Rafael Chirbes

 3.6 Sterne bei 54 Bewertungen
Autor von Am Ufer, Die schöne Schrift und weiteren Büchern.
Rafael Chirbes

Lebenslauf von Rafael Chirbes

Rafael Chirbes, geboren 1949 in Tabernes de Valldigna bei Valencia, studierte in Madrid und lebt heute als freier Publizist in Beniorbeig /Alicante.

Alle Bücher von Rafael Chirbes

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Am Ufer

Am Ufer

 (14)
Erschienen am 14.12.2015
Die schöne Schrift

Die schöne Schrift

 (10)
Erschienen am 09.07.2007
Der Fall von Madrid

Der Fall von Madrid

 (10)
Erschienen am 06.06.2006
Krematorium

Krematorium

 (5)
Erschienen am 23.02.2012
Der Schuss des Jägers

Der Schuss des Jägers

 (3)
Erschienen am 03.02.2006
Paris-Austerlitz

Paris-Austerlitz

 (3)
Erschienen am 24.08.2016
Der lange Marsch

Der lange Marsch

 (4)
Erschienen am 06.06.2006
Am Mittelmeer

Am Mittelmeer

 (2)
Erschienen am 01.01.2003

Neue Rezensionen zu Rafael Chirbes

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Giselle74s avatar

Rezension zu "Paris - Austerlitz" von Rafael Chirbes

Von der Liebe
Giselle74vor 4 Monaten

Dieser posthum veröffentlichte Roman des bekannten spanischen Schriftstellers Rafael Chirbes erzählt eine ganz gewöhnliche Liebesgeschichte. Man lernt sich kennen, zieht noch im ersten Taumel zusammen, der Alltag bricht irgendwann herein, die ersten ernsteren Zwiste folgen und irgendwann trennt man sich wieder. Auch das einer der Liebenden innigere Gefühle hat, eifersüchtiger ist, die Trennung nur schwer akzeptieren kann, gehört, platt gesagt, zum Lauf der Dinge.
Der junge Ich-Erzähler strandet ohne Geld und Unterkunft in Paris, geflohen vor seiner dogmatischen Familie. Künstler möchte er sein, Geschäftsmann soll er werden. Er lernt den erheblich älteren Arbeiter Michel kennen, einen lebendigen, großherzigen Mann, der ihn aufnimmt und mit durchfüttert. In der Phase der ersten Verliebtheit merkt der junge Mann nicht, was der Preis dieser Fürsorge ist: Michel wünscht seine ungeteilte Aufmerksamkeit, die totale Aufgabe aller anderen Kontakte und Wünsche. Nach einem Besuch bei seinen Eltern kommt es zum Bruch, der junge Mann zieht aus. Er erträgt die erzwungene Nähe nicht mehr.
So weit, so altbekannt. Doch nun kommt "die Plage" ins Spiel. Michel erkrankt daran, an eine Rettung ist nicht zu denken. "Die Plage", nie wird diese Erkrankung beim richtigen Namen genannt, aber es liegt nahe, ist AIDS. Chirbes beschreibt den Niedergang, den Verfall Michels. Er erzählt, wie der junge Mann zunächst panisch auf jedes Erkrankungszeichen seinerseits achtet, fest davon überzeugt, er müsse nun auch sterben. Wie er den Anblick Michels, das sich an ihn Klammern einer aufgegebenen Liebe nur schlecht erträgt. Muss man sich im Angesicht eines Todkranken zusammenreißen? Muss man ihn pflegen, ihm helfen, obwohl man sich dazu nicht imstande fühlt? Gibt es Verpflichtungen aus vergangenen Tagen, obwohl die Beziehung beendet ist?
Streckenweise ist es mir schwer gefallen, weiterzulesen. Zu genau kenne ich die Abläufe im Krankenhaus, die notwendigen Hilfestellungen bei Totkranken.Ich kann aber auch verstehen, dass man davor zurück schreckt, die Veränderung eines vertrauten Menschen einfach nicht erträgt.
Chirbes schreibt recht nüchtern, die Fragen nach Moral, nach der richtigen Verhaltensweise muss der Leser sich schon selbst stellen und beantworten. Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich diese Geschichte nicht so berührt hat, wie sie sicherlich hätte können. So habe ich das Buch leider recht gleichmütig zugeklappt. Der Gedanke allerdings, was eine Erkrankung wie AIDS mit den Betroffenen und ihrem Umfeld macht, der hat mich lange verfolgt.

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Buecherschmauss avatar

Rezension zu "Paris-Austerlitz" von Rafael Chirbes

Abgesang einer Liebe
Buecherschmausvor 2 Jahren

Am 15.August 2015 starb der spanische Autor Rafael Chirbes im Alter von 66 Jahren.
Chirbes war nicht nur einer der bedeutendsten Schriftsteller seines Landes, er war auch einer der schärfsten Analytiker der spanischen Gesellschaft seit den Zeiten des Bürgerkriegs.
1990 erschien sein erster Roman, „Mimoun“, auf Deutsch. Und zeitweise war Rafael Chirbes in Deutschland erfolgreicher als in seinem Heimatland.
Mit diesem ging er stets hart ins Gericht, thematisierte immer wieder, dass Spanien seine Vergangenheit nie offen aufgearbeitet hat, die durch den Bürgerkrieg entstandenen Gräben nur locker zugeschüttet wurden. Auch mit der Nachkriegsgesellschaft kannte er kein Pardon. Die Verlogenheit, der Materialismus der Mittel- und Oberschicht, besonders auch das Umgehen mit dem Wirtschaftsboom und dann der Wirtschaftskrise, in der immer nur die „Kleinen Leute“ die Verlierer waren, vor allem auch die Immobilienblase, die in Spanien besonders ausgeprägt war, waren ihm als altem „Linken“ ein Dorn im Auge.
So wurde er mit seinen Romanen, begonnen mit dem wunderbaren „Die schöne Schrift“ bis zu „Am Ufer“ zum unbestechlichen Analytiker und Chronisten der spanischen Gesellschaft. Dabei verpackte er seine Themen meist in generationenumspannenden Familiengeschichten und wurde mit den Jahren zunehmend komplexer und auch umfangreicher. Trotz der zahlreichen Auszeichnungen, die gerade seine jüngeren Werke bekamen, tat das den Texten nicht immer gut.
Nun erschien aus dem Nachlass ein Werk, an dem Chirbes wohl seit mehr als zwanzig Jahren gearbeitet hatte und das mit nur 160 Seiten an die schmalen Werke seiner Frühzeit anknüpft. Auch thematisch bildet es mit „Mimoun“ eine Art Klammer. Denn es ist wie dieses ein sehr persönliches Buch geworden.
Es spielt in den frühen 90 er Jahren in Paris. Der junge Ich-Erzähler, Sohn aus begütertem Haus und Maler, flieht aus dem für ihn eng gewordenen Madrider Elternhaus in die französische Hauptstadt. Dort lernt er den wesentlich älteren Arbeiter Michel kennen. Die beiden werden ein Paar. Der unkomplizierte Michel fasziniert den Erzähler zunächst durch seine Andersartigkeit, seine Leidenschaftlichkeit, seine ausschweifende Sexualität.
"Ein Typ, dem es genügte, wenn der Lohn bis Monatsende und zum Ausgehen mit dem Freund am Wochenende langte; der zufrieden damit war, durch die Stadt zu streunen, ins Kino zu gehen, in einen Animierclub, zu einem Abendessen, trinken und lachen, sich berühren, Liebeserklärungen abgeben, die mit steigendem Alkoholpegel immer feuriger wurden(…)“
Doch nach und nach sind es gerade diese Dinge und Michels bedingungslose, besitzergreifende Liebe, die den Ich-Erzähler zunehmend erdrücken und schließlich gar abstoßen. Es kommt zum Bruch.
Erzählt wird die Geschichte rückblickend, das Ende vorwegnehmend. Michel ist mittlerweile an einer Krankheit, sie wird nicht ausdrücklich benannt, aber es wird wohl AIDS sein, tödlich erkrankt. Der Erzähler zieht sich noch mehr zurück, benennt auch Widerwillen, Abwehr und Angst.
„Und mich ärgerte die Willfährigkeit, mit der er sich hatte packen lassen, dass er es der Krankheit so leicht gemacht hatte. (…) In jenen Tagen wollte mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass dieses Übel im Grunde Ausdruck von mangelndem Ehrgeiz, ja sogar von fehlendem Stolz sei.“
In einer grausam genauen Selbstbefragung durchlebt der junge Maler noch einmal die Stationen dieser Liebe, nicht chronologisch, sondern in Erinnerungsbruchstücken, in denen Chirbes Zeit- und Perspektivebenen kunstvoll ineinander verwebt. Zunächst nach einer Selbstrechtfertigung klingend, wird die Analyse immer mehr auch zu einer Selbstanklage. Nachdem der junge Spanier eine Weile bereitwillig in die Parallelwelt der schäbigen Wohnungen, der Alkohol- und Drogenexzesse, des ausschweifenden Sex eingetaucht ist, wird er ihrer doch bald überdrüssig. Die sozialen Schranken, die die beiden Männer voneinander trennen kann auch die Liebe nur schwer überwinden. Bei aller Intimität des Erzählten, kommt bei Rafael Chirbes so doch auch wieder die Klassenfrage zum Tragen, werden soziale Muster aufgezeigt, drängt das Politische ins Private.
Chirbes schreibt ungeheuer intensiv und dicht, unsentimental und kühl, schreckt auch vor expliziten Schilderungen von Sexualität nicht zurück, ohne jemals voyeuristisch zu sein. Er schafft dadurch ein sehr atmosphärisches Buch, das gerade durch seine Offenheit und Wucht sehr zu berühren vermag.
Es ist sehr traurig, dass „Paris-Austerlitz“ das letzte Werk von Rafael Chirbes bleiben wird.

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JulesBarroiss avatar

Rezension zu "Paris-Austerlitz" von Rafael Chirbes

Gefangen in Liebe und Verlangen
JulesBarroisvor 2 Jahren

Paris-Austerlitz - Rafael Chirbes (Autor), Dagmar Ploetz (Übersetzerin), 160 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH (24. August 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3956141225

 „Je t`ai eu, ich hab dich gefangen.“ (Seite 28). Dieser Satz bezieht sich nicht nur auf die Liebe als tödliche Falle, sondern auch als unheilvolle Prophezeiung auf vieles andere in diesem mitreißenden Buch. Auf das Gefangensein in unnötiger und betäubender Arbeit oder auch gefangen sein in der verachtenswürdigen Existenz derer, die nicht arbeiten müssen. Aber auch das Gefangensein in Einstellungen wie, auf keinen Fall bürgerlich zu sein, auf keinen Fall als Moralist zu gelten. Gefangen sein in den eigenen inneren Widersprüchen.

Rafael Chirbes, mit Sicherheit einer der bedeutendsten spanischen Gesellschaftschronisten der letzten Jahrzehnte erzählt hier die Geschichte von zwei Menschen:

Ein junger, linker und homosexueller Maler verlässt Madrid, um der drückenden Atmosphäre seiner bürgerlichen Familie zu entfliehen. Angezogen wird er von der schillernden, künstlerischen Atmosphäre von Paris. Er trifft Michel, viel älter als er, aus einer total anderen sozialen Schicht: ein französischer Arbeiter, mit einer von Armut geprägten Kindheit und Jugend, ohne Vater aufgewachsen, oft betrunken, neidisch und besitzergreifend. Ein Mann von großer Durchschnittlichkeit aber auch von erotischer Gefräßigkeit. Die Handlung spielt in einem Armenviertel von Paris, abseits der touristischen Routen, bewohnt von Migranten und Ausgestoßenen, die Drogen, Alkohol und Sex konsumieren. Doch schon bald droht die Enge der Beziehung ihn zu ersticken, und seine Arbeit als Maler leidet.

Es ist die Geschichte einer Liebe in Paris von der ersten Verliebtheit an, über Zärtlichkeit und Leidenschaft bis zum Verschwinden der Begierde. Aber die Geschichte ist viel mehr: eine tiefe Reflexion über den Egoismus des menschlichen Verhaltens, über die Erbarmungslosigkeit des Todes, über den menschlichen Zustand in unserer Zeit. Eine intime und traurige Geschichte um die Frage: Rechtfertigt es die Liebe, das Leben über Bord zu werfen, auch wenn sie nicht mehr als "Verlangen" ist. Und durch alles weht der unverkennbare Hauch eines existenziellen Pessimismus, der gespeist wird durch den Glauben an die Notwendigkeit, nachhaltig zu lieben, und zur gleichen Zeit, durch unsere Unfähigkeit, die Fülle der Liebe zu verlängern.

Rafael Chirbes schreibt schonungslos, analytisch und ohne Sentimentalitäten. Eine intensive Prosa, prägnant, direkt und kompromisslos. Eine Erzählordnung fehlt. Ich habe sie auch nicht vermisst. Und auch der Leser, der einem zeitlichen oder logische Mustern zu folgen gewohnt ist, wird sehr schnell in den Bann dieses großartigen Romans gezogen, vor allem mit bildgewaltigen Formulierungen, wie „Paris blieb draußen, das unerschütterliche Tier aus Eis, die rauen Schuppen seiner Steine und der scharfe Schiefer seiner Dächer.“ (Seite 76)

Mich fasziniert die Rohheit seiner Sprache, die das Leben beschreibt, wie es ist – „manchmal legte sich meine Mutter auch zu mir ins Bett und wärmte mich. Und weißt du, was ich von Nächten, in denen wir zusammenschliefen, erinnere? Dass sie nach fremdem Schweiß roch und ich mich ekelte, auch wenn ich wusste, was immer sie tat, sie tat es für mich und meine Brüder" (S. 60/61).

Jetzt ist das der letzte Roman von Rafael Chirbes, erst nach seinem Tod veröffentlicht. Manche sehen im letzten Werk eines Schriftstellers sein literarisches Vermächtnis. Das wäre vielleicht zu hoch gegriffen. Ich ziehe lieber einen Vergleich zu seinem ersten Roman „Mimoun“, der ihn berühmt machen sollte. Ein junger Mann sucht die Erfahrung der Fremde in einem marokkanischen Nest, Mimoun. Aber er gerät unter Nachäffer und Amoksäufer. Ein Buch über die Lebensgier in uns und die Fremde um uns. Ein Buch über die Einsamkeit, den Tod und die Vergeblichkeit, den Sinn des Lebens in der Fremde zu finden.

In beiden Romanen, Paris-Austerlitz und Mimoun, konzentriert er sich weniger auf eine Gruppe von Menschen als vielmehr auf das Individuum und er spricht über Gefühle einzelner Menschen. Sie sind intimer und autobiographischer als seine anderen Werke. Sie scheinen mir wie ein Rahmen, in denen der Rest seiner Arbeit sich entwickelt hat, die große Chronik Spaniens von 1936 bis 2015.

Ein rauer, beeindruckender und beunruhigender Roman, dessen Faszination sich kein Leser entziehen kann.

 

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/paris_austerlitz-1216/

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