Raúl Argemí

 4.3 Sterne bei 10 Bewertungen
Autor von Chamäleon Cacho, Und der Engel spielt dein Lied und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Raúl Argemí

Raúl ArgemíChamäleon Cacho
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Chamäleon Cacho
Chamäleon Cacho
 (6)
Erschienen am 08.07.2010
Raúl ArgemíUnd der Engel spielt dein Lied
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Und der Engel spielt dein Lied
Und der Engel spielt dein Lied
 (4)
Erschienen am 14.07.2010
Raúl ArgemíSiempre La Misma Musica / Always the Same Music
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Siempre La Misma Musica / Always the Same Music

Neue Rezensionen zu Raúl Argemí

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Rezension zu "Und der Engel spielt dein Lied" von Raúl Argemí

Der Geige des Engels entkommt keiner
Stefan83vor 7 Jahren

Alle Jahre wieder im Herbst ist es dasselbe Phänomen. Pünktlich zur Buchmesse werfen die Publikumsverlage einen ganzen Schwall von Titeln des Gastlands auf den Markt, welche oft als „Entdeckung“ angepriesen in den Händen des interessierten Kunden landen, jedoch letztendlich nicht immer die hohen Erwartungen erfüllen können. Wie bei den meisten anderen Büchern so gilt auch hier: Richtige Perlen sind selten. Sie müssen gesucht werden. Es sei denn, man kann sich diese Suche abnehmen lassen, was mir im Falle des neuesten Werks von Raúl Argemí ein wahres Vergnügen ist, verdient doch dieser gerade mal knapp 180 Seiten umfassende Roman eine nähere und umfassendere Betrachtung.

Argentinien im Jahr 1978. Während sich das gesamte Land für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft um eine positive Außenwirkung bemüht, bekommt der junge Ganove El Negro von seinem Boss, dem Mafiosi Polaco, einen heiklen Auftrag erteilt. Er soll gemeinsam mit vier anderen Fahrern eine große Ladung Drogen über die chilenische Grenze schaffen. Eigentlich eine leichte Aufgabe, zumal das Transportunternehmen von den Führern der Militärjunta gedeckt wird. Doch El Negro ist vom Pech verfolgt. Als die Fahrer in eine mobile Straßenkontrolle der Polizei geraten, schlägt bei einem der Autos ein Drogenhund an. Ehe Negro überhaupt reagieren kann, sind zwei der Fahrer dem konzentrierten Kugelhagel mehrerer Maschinengewehre zum Opfer gefallen. Ein Debakel. Negro kann fliehen und kommt bei der wunderschönen Irma unter. Eine Femme Fatale, mit der ihn bald eine heiße Affäre verbindet. Bis zu dem Tag, an dem er verraten wird und für acht Jahre ins Gefängnis wandert.

Als er herauskommt, hat sich nicht nur Argentinien verändert. Aus dem jungen Kriminellen ist ein Mann geworden. Ein Mann, der sich nach Rache und nach der Liebe von Irma sehnt. Zu spät erkennt er, dass es sich bei der Frau um die Geliebte des Polaco handelt. Im Büro des alternden Mafiosi trifft man sich wieder … zur endgültigen Abrechnung.

„Und der Engel spielt dein Lied“ (2006 im Original veröffentlicht) ist nach „Chamäleon Cacho“, schon bereits der zweite im Unionsverlag erschienene Kriminalroman des in Barcelona lebenden argentinischen Schriftstellers Argemí, welcher zur Zeit der Militärdiktatur Jorge Rafael Videlas aktiver Mitstreiter der bewaffneten Guerilla war, im Jahre 1974 ins Gefängnis kam und erst nach der Einführung der Demokratie vier Jahre später frei gelassen wurde. Seine Zeit hinter Gittern hat er in seinen Werken verarbeitet, wobei er allerdings der Versuchung widersteht, die Taten beider Seiten in irgendeiner Art und Weise zu rechtfertigen oder moralisch zu legitimieren. Stattdessen streift er die politischen Themen nur skizzenhaft, während sich die eigentliche Handlung immer wieder um die sich gegenüber sitzenden Gangster El Negro und Polaco dreht. Diese Szene bildet den Kernpunkt des Romans, wird stets aufs Neue von Rückblenden unterbrochen, welche sich wiederum in verschiedenen Zeitebenen zutragen und Einblicke in die schmutzigen Geschäfte geben, die El Negro für seinen Boss erledigen musste.

Dieser Plotaufbau mit den Wechseln der Perspektive ist nicht nur äußerst geschickt und raffiniert, er macht „Und der Engel spielt dein Lied“ auch zu einem Buch mit enormer Sogkraft. Wie schon Landsmann Guillermo Orsi, der seinen Kriminalroman „Im Morgengrauen“ in einem Westernähnlichen Finale schließen ließ, so versprüht auch Argemís Werk dieses Flair von Highnoon. Stetige Anspannung liegt in der Luft. Man spürt förmlich, dass es irgendwann zum Ausbruch von Gewalt kommen muss. Getragen wird das Ganze von der Sprache des Romans, die in einem kurzen, lakonischen und sehr düsteren Ton gehalten ist und die die unterschwellige Hoffnungslosigkeit, welche man als Leser in allen beteiligten Figuren spürt, noch verstärkt. Wenn sich El Negro und Polaco über den Schreibtisch hinweg taxieren, wirkt es, als würde man über Pistolenläufe blicken. Knappe, schnelle Schnitte vermitteln eine durchaus vorhandene Dramatik, die aber versteckt im Untergrund brodelt und sich im erst im überraschenden Ende entlädt.

„Und der Engel spielt dein Lied“ ist ein sprachlicher und formaler Hochgenuss. Wie Argemí hier mit den Blickwinkeln arbeitet, die Handlung trotz ihrer Kürze Haken wie ein Hase schlagen lässt, das verdient höchste Beachtung. Bemerkenswert auch die Wahl seiner Figuren, welche allesamt dem kriminellen Milieu entstammen und dennoch nicht nur schwarz und weiß gezeichnet sind. Stattdessen zeigt er die Verflechtungen von militärischen und konventionellen Verbrechern, die zu Zeit der Diktatur Hand in Hand gearbeitet und sich beide in der Ausübung ihres Terrors nicht zurückgehalten haben. Ohne den Erzählfluss zu stören oder dies zum zentralen Thema zu machen, deutet Argemí die natürliche Symbiose von Diktatur und Verbrechertum an. Zwei Elemente, welche einander brauchen und dafür auch gemeinsam gegen Oppositionelle vorgehen. El Negro ist dabei unpolitisch geblieben, wenngleich sogar er den Widerspruch erkennt (Der deutsche Leser fühlt sich eventuell ein wenig an die Olympischen Spiele von 1936 erinnert): Einerseits ein Argentinien, das Heimat für viele Vertriebene (Ein Großteil der argentinischen Bevölkerung hat seine Wurzeln in Europa. Besonders in Italien, Deutschland oder Spanien. Oder wie in Polacos Fall in Polen) bietet und sich zur WM weltoffen zeigt. Und anderseits ein Argentinien, das jeglichen Aufstand im Keim ersticken will und gegenüber Gegnern des Systems keine Gnade zeigt. Dieser Gegensatz spiegelt sich untergründig und subtil erzählt im Handeln der beteiligten Figuren wieder.

Trotz seiner Kürze und dem ruhigen, unspektakulären Ton ist „Und der Engel spielt dein Lied“ ein äußerst eindringlicher, fesselnder und hervorragend übersetzter (!) Kriminalroman, der mit Passagen wie dieser nachhaltig in Erinnerung bleibt:

(…) „Was willst du machen, Kleiner, das Leben ist wie ein Tango, so ist das nun mal. Wenn du auf die Welt kommst, greift ein Engel nach der Geige und spielt eine Melodie, nach der du dein Leben lang tanzen wirst. Immer dasselbe Lied. Bei deinen Geschäften, bei deinen Freunden, bei allem. Und wenn du als Mann geboren wurdest, hast du es verschissen, denn mit den Frauen tanzt du auch immer nach demselben Lied. Der Geige des Engels entkommt keiner.“ (…)

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Rezension zu "Chamäleon Cacho" von Raúl Argemí

Rezension zu "Chamäleon Cacho" von Raúl Argemí
Gospelsingervor 8 Jahren

In einem argentinischen Provinzhospital erwacht ein Journalist nach einem Verkehrsunfall, unfähig, sich zu bewegen und vollgepumpt mit Medikamenten.
Im Nebenbett liegt ein bis zur Unkenntlichkeit verbrannter indianischer Exorzist, der anfängt, im Delirium zu reden.
Ein gefundenes Fressen für einen Journalisten, denn die Rede ist von Cacho, genannt „Das Chamäleon“, einem Schwerverbrecher, der die Namen und Identitäten wechselt wie andere ihr Hemd. Ist der Sterbende es vielleicht sogar selbst?
Ich fand die Geschichte erst einmal völlig verwirrend. Im Delirium über unterschiedliche Personen und über unterschiedliche Identitäten des Chamäleons Erzähltes wechselt so schnell mit der Beschreibung der Gegenwart, dass ich beim Lesen manchmal selbst das Gefühl hatte, im Delirium zu sein.
Aus dem ich am Ende mit einem Knall erwachte, so überraschend ist es. Und plötzlich wurde alles Vorhergehende verständlich.
Ein etwas anderer und sehr raffiniert geschriebener Krimi, der so ganz nebenbei die Probleme der argentinischen Gesellschaft andeutet.

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