In Die Geschichte in mir beschreibt der ehemalige Botschafter Rüdiger von Fritsch das ereignisreiche und turbulente Leben seiner Familie im Zeitraum zwischen 1940 und 2019.
Von Fritsch war 2010-2014 Botschafter in Warschau und anschließend bis 2019 Botschafter in Moskau. Bei der Recherche zu „Die Geschichte in mir“ griff er auf Gespräche mit seinen Eltern und Großeltern und Briefe seiner Großmutter Annie von Hahn zurück.
Seine Mutter Astrid, geborene von Hahn, stammt von einem Gut in Plonian im heutigen Litauen. Die Familie zählte zu den Deutschbalten und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Sowjets vertrieben.
Sein Vater Thomas stammte aus Dresden. Astrid und Thomas lernten sich kennen, als Thomas zum Generalkommissariat nach Kaunas entsandt wurde, wo er in der deutschen Besatzungsverwaltung tätig war.
Die beiden heirateten 1943 in Kaunas. Bei Religionszugehörigkeit stand bei Astrid „evangelisch“ und bei Thomas „gottgläubig“ mit dem Zusatz „früher evangelisch“. Als „gottgläubig“ wurden m Dritten Reich Menschen bezeichnet, die aus der Kirche ausgetreten sind, sich aber nicht als glaubenslos sahen. In den Reihen der SS gab es besonders viele „Gottgläubige“. Auf dem Hochzeitsfoto sieht man den Bräutigam in der Uniform eines SS-Obersturmführers.
Von Fritschs Erlebnisse in seiner Zeit in Warschau waren für mich besonders interessant. Er schreibt über Polens Ungleichbehandlung der DDR und der BRD zu Zeiten des Kalten Krieges „Das Dritte Reiche und der Nationalsozialismus, die Verwüstung Polens im Zweiten Weltkrieg fielen in den Verantwortungsbereich der Westdeutschen. (S. 282) „Die Ostdeutschen waren die Guten, Hitler war Westdeutscher.“ (Marianne Birthler, DDR-Oppositionelle).
Heute stehen Breslau und Danzig offen zu ihrer deutschen Vergangenheit, was ich von meiner Reise nach Breslau bestätigen kann. Auch ohne Polnischkenntnisse findet man sich gut zurecht, es gibt sogar deutsche Straßenschilder.
Über seine Zeit als Botschafter in Moskau schreibt von Fritsch: „Russland wandelt sich mehr und mehr vom autoritären Staat zur Diktatur, die das Land mit Angst regiert.“ (S. 316). Die politische Führung, die den Menschen keine gute Gegenwart und keine Glück verheißende Zukunft anbieten kann, trichtert dem Volk ein: „Aber die Vergangenheit war groß! Wie damals ist Russland von Feinden umgeben, die überall lauern und es bedrohen.“ (S. 319)
Der Vater des Autors war sein Leben lang überzeugter Nationalsozialist, es ist ihm jedoch nie gelungen, diese Überzeugung an seine Kinder weiterzugeben. Rüdiger von Fritsch machte schon als Abiturient eine Weltreise, er war und ist immer noch an anderen Völkern, Kulturen und Sprachen interessiert. Der Weg zum Auswärtigen Dienst war für ihn vorgezeichnet.
Seine Großmutter Annie sprach neben Deutsch Litauisch und Russisch. Sprachen liegen auch Rüdiger von Fritsch im Blut. Von seinen hervorragenden Polnischkenntnissen konnte ich mich selbst überzeugen, als ich mit ihm in Brüssel zusammengearbeitet habe.
Seine Großeltern mütterlicherseits wanderten nach Kanada aus, ein Vetter ist ebenfalls in den diplomatischen Dienst gegangen und wurde kanadischer Botschafter.
Die Geschichte in mir enthält viel historischen und politischen Input zum Zweiten Weltkrieg, dem Baltikum, Polen und Russland. Das Buch empfehle ich allen, die an diesen Themen interessiert sind. Ich fand es äußerst informativ und gut verständlich geschrieben. Von mir eine Leseempfehlung und fünf Sterne.