Rafael Chirbes Am Ufer

(14)

Lovelybooks Bewertung

  • 17 Bibliotheken
  • 1 Follower
  • 3 Leser
  • 5 Rezensionen
(5)
(5)
(3)
(1)
(0)

Inhaltsangabe zu „Am Ufer“ von Rafael Chirbes

Esteban hatte sich als junger Mann ein anderes Leben erträumt, ist aber in der Familienschreinerei hängengeblieben. Anders als sein sozialistisch strenger Vater will er wie alle anderen auch sein Stückchen vom großen Immobilienkuchen. Und als sein Vater alt und nicht mehr handlungsfähig ist, investiert er das im Familienbetrieb erarbeitete Geld in eine Baufirma. Doch die Firma geht pleite und mit ihr die Schreinerei. Insolvenz, die Mitarbeiter stehen auf der Straße, selbst die kolumbianische Pflegerin des alten Vaters kann nicht mehr bezahlt werden. Doch Esteban ist auch mit siebzig noch ein vitaler Mann. Und er ist Realist. Eine Perspektive für die Zukunft sieht er nicht – und zieht die Konsequenzen.

Stöbern in Romane

Der Vater, der vom Himmel fiel

Ein "Glücksgriff" in Buchform: Witzig, geistreich, einfach.nur.zum.Brüllen.komisch - und so wahr ;) 5 Sterne reichen hier nicht aus ;))

SigiLovesBooks

Underground Railroad

Eine tolle Heldin, die trotz aller Widrigkeiten nie aufgibt und immer wieder aufsteht, auch wenn es das Schicksal nicht gut mit ihr meint.

Thala

Swing Time

Eine sehr lange, gemächliche Erzählung, der streckenweise der Rote Faden abhanden zu kommen scheint. Interessanter Schmöker.

kalligraphin

Vintage

Überraschend gute und spannende Unterhaltung für jeden Blues- und Rock'n'Roll-Fan und alle die es noch werden wollen!

katzenminze

Die Geschichte der getrennten Wege

Fesselnd und langatmig, mal begeisterte mich der Roman, mal las ich quer. Ein gemischtes Leseerlebnis.

sunlight

Wie der Wind und das Meer

Liebesgeschichte, die auch einen Teil der deutschen Geschichte wiederspiegelt - mir fehlten die Emotionen

schnaeppchenjaegerin

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Ecce homo

    Am Ufer
    JulesBarrois

    JulesBarrois

    05. December 2014 um 08:52

    Der siebzigjährige Tischler Esteban hat seine Ersparnisse und eine aufgenommenen Hypothek auf Haus und Betrieb in ein windiges Immobilienprojekt seines Freundes Pedro gesteckt. Das Projekt ist pleite und Pedro abgehauen. Die Zwangsvollstreckung steht bevor, die Angestellten sind gekündigt. In einem Rückblick berichtet Esteban über seine Familie in den fiktiven Orten Olba und Misent, bis hin zur Francozeit. Er zeigt die Entwicklung Spaniens in den letzten 70 Jahren auf, schonungslos mit kräftigen Worten. Die Kritik am Neoliberalismus und am Verkauf von Traditionen zugunsten des schnellen Geldes, an Spaniens Verhältnis zur Franco-Zeit und massenhaften Bausünden fasst Chirbes in atemberaubende Bilder, Allegorien und Landschaftsbeschreibungen. „Die Lagune, die bei seiner Ankunft wie eine flüssige Stahlschicht wirkte, zeigte jetzt etwas zart Sanftes, den Widerschein von altem Gold. Funkelndes Kupfer an den Wasserrippen, die der Wind aufwirft. (Seite 22) Das Beziehungsnetz seiner Figuren und ihrer Reden, wobei die Handlung ruhig zurück treten kann, entwirft eine komplette Philosophie des Lebens. Faszinierend diese bittere neorealistische Abrechnung mit einem ganzen Jahrhundert und seinen Ideologien. Es geht nicht nur um Spanien. Es ist nur ein Beispiel für die Verhaltensweisen unserer Zeitgenossen in ganz Europa und darüber hinaus. „Wir selbst haben binnen weniger Jahre diesen Status erreicht, frönen dem Sinnentrug, dass wir alle Herren sind. (Seite 78) Raphael Chirbes beschreibt den Zustand der Menschenseele in den westlichen Gesellschaften. „Das Menschenleben ist die größte ökonomische Verschwendung der Natur: Wenn du gerade mal anfangen konntest, aus all dem was du gelernt hast, Nutzen zu ziehen, stirbst du. (Seite 28) Dabei schwingt er sich nicht zum moralischen Richter auf, sondern protokolliert lediglich mit genauem Blick und dicht am Puls der Zeit. Rafael Chirbes wechselt die Tonarten genauso geschmeidig wie glaubhaft und erschafft mit Esteban eine sehr tiefgründige Figur, entwirft stimmige Beziehungsnetze, gibt seinen Charakteren deutliche Konturen und verknüpft virtuos die Zeiten. Das ist erzählerische Kunst vom Feinsten, anspruchsvoll und elegant. Für alle Freunde anspruchsvoller literarischer Feinkost.

    Mehr
  • Finanzkrise und Familiengeschichte

    Am Ufer
    uli123

    uli123

    02. July 2014 um 21:34

    Esteban, ein 70 Jahre alter Spanier, führte bis vor kurzem die Familienschreinerei, die von seinem Großvater gegründet wurde und die er von seinem Vater erbte und selbst in den finanziellen Ruin steuerte, weil er auch vom Bauboom profitieren wollte und Geld in eine Baufirma investierte, die pleite ging.   Der Roman ist über 400 Seiten lang und eng bedruckt. Die Lektüre habe ich als sehr beschwerlich empfunden. Zum einen wechselt nämlich die Erzählperspektive häufig und unvermutet. Zum anderen gibt es nur wenig Handlung. Im Wesentlichen sinniert und monologisiert Esteban über sein Leben und den traurigen Stand der Dinge in der kleinen spanischen Stadt Olba, in Spanien und der Welt. Das Ufer aus dem Buchtitel ist Symbol für die Lage in Spanien. Das Flussufer ist eine Müllhalde für alle Arten von Abfällen einschließlich chemischer Abfälle und Leichen von Tieren und Menschen. Esteban grübelt und spricht mit seinen Freunden in der Bar über Themen wie Globalisierung, Einwanderung, Korruption. Er sucht nach den Gründen für den Zusammenbruch, an dem er als Täter und Opfer beteiligt ist. Das Buch zeichnet ein sehr düsteres Bild des gegenwärtigen Spaniens. Zugleich erfahren wir die interessanten Lebensgeschichten von Esteban, von seinem Großvater, der am Ende des spanischen Bürgerkriegs mit einem Genickschuss getötet wurde, und von seinem Vater, einem überzeugten Sozialisten, der sich nach dem Bürgerkrieg den Francisten stellte und dann eine Haftstrafe absaß. Das ist eine gute Einführung in die uns Deutschen ja doch eher unbekannte spanische Geschichte des 20. Jahrhunderts.   Wer sich an einen anspruchsvollen Stoff heranwagt, ist mit dem Buch gut bedient.

    Mehr
  • Große Literatur, ein Genuss zu lesen

    Am Ufer
    Gwhynwhyfar

    Gwhynwhyfar

    29. April 2014 um 14:32

    Der siebzigjährige Tischler Esteban hat seine Ersparnisse und eine aufgenommenen Hypothek auf Haus und Betrieb in ein windiges Immobilienprojekt seines Freundes Pedrós gesteckt. Das Projekt ist pleite, Pedro abgehauen. Die Zwangsvollstreckung steht bevor, die Angestellten sind gekündigt. In einem Rückblick berichtet Esteban über seine Familie in den fiktiven Orten Olba und Misent, bis hin zur Francozeit. Die Landschaft erinnert in der Beschreibung an die Dénia bei Alicante (Residenz des Autors). Er beschreibt eine zerrissene Landschaft voll von Bauruinen zwischen Meer und Sumpf, beschreibt arbeitslose Menschen, osteuropäische Nutten, schwelender Hass auf Migranten. Die Köpfe der Spekulanten haben mit dem Platzen der Immobilienblase das Land verlassen, nicht vergessen, ihr Vermögen mitzunehmen. Chirbes analysiert die Entwicklung Spaniens in den letzten Jahrzehnten. Ein Bauernstaat, der ganze Landstriche verkaufte, bebaute, selbst die spanische Seele verhökerte. Er beschreibt den Traum vom Häuschen für Jedermann, vom Leben im Luxus, ein Traum, der einer ganzen Generation verkauft wurde. Ein Protagonist berichtet, früher war man froh, eine Arbeit als Orangenpflücker zu haben, das war eine anständige Arbeit. Das würde heute keinem Jugendlichen genügen. Dafür gibt es die Marokkaner. Er selbst habe auch seinen Job verloren, aber er sei froh, wenigstens als Straßenkehrer etwas gefunden zu haben. Rohbauten im Höhenrausch, eine verbaute Küste und in der Hinterhand der morastige Sumpf. Der Sumpf steht für die Gesellschaft, die im Morast erstickt. In gut 400 Seiten versucht Rafael Chirbes (aus Valencia stammend) aus der Sicht verschiedener Protagonisten zu erklären, wie es zu der Krise kam. Esteban spielt Karten mit einem Teerpappenfabrikanten, einen Mann, der Flüchtlinge aus Afrika schleust, den Leiter der Sparkasse und einen Weinkritiker, die alle zu Wort kommen, ebenso die Südamerikanerin, die Esteban bei der Pflege des dementen Vaters hilft und mit der er ein Verhältnis hat und sein marokkanischer Freund. Ein Land in der Krise, in dem Migranten keinen Platz mehr haben, weil viele arme Spanier nicht mehr wissen „wie der Kühlschrank zu füllen ist“. Krise an allen Ecken: die Krise in der Familie, die Krise die Esteban in sich selbst trägt, der alles im Leben falsch machte, Sinneskrise bei den Menschen, die gierig nach mehr trachteten, Baukrise, politische Krise, Wirtschaftskrise. Schnelles Geld führt zu nichts. Man sollte als Hintergrundwissen immer bedenken, dass Chirbes Kommunist ist. Er zeigt die Entwicklung Spaniens in den letzten 70 Jahren auf, schonungslos mit kräftigen Worten. Er ist weder besserwisserisch noch zukunftsweisend. Große Literatur, ein Genuss zu lesen, allerdings nicht ohne Beklemmung. Ein Roman, der lange nachhallt und im Leser weiterklingt.

    Mehr
  • Von einem Land, das sich nicht nur wirtschaftlich in einer großen Krise befindet

    Am Ufer
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    12. February 2014 um 12:29

      Mit einem Zitat aus einer Besprechung in der spanischen Zeitung El Pais wirbt der Verlag für das neue Buch des spanischen Schriftstellers Rafael Chirbes: „Am Ufer ist ein großer Roman, den jeder lesen sollte, der den Schrecken verbreitenden Auftakt des 21. Jahrhunderts besser verstehen will. Eine Zeit ohne Götter, gespickt mit Karrieristen und korrupten Handlangern, in der das Finanzkapital, sekundiert von konservativen Regierungen und unter Duldung der Sozialdemokraten mit der Wohlstandsgesellschaft und sozialer Marktwirtschaft aufgeräumt hat.“   Das klingt nach einem weiteren kritischen Roman über die Finanzkrise und ihre Folgen. Doch der über 400 eng bedruckte Seiten lange Roman ist weit mehr als das. Esteban, ein fast siebzigjähriger Schreiner, der bei waghalsigen Spekulationen( zu denen ihn keiner gezwungen hat) das ganze Kapital der seit Generationen in Familienbesitz befindlichen Schreinerei verloren hat, erzählt nicht nur seine eigene Lebensgeschichte, sondern auch die seines Großvaters, der am Ende des spanischen Borgerkriegs mit einen Genickschuss getötet wurde und seines Vaters. Der liegt, fast neunzigjährig, bettlägerig zu Hause und wird von Esteban, der zeit seines Lebens ledig geblieben ist, mit Hilfe von Liliana, einer Kolumbianerin, gepflegt. Dieser Vater war überzeugter Sozialist und hatte sich auf Drängen seiner Frau nach dem Bürgerkrieg den Francisten gestellt und dann eine Haftstrafe abgesessen.   Auch die Geschichten und Schicksale vieler weiterer Personen werden von Esteban in dem zentralen zweiten Kapitel des Buches, das sich schier endlos über fast 400 Seiten hinzieht, erzählt. Da sind Estebans Geschwister: Carmen, die in Barcelona lebt, der früh verstorbene Bruder Germain und der Windhund Juan, der nur nach Hause kommt, wenn er Geld braucht.   Mit Bernal, einem Teppichfabrikant, Justino, der mit Menschenhandel viel Geld verdient und Carlos, dem Leiter einer Sparkasse, spielt Esteban regelmäßig Karten. Ähnlich wie der aus einer Falangefamilie stammenden Weinkritiker Francisco Marsal, ein Jugendfreund Estebans, der Estebans große Jugendliebe Leonor geheiratet hat, haben sie im Gegensatz zu dem alten Schreiner jeder sein mehr oder weniger dunkles Geschäft gemacht, während Esteban, von seinem Vater quasi zur Übernahme des Familienbetriebs gezwungen, nie wirklich sein Glück gefunden hat. Im Gegenteil. Er fällt den falschen Versprechungen des Bauunternehmers Pedros zum Opfer, der ihn um sein komplettes Vermögen bringt.   Mit Esteban hat Rafael Chirbes eine Figur erschaffen, mit dem er tiefgründig und glaubhaft ein Stück spanischer Geschichte seit dem Bürgerkrieg erzählt, der noch immer ein in Spanien nicht wirklich verarbeitetes Trauma darstellt. Esteban steht für eine Generation, die nicht wirklich fertig ist mit ihrer Vergangenheit und sich nicht öffnen kann für eine Zukunft , die nur als unsicher und prekär wahrgenommen wird. Der ganze Roman handelt zwischen den Zeilen von einem Land und einer Gesellschaft, das sich nicht nur wirtschaftlich in einer großen Krise befindet.   Durch die permanent wechselnden Perspektiven, die Estebans unerschöpflicher Erzählfluss einnimmt, und durch die nur durch kurze Absätze gegliederte Länge des Hauptkapitels ist die Lektüre nicht immer leicht. Es ist anspruchsvoller Stoff, aber die wunderbare, von Dagmar Ploetz trefflich ins Deutsche übersetzte Sprache Chirbes` hält einen an einem Buch fest, das als wirklich großer zeitgenössischer Roman bezeichnet werden darf.

    Mehr
  • Spanischer Stream of Consciousness

    Am Ufer
    hundertwasser

    hundertwasser

    17. January 2014 um 11:25

    Nach dem Roman „Krematorium“ kehrt Rafael Chirbes erneut zurück nach Spanien, dem Land der Krise, in dem jeder dritte Jugendliche keinen Job hat. Dramatische Zustände, die Chirbes dem Leser in „Am Ufer“ auf meisterhafte Weise vor Augen führt. Für seinen Roman wählt der den Stream of Consciousness, der seit Dos Passos‘  „Manhattan Transfer“ und Joyce‘  „Ulysses“ als Stilmittel manch großen Romanen zur Vollendung verholfen hat. Rein äußerlich passiert eigentlich nichts, der Roman spielt an einem Tag und die Charaktere meistens Karten. Der siebzigjährige Esteban sinniert über sich, seine Welt, seinen alten Vater und Spanien – und die Gedanken wandern ohne Ende. Leicht zu lesen ist das keineswegs – wörtliche Rede wird nicht immer als solche gekennzeichnet, Tagebucheinschübe unterbrechen die Handlung und auf einer Seite wechseln Estebans Monologe gerne auch dreimal die Richtung. Man muss höchst konzentriert lesen um wenigstens halbwegs einen Überblick über das Treiben und die Charaktere zu behalten. Man liest und wird immer mehr in die Weltsicht Estebans gezogen und staunt ob des ästhetischen Sensorium Rafael Chirbes. Er wechselt die Tonarten genauso geschmeidig wie glaubhaft und erschafft mit Esteban eine der tiefgründigsten Figuren, die mir in der letzten Zeit begegnet sind. Er zeigt den Kunsttischler als symptomatisch für eine Generation, nicht richtig versöhnt mit der Vergangenheit und auch nicht so richtig bereit für eine wie immer geartete Zukunft. So wird aus „Am Ufer“ ein Sittenbild eines Landes in der Krise. Ein spanischer Stream of Consciousness, der sich gewaschen hat.   Wer eine leichte Lektüre sucht oder von einem Roman in erster Linie Unterhaltung erwartet, dem sei nachdrücklich von „Am Ufer“ abgeraten. Alle Freunde anspruchsvoller literarischer Feinkost sei der Roman aber wärmstens ans Herz gelegt!

    Mehr