Pieter M. Judson

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Autor von Habsburg und Habsburg.

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Cover des Buches Habsburg (ISBN: 9783406706530)

Habsburg

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Erschienen am 18.12.2018
Cover des Buches Habsburg (ISBN: 9783406757686)

Habsburg

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Erschienen am 16.07.2020

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Rezension zu "Habsburg" von Pieter M. Judson

Anregende Studie
Motzbeckvor 21 Tagen


Als Mensch, der Joseph Roth zu sienen Lieblingsautoren zählt, habe ich irgendwie dessen ambivalente Haltung zurm ausgehenden Habsburgerreich übernommen, auch wenn ich, historisch gesehen, ein westfälischer Preuße gewesen wäre. Einerseits trauert Roth um dieses untergegangene Gebielde, das er als sein einziges Vaterland bezeichnet hat, andererseits sieht er durchaus dessen anachronistische Züge, die es dem Untergang geweiht erscheinen ließen.

Pieter M. Judson hat mit seiner Studie "Habsburg. Geschichte eines Imperiums 1740 -1918" den Versuch unternommen, zu überprüfen, ob dieser Untergang tatsächlich vermeidbar gewesen wäre. Und siehe da, er stellt einige Thesen auf, die durchaus bedenkenswert sind. Das Haus Habsburg hatte die vielleicht undankbare Aufgabe, dieses üblicherweise als Vielvölkerstaat bezeichnete Gebilde zusammenzuhalten, und das gelang aus der Retrospektive betrachtet, eigentlich überraschend gut, wie allein schon die Dauer des beschriebenen Zeitraums, der ja längst nicht die gesamte Geschichte des Hauses Habsburg umfasst, zeigt.

Was war der Kitt, der diese Vielzahl unterschiedlicher Völker zusammenhielt? Judson belegt mehrfach, dass es die Loyalität gerade der unteren Schichten war, die sich vom durch das Herrscherhaus repräsentierten Staat Unterstützung in der Auseinandersetzung mit den adligen Grundherren, später auch den bürgerlichen Kapitalisten erhofften. Und tatsächlich, zahlreiche Reformen im Laufe des beschriebenen Zeitraums verschafften ihnen zunächst rechtliche Gleichheit, sukzessive auch Wahlrecht, bis dann 1907 im cisleithanischen Bereich sogar das allgemeine (Männer-)Wahlrecht eingeführt wurde. Doch damit wurde gleichzeitig eine Art Gegenentwicklung eingeläutet, denn nationalistische Parteien, von denen es ja nun weiß Gott genug im Vielvölkerstaat gab, brauchten und missbrauchten den Druck der Massen, um ihre immer radikaler werdenden Forderungen durchzusetzen. Doch Judson vertritt die These, dass die Loyalität der Bevölkerung gegenüber dem Haus Habsburg bis zum Kriegsbeginn letztendlich höher war  als das Zugehörigkeitsgefühl zu irgendeiner ethisch definierten Nation. Erst das Versagen des Staates bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und das Misstrauen, das vor allem die Militärführung Minoritäten gegenüber hegte, die potentiell mit den Feindstaaten verbunden sein könnten (Italiener und Slawen), zerstörten diese Loyalität, sodass 1918 das Habsburgerreich in zahlreiche Nachfolgestaaten zerbrach, die, Ironie der Geschichte, oft selbst alles andere als ethnisch homogen waren und mit ihren jeweiligen Minderheiten so verfuhren, wie sie es der Habsburgermonarchie oft zu unrecht vorwarfen (In diesem Kontext sei auf die kongeniale Studie Walter Rauschers, Das Scheitern Mitteleuropas" verwiesen, die zeitlich an Judson anknüpft, verwiesen). Dort war immerhin der Unterricht in der jeweiligen Muttersprache die Regel, wenngleich Deutsch so etwas wie die Verwaltugssprache in den cisteithanischen, ungarisch in den transleithanischen Ländern war. Wie so oft ist und war es also das Gift des Nationalismus, dass Menschen, die zuvor in Frieden zusammenleben konnten, entzweite und bittere Konflikte bis hin zur Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg auslöste. Und in diesem Sinne wird auch deutlich, warum gerade Juden wie Joseph Roth dem untergegangenen Reich nachtrauerten, denn anders als ihre nichtjüdischen nachbarn konnten sie sich keiner Nation einordnen, da sie von allen als Fremdkörper ausgegrenzt wurden.

Eine kleine Enttäuschung, die der Autor allerdings nicht zu verantworten hat, sind einige überflüssige Rechtschreibfehler, die einem so renommierten Verlag wie dem Beck-Verlag nicht unterlaufen sollten. So wird auf S.493 darüber berichtet, dass Lehrer an die "Form" geschickt wurden, womit offensichtlich Front gemeint ist, und auf S.658 findet sich in einer Anmerkung das Wort unstritten, wobei sowohl die Lesart umstritten wie unstrittig denkbar ist. Schade.


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Cover des Buches Habsburg (ISBN: 9783406706530)A

Rezension zu "Habsburg" von Pieter M. Judson

Das Habsburgerreich. Annäherung an einen versunkenen Kontinent
Andreas_Oberendervor einem Monat

Wenn ein Staat zerfällt und untergeht, dann ist die Versuchung groß, die Geschichte dieses Staates von seinem Ende her zu deuten. Noch größer ist die Versuchung, im Scheitern den Beweis dafür zu sehen, dass der betreffende Staat auf lange Sicht gar nicht überlebensfähig gewesen sei und "zwangsläufig" habe untergehen müssen. Kaum ein anderer Staat der europäischen Geschichte ist so sehr mit dem Stigma des "unausweichlichen" Scheiterns behaftet wie jenes Gebilde in Ostmitteleuropa, das wahlweise als Habsburgerreich, als Donaumonarchie oder – bezogen auf die Zeit von 1867 bis 1918 – als Österreich-Ungarn bezeichnet wird. Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte weithin Einigkeit: Die Habsburgermonarchie war untergegangen, weil sie als Vielvölkerreich im Zeitalter des Nationalstaats "historisch überholt" war, ein Anachronismus, ein Relikt aus vormodernen Zeiten. Die These vom "unvermeidlichen" Untergang des Habsburgerreiches war umso plausibler, als zeitgleich mit Österreich-Ungarn auch zwei andere Vielvölkerreiche zerfielen, das zarische Russland und das Osmanische Reich. Unerbittlich, so schien es, hatte die Geschichte ihr Urteil gefällt: Multiethnische Reiche besaßen keinen Platz mehr in der modernen Welt. Der Nationalstaat mit einer ethnisch möglichst homogenen Bevölkerung galt nach dem Ersten Weltkrieg endgültig als optimale, wenn nicht gar als einzig "zulässige" Staatsform für die Völker Europas.

Der amerikanische Historiker Pieter Judson wendet sich mit seinem Buch gegen die langlebige Tradition, das Habsburgerreich zu pathologisieren und zum Inbegriff politisch-wirtschaftlicher Rückständigkeit zu stilisieren. Zwar endet auch Judsons Buch mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie im Herbst 1918, aber dieser Zerfall erscheint nicht als längst überfälliger Endpunkt eines jahrzehntelangen Siechtums. Als der Weltkrieg im Sommer 1914 ausbrach, steckte Österreich-Ungarn nicht in einer existenzgefährdenden Krise, wie Judson betont. Erst die Belastungen des Krieges erschütterten das Reich so sehr, dass es sich Ende 1918 binnen weniger Wochen auflöste. Nicht der Untergang der Monarchie steht bei Judson im Vordergrund, sondern die Frage, wie sich das multiethnische Reich der Habsburger im 18. und 19. Jahrhunderte entwickelte und warum es so lange erfolgreich "funktionierte". Drei große Themenkomplexe beherrschen das Buch: Die Entwicklung des Staates und seiner Institutionen (Verfassungsordnung, Verwaltung), das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft und schließlich die Nationalitätenproblematik. Judson spannt einen Bogen von den Reformen Maria Theresias Mitte des 18. Jahrhunderts bis hin zur Gründung der ostmitteleuropäischen Nachfolgestaaten, die aus dem Habsburgerreich hervorgingen. Judson begleitet den habsburgischen Länderkomplex auf seinem Weg vom absolutistisch regierten Fürstenstaat der Vormoderne zum modernen Verfassungsstaat des Industriezeitalters. Er zeichnet die Entwicklung von der Stände- und Untertanengesellschaft zur Klassen- und Bürgergesellschaft nach, und er analysiert, welche Wirkungen Nationalismus und Nationalbewegungen im Habsburgerreich entfalteten.

Wer das Buch zur Hand nimmt, der sollte sich darüber im Klaren sein, dass es kein zum Schmökern gedachtes "Lesebuch" ist. Der weitgespannte chronologische Rahmen und Judsons Bemühen, allen Regionen und Völkern des Habsburgerreiches gleichermaßen gerecht zu werden, machen das Buch zu einer anspruchsvollen Lektüre. Neben Judsons eigenen Vorarbeiten ist auch die umfangreiche internationale Forschung zur Geschichte des Habsburgerreiches in die Darstellung eingeflossen. Das Buch ist eher analysierend als erzählend angelegt. Informationen zur Ereignisgeschichte sind auf ein Minimum beschränkt. Einen anekdotenreichen und kurzweiligen Spaziergang durch anderthalb Jahrhunderte habsburgischer Geschichte darf der Leser nicht erwarten. Judson stellt das Reich bzw. Imperium in den Mittelpunkt der Darstellung. Der habsburgische Länderkomplex war von alters her eine sogenannte Kompositmonarchie, ein Konglomerat von Territorien, das bis Mitte des 18. Jahrhundert allein von der Dynastie zusammengehalten wurde. Maria Theresia und ihr Sohn, Joseph II., nahmen das große Werk der bürokratischen Zentralisierung und Vereinheitlichung in Angriff, das mehrere Generationen von Herrschern, Ministern und Beamten beschäftigen sollte. Verwaltung, Justiz und Bildungswesen dienten als Instrumente für eine stärkere Integration des Vielvölkerreiches. Wie Judson immer wieder hervorhebt, strebten die Habsburger nie danach, die Nationalitäten der Monarchie zu einem sprachlich und kulturell homogenen Volk zu verschmelzen. Sie begnügten sich mit der administrativen Vereinheitlichung ihrer Länder, während das Recht der einzelnen Völker auf Pflege ihrer Sprachen und Kulturen unangetastet blieb. Ein unparteiischer Verwaltungsapparat, Rechtsstaatlichkeit und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz (Allgemeines Gesetzbuch von 1811) sowie das Bekenntnis zur "Einheit in Vielfalt" waren die Grundlagen, auf denen das Reich bis zuletzt ruhte.

Erschütterungen wie die napoleonischen Kriege und die Revolution von 1848 überstand das Habsburgerreich unbeschadet. Judson verweist immer wieder auf die Anpassungs- und Entwicklungsfähigkeit des Reiches, auf die Flexibilität und Reformbereitschaft der einzelnen Herrscher und ihrer Regierungen. Die Suche nach konstruktiven Lösungen für neue Probleme und Herausforderungen hörte niemals auf, mochte die Komplexität der Verhältnisse im Vielvölkerreich auch bisweilen entmutigend wirken. Selbst die Ära Metternich war keine Zeit bleierner Stagnation wie traditionell behauptet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lösten das Parlament, tatkräftige Kommunalverwaltungen und zivilgesellschaftliche Kräfte die Krone als Impulsgeber für die Weiterentwicklung und Modernisierung der Monarchie ab. Viele Leser dürfte es überraschen, dass Judson die Bedeutung des Nationalismus eher gering einschätzt. Aus Judsons Sicht war es nicht die Nationalitätenproblematik, die dem Reich zum Verhängnis wurde. Die Frage, wer die Träger des Nationalismus waren und welche Wirkung der Nationalismus im politischen Tagesgeschäft und im Alltagsleben entfaltete, nimmt in der zweiten Hälfte des Buches breiten Raum ein. Die Beziehungen zwischen dem tonangebenden "Staatsvolk" der Deutschösterreicher auf der einen und den Ungarn sowie Slawen auf der andere Seite waren nicht spannungsfrei. Während der langen, scheinbar endlosen Herrschaft Kaiser Franz Josephs kam es jedoch nie zu Konflikten, die das Reich hätten sprengen können. Im Gegenteil: Wie Judson an vielen Beispielen zeigt, wurde das Imperium im ausgehenden 19. Jahrhundert über ethnische und nationale Trennlinien hinweg nicht etwa als Völkergefängnis wahrgenommen, sondern als "Beschützer" der in seinen Grenzen lebenden Völker. Peripheren Regionen wie Galizien und Bosnien-Herzegowina bot die Zugehörigkeit zur Donaumonarchie die Chance auf Teilhabe an der europäischen Moderne. Der übernationale Habsburgerstaat galt als Garant für Frieden und Stabilität, zivilisatorischen Fortschritt und wirtschaftliche Prosperität. Als er Ende 1918 die Ansprüche und Erwartungen der Nationalitäten nicht mehr erfüllen konnte, brach er zusammen. Die Loyalität der vielen Volksgruppen gegenüber dem Reich, lange Zeit der wichtigste Aktivposten der Habsburger, hatte sich in den vier zermürbenden Kriegsjahren verbraucht.

Pieter Judson stellt viele liebgewonnene Vorurteile und Klischees über die Habsburgermonarchie in Frage. Er hebt die positiven Leistungen und Errungenschaften des Reiches hervor, die Fähigkeit zur Integration vieler Völker, Kulturen und Religionen. Gleichzeitig schließt sich Judson einem Forschungstrend an, der die Brisanz des Nationalismus in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg geringer einschätzt, als es lange Zeit der Fall war. Auch in Österreich-Ungarn war der Nationalismus im Wesentlichen eine Herzensangelegenheit von Berufspolitikern und Intellektuellen. Große Teile der Bevölkerung, vor allem die Bauern, waren für nationale Leidenschaften unempfänglich. So wichtig es auch ist, die vermeintlich zentrale, alles beherrschende Stellung des Nationalismus im Europa des 19. Jahrhunderts zu hinterfragen, so drängt sich doch bisweilen der Eindruck auf, dass Judson mit seiner Verharmlosung des Nationalismus zu weit geht. Es ist irritierend, dass Judson die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und den Balkanstaaten am Vorabend des Ersten Weltkrieges gänzlich ausblendet. Ausgehend von ihren neugegründeten Nationalstaaten strebten die Serben und Rumänen nach der "Befreiung" ihrer auf habsburgischem Boden lebenden Landsleute. Damit stellten sie die territoriale Integrität des Habsburgerreiches in Frage. Judson konzentriert sich zu sehr auf die Binnenverhältnisse in der Donaumonarchie. Es hätte nicht geschadet, wenn er das Reich stärker in europäischen Zusammenhängen verortet hätte. Der interne Nationalismus mag für das Reich weniger bedrohlich gewesen sein, als lange angenommen; der externe Nationalismus der Balkanstaaten jedoch war im Juli 1914 der Grund für den Entschluss der Wiener Regierung zum Krieg. Österreich-Ungarn war eine "bedrängte Großmacht" (Konrad Canis). Dieser äußeren Bedrängnis und ihrer destabilisierenden Wirkung auf die inneren Verhältnisse der Monarchie trägt Judson nicht genug Rechnung.

Das Buch bewegt sich auf einem relativ hohen Reflexionsniveau. Es eignet sich nicht als Gelegenheitslektüre und auch nicht für eine erste Annäherung an die Geschichte des Habsburgerreiches im 18. und 19. Jahrhundert. Fast einhundert Jahre sind seit dem Zerfall des Habsburgerreiches vergangen. Pieter Judson bietet mit seinem Buch einen Anstoß für die wohlwollende Neubetrachtung eines Vielvölkerstaates, der Ostmitteleuropa über Jahrhunderte geformt und geprägt hat. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im April 2017 bei Amazon gepostet)

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Cover des Buches Habsburg (ISBN: 9783406706530)Bellis-Perenniss avatar

Rezension zu "Habsburg" von Pieter M. Judson

Habsburg-Lothringen - ein Vielvölkerstaat mit einheitlicher Verwaltung
Bellis-Perennisvor 4 Jahren

Der amerikanische Historiker Pieter Judson beleuchtet die Habsburger Monarchie aus einem etwas anderen Blickwinkel als andere Historiker. Er lässt auch die Perspektive der Untertanen des Vielvölkerstaates zu.

Als Österreicherin und historisch durchaus gebildete und interessierte Leserin irritiert es mich anfngs allerdings, dass er das Buch „Habsburg 1740 – 1918“ nennt.
Die Habsburger herrschen bereits seit 1273 (Rudolf I.) als Nachfolger der Babenberger über die Österreichischen Erblande und erweitern bis 1740 ihre Ländereien durch geschicktes dynastische Heiraten, Erbschaften und (natürlich) durch Feldzüge. Unter Karl V. wird im Habsburger Reich „die Sonne niemals untergehen“, da das Reich seine größte Ausdehnung haben wird.

Mit dem Tod Karl VI, im Jahr 1740 erlischt die Österreichischen Linie im Mannesstamm, genauso wie Jahrzehnte zuvor die Spanische Linie (siehe „Spanischer Erbfolgekrieg
Ab 1740 (bis zu seinem Ende 1918) heißt das Herrscherhaus „Habsburg-Lothringen“, weil die Tochter Karls VI., Maria Theresia, 1736 Franz Stephan, den Herzog von Lothringen, heiratet. Franz Stephan muss zwar auf Lothringen verzichten, der Name aber bleibt (Er wird dafür mit dem Königreich Toskana entschädigt.)

Die Vorgeschichte bis 1740 ist dem Autor einige wenige magere Zeilen wert. (S. 38)

Wenn man aber die Bemühungen von Maria Theresia betrachtet, das Reich zu konsolidieren und die Verwaltung zu vereinheitlichen, dann kann man die Jahreszahl „1740“ als Beginn einer neuen Epoche wohl gelten lassen.

In acht Kapiteln untersucht der Autor nun den Vielvölkerstaat unter drei Aspekten: Die Entwicklung der staatlichen Verwaltung und seiner Institutionen, das Verhältnis zwischen Staat und seiner Gesellschaft sowie der Umgang mit den unterschiedlichen Nationalitäten.

Das Hauptaugenmerk liegt im 18. und 19. Jahrhundert in denen durch die Verwaltungsreform von Maria Theresia und ihren Nachfolgern, der Schlüssel zum Erfolg gelegt wurde. Nicht, dass die Durchsetzung der Reformen bei allen wirklich willkommen war, doch allein die Tatsache, dass sie in Angriff genommen und durchzogen wurde, ist zu bewundern.

Diese einheitliche Verwaltung zieht sich bis heute in Teilen der Behördenstruktur durch. Die so häufig verteufelte Kameralistik, die Gewaltentrennung, das Allgemein Bürgerliche Gesetzbuch (1811), der einheitliche Kataster (Franziszeischer Kataster 1817, zuvor der „Stabile Kataster“ unter Joseph II), die einheitliche Kartenwerke (1. – 3. Landesaufnahme), einheitliches Bildungswesen usw. usw.. Das alles sind die Errungenschaften seit 1740 zurückzuführen.

Jordan begleitet die Leser auf einer fesselnden Zeitreise vom absolutistisch geführten Erzherzogtum zur Doppel-Monarchie (1867 Ausgleich mit Ungarn) bis zum Zerfall nach dem Ersten Weltkrieg in die nachfolgenden Nationalstaaten.

Wer das Buch (576 Seiten reiner Lesestoff und noch viele Seiten Erklärungen, Fußnoten und weiterführende Literatur) zur Hand nimmt, erhält eine analysierende Geschichte einer Dynastie vorgelegt. Ohne die starke Bindung der Untertanen an die Herrscherdynastie, wäre das reich schon längst zerfallen. Das einigende und verbindende Band waren die Herrscher, sei es nun Maria Theresia, die ihre Weiblichkeit und Mutterrolle immer recht geschickt und mit Kalkül in Szene setzte, oder Joseph II, oder der „Biedermeierkaiser“ Franz II./I., der das erbliche Österreichische Kaisertum 1804 ausrief oder der längst dienende österreichische Monarch Franz Joseph. Selbst jene, die nur kurz herrschten wie Leopold II oder Ferdinand II prägten die Geschichte der Monarchie.

Bei ihren Bestrebungen eine möglichst einheitliche Monarchie zu gestalten, ließen sie ihren Völkern ihre lokalen Eigenheiten. Lediglich bei der Amtssprache „deutsch“ ließ man nicht mit sich reden. Eine Ausnahme bildete Ungarn, ds ursprünglich „Latein“ und dann ungarisch als Amtssprache hatte. Der jeweilige Herrscher begnügte sich mit sich mit der administrativen Vereinheitlichung ihrer Länder. Ein unparteiischer Verwaltungsapparat, Rechtsstaatlichkeit und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz (AGBG von 1811) sowie das Bekenntnis zur "Einheit in Vielfalt" waren die Grundlagen, auf denen das Reich bis zu seinem Zerfall ruhte.

Selbst so traumatische Erlebnisse wie die Napoleonischen Kriege (fünf an der Zahl) sowie die Revolutionen von 1848, die Ferdinand zum Abdanken und seinen Neffen Franz Joseph auf den Thron brachten, hielt der Vielvölkerstaat stand.

Im zweiten Teil seines Buches widmet sich Judson dem „Nationalismus“. Hier versucht der Autor anhand von vielen belegten Beispiel deutlich zu machen, dass nicht so sehr die Nationalitätenfrage am Untergang der Monarchie schuld war. Die einfache Bevölkerung fühlte sich vom Herrscherhaus beschützt. Der Mythos vom „Völkergefängnis“ versucht Judson zu entkräften. Es waren eher die hochadeligen Geschlechter, die sich gegen das Herrscherhaus auflehnten.

Der multinationale Staat galt über Jahrhunderte als Garant für Frieden und Stabilität, für Modernität und Wirtschaftswachstum. Die Völker am Rand des Reiches wie Galizien und/oder Bosnien-Herzegowina erwarteten wirtschaftliche Vorteile aus dem Habsburgerreich. Als diese Erwartungen mit dem Ende des Ersten Weltkrieg nicht mehr erfüllt werden konnten, zerbrach die Loyalität der Völker und damit der Staat.

Was mir aufgefallen ist, dass Judson die Beziehungen zwischen der Donaumonarchie und den anderen Balkanstaaten nicht näher betrachtet. Er konzentriert sich eher auf die „Binnenländer“ denn auf die umgebenden (National)staaten. Für mich beschäftigt sich Judson ein wenig zu isoliert mit dem Kaiserreich. Mir fehlen ein wenig die internationalen Beziehungen. Immerhin war ja das Attentat von Sarajewo das letzte Tüpfelchen auf die brennende Lunte, die den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat.

Fazit:

Dieses Buch ist nichts für jene Leser, die sich erstmals mit den Habsburgern beschäftigen, setzt es doch einiges Wissen voraus. Dafür empfehle ich „Die Familie Habsburg 1273-1918“ von Dorothy Gies McGuigan.
Für bereits „Fortgeschrittene“ in Sachen Habsburg, die sich auch mit der Österreichischen Verwaltung ein wenig auskennen (wollen), kann ich dieses Buch durchaus empfehlen.
Wegen der nur unzureichenden Hinweise auf die Zeit vor 1740 und den fehlenden Blick über den „Tellerrand“ was die Verortung des Reiches in Europa betrifft, kann ich diesmal nur 4 Sterne vergeben.

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