sich vom Herrscherhaus beschützt. Der Mythos vom „Völkergefängnis“ versucht Judson zu entkräften. Es waren eher die hochadeligen Geschlechter, die sich gegen das Herrscherhaus auflehnten.

Der multinationale Staat galt über Jahrhunderte als Garant für Frieden und Stabilität, für Modernität und Wirtschaftswachstum. Die Völker am Rand des Reiches wie Galizien und/oder Bosnien-Herzegowina erwarteten wirtschaftliche Vorteile aus dem Habsburgerreich. Als diese Erwartungen mit dem Ende des Ersten Weltkrieg nicht mehr erfüllt werden konnten, zerbrach die Loyalität der Völker und damit der Staat.

Was mir aufgefallen ist, dass Judson die Beziehungen zwischen der Donaumonarchie und den anderen Balkanstaaten nicht näher betrachtet. Er konzentriert sich eher auf die „Binnenländer“ denn auf die umgebenden (National)staaten. Für mich beschäftigt sich Judson ein wenig zu isoliert mit dem Kaiserreich. Mir fehlen ein wenig die internationalen Beziehungen. Immerhin war ja das Attentat von Sarajewo das letzte Tüpfelchen auf die brennende Lunte, die den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat.

Fazit:

Dieses Buch ist nichts für jene Leser, die sich erstmals mit den Habsburgern beschäftigen, setzt es doch einiges Wissen voraus. Dafür empfehle ich „Die Familie Habsburg 1273-1918“ von Dorothy Gies McGuigan.
Für bereits „Fortgeschrittene“ in Sachen Habsburg, die sich auch mit der Österreichischen Verwaltung ein wenig auskennen (wollen), kann ich dieses Buch durchaus empfehlen.
Wegen der nur unzureichenden Hinweise auf die Zeit vor 1740 und den fehlenden Blick über den „Tellerrand“ was die Verortung des Reiches in Europa betrifft, kann ich diesmal nur 4 Sterne vergeben.

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Wedmas avatar

Rezension zu "Habsburg" von Pieter M. Judson

Sehr aufschlussreich, toll geschrieben, absolut lesenswert!
Wedmavor 2 Jahren

Auszug aus dem Klappentext: "Unser Reich": So nannten Menschen unterschiedlicher Sprachen und Religionen von Südtirol über Mähren bis Galizien und Transsilvanien das Habsburgerreich. Pieter Judson erzählt in seiner meisterhaften Gesamtdarstellung die Geschichte der Donaumonarchie und der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie ganz neu und revidiert gründlich das vertraute Bild vom verknöcherten "Vielvölkerreich".

Zum Autor: „Pieter M. Judson ist Professor für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Zuvor hat er am Swarthmore College in Pennsylvania, USA, gelehrt. Er gehört international zu den besten Kennern der Geschichte des Habsburgerreichs. Für seine Forschungen wurde er vielfach ausgezeichnet.“

Der Originaltitel lautet: „The Habsburg Empire. A New History“ und das passt sehr gut.

Rund 564 Seiten reinen Textes, mit 7 Karten und 40 Abbildungen, aufgeteilt in 8 Kapitel samt Epilog, plus ca. 77 S. Anmerkungen/Quellenangaben, 6 S. Personenregister, 1 S. Bildnachweis erzählen eine spannende wie beeindruckende Geschichte „eines Staates, der in der Zeit von 1770 bis 1918 unter vielen verschiedenen Namen bekannt war.“

Auch wenn man sich das Inhaltsverzeichnis näher anschaut (das und die Leseprobe gibt es auf der Internetseite des C.H. Beck Verlages), wird schnell klar, dass es in diesem Werk hpts. um die politische Geschichte des o.g. Staates geht. Auf familiäre Umstände wird selten eingegangen, nur wenn es im gesellschaftlich-politischen Sinne erforderlich ist.

Jedes Kapitel enthält spannende Themen, in vielerlei Hinsicht aufschlussreich, zugleich recht unterhaltsam präsentiert. Judson kann sehr gut und mitreißend erzählen.

Im ersten Kap. schreibt er, dass die Familie eigentlich aus der Schweiz stammt, die Ländereien aber in der Nachbarschaft besitzt und ihr Einflussgebiet zu vergrößern weiß. Im späteren Verlauf, in 1770er Jahren, vergleicht er u.a. den Habsburgerstaat mit anderen europäischen Staaten und ihren Rechtsystemen. „Einen Staat schaffen“, Von marginal zu global“, „Auf dem Weg zum Staat: Bürgerrechte und Patriotismus“ sind die Unterthemen hier und werden sowohl gekonnt geschildert als auch scharfsinnig analysiert.

Im Unterthema „Diener der Gesellschaft“, Kap. 2, beschreibt der Autor nicht nur den Joseph, und „dass er sich in dem kurzen Jahrzehnt seiner Regierungszeit auch bei fast jedem, der mit ihm zu tun bekam, unbeliebt machte.“S. 81. Judson vergleicht die Kernpunkte seiner Politik mit der von Maria Theresia und erzählt auch u.a. über die aufkommende Gesellschaftschicht der Bürokraten des Staates, z.B. welche Kriterien die Kandidaten erfüllen mussten, um als Staatsdiener aufgenommen zu werden. Da kommt einer der ersten, rein assoziierten, Bezüge zur Gegenwart, dass dies bis heute noch so geblieben ist. „Die Eroberung der Bürokratie durch die Mittelklasse ging sachte vor sich, hatte aber tiefgehende Auswirkungen.“ S. 87.  Dazu gibt es noch weitere spannende Ausführungen, denn dies soll später in der Geschichte eine große Rolle spielen. Auch die Textpassagen zu Westungarn sind höchstinteressant und lasen oft an die heutige Situation denken. Man erfährt auch u.a., wie und zu welchem Anlass „das Volkslied“ entstand, das „später im neunzehnten Jahrhundert zur offiziellen Hymne des österreichischen Kaiserstaates“ S. 126, wurde und vieles mehr.

Im Kap. 4 geht es um die Revolutionen 1848 und 1849. Wie es dazu kommen konnte, wurde man im Kap. 3 eingehend informiert, der Boden war gründlich vorbereitet, sodass man die Ereignisse und ihre Ursachen prima nachvollziehen konnte. Judson wechselt oft zwischen der Schilderung des Geschehens, auf eine kompakte und recht griffige Art, und seinen tiefsinnigen Analysen. Er erklärt, warum dies so passierte und welche Konsequenzen es hatte, was sehr logisch und plausibel rüberkommt. Spannend ist auch im weiteren Verlauf zu lesen, wie viele Errungenschaften der Revolutionen kurz darauf unter Franz Joseph wieder zurückgeschraubt wurden. Deutlich geschildert wurde auch, wie sich die Habsburger an die Macht geklammert und den eigenen Machtanspruch trotz vieler Hindernisse und Turbulenzen auf so lange Zeit aufrechterhielten, obwohl sie viele Zugeständnisse hierfür machen mussten. Dazu liest man u.a. im Kap. 5, insb. im Unterthema „Die Dynastie wird gut verkauft“.

Dass die Rotschilds schon damals Einfluss auf die Politik eines Landes ausübten, schildert S. 284: „Um 1860 stand das Kaisertum unmittelbar vor seinem völligen Bankrott. … Die Kapitalmärkte weigerten sich, weitere Darlehen zu gewähren, solange die Staatsausgaben nicht einer verantwortungsbewussten Aufsicht unterstellt wären. Anselm Salomon Rotschild, Gründer des Creditanstalt-Bankvereins, soll das dem Kaiser angeblich mit den Worten klargemacht haben: ‚Keine Verfassung, kein Geld.‘“ Die Quelle gibt es in Anmerkungen.

Kap. 6 „Kulturkämpfe und Kämpfe um die Kultur“ ist auch sehr interessant und bereichernd. Es geht u.a. darum, welche Rolle Bildung und Kultur in der Politik spielte und wie Bildung in die Massen getragen wurde. Unterthemen wie „Der Begriff ‚Nation‘ in den Österreichisch-ungarischen Kulturkämpfen“, „Grenzen des Liberalismus“, „Ideologie, Populismus und nationale Selbständigkeit“ uvm. weisen auch Bezüge zu den ähnlich gelagerten Problemen der heutigen Zeit auf.

Besonders interessant fand ich Kapitel 7 „Unser täglich Reich“ mit Unterthemen wie „Autonomie der Staatsregierungen“, „Modern sein, europäisch sein (und dafür zahlen)“, „Massengesellschaft und politische Kulturen“. Da wurde gezeigt, wie eine Massengesellschaft kraft welcher Bedingungen entstand. Bilder der vergangenen Epoche standen vorm inneren Auge: die Menschen, die damals vom Lande in die Städte kamen und dort ein neues Leben aufbauen mussten, auch die Menschen, die in den Staaten lebten, die später Ungarn, Ukraine, Slowakei, etc. heißen würden. Ihre Interessen und ihre Probleme wurden griffig geschildert und eingehend analysiert. Auch was die Regierungsebene angeht, waren die Probleme und Vorbehalte erläutert, welche Lösungsansätze man an den Tag legte und warum, wie die Gesellschaft darauf reagierte, etc., z.B. Eine Zeitlang schien der Gedanke, nach Nationalitäten und dort gesprochenen Sprachen die Länder administrativ aufzuteilen abwegig, der Ansatz war eher verpönt. Der hat sich erst viel später, mit fremder Hilfe durchgesetzt. Solche Nationalprobleme und andere gesellschaftspolitischen Fragen, die in diesem Werk beschrieben wurden, z.B. die der Integration, der Handhabe der Besonderheiten der diversen Nationalitäten innerhalb eines Staates, etc. hat man in Europa auch heute. Wie sie damals in Habsburger Staat angegangen wurden und was daraus geworden war, ist für die heutige Zeit hilf- und lehrreich. Auch der Prozess der Demokratieentstehung wurde detailreich beschrieben, die Anfänge und Schwierigkeiten, welche Kräfte dagegen wirkten und wer dafür sein Leben ließ uvm.

Kap. 8 schildert u.a. die Voraussetzungen, die den Habsburger Staat zu Ende brachten. „Dass man das Ende Habsburgerreichs kein präzises Datum angeben kann, sagt einiges sowohl über die Umstände aus, unter denen es zu diesem Ende kam, als auch über seine Bedeutung.“S. 563.

Epilog erzählt kurz auf 12 S. über den Karl, den letzten Habsburgerherrscher, der mit seiner Frau und den Kindern ins Exil ging. Aber vielmehr geht es um die neuen Reiche, die nach dem Zerfall des Habsburger Reiches entstanden waren, was dort bis max. 1921 geschah und nach welchen Kriterien die Politik betrieben wurde, etc.

Fast in allen Kapiteln wurde, wo es möglich war, beschrieben, wie die Juden bei der einen oder anderen Entscheidung oder politischer Entwicklung behandelt wurden. Auch was Galizien angeht, insb. den Teil um Lemberg (Lwiw, Lvov), was heute zu Westukraine gehört, gab es stets interessante Passagen zur Entstehung und politisch-kulturellen wie wirtschaftlichen Entwicklung dieses Teils des damaligen Habsburger Reiches.

Es war ein Lesegenuss par excellence, der zum Nachdenken anregte und vielerorts die Parallelen zu Heute ziehen ließ. Mir war, als ob ich ein längeres, spannendes und aufschlussreiches Gespräch mit einem klugen Gelehrten führte, der mir die Geschichte des Staates erzählte, der all die Probleme, die EU heute hat, bereits gehabt und nach den Lösungen bereits gesucht hatte.

Judson erzählt gekonnt, detailliert, in die Tiefe greifend und recht unterhaltsam. Leser, die noch nicht viel über die politisch-historische Seite des Habsburger Reiches wissen, können hier genauso gut zugreifen, vorausgesetzt, man liest gerne Sachbücher, wie auch Fortgeschrittene, die hier sicher eine Fülle an neuen Informationen und spannenden Einsichten finden werden.

Ich kann nicht behaupten, ich hätte mich für die politische Geschichte des Habsburger Reichs vor diesem Werk sonderlich interessiert. Aber dieses Buch nahm mich so gefangen, dass ich längere Passagen am Stück lesen konnte und noch länger mit den Themen in Gedanken beschäftigt war. Judson gab so viel Stoff für eigene Überlegungen, dass auch Pausen notwendig waren, um dem Ganzen genug Raum zur Entfaltung zu geben, denn es ist wirklich viel Stoff, dicht erzählt, typisch für hochkarätige Meisterwerke.

Es ist diese Sicht der Dinge, der Standpunkt der Betrachtung, das enorme Wissen, das man hinter jeder Zeile spürt, diese gekonnte Art zu erzählen, die dieses Buch so lesenswert machen. Judson widerspricht manchmal einigen seiner Vorgänger, die sich ernsthaft mit Habsburgern befasst haben. Da musste ich paarmal schmunzeln.

Es war eine sehr aufschlussreiche und bereichernde Leseerfahrung. Ich möchte sie nicht missen. Und etwas später, nach einer Pause, möchte ich das Buch am liebsten nochmals lesen.

Last but not least: So ein Lesegenuss wäre ohne die hervorragende Arbeit des Übersetzers Michael Müller nicht möglich gewesen. Im gesamten Verlauf war mir, als ob ich Originaltext lese, so authentisch und jederzeit passend war der Ausdruck. Chapeau!

Einige Stimmen der Presse, die mir sehr treffend im Zusammenhang mit diesem Werk erscheinen:

„Ein willkommenes Korrektiv zu der üblichen schwarzen Legende. Luzide, elegant, voller überraschender und erhellender Details.“ Wall Street Journal.

„Packend und differenziert geschrieben…, ohne die Habsburg-Nostalgie, mir der sonst so viele Darstellungen übergossen sind.“ Adam Zamoyski, Literary Review.

Fazit: Das Werk ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte Europas. Informativ, unterhaltsam, zum Nachdenken anregend. Perfekt als Geschenk für Fans der Habsburger, Geschichte-Interessierte oder einfach für die Leser, die sehr gute Sachbücher gerne mögen.

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M

Rezension zu "Habsburg" von Pieter M. Judson

Imperium „aus einem Guß“
michael_lehmann-papevor 2 Jahren

Imperium „aus einem Guß“

Es ist in diesem Fall von Vorteil, wenn ein Historiker eines anderen Kontinents sich eines „ur-europäischen“ geschichtlichen Themas annimmt.

Das Habsburger Reich, die k.u.k. Monarchie, einst flächenmäßig weit ausgedehnt, eine Vielzahl von Kulturen in den Grenzen vereinend und eine, seltene, Symbiose von Volk und Kaiser, wie Judson ganz hervorragend, fundiert und akribisch nachweisen kann.

Von 1740 bis zu den unseligen, politischen und machtorientierten „Verwirrungen“ mit all ihren Fehleinschätzungen über mögliche Reaktionen, vor allem aber Kampfbereitschaft und Stand der Mobilität der Gegner der Jahre des ersten Weltkrieges, offiziell auch „Auslöser“ dieses Dramas der Menschheit, endend mit dem Jahre 1918 und dem Verlust an allen Fronten, zeichnet Judson eins ehr lebendiger, auch im Stil überaus gut zu lesendes Bild der „Donaumonarchie“. Bei deren Darstellung Judson allein schon die kluge Entscheidung trifft, Orte nicht nur mit „geläufigen“ westlichen Namen zu benennen, sondern zudem auch mit jenen Namen zu versehen, die damals in den verschiedenen Sprachen geläufig waren. Damit entzieht Judson einseitigen nationalistischen Tendenzen von Beginn an den Nährboden und bietet eine breitestmögliche Objektivität der Schilderungen.

Und wenn Judson dann von den ersten, breiten Wahlen berichtet und klarstellt, wie eng einerseits die Herrschenden an der Macht zu bleiben gedachten, wie breit aber auch wie Wahlbeteiligung war, wie hitzig (bis zu Toten hin) es zuging, dann zeigt sich daran, wie eng „das Volk“ politisch und emotional mit „dem Reich“ sich verbunden fühlte, Was nicht nur an der Person des „patriarchalisch-milden“, „ewigen“ Kaisers lag, der dennoch eine hohe Form von corporate identity verkörperte.

„Für viele Österreicher war das Reich eine alternative Quelle symbolischer und realer Macht…(die) sich zumindest mäßigend auf sie (die örtlichen Eliten) auswirken konnte“.

Eng verbunden war das Volk mit seinem Reich und den Repräsentanten an oberster Stelle. Eine „immense“ kulturelle und soziale Bedeutung hatte dieser „Lebensrahmen“. Und das ist, was Judson durch alle Etappen der konkreten habsburgischen Geschichte hindurch in ihrer Entwicklung, in ihrer Bedeutung zur „Hoch-Zeit“ und in ihrem Abbruch mit dem Ende des Reiches aufzeigt.

Wobei jede dieser geschichtlichen Etappen sorgfältig und umfassend im Buch dargestellt werden.

„jeder dieser Meilensteine in der Geschichte des habsburgerreiches ist wohlbekannt“. Judson folgt dabei im Aufbau der klassischen historischen Periodisierung dieser „Meilensteine“. Mit der Ausnahme der „Erklärung dieser Meilensteine“. Denn hier schreibt Judson immer und immer wieder „der Gesellschaft“, oben und unten, „dem Volk“ eine „wesentliche Mitwirkung“ am Zustandekommen und am Ausgang der „Wendemarken“ der Reichsgeschichte zu. Und gibt so eine ganz eigene, andere, ungewohnte, in sich aber sehr schlüssige und kompakte Erklärung, warum die innere und äußere Entwicklung des Reiches genauso und in allen Bevölkerungsschichten breit getragen stattgefunden hat.

Sei es dabei die Rechts- und Sozialgesetzgebung schon vor der französischen Revolution, die Sicherheit gab, sei es deren Ausweitung mit dem inhärenten Versprechen staatsbürgerlicher Gleichbehandlung auch von Frauen im frühen 19. Jahrhundert, die Ideen von „Gleichheit“ und „patriotischer Verbundenheit gleichermaßen ist jener „Klebstoff“, dass das Habsburger Reich im Inneren so weitgehend homogen zusammenhielt.

Eine sachgerechte, hervorragend geschrieben und mit genau jener neuen Idee versehene historische Betrachtung, die das Werk zu einer empfehlenswerten und überaus anregenden Lektüre gestaltet.

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