Pippa Goldschmidt

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Pippa GoldschmidtWeiter als der Himmel
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Weiter als der Himmel
Weiter als der Himmel
 (2)
Erschienen am 01.03.2015
Pippa GoldschmidtVon der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen. Storys
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Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen. Storys
Pippa GoldschmidtDer südlichste Punkt: Übersetzt von Zoë Beck
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Der südlichste Punkt: Übersetzt von Zoë Beck
Pippa GoldschmidtVon der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen
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Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen
Pippa GoldschmidtThe Falling Sky
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The Falling Sky
The Falling Sky
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Erschienen am 08.04.2013

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Rezension zu "Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen. Storys" von Pippa Goldschmidt

Astronomische Einsamkeiten
complitsevor 2 Jahren

Pippa Goldschmidts Erzählband Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen zieht uns unwiderstehlich hinein in die privaten schwarzen Löcher der Seelen von Astronominnen, Physikern und Mathematikerinnen. Ihre wissenschaftliche Tätigkeit fungiert als das Bühnenbild, in dem sich das Schauspiel des persönlichen Desasters entwickelt.

Pippa Goldschmidt ist selbst promovierte Astrophysikerin und Astronomin, sie arbeitete am Imperial College und für die Weltraumbehörde, da nimmt es nicht Wunder, dass ihr Schreiben größtenteils von Wissenschaft inspiriert ist, inhaltlich wie stilistisch. Ihr Stil ist nicht der üblicher akademischer Papers – denn die meisten Wissenschaftler sind eben nicht, wie Pippa Goldschmidt, gleichzeitig Absolventen des renommierten Creative Writing Kurses der University of Glasgow – aber er ist klar und präzise; es gibt kein überflüssiges Wort. Dies bei der Übertragung ins Deutsche zu erhalten, ist Übersetzerin Zoë Beck hervorragend gelungen.

Inhaltlich befassen sich fast alle Geschichten mit dem Berufs- und Privatleben von Naturwissenschaftlern, teils mit realen wie Robert Oppenheimer, den wir in Gleichung für einen Apfel durch seine unglückliche Zeit als Doktorant in Cambridge begleiten, oder Alan Turing, dessen Entwicklung des Turing-Test zur Überprüfung, ob Maschinen denken können, in Das Nachahmungsspiel mit der tragischen Geschichte um seinen Suizid verknüpft wird.

Das Dilemma manches Wissenschaftlers, wie er sich verhalten solle, wenn seine Forschung auf einmal zu unlauteren Zwecken eingesetzt wird, verhandelt Goldschmidt aber nicht am „Vater der Atombombe“ Robert Oppenheimer, sondern an einem namenlosen Team von Astronomen (in Sicherheitsüberprüfungen), was deutlich macht, wie viel alltäglicher dieses Dilemma ist.

Andere Erzählungen sind nicht nur fiktiv, sondern gehen ins Fantastische, etwa die wunderbare Geschichte um eine romantische Beziehung zu einem sprachgesteuerten Lift, oder die titelgebende Endzeit-Story Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen, in der unaufhaltsam Satelliten auf die Erde krachen. Trotz der extremen Situation bleibt der Erzählstil sachlich, selbst das Groteske wird lakonisch mitgeteilt – eine reizvolle Divergenz mit komischer Wirkung:

Einige der Trümmer waren groß genug, um es durch die Atmosphäre zu schaffen, und landeten auf unserer Terrasse, und wir fragten uns, warum es eigentlich so wichtig gewesen war, eine Kaffeetasse und einen Druckbleistift in den Weltraum zu schießen, und ob die Auswahl an Gedichtanthologien, die die Astronauten getroffen hatten, nicht doch etwas gewagt war. [S. 19/161]¹

Pippa Goldschmidt webt in diese wissenschaftlich basierten Geschichten häufig Genderthemen ein, zeigt die nach wie vor problematische Situation von Wissenschaftlerinnen (zum Beispiel in BBC Fernsehstudios, 2013 oder in Kampf um die Unsterblichkeit) und wirkt dem Cliché der asexuellen Naturwissenschaftlerin entgegen (so in Einführung in die Relativitätstheorie oder in Die Suche nach dunkler Materie). Sie selbst gendert dabei nicht, so dass in manchen Geschichten das Geschlecht der Erzählerin/des Erzählers nicht zu erkennen ist, weil es irrelevant ist. Mir ist das erst aufgefallen, als ich über diese Geschichten schreiben wollte, wodurch man (auf deutsch) meist gezwungen ist, sich für einen Artikel und eine Endung zu entscheiden.

Ihre Geschichten sind unterhaltsam, lehrreich und philosophisch. Sie werfen einen Blick darauf, wie unterschiedlich naturwissenschaftlich geprägte Gehirne mit Gefühlen umgehen können: mit Neid, den Robert Oppenheimer auf seinen Tutor Patrick Blackett verspürte; mit Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit, oder auch mit der Scham der Shoah-Überlebenden und ihrer Nachgeborenen wie in Keine Zahlen:

Als ich älter wurde und mit komplizierter Mathematik weiter machte, verstand ich, dass es zwei Kreise für zwei Zahlenmengen gab, und diese Zahlen bildeten der Reihe nach die Menschen ab, die die Lager überlebt hatten, und die Menschen, die umgekommen waren. Keine Schnittmenge bei den Kreisen, die Menschen waren entweder lebendig oder tot. Und man konnte unmöglich wissen, welche Zahl im Einzelnen in welcher Zahlenmenge war. Nichts was durch bloße Betrachtung eine Zahl von der anderen unterschied. Ich wusste nun, dass viele Zahlen eine versteckte Geschichte hatten, und ich fühlte mich nicht mehr wohl damit, Rechenaufgaben mit ihnen zu machen. Ganz so, als würde man auf Asche trampeln. Es war eine Erleichterung, von irrationalen Zahlen zu erfahren, wie Pi oder die Quadratwurzel aus zwei. [S. 25/161]

Gerade diese Geschichte hat ein starkes symbolisches Ende, dass ich hier natürlich nicht vorwegnehmen möchte.

Pippa Goldschmidt gehört zu meinen persönlichen Entdeckungen des Jahres 2016, auch wenn der Erzählband Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen bereits 2014 bei CulturBooks erschienen ist.

Diese Rezension war zuerst zu lesen auf meinem Literaturblog comparaison d'être


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FrankRudkoffskys avatar

Rezension zu "Weiter als der Himmel" von Pippa Goldschmidt

Die Stille nach dem Urknall
FrankRudkoffskyvor 3 Jahren

Eigentlich läuft alles bestens für Jeanette. Als frisch promovierte Astronomin hat sie die Weichen für ihre Zukunft gestellt und kann endlich entkommen: „Dem Zuhause, der Depression des Sofas, dem radioaktiven Leuchten des Fernsehers, dem außerirdischen Vakuum im Haus und der Zigarettenasche, die auf alles niederrieselt wie Erde auf einen Sarg.“ Trotzdem lässt sie die Vergangenheit nicht los. Ein tragischer Unfall aus ihrer Kindheit wirft einen Schatten, aus dem Jeanette noch immer nicht heraustreten kann: „Im Sommer, in dem Jeanette zehn Jahre alt ist, explodiert ihr Zuhause. Ein heftiger Blitz fegt durch alle Räume, entzieht ihnen Luft und Geräusche und Farben, macht alles blendend weiß, makellos still.“

Seit dem Ertrinken ihrer großen Schwester Kate, als Schwimmwunderkind der ganze Stolz ihrer Eltern, driftet die traumatisierte Familie auseinander wie nach einem Urknall. Es entsteht ein kaltes neues Universum mit scheinbar unumstößlichen Naturgesetzen: ein expandierendes Weltall ohne Schall, in dem niemand mehr über Kate spricht und sich alle immer weiter voneinander entfernen. Das jahrelange Schweigen fordert seinen Tribut: Die Schwerkraft der unterdrückten Trauer lässt Jeanettes Mutter in eine Depression versinken, während ihr Vater nach einem selbstverursachten Brandunfall aus der familieneigenen Umlaufbahn geschleudert wird und heimlich seinen Seelenfrieden in den Armen einer anderen Frau sucht. Jeanette hadert hingegen mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber der von allen bewunderten Schwester, die selbst im Tod, selbst im Schweigen noch immer im Mittelpunkt der Familie steht.

Auch als promovierte Astronomin muss Jeanette um Wahrnehmung kämpfen. Als eine der wenigen Frauen des Wissenschaftsbetriebs ist sie einem harten Konkurrenzkampf und herablassendem Sexismus ausgesetzt. Umso größer ist die Aufregung über ihre Entdeckung zweier Galaxien, die – entgegen der Gesetze der Standard-Urknalltheorie – miteinander verbunden zu sein scheinen. Weil Jeanettes Daten eindeutig sind, hält sie allen Widerständen zum Trotz an ihnen fest. Ein Affront: Ihre Entdeckung stellt schließlich nicht nur die gängige Lehrmeinung in Frage, sondern auch ein System, das von alten Männern und speichelleckenden Karrieristen verteidigt wird. Aufgrund ihrer Entdeckung erlebt Jeanette beruflich eine Berg- und Talfahrt, die sich auch im Privaten spiegelt. Zu Beginn des Romans herrscht in Jeanettes Leben noch gähnende Leere; von ihren Eltern entfremdet, wahrt sie auch zu ihren Mitmenschen zumeist Distanz und versteckt sich hinter nüchternem Sarkasmus. Dann lässt Jeanette jedoch erstmals seit Jahren Nähe zu und verliebt sich trotz Bindungsangst in ihre langjährige Freundin Paula – wohlwissend um das Risiko einer amour fou, die sie noch weiter aus der Bahn werfen könnte.

Jeanette will nicht weiter alleine durchs All trudeln, ist auf der Suche nach Verbundenheit und Nähe. Vor allem ist es aber die Verbindung zu ihrer Schwester, die sie verzweifelt zu halten versucht. Außer verblassenden Erinnerungen ist ihr nichts von Kate geblieben; als sie das Haus ihrer Eltern nach Gründen für Kates rätselhaftes Ertrinken durchsucht, entdeckt sie zum ersten Mal seit Jahren ein Foto von ihr – und stiehlt es kurzerhand. Selbst wenn sie in Sternwarten den Nachthimmel nach Beweisen für ihre Entdeckung absucht, ist sie in Gedanken stets bei Kate. Der Blick auf die Sterne ist schließlich immer auch ein Blick in die Vergangenheit. Für diejenigen, die sie von der Erde aus beobachten, leuchten sie weiter, selbst Jahrtausende nach ihrem Verglühen. Mit der Zeit richtet Jeanette ihren Fokus jedoch immer stärker auf die Dunkelheit: An ihrem Tiefpunkt kartografiert sie bloß noch die Leerstellen des Universums, sogenannte Voids, in denen das schiere Nichts zu herrschen scheint. Um ihren Frieden mit Vergangenheit und Gegenwart zu schließen, muss Jeanette das zentrale Postulat der familiären Urknalltheorie widerlegen: dass alle immer weiter auseinanderdriften müssen, bis es keine Verbindung mehr zwischen ihnen gibt.

„Weiter als der Himmel“ besticht vor allem durch Pippa Goldschmidts klare, bildhafte Prosa, die sich oft an Motiven aus der Astronomie bedient. Die häufigen Verweise auf das gemeinsame Forschungsgebiet von Autorin und Protagonistin – Pippa Goldschmidt ist selbst promovierte Astronomin – wirken dabei nie erzwungen, sondern spiegeln glaubwürdig Jeanettes Gedankenwelt und werden nicht selten durch Sprachwitz gebrochen. Trotz der melancholischen Grundstimmung nimmt der weibliche Blick auf den männerdominierten Wissenschaftsbetrieb stellenweise beinahe satirische Züge an. Auch die vielen wissenschaftlichen Fakten wirken wie selbstverständlich: Goldschmidt macht nicht den Fehler, ihre Figur alles erklären zu lassen – als Leser versteht man lediglich so viel wie nötig.

Einen Kritikpunkt habe ich allerdings: Die Verwendung der alten Rechtschreibung hat – passend zum Thema – ebenfalls etwas vom Festhalten an Vergangenem. Ich bin weißgott kein Freund der Rechtschreibreform, die in manchen Punkten eher zur Verwirrung als zur Erleichterung geführt hat. Dennoch hält diese Verwirrung – insbesondere für junge Leser – weiter an, wenn Verlage ihre Bücher nach uneinheitlichen Regeln publizieren. In Grammatiktests war ich als Schüler eine Niete – weil ich viel las, machte ich in Diktaten und Aufsätzen trotzdem fast nie Fehler. Nach dem Chaos der Reform droht heute das Gegenteil.

Natürlich trübt dies nicht den positiven Eindruck von Pippa Goldschmidts Romandebüt. „Weiter als der Himmel“ ist ein tieftrauriger, stellenweise amüsanter Roman und erlaubt darüber hinaus einen faszinierenden Einblick in die Welt der Astronomie – und das, ohne den Nachthimmel zu entmystifizieren. Eigentlich ganz schön zu wissen: Beim Blick in die Sterne werden selbst Astronomen zuweilen melancholisch.

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